"Sie brauchen keine Angst zu haben, sagte er. Dieses Flugzeug stürzt nicht ab." – "So? Und warum nicht?" – "Weil ich an Bord bin."
Beginn eines Romans.

Nein, er sah nicht außergewöhnlich aus. Ganz bestimmt nicht wie eine dieser Ikonen. Auch nicht wie irgendein Fanatiker oder Psychopath. Allerdings hatte sein Blick etwas sehr Beharrliches.

So fing es jedenfalls an: Dass er sie anschaute und dass sie es bemerkte. Dort, in der Abflugzone des Flughafens Frankfurt. Sie blätterte in den Zeitungen, die sie eigentlich erst während des Flugs hatte lesen wollen. Aber der Start der Maschine, das wurde nun schon zum dritten Mal durchgesagt, würde sich noch ein wenig verzögern.

Dass sie sich nicht so recht auf die Feuilletons konzentrieren konnte, die sie eigentlich interessieren sollten, von Berufs wegen, denn sie verdiente ihr Geld mit Literaturkritik, hing vielleicht nicht nur mit der Übersättigung zusammen, die sich auf der heurigen Buchmesse früher eingestellt hatte als in den vergangenen Jahren, sondern auch mit diesem Blick. Dem Blick eines Menschen, den sie ganz einfach spürte. Wie funktioniert das? Wissenschaftlich, hatte sie einmal gelesen, ist es nicht nachweisbar. Aber in einer Umfrage gaben 90 Prozent der Befragten an, diese Erfahrung zu haben.

Sie hob also ihren Blick aus den Zeitungen und sah ihn. Den Typ, der sie anschaute, denn das tat er nach wie vor. Ein Mann um die Dreißig, er saß ihr schräg gegenüber. Die Beine in den unten etwas abgestoßenen Jeans übereinandergeschlagen.

Jetzt lächelte er. Wahrscheinlich hâtte sie seinen Blick nicht erwidern sollen. Denn schon war er aufgestanden und kam auf sie zu. Im Gehen wirkte er kleiner als im Sitzen. Aber vielleicht lag das nur daran, dass er leicht gebeugt ging. Vorgebeugt ging er. Auf sie zu geneigt. Dann stand er vor ihr. Und lächelte noch immer. Die Perspektive von links unten war nicht günstig. Seine Schneidezähne waren in Ordnung, aber weiter rechts oben hatte er eine Zahnlücke.

Sie fliegen also auch nach Israel, sagte er. So treffen wir uns wieder.

Wieso? fragte sie. Sind wir uns schon begegnet?

Gewiss, sagte er.

Hier auf der Buchmesse?, fragte sie.

Das auch, sagte er. Auf dem Empfang von Hoffmann und Campe. Entschuldigung, sagte sie, aber man trifft so viele Leute ...

Ja, sagte er, vor lauter Leuten sieht man die Menschen nicht. Aber ich habe Sie gesehen, gleich an der Garderobe habe ich Sie gesehen. Nachdem Sie Ihren Mantel abgelegt hatten, haben Sie sich über die Schulter geschaut – da habe ich gewusst, dass wir uns schon lang kennen.

So, sagte sie, ach du lieber Gott, dachte sie, anscheinend wollte sich der Typ auf diese Art was mit ihr anfangen! Auf so etwas hatte sie jetzt überhaupt keine Lust. Nach drei Tagen in den Messehallen und auf diversen Empfängen war sie einfach müde. Im Übrigen fand sie nichts Attraktives an ihm. Außer vielleicht seine Augen, aber denen wich sie jetzt aus. Es war ja auch fast eine Frechheit, wie er sie ansah. Distanzlos. Wie kam er dazu? Was berechtigte ihn zu dieser Vertrautheit? Andererseits ... Vielleicht kannte er sie wirklich von früher ... Ganz und gar unhöflich wollte sie auch nicht sein ...

Woher sollten wir uns kennen?, fragte sie also. Aus Berlin?

Sie hatte ein paar Jahre dort gelebt und für diverse Zeitungen geschrieben. Das wäre ganz gut gegangen, aber dann hatte sie sich Max zugezogen. Was ihre Jahre in Berlin betraf, so hatte sie danach einiges zu vergessen versucht.

Nein, sagte er, nicht aus Berlin.

Also aus Hamburg.

Nein, auch nicht.

Dann müsse ihre Bekanntschaft eine sehr frühe gewesen sein.

Ja, sagte er und nickte ganz ernsthaft. Erlauben Sie?

Was?, fragte sie.

Dass ich mich neben Sie setze?

Da konnte sie wieder einmal nicht nein sagen.

Allerdings wandte sie sich demonstrativ wieder den Zeitungen zu. Die Tatsache, dass sie keine Lust hatte, ein weiterführendes Gespräch mit diesem etwas aufdringlichen Menschen zu führen, würde ihr möglicherweise helfen, sich doch noch auf die Buchbesprechungen zu konzentrieren. Das war nun einmal ihr Metier, so absurd es ihr manchmal vorkam. Zu lesen, was andere Leute geschrieben hatten, und dann darüber zu schreiben; aber auch zu lesen, was wieder anderen, die das Buch mit ganz anderen Augen gelesen hatten, dazu einfiel. Sie versuchte sich in eine der Kritiken über eins der angeblich wesentlichen Werke dieses Herbstes zu vertiefen. Sie selbst hatte es noch nicht zu Ende gelesen, obwohl sie von der Presseabteilung des Verlags, der anscheinend seinen ganzen Werbeetat für diesen Roman ausgab, schon Anfang des Sommers damit beglückt worden war. Trotz einer Fülle von (in langen, laut Klappentext kühn konstruierten Sätzen dargebotenen) Details über das Leben in Zeiten der Globalisierung, deren Wahrnehmung der Autor durch eine Menge schwer unterscheidbarer Personen vermittelte, die zwischen New York und Peking im Grunde überall das Gleiche vorfanden (dies allerdings in Variationen, Kombinationen und Permutationen, die sich über anstrengend klein bedruckte sechshundert Seiten verbreiteten), war ihr das Buch leer erschienen. Nun bemühte sie sich zu verstehen, was der Kritiker, der hier darüber geschrieben hatte, so epochal fand.

Doch ließ das der Mann, der nun neben ihr saß, nicht zu.

Es geht Ihnen auch so wie mir, sagte er, nicht wahr?

Wie meinen Sie das?, fragte sie und bemühte sich nicht zu verbergen, dass sie über die neuerliche Störung ungehalten war – womit?

Mit den neuen Büchern, sagte er. Sie kommen Ihnen leer vor.

Sie ließ die Zeitung sinken und sah ihn an. Auf irgendeine Art, die sie noch nicht in den Setzkasten ihrer bisherigen Erfahrungen einordnen konnte, war dieser Mensch unverschämt.

Das haben Sie doch gerade gedacht, sagte er, und damit haben Sie ganz recht ... Diesen Büchern fehlt etwas ganz Wesentliches: der Geist.

Was Sie nicht sagen!

Ich meine nicht Intelligenz, sagte er, ich meine nicht Intellekt. Hier wollte Barbara etwas Ironisches einwerfen. Etwas Ironisches als Abwehr, als Selbstschutz. Aber sie dachte eine Sekunde zu lang über ein treffendes Wort nach.

Ich meine nicht Ironie, sagte der Typ. Ich meine nicht Esprit.

Sondern? – Er lächelte. Den heiligen Geist.

Oh Lord!, sagte sie unwillkürlich – nach ihrer Trennung von Max hatte sie ein Jahr in Boston verbracht. Vielleicht war die Verwendung dieser amerikanischen Phrase auch ein weiterer Versuch, auf Distanz zu gehen.

Ohne Erfolg. Zwar waren die Stühle, auf denen sie saßen, fix im Boden verankert, aber sie hatte den Eindruck, als rücke ihr der Mann noch näher. Er lächelte wieder. Es fiel ihr schwer, von der Zahnlücke abzusehen.

Ich meine nicht das Täubchen, sagte er. Ich meine den Geist Gottes.

Einfach und ergreifend?, fragte sie.

Ja, sagte er. Einfach und ergreifend.

Wissen Sie, wie das ist, sagte er, wenn man von diesem Geist ergriffen wird?

Er sprach, das fiel ihr jetzt auf, mit leichtem Akzent.

Doch dieser Akzent war wie eine verblasste Erinnerung.

Nein, sagte sie. Wissen Sie es?

Ja, sagte er. Ich weiß es.

Er nickte ein paarmal, vielleicht weniger, um ihr diese starke Aussage zu bestätigen, als sich selbst.

Ihr war eher nach Kopfschütteln. Aber sie unterließ es. Sie sagte auch nichts. Was soll man auf so etwas sagen?

Die Durchsage, dass die Maschine nach Tel Aviv nun bereitstehe und dass sich die Passagiere zum entsprechenden Ausgang begeben sollten, enthob sie vorläufig der Peinlichkeit.

Dass er im Flugzeug prompt auf dem Sitz neben ihr saß! Gibt es solche Zufälle? Ja, es gibt solche Zufälle! Das heißt, wenn man so etwas für Zufall hält. Er lächelte. Es schien ihn nicht besonders zu überraschen. – Eine Stewardess auf einem Bildschirm führte den Gebrauch der Atemgeräte und der Schwimmwesten vor. Dann wurden die Fluggäste noch einmal aufgefordert, sich anzuschnallen, und von der Stimme des Kapitäns begrüßt. Schon vibrierte die Maschine unter ihnen und fuhr auf die Rollbahn. Als sie abhoben, warf sie ihm einen Blick zu – oder war es er, der ihr in just diesem Moment einen Blick zuwarf? – jedenfalls fiel ihr da zum ersten Mal die Farbe seiner Augen auf.

Braun. Das war überraschend bei seinem sonst hellen Teint. Er war nicht blass, aber auf Stirn und Wangen hatte er einige Sommersprossen. Sein Haar hatte einen rötlichen Stich, desgleichen die Augenbrauen und Wimpern. Die Augen kamen ihr vor, als wären sie für ein anderes Gesicht gemacht.

Sie notierte das später. Wie die Augen eines anderen, schrieb sie. Schöne Augen? Vielleicht hatten sie etwas, das zu Herzen ging. So etwas darf man ja heutzutage kaum schreiben. Sie schrieb es trotzdem. Manche Tiere sehen auch so drein.

Nein, aber sie wollte sich nicht auf einen näheren Kontakt mit ihm einlassen. Sie sah weg. Geradeaus. Auf dem Bildschirm vorne wurde nun ein Film gezeigt. Ein Film über Israel. Sie setzte die Kopfhörer auf. Auch er setzte die Kopfhörer auf. Aber damit hatte esnicht sein Bewenden. Auf dem Bildschirm sah man zuerst das Panorama von Tel Aviv, dann das von Jerusalem. Dann sah man Menschen, die in einem landwirtschaftlichen Betrieb arbeiteten. Orangen und Grapefruits wurden geerntet, sie waren sehr groß und hatten schöne Farben. Dann sah man den Jordan. Sein Wasser glitzerte in der Sonne.

Die Kamera näherte sich einer Stelle, an der der Fluss eine kleine Furt bildete. Dort tummelte sich eine Schar arabischer Kinder. Die Landschaft im Hintergrund war karg, aber ein paar schlanke Bäumchen auf den karstigen Hügeln verliehen ihr eine eigentümliche Anmut. Die Kinder bespritzten einander gegenseitig mit Wasser und lachten. Hier nahm Barbaras Nachbar die Kopfhörer ab. Er wandte sich ihr zu und fragte etwas, das sie vorerst nicht verstand. Sie seufzte und nahm die Kopfhörer ebenfalls ab.

Waren Sie schon öfter in Israel?

Ein paarmal, sagte sie.

Das habe ich mir gedacht, sagte er. Sie haben Verwandte dort?

Was ging ihn das an?

Lassen Sie mich raten. Eine Schwester?

Er sagte das einfach so und lächelte schon wieder.

Beinah, sagte sie nach einer Sekunde, in der sie sich räuspern musste. Eine Halbschwester.

Eine Schwester namens Esther. Eine Schwester, die sie aus Frankfurt angerufen hatte. Um sie zu fragen, ob sie nicht schon einen Tag früher kommen könne. Ihre reiche es, sie sei einfach urlaubsreif! Aber warum sollte sie das diesem Mann erzählen?

Und Sie?, fragte sie, um weiteren Fragen von seiner Seite zuvorzukommen, waren Sie schon öfter in Israel?

Ich?, sagte er. Ich war bisher nur einmal dort. Aber das ist schon eine Weile her. Damals habe ich allerdings eine gewisse Zeit dort zugebracht.

Nun nickte er wieder. Vielleicht war dieses Nicken ein Tick.

Eine gewisse Zeit?, fragte sie.

Ja, sagte er, die Zeit, die ich damals hatte ... Nicht allzu lang, aber doch ... Sehen Sie, sagte er, wie schön die Wolken sind!

Tatsächlich. Die Wolken sahen ganz prächtig aus. Barbara erinnerte sich an ihren ersten Flug. Mit ihrem Vater. Das war, kurz nachdem er sich von ihrer Mutter getrennt hatte. Aus Kompensationsgründen flog er mit der Tochter auf Urlaub. Sie war damals sieben. Dass ihr der Vater abhanden kam, überschattete diese Ferien. Aber das ist doch nicht wahr, behauptete er. Du wirst jedes zweite Wochenende bei mir verbringen. Und jetzt fliegen wir erst einmal für drei Wochen in die Sonne. Ihr Vater flog nicht nur mit ihr nach Griechenland, er hatte ihr auch eine Kamera geschenkt. Mit dieser Kamera fotografierte sie auf dem Flug vor allem Wolken. Von den sechsunddreißig Fotos auf dem ersten von ihr belichteten Film waren wahrscheinlich dreißig nichts als Wolkenfotos. Der Rest waren Fotos von ihrem Vater, der ein beeindruckendes Profil hatte.

Anders als dieser Mann, der nun neben ihr saß. Dessen Profil hatte eher etwas Schafartiges. Jedenfalls wenn er lächelte, was er entschieden zu oft tat. Vielleicht lag die Assoziation allerdings auch an den Wolken im Hintergrund. Er saß am Fenster, Barbara auf dem Sitz, der an den Mittelgang grenzte. Damals war es umgekehrt gewesen, ihr Vater hatte ihr natürlich den Fensterplatz gelassen.

Wollen Sie den Platz tauschen?, sagte in diesem Moment ihr Nachbar.

Sie schüttelte den Kopf. Nein, danke, sagte sie, die Wolken kämen ihr nicht mehr so sensationell vor, sie wolle nicht hinaussehen, sondern lieber ein bisschen schlafen.

Sie schloss die Augen. Aber auch unter den Lidern sah sie vorerst nichts als Wolken.

Du wirst sehen, hatte ihr Vater gesagt, in Griechenland wird es dir gefallen.

Aber was ist, wenn wir abstürzen?, hatte sie gefragt.

Wenn wir jetzt abstürzen, hatte ihr Vater geantwortet, dann fallen wir weich.

Sie brauchen keine Angst zu haben, sagte die Stimme des Mannes neben ihr.

Wie bitte? Sie öffnete die Augen wieder und sah ihn an.

Sie brauchen keine Angst zu haben, wiederholte er. Dieses Flugzeug stürzt nicht ab.

So? Und warum nicht?

Weil ich an Bord bin, sagte er.

Da haben Sie ja ein beneidenswertes Selbstvertrauen, sagte Barbara. Oder ein beneidenswertes Gottvertrauen.

Die Ironie kam nicht an. Sagen Sie das nicht, sagte der Mann neben ihr. Lange Zeit war gerade das Gegenteil der Fall. Sein halbes Leben lang habe er Angst gehabt, abzustürzen. Obwohl er sich nie auf einer besonderen Höhe befunden habe. Aber dann. Dann sei es eben geschehen.

Was?, fragte Barbara.

Dass der Geist über ihn gekommen sei.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 04.07.2009)
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