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GROSSMUTTERS STILLE GRÖSSE. Peter Henischs Hommage an "Eine sehr kleine Frau"
Peter Henisch wandert durch die Zeiten. Die Geschichte ist allgegenwärtig, aber als Gegengift hat er die Fantasie. Das erhebt ihn über die Niedrigkeiten des Alltags und die Bösartigkeiten einer aus dem Ruder laufenden Wirklichkeit. Ein Erzähler erinnert sich an seine Großmutter, und sie gibt ihm den Kompaß mit auf den Weg, sich zurechtzufinden. Die Wörter.
Peter Henischs Romane sind keine Hochseilakte vor staunendem Publikum, sondern Etüden der Zurückhaltung. Den Geschichten und vor allem den Figuren ist eine uneitle Bescheidenheit geschuldet, mit der man im Literaturbetrieb offenbar nur wenig punkten kann. Knapp dreissig Bücher hat der österreichische Schriftsteller bisher geschrieben. Das Lob, das er dafür bekommen hat, müsste hinreichen, um ihn endgültig als wichtigen Chronisten in der deutschsprachigen Literatur zu kanonisieren, doch er gilt weiterhin als das, was er jedenfalls auch sein kann: ein sympathischer Sympathetiker.
Henischs Kunst ist es, die Chronologie eines Landes wie Österreich zu Literatur werden zu lassen, ohne deshalb das Politische zu literarisieren. Wenn in seinen Büchern die Geschichte spürbar ist, dann nicht als etwas Abstraktes, sondern weil sie in den Lebensläufen der Figuren konkret wird. Und das nicht immer auf angenehme Weise. Es sind die Zukurzgekommenen oder die mit reichlich Phantasie Gesegneten, die Eintritt haben in einen unverwechselbaren literarischen Kosmos. Und die Lebenskünstler.
Hommage an die Grossmutter
So einer war auch der Fotograf Walter Henisch, dem der Sohn vor rund dreissig Jahren den Roman «Die kleine Figur meines Vaters» gewidmet hat. Peter Henischs neues Werk «Eine sehr kleine Frau» ist eine Art Fortsetzung dieses Buches, auch wenn der Stoff zeitlich davor liegt. Es ist eine Hommage an die eigene Grossmutter, das autobiografische Zeugnis einer Zuneigung, eingerahmt von einer Fiktion.
Paul Spielmann, der eine frühere Schriftstellerkarriere aufgegeben und Jahrzehnte an einem amerikanischen College unterrichtet hat, kehrt nach Wien zurück, um sein weiteres Leben hier zu verbringen. Während seine Wohnung ein karg eingerichtetes Provisorium bleibt, ist er sofort umfangen von einer wienerischen Dauer. Sie setzt die Erinnerung und das Schreiben wieder in Gang. Beim Altwarenhändler sieht Henischs Ich-Erzähler einen Bösendorfer-Stutzflügel, wie ihn die Grossmutter besessen hat, im Antiquariat entdeckt er Bücher, die in ihren Regalen gestanden sind und deren Geschichten der Gesprächsstoff endloser gemeinsamer Spaziergänge waren.
Wenn Peter Henisch die Geschichte seiner Grossmutter rekonstruiert, dann rekonstruiert er auch ein österreichisches Jahrhundert. Um 1917, und damit in der Jugendzeit der Marta Prinz, setzt der Roman ein. In Paris, wo sie kurze Zeit lebt, hätte die junge Frau mit einem Cousin vielleicht glücklich werden können, doch in Wien ist es ein böhmischer Friseur, der ihr ein Kind anhängt und sich gleich darauf aus dem Staub macht.
Was ihr für etliche Jahre bleiben wird, ist ein Hitler-Verehrer und Postbeamter, der sie heiratet und der sich angesichts der Hochzeitsdokumente nicht wenig darüber wundert, dass der Vater seiner Marta entgegen der Familienlegende kein preussischer Oberförster ist, sondern ein jüdischer Kohlenhändler. Über den Makel sieht der illegale Nazi mit herablassender Grossmütigkeit hinweg. Im politischen Kampf der späten ersten Republik holt er sich Blessuren, der Tod allerdings ereilt ihn zur Jahreswende 1937/38 im Bett einer Prostituierten. Es gehört zu den Ironien dieser Familiengeschichte, dass Wilhelm Prinz den Auftritt Hitlers am Wiener Heldenplatz so knapp verfehlt. Ist sein Tod eine Befreiung für seine Frau? Ja und nein. Denn Marta Prinz ist zwar eine Dame von zarter Resolutheit, die so antiquierte Worte wie «justament» benützt, doch ein «Jetzt erst recht!» gibt es in ihrem Leben nicht.
Letzte Liebe
Bis zu ihrem Ende bleibt die Witwe unverheiratet, mit dem Enkel als letzter Liebe, wie die Familie spöttisch bemerkt. «Eine sehr kleine Frau» ist diese Marta Prinz, die in der Tasche schwere Telefonbücher mit ins Kino schleppt, um sie als Unterlage auf ihren Sitz zu legen. Von der Leinwand fällt der Schein des Lichts auf sie, wenn sie dem angebeteten O. W. Fischer entgegenstrahlt. Sind die Filme, die sie gerne sieht, trivial? Nicht, wenn sie ein Schutz vor den Widrigkeiten des Lebens sind. Egal, ob die Grossmutter von O. W. Fischer schwärmt, ob sie von Shakespeare oder von Vicki Baum erzählt, von Goethes «Faust» oder ihrem Lieblingsbuch «Vom Winde verweht» – die Kunst, und noch die banalste, berührt ihr eigenes Leben immer höchst unmittelbar. Ohne jemals kitschig zu sein und ohne jede ironische Überheblichkeit erzählt Henisch die Geschichte einer einfachen Frau, die ihn, wie es scheint, nicht wenig über die Einbildungskraft und über die Literatur gelehrt hat. In sanften Sprüngen wechselt der Roman von der Wiener Gegenwart in die Vergangenheit, nimmt die Erzählungen der Grossmutter auf und ergänzt sie mit den eigenen Erinnerungen.
Peter Henischs Perspektive des Kindes, das der Erzähler einmal war, trägt weit genug. Es ist ein sympathetischer, vielleicht auch den Geschichten der Marta Prinz nachempfundener Tonfall, mit dem das Ich dieses Romans die Orte und Figuren der Vergangenheit noch einmal aufsucht. An der Hand der Grossmutter geht es quer durch Wien, durch die jüdischen Viertel der Leopoldstadt, durch den Prater oder nach Nussdorf. Und es geht weit hinunter in die Jahrzehnte eines Menschenlebens. Henisch ist dabei einmal mehr ein Stilist der einfachen Sätze. Kann man aber mit einfachen Sätzen glänzen? Wenn man Peter Henisch heisst, kann man das. Und man schreibt, in aller Bescheidenheit, einen Roman von stiller Grösse, der da heisst: "Eine sehr kleine Frau".
Paul Jandl, NZZ, 4.10.2007
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PETER HENISCH: EINE SEHR KLEINE FRAU
"Die zeitliche Entfernung führt zur räumlichen Annäherung", behauptet Peter Szondi in Bezug auf Walter Benjamins Berliner Kindheit um neunzehnhundert. Auch Peter Henisch kehrt in seinen Wien-Romanen in die Stadt seiner Kindheit zurück, wobei nicht nur die zeitliche Distanz für die räumliche Annäherung eine notwendige Rolle spielt, sondern auch umgekehrt. Es ist der Raum, die Stadt, die die Erinnerung an die Vergangenheit weckt und den Erzähler an die Geschichte der kleinen Frau, seiner Großmutter, heranführt.
Peter Henisch lebt in Wien, aber es scheint, dass für seine Figuren die Flucht aus Wien notwendig ist, um jenen Abstand zu schaffen, der die neuerliche Annäherung an die Heimatstadt ermöglicht. Paul Spielmann, wie schon zuvor Peter Jarosch im Roman Schwarzer Peter, verlässt also Wien und kehrt nach vielen Jahren aus den Vereinigten Staaten zurück. Wer dieser Paul Spielmann ist, erfährt der Leser im Lauf der Geschichte, die als Prozess der Wiederentdeckung der eigenen Identität durch die Vergangenheit angelegt ist.
Paul Spielmann, ehemaliger Schriftsteller und später Germanistikprofessor an der Universität in Maine, kehrt nach vielen Jahren nach Wien zurück. Hier lösen Gegenstände und Räume die Erinnerung an seine Großmutter, die jüdische Wienerin Marta Prinz, und somit an seine eigene Kindheit und Jugend in dieser Stadt aus. Er entschließt sich einen Roman über sie zu schreiben.
Paul Spielmann exploriert Bezirke, durchgeht die Wege seiner Kindheit und liest die Bücher, die seine Oma las. Er lässt sie in der Gegenwart leben und in ihrem Jargon sprechen. In diesem Prozess der Vergegenwärtigung begleitet sie ihren Enkel durch Wien und die Zeit. Wie einst erzählt sie Geschichten aus den Romanen, die sie las. Die Bücher der Großmutter sind notwendig, um Martas Gefühlswelt zu veranschaulichen: "Die Bücher und ihre Inhalte. Die Bücher und ihre Geschichten. Wenn ich einen Roman über mich und die Großmutter schriebe, sollte ich eher damit beginnen", sagt der Erzähler.
Der Leser gerät somit in einen Erzählfluss, der ihn durch die Geschichte und auch die Sozialgeschichte Österreichs im vorigem Jahrhundert führt. Die Heimkehr gewinnt somit eine emblematische Bedeutung; es ist als ob der Erzähler durch die räumliche Annäherung in die Vergangenheit zurückkehrt, so als ob dies notwendig sei, um das Leben in der Gegenwart erträglich zu machen.
"War das nun eine Flucht aus der Gegenwart? Möglicherweise. Aber die Gegenwart floss doch aus der Vergangenheit. Wo treiben wir her, wo treiben wir hin - und warum lassen wir uns so treiben? Ich wollte versuchen, wenigstens einen Teil dieser Vergangenheit zu begreifen."
Mit Eine sehr kleine Frau setzt Peter Henisch jene Aufarbeitung der eigenen Familiengeschichte und des Nationalsozialismus fort, die er mit Die kleine Figur meines Vaters begonnen hat. Eine Auseinandersetzung, die nicht nur den Autor, sondern auch viele andere Österreicher betrifft. Peter Henisch betrachtet die "große Geschichte" durch die Geschichte der "sehr kleinen Frau", noch eine "kleine Figur" deren persönliches Schicksal jenes einer Generation ist, die in einer schwierigen Zeit leben (und überleben!) musste. Auch der Erzähler, Paul Spielmann selbst, gehört viel mehr als seine jüngeren Geschwister zu jener Nachkriegsgeneration, die das schwere Gewicht der Nazizeit tragen soll. Durch die Rückkehr in die Vergangenheit findet eine Art Versöhnung mit der Gegenwart und mit seiner Heimat Österreich statt.
Der Schlüssel in seiner Geschichte scheint ein Klavier zu sein, ein Bösendorfer, den Paul Spielmann im Schaufenster eines Altwarenhändlers sieht und in dem er glaubt, jenes Klavier zu erkennen, das einst überraschend in der Wohnung seiner Oma stand. Ein wertvolles Stück, das sie zu ihrem eigenen Vergnügen gekauft und sehr plötzlich (und genau so unerklärlich) kurz vor ihrem Tod wieder verkauft hatte. Den Grund für den Verkauf erfährt Paul Spielmann erst jetzt, nach so vielen Jahren, durch den Inhalt eines Koffers, der bei seinen Neffen gelandet ist. In diesem Koffer findet er neben Familienfotos und ein one-way Flugticket nach Jerusalem. Offensichtlich hatte Marta den Flügel verkauft, um den Flug nach Israel zu bezahlen. Sie wollte sich am Ende ihres Lebens mit ihrer jüdischen Identität versöhnen, jener Identität, die sie während der Nazizeit, genau wie Walter in Die kleine Figur meines Vaters, leugnen musste.
Paul Spielmann kehrt nach Wien zurück, und im Gegensatz zu Peter Jarosch in Schwarzer Peter scheint er hier wieder leben zu können. Für Peter Jarosch bleibt New Orleans das multikulturelle Paradies in dem "der schwarze Wiener" leben kann. Für Paul Spielmann ist es anders: Nach zwanzig Jahren in den Vereinigten Staaten fühlt er sich plötzlich fremd und unverstanden. Dies nimmt er erst wahr, als er versucht seinen Studenten den Wien-Autor schlechthin, nämlich Heimito von Doderer, zu vermitteln: "Is that german? Indeed? [...] Fuck off Termito von Hoderer!" ist die Reaktion der Studenten.
Es ist berührend, wie Peter Henisch mit der Geschichte der Großmutter sein eigenes Familienalbum weiter öffnet und bearbeitet, ob jedoch wirklich eine Versöhnung mit der Vergangenheit stattfindet, kann man nur ahnen. Bleibt Paul Spielmann, nachdem er alles in den USA verkauft hat, wirklich in Wien?
Abgesehen davon zeigt Peter Henisch mit dem Roman Eine sehr kleine Frau erneut, dass der beste Weg Geschichte zu begreifen über die Annäherung an die Geschichte der "kleinen" Menschen führt.
Antonella Cerullo, LITERATURHAUS WIEN, 27.8.2007
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WO DIE ZEIT AUFGEHOBEN WIRD
Leises Meisterwerk: Peter Henisch hat mit "Eine sehr kleine Frau" einen Roman über seine Großmutter geschrieben
Es ist gut 31 Jahre her, dass der gestrenge österreichische Publizist Friedrich Torberg in dieser Zeitung Peter Henisch dafür rühmte, "wie präzise und komprimiert" er seine "künstlerischen Mittel einzusetzen" wisse. Sprachlich gemahne seine Mischung aus Einfachheit und Genauigkeit an den großen Erzähler Joseph Roth.
In dem Vergleich steckte ein großes, ein gefährliches Kompliment. Doch Henisch hat sich seit damals, als der autobiographische Roman "Die kleine Figur meines Vaters" zum ersten Mal erschienen war, solch höchsten Lobes würdig erwiesen. 20 Bände schrieb er mittlerweile, die vielleicht bloß deshalb nicht für Furore sorgten, weil ihre Qualität stets so selbstverständlich und unprätentiös wirkte. Kein Skandal, kein Medienrummel säumten seinen schriftstellerischen Weg.
Durch ästhetische Moden ließ er sich nicht beeinflussen, an den einst in deutschen Landen ausgerufenen Tod des Erzählens hat er nie geglaubt: Unbeirrt erzählte er weiter, weil er etwas zu sagen hatte. Mag sein, dass Peter Henisch im siebenten Lebensjahrzehnt an Lockerheit gewonnen hat. "Die schwangere Madonna" (erschienen 2005), ein ebenso amüsantes wie kluges literarisches Road-Movie, rief seinen Namen jedenfalls auch nachwachsenden Lesergenerationen ins Bewusstsein.
Hatte Peter Henisch mit der "Kleinen Figur meines Vaters", einem Porträt des Fotografen Walter Henisch, der trotz teils jüdischer Herkunft im Zweiten Weltkrieg als Bildreporter Karriere machte, schon ein Kapitel seiner Familiengeschichte aufgearbeitet, so schließt der jüngste Roman, "Eine sehr kleine Frau", direkt daran an: Hier wird berichtet, was davor geschah: das Schicksal der Großmutter.
Der Ich-Erzähler, Paul Spielmann, ein älterer, geradezu "aufgehörter" Schriftsteller, kehrt in seine Geburtsstadt Wien zurück. Die Lehrtätigkeit an einem amerikanischen College hat er beendet, sein Heim "drüben" will er verkaufen, mit seiner Gesundheit steht es nicht zum Besten. Im Allgemeinen Krankenhaus, dem Hort der Wiener Medizinischen Schule, ist eine Untersuchung geplant. Langsam nimmt die Stadt, aus der er geflohen war, wieder Besitz von ihm.
In einem Antiquitätenladen entdeckt er einen Bösendorfer-Stutzflügel, der sofort die Erinnerungsmaschinerie in Gang bringt: Ganz ähnlich hatte das Klavier der Großmutter ausgesehen, unter dem er, während sie spielte, Geborgenheit fand.
Marta Prinz, geborene Glück, war bereits vor Jahrzehnten in hohem Alter verstorben. Eine pensionierte Krankenschwester mit einem Sohn aus erster Ehe, dem Vater des Erzählers. Der zeugende Gatte, ein Friseur und Hallodri, hatte sich frühzeitig stillschweigend verabschiedet, sein Ehe-Nachfolger - ein sudetendeutscher Postbeamter - übernahm die verlassene Frau samt Kind, ohne diese zu lieben und jenes zu akzeptieren.
Und da gab es noch einen Makel: Martas - jiddisch gesagt - "Tate" war eben, entgegen familiären Legenden, kein preußisch-schlesischer Oberförster, sondern ein zum Katholizismus konvertierter jüdischer Kohlehändler aus Galizien. Dieser Stammbaum musste umso mehr verleugnet werden, als Herr Prinz für Hitler schwärmte und illegaler Nazi wurde. Betrüblicherweise konnte er die Früchte seines völkischen Einsatzes nicht ernten, da er kurz vor dem "Anschluss" Österreichs - zu Silvester 1938 in den Armen einer Prostituierten - starb.
Marta Prinz aber überstand das Dritte Reich, dank gefälschter Taufscheine der Vorfahren und des NS-Rufs ihres auf dem Felde der Unehre verblichenen Gemahls. Ein Überleben im Schatten der Lüge? Keine Rede von Verurteilung, von nachträglicher moralischer Besserwisserei. Seite für Seite bekommt Marta Prinz neue Facetten - ihre Begeisterung für die Literatur, sei sie nun trivial oder nicht, prägte den Enkel; ihre praktizierte Musikalität war Ausdruck von Sehnsüchten jenseits des tristen Alltags. Paul Spielmann ist die letzte Liebe ihres Lebens gewesen, und sie ersetzte ihm die meist in jeder Hinsicht abwesenden Eltern.
Peter Henisch beschwört all das raffiniert und scheinbar frei von Anstrengung. Da spiegelt sich historische Realität in der von der Großmutter in ihre Worte übertragenen Dichtung - Schiller und Goethe, Vicki Baum und "Vom Winde verweht" sind Ankerplätze und Ausgangspunkte der Fantasie.
Bewundernswert die evokative Kraft des Romanciers: Wie von selbst, durch stimmige Details, spüren wir die Atmosphäre von anno dazumal heraus: Ungemein lebendig wird die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts in diesem Buch heraufbeschworen, zumindest in ihrer mitteleuropäischen Spielart. Ein leises Meisterwerk: In schlichten, melodischen Sätzen hat es die Zeit - in des Begriffs doppelter Bedeutung - aufgehoben.
Ulrich Weinzierl, Welt, 15.9.2007
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WIE EIN ERZÄHLER ZUR SPRACHE FAND
Peter Henisch wandert durch die Zeiten. Die Geschichte ist allgegenwärtig, aber als Gegengift hat er die Fantasie. Das erhebt ihn über die Niedrigkeiten des Alltags und die Bösartigkeiten einer aus dem Ruder laufenden Wirklichkeit. Ein Erzähler erinnert sich an seine Großmutter, und sie gibt ihm den Kompaß mit auf den Weg, sich zurechtzufinden. Die Wörter.
Peter Henisch ist der Impressionist unter den zeitgenössischen österreichischen Erzählern. Er fabuliert nicht auf Biegen und Brechen eine Geschichte, er hält sich lieber auf bei Kleinigkeiten. Details, Nebensachen, die einem flüchtigen Beobachter nicht wichtig scheinen. Bei ihm bekommen die Nebendinge eines Lebens Gewicht, weil sie ihm etwas verraten von jenen Momenten, in denen ein Leben kurz außer Tritt gerät und der Normallauf stockt. Dann kommt ein Ich ganz zu sich selbst, ist gezwungen, sich mit seinem eigenen Wesen auseinander zu setzen. Es mogelt sich nicht in besinnungstötende Geschäftigkeit, es ist zurückgeworfen auf sich und seine Geschichte. Das kann etwas Erlösendes bedeuten. Endlich findet einer zu dem, was sein Leben im Innersten ausmacht. Peter Henisch, und das macht seine Besonderheit aus, zielt aufs Existenzielle, ohne deshalb ein Menschenfeind geworden zu sein. Das Leben beutelt seine Figuren, aber aus allen Widrigkeiten gehen sie dank einer Trotzhaltung unbeschadet hervor. Wen Henisch liebt, den lässt er nicht untergehen. Er stattet ihn aus mit einem reichen Innenleben, das ihn schützt vor dem rauen Wind einer feindlichen Außenwelt.
Die Literatur des Peter Henisch ist geprägt von einer Atmosphäre der Sanftheit, die aus einer grundlegenden Heiterkeit kommt. Dieser Autor macht seine Figuren zu Lebenskünstlern. Er schickt sie durch schwere Zeiten, läßt sie aber Wirklichkeit individuell umdeuten als etwas Freundlicheres. Nicht, dass sie sich eine heile Welt herbeilügen würden, aber sie machen aus dem, was ist, eine lebbare Gegenwart. Im Innersten wissen sie Bescheid über die Unwirtlichkeit, aber in ihrem kleinen Einflussbereich geht es menschenfreundlich zu.
Schon immer hat Zeitgeschichte hineingespielt in die Bücher von Henisch. Aber anders als seine Generationskollegen hat er nicht unmittelbar auf Rache gesonnen. Er mag die Täter nicht, aber er erhebt sich nicht großmäulig über sie.
Jetzt haben wir wieder einen dieser traurigen Henisch-Männer vor uns. Er hat sich lange in einer kleinen Provinzstadt in den USA aufgehalten und kommt nach Jahrzehnten zurück in sein Wien, das längst nicht mehr das Wien seiner Jugend ist. „Ich überquerte den Michaelerplatz, schaute kurz in die weiter zurückliegende Vergangenheit Wiens hinunter. Da hatte man einiges freigelegt, seit ich weg war. Freigelegt und dann gleich wieder eingesargt.“
Die Vergangenheit, die ihn bedrängt, ist keineswegs eingesargt. Auf Schritt und Tritt begegnet er ihr, er sucht ihre Spuren, er sichert Material. Die Geschichte der Großmutter geht ihm nach, jene Frau, die ihm zu den Wörtern verholfen hat. Der in die Jahre gekommene Erzähler und seine Großmutter standen über lange Jahre in enger Verbindung. Sie kümmerte sich um den Kleinen und erzählte ihm Geschichten, wahllos, Faust und Anna Karenina ebenso wie Ganghofer-Romane. Der Zweite Weltkrieg war vorbei, die beiden spazierten durch Trümmerlandschaften und machten es sich heimelig in den Abenteuern von anderen.
Nach und nach entsteht das Porträt einer eigenwilligen Frau, die ihren aufrechten Gang durch das 20. Jahrhundert genommen hat, das ihr nichts erspart hat. Aber sie ist keine Leidensmamsell, vielmehr eine hellwache Dame voller Lebenswut, melancholiegebremst. Diese Melancholie überträgt sich auf das ganze Buch. Der Erzähler nämlich, der absichtslos seine Notizen macht und Material zusammenträgt für ein Porträt der Großmutter, stößt allüberall auf Spuren, die ihn ihrer Geschichte versichert. Melancholie stellt sich ein, weil ihm plötzlich so viel Versäumtes, Verpasstes, Unwiederholbares zu schaffen macht. Jetzt, da die Jahre ins Land gezogen sind und die Großmutter auf Erinnerungsbilder reduziert ist, wird dem Erwachsenen erst klar, welchen Stellenwert in seinem Leben sie eingenommen hat. Sie war die „für geistiges und seelisches Erwachen wahrscheinlich entscheidende Person“. Die Bilder im Kopf bedürfen der Ergänzung durch die sichtbare Wirklichkeit. Der Erzähler sucht die magischen Orte von damals auf, wo zwei versunken in ihre Fantasiewelt für die Umwelt verloren waren.
„Wahrscheinlich kennst du das also. Dass von einem gewissen Zeitpunkt an alles zum Text gehört, dass es da einfach keine Zufälle mehr gibt, jedenfalls keine Zufälle, die nicht ins System passen.“ Von welchem System ist die Rede? Der Verfasser hat sich ein Bild gemacht, und alles, was dieses Bild bestätigt, wird integriert. Als er an der Johann-Nepomuk-Kirche vorbeikommt, sich den Veranstaltungskalender besieht und auf das Wort „Spurensuche“ stößt, ahnt er sofort, dass das mit ihm und seiner Rekonstruktion der Vergangenheit zu tun hat.
Der Erzähler findet und erfindet. Er imaginiert sich seine eigene Vergangenheit. Wenn er wenig aus sicherer Quelle weiß, springt ihm seine Einbildungskraft bei. Dann bringt er in kräftigen Bildern zur lebendigen Anschauung, was seine Stimmung ihm einflüstert. Der erste Mann der Großmutter war ein Hallodri, der zweite ein Widerling. Aus dem Samen weniger Tatsachen aber lässt er einen Menschen mit Eigenschaften sprießen. Das Paar kommt 1924 aus einer Aufführung von „Wilhelm Tell“, und der kathartisch erhobene Ehemann hält Vorträge über deutschen Charakter und die Größe der Zeit. „Du wirst sehen, Marta, sagte er, es geht aufwärts mit dieser Bewegung. Von der Gumpendorfer Straße Richtung Wienzeile ging es allerdings steil abwärts.“ Doch, mit Ironie ist bei diesem Autor stets zu rechnen.
Der neue Henisch ist ein wohl vertrauter. Er kommt wieder so romantisch daher wie der gute alte E. T. A. Hoffmann, der sich auch angesichts der Verhältnisse Gegenwirklichkeiten ersann. Er porträtiert wieder Figuren, die quer zur Zeit stehen und sympathische Rebellionen unternehmen. Und er nimmt sich Zeit für die feinen Verästelungen, die die Arbeit an der Vergangenheit austreibt.
Anton Thuswaldner, Salzburger Nachrichten, 12.9.2007
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ES GIBT EIN RICHTIGES LEBEN IM FALSCHEN.
Das Kino, das Klavier und die Romane: Peter Henisch erzählt in seinem Roman "Eine sehr kleine Frau" von Enttäuschung und Glück.
So wenig Aufhebens von sich zu machen wie Peter Henisch, das ist auch ein Kunststück. Dass er seit mehr als 30 Jahren Buch um Buch veröffentlicht, ohne sich zum Außenseiter, zum Repräsentanten, zum Originalgenie oder Märtyrer zu stilisieren, mag zwar sympathisch anmuten, hat dem Autor jedoch sehr geschadet. Denn immer noch wird dieser Peter Henisch, 1943 in Wien geboren und mit Romanen wie "Die kleine Figur meines Vaters" oder "Schwarzer Peter" längst ein Klassiker der neuen österreichischen Literatur, schändlich unterschätzt. Sein Roman "Die schwangere Madonna" brachte es vor zwei Jahren zur Nominierung für den Deutschen Buchpreis und, wie fast alle seine Bücher, auf zahlreiche rühmende Besprechungen, allein, der durchschlagende Erfolg blieb wieder einmal aus. Dabei ist Peter Henisch ein Autor, der nicht nur zu erzählen weiß, sondern auch weiß, worüber. Ein Chronist der Peripherie, der nicht das "kaisergelbe Wien, sondern das ziegelrote" erkundet, erzählt er von kleinen, um ihr Glück betrogenen Leuten, deren Aufbegehren und Scheitern er im Gedächtnis der Literatur zu retten versucht.
Nun hat er einen großen Roman über "eine sehr kleine Frau" vorgelegt. In gewissem Sinne wird darin auch die Vorgeschichte zu dem 1975 erstmals erschienenen Roman erzählt, der der "kleinen Figur" seines Vaters gewidmet war, einem Mann, der, wie Henischs Vater, trotz seiner jüdischen Herkunft ausgerechnet als Kriegsfotograf überlebte und später zu einem sehr bekannten österreichischen Pressefotografen wurde. Die sehr kleine Frau des Titels ist die Mutter dieses Mannes, der sich durch schwierige Zeiten lavierte und, als sie besser wurden, Karriere machte, aber dennoch nicht glücklich wurde. Glücklich ist auch die sehr kleine Frau nicht geworden, aber es hat Momente des Glücks in ihrem Lebenm gegeben, und sie hat den Anspruch darauf, glücklich zu werden, bis ins hohe Alter nie aufgegeben. Dass alles auch ganz anders kommen und es ihr viel besser hätte ergehen können, davon erzählt dieser Roman, der Recherche und Beschwörung zugleich ist.
Produktive Empfänglichkeit
Paul Spielmann, ein gescheiterter Autor, der vor zwanzig Jahren in ein gemütliches College in der amerikanischen Provinz geflohen ist, kehrt nach Wien zurück. Über die besten Jahre ist er bereits hinaus, nun geht er die alten Wege, findet manche von ihnen im rundum erneuerten Wien nicht wieder und bemerkt staunend, wie er in jenen Zustand der "produktiven Empfänglichkeit" gerät, die ihm das Metier des Schriftstellers auszumachen scheint. Überall ist ihm in der verloren geglaubten Stadt die kleine Frau, seine Großmutter, präsent, und er wehrt sich nicht gegen all die Erinnerungen, die auf seinen Wanderungen durch die vertraute, die fremde Stadt in ihm aufsteigen. Er war ein Großmutterkind und, wie es in der Familie spöttisch hieß, "ihre letzte Liebe" gewesen. Unter ihrem Klavier hatte er, wenn sie wider die Enge, in die sie verwiesen war, pianistisch phantasierte, die schönsten Stunden seiner Kindheit verbracht; an ihrer Hand war er durch die damals, in den ersten Jahren nach dem Krieg, noch von den Soldaten der Siegermächte besetzte Stadt gegangen und hatte ihr gelauscht, ihren Geschichten, die meist Inhaltsangaben der Bücher waren, die sie las. Das Kind, da es ihre letzte Liebe und ihr einziger Zuhörer war, hat sie in jene andere Welt eingeführt, die ihr wirklicher erschien als die graue Realität; so ist Paul zugleich in einem düsteren Wien des Nachkriegs und in den Schmökern der Brüder Dumas oder der Vicki Baum aufgewachsen, und so präzise die soziale Topographie des rauen Wien eingefangen ist, so viel erfahren wir über die Verheißungen und Vertröstungen von Romanen, die gemeinhin als Trivialliteratur geächtet werden.
Die kleine Frau, die unter dem Mantel zwei Telefonbücher mit ins Kino schleppte, die sie auf den Sitz legte, sobald es dunkel wurde, war zäh und verletzlich, bescheiden und renitent. Henisch erzählt das Leben seiner Großmutter so wie einst das des Vaters distanziert und mitfühlend zugleich. Das Glück, nie war sie ihm näher als in jenem Jahr, das sie als junge Frau in Paris verbrachte. Bis ans Ende ihrer Tage fragt sie sich, ob sie nicht dort hätte bleiben, ein unabhängiges Leben wagen sollen. Aber sie kehrte zurück, wurde von einem feschen "böhmischen Friseur" geschwängert, der sich aus dem Staube machte, als der Erste Weltkrieg ausbrach, und sie mit einem sehr schwachen Kind zurückließ. Ihr Vater, der in der Familiengeschichte legendäre Forstrat aus Preußen, erwies sich, als derlei wichtig wurde, als getaufter Jude. Mit dem doppelten Makel der jüdischen Herkunft und der sitzengelassenen Frau mit Kind ließ es sich damals als ungelernte Krankenpflegerin so leicht nicht auskommen. So wird die kleine Wienerin zur Beute eines sudetendeutschen Recken namens Wilhelm Prinz: "Es war einmal ein Mann Mitte dreißig, der hatte im Krieg Hand und Heimat verloren. Es war einmal eine Frau Mitte zwanzig, der hatte ein anderer Mann ein Kind gemacht. ... Martha und Wilhelm, keine Liebesgeschichte."
Der Märchenton, den Henisch anschlägt, um von den großen Wegmarken im Leben der Großmutter zu berichten, ist von den Märchen vorgegeben, die diese dem Enkel erzählte, während sie in Wien unterwegs waren. "Es war einmal eine Hochzeit, die wurde im kleinsten Kreise gefeiert", heißt es von jenem Tag, an dem die Oma Sicherheit gefunden zu haben glaubt, in Wahrheit aber ihr Schicksal besiegelt. "Es war einmal eine kleine Frau, die mischte sich nicht in die Angelegenheiten ihres Mannes. Es war einmal eine dumme Frau, die verstand nichts von Politik." Und verstand in Wahrheit doch mehr als ihr Mann davon, der sich für all die Demütigungen, die ihm das Leben beschert hatte, daran gütlich hielt, dass er seine kleine Frau gängeln und als illegaler Nationalsozialist vom großen deutschen Vaterland träumen konnte.
Henisch versucht die Großmutter zu begreifen, er sieht sich die Dokumente an, die er von ihr hat, überprüft seine Erinnerungen und erprobt dort, wo er weder Dokumente noch Erinnerungen hat, verschiedene Lebensentwürfe für sie. Immer kommt er dabei an einen Punkt, an dem er traurig, empört konstatieren muss: "Wie sie sich Mühe gab, dem Herrn Prinz gerecht zu werden."
Ihre eigene Freiheit
Wie sie sich Mühe gab, überhaupt allen Anforderungen, die an sie gestellt wurden, gerecht zu werden. Wie sie den Enkelsohn aufzieht, weil seine Eltern keine Zeit für ihn haben. Wie sie dies und das und immer irgendetwas für die Familie, die Verwandtschaft zu tun hat. Wie sie darüber, in einem an äußeren Höhepunkten jämmerlich armen Leben, alt und älter und endlich steinalt wird. Eine Frau, die das Kino, das Klavier, die Romane und ihren Enkel liebt. Und ihr karges Leben womöglich so ärmlich gar nicht findet.
Dem Enkel, der wie gegen seinen Willen in Wien wieder zum Schriftsteller wird, der schon längst in ihm verstummt war, will es jedenfalls so erscheinen: Dass die kleine Frau nicht nur Sorgen hatte, nicht nur Mühsal auf sich lud, sondern auch eine andere, ihre eigene Freiheit suchte. Die große Befreiung ist ihr nicht gelungen, das Selbstbewusstsein der emanzipierten Frau, sie hat es nicht erlangt. Dennoch, Henischs Roman um eine oft enttäuschte Frau zeigt es: Es gibt auch ein richtiges Leben im falschen. Über so viel Enttäuschung, über all dem vergeudeten Aufbegehren hat eine Frau ihre Träume nie verwirklichen können; aber sie hat sie sich auch nicht austreiben lassen.
Karl-Markus Gauß, Süddeutsche Zeitung, 3. Sept. 07
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GROSSMUTTERLEBEN
Peter Henischs großer Roman Eine sehr kleine Frau
Paul Spielmann, Professor für Germanistik an einem kleinen College im U.S.-Bundesstaat Maine, kehrt in seine Heimatstadt Wien zurück. Vor zwei Jahrzehnten war er nach dem Tod seiner Großmutter im Jahr 1986 davongelaufen, ohne das Begräbnis abzuwarten und war auch nach dem Tod nicht nach Österreich zurückgekehrt. In Wien mietet er nun eine riesige leere Wohnung, in er sich - ohne sie weiter einzurichten - mit seinem Laptop installiert. Anonym streunt er durch die Stadt, sein einziger Termin zu einer neurologischen Untersuchung im AKH deutet auf eine mögliche lebensbedrohliche Erkrankung.
Bald wird Spielmann klar, dass er auf der Suche ist - nach seiner eigenen Wiener Vergangenheit, aber auch nach der Vergangenheit seiner Großmutter Marta, mit der er seine gesamte Kindheit und Jugend hindurch ein sehr enges Verhältnis hatte. Es handelt sich um eine Großmutter, die mit dem Oeuvre Henischs kompatibel ist, ist sie doch die Mutter des Fotografen Walter aus Henischs Die kleine Figur meines Vaters, mit der der Autor vor nun bereits drei Jahrzehnten internationale Berühmtheit erlangte. Ist Schwarzer Peter Henischs großer Roman der Zweiten Republik und Die kleine Figur ein früher Vertreter der "Väterliteratur" zur Aufarbeitung des Nationalsozialismus mit seinen schwerwiegenden Konsequenzen für Österreich, so wird mit der eigenwilligen Omama nun das Ende der Monarchie, die Erste Republik und der Ständestaat sowie, aus anderer Sicht als in Die kleine Figur, das nationalsozialistische Österreich exploriert. Die kreative Ökonomie, mit der Henisch seine Familiengeschichte(n) literarisiert, ist bewundernswert.
Von der kleinen Figur also zur sehr kleinen Frau. Marta entstammt einer jüdischen Familie, hat sich jedoch aufgrund der Ablehnung, auf die ihre kurze Ehe mit einem tschechischen Friseur bei ihren Eltern und Verwandten stieß, sehr bald von ihrer jüdischen Herkunft verabschiedet - zumindest äußerlich. Das ist auch eine der Bedingungen, die der deutschnationale sudetendeutsche Wilhelm Prinz für eine Ehe mit Marta und ihrem Bankert Walter stellt. Ganz verurteilen will ihn weder Erzähler noch Leser: Prinz weiß um Martas um jüdische Herkunft und ihre Ehe mit einem "böhmischen Figaro" - eine zumindest problematische Kombination für einen sudetendeutschen Nazi – und heiratet sie trotzdem.
Wie häufig bei Henisch versucht ein Erzähler, sich der Vergangenheit mit den Mitteln des Romans anzunähern. Es geht jedoch nicht nur um das Füllen von Lücken, sondern auch um die Interpretation - und damit Konstruktion - dieser Vergangenheit. Da die Großmutter nicht mehr am Leben ist, muss Paul Spielmann ihr auf andere Weise nachspüren. Gleich zu Romanbeginn sieht er in einem Antiquitätengeschäft einen alten Bösendorfer, der ihn an die Zeit erinnert, als er unter einem fast identischen (oder gar eben diesem?) Flügel saß, um der Großmutter zu lauschen. Viel ergiebiger jedoch noch ist für den gescheiterten ehemaligen Schriftsteller und Literaturwissenschaftler Spielmann jedoch ein billiges Antiquariat, das die dicken Romane verkauft, die seine Großmutter im Bücherschrank stehen hatte: John Knittels El Hakim, Vicki Baums Menschen im Hotel oder Sienkiewiczs Quo Vadis. Immer schon hatte sie die Fähigkeit gehabt, dem Jungen verschiedene literarische Texte synoptisch näherzubringen. Im Wege von Omas Lesefutter versucht er jetzt, viele Jahre nach ihrem Tod, sich an sie heranzulesen.
Einige der beeindruckendsten Teile des Romans stellen Großmutters Lektüre des 1937 in deutscher Sprache erschienen Welterfolgs Vom Winde verweht in den Kontext des Anschlusses: "Im Buch schrieb man April 1861, draußen war Februar 1938." - "Marta las. In ihrem Kopf lief ein Film, der erst gedreht werden sollte. Draußen liefen die letzten Tage der Ersten Republik, aber das nahm sie nur am Rande wahr. Sie war mitten in einer anderen Geschichte." Und dennoch, so die literarische Ironie, spiegelt sich der beginnende Krieg in den Südstaaten, der eine Zeitenwende einleitete, im Einmarsch der deutschen Truppen; erkennt man eine deutliche Parallele zwischen der ignoranten Scarlett, die sich durch den beginnenden Krieg um ihre Kavaliere gebracht sieht, und der ins Buch vertieften Leserin, die ihre Umwelt nicht wahrnimmt.
Aus der Lektüre dieser Romane, der Erinnerung an die vielen Geschichten und der vielen Großmuttersätze und -begriffe, die im Text kursiv gesetzt sind, rekonstruiert Paul Spielmann eine höchst widersprüchliche Persönlichkeit. Einerseits wird klar, dass sie zu einem hohen Maße für seine literarischen Interessen und ästhetische Erziehung verantwortlich ist, andererseits erkennt er im Zwiespalt zwischen ihrer weitgehend verleugneten jüdischen Herkunft und der Anpassung an, wenn nicht Zustimmung zum, nationalsozialistischen Regime (wenn auch nicht zu Hitler selbst) die klassische Zwickmühle der österreichischen Kultur. Wie Scarlett im Südstaatenepos beginnt sie nach dem Krieg mit dem Wiederaufbau, ohne sich zunächst über die Bedeutung der Vergangenheit klar zu werden oder klar werden zu wollen.
Spielmann vermutet zwar ein komplexeres Innenleben, hat dafür aber nur wenig Anhaltspunkte. Als ihr Ekel siebzehn wird, offeriert sie ihm eine Lektüre der besonderen Art, Hitlers Kampf: "Nimm es mit und lies, wenn du willst, sagte die Großmutter. Aber pack es in einen Umschlag." Das Buch gehörte Wilhelm Prinz, ihrem "seligen Gatten", der als illegaler Nazi 1937 ums Leben kam, allerdings nicht, wie sie zunächst angstvoll vermutet, bei politischen Kämpfen, sondern im Bett einer Prostituierten.
Der innere Zwiespalt dieser Großmutter, die das Dritte Reich mit gefälschten Papieren überlebte, wird ganz zum Schluss des Romans dramatisiert, als Spielmann von seiner Schwester die Reisetasche seiner Großmutter erhält, in deren Innenfach er ein Flugticket, one-way, mit Destination Jerusalem entdeckt hatte. Das Datum, 10.12.1986, war Martas Geburtstag. Zwar fand sich kein Brief an den Enkel, aber "was er enthielt, war vielleicht trotzdem eine Botschaft."
Henisch tat gut daran, diese Entdeckung nicht weiter zu interpretieren. Dem Leser eröffnet sich eine doppelte Parallele zum Handeln des Erzählers. Einerseits hatte Marta, wie Enkel Paul, vor, Österreich zu verlassen - übrigens nur wenige Monate nach der Machtübernahme Waldheims. In der möglichen Wiederentdeckung ihrer Identität bzw. dem Entschluss, alte Spuren wiederaufzunehmen, antizipierte sie aber auch den weiteren Weg des Enkels, der nun nicht nur sein Haus in den USA verkauft und nach Wien zurückfindet, sondern den Schreibtisch des Professors wieder mit dem des Schriftstellers tauscht. Diese Rückkehr ist keine billige Nostalgie. Liest man Eine sehr kleine Frau als Wien-Roman, so schockiert die Schäbigkeit und der heruntergekommene Zustand der Stadt in der postindustriellen und Großmarktphase im Vergleich mit dem Zustand von vor fünfundzwanzig Jahren. Trotzdem ergibt sich ein Gefühl der Befreiung und Versöhnung, die sich mit Einschränkung auch auf die Entwicklung des Landes beziehen lässt. Henischs neuer kulturpsychologischer Roman beweist wieder einmal seinen anerkannten Status als großen Epiker dieses Landes.
Walter Grünzweig, Der Standard, 28/29. August 2007
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DER KLANG DER ZEIT
Nun hat auch Peter Henisch einen Schriftstellerroman geschrieben - das Sujet liegt
offenbar in der Luft. Allerdings ist es kein egozentrisches Buch, es geht darin ja
vor allem um "eine sehr kleine Frau". Auch ist es mit der biografischen
Zuschreibung gar nicht so einfach: Der Held Paul Spielmann ist um die sechzig und
hat als Literaturprofessor zwanzig Jahre in den Staaten gelebt, ehe er in seine
Heimatstadt Wien zurückkehrte. In der Verlagswerbung heißt es aber,
"Peter Henisch" erinnere sich in diesem Roman "an jene Frau, von
der er gelernt hat, was sein weiteres Leben prägen sollte: das Erzählen".
Dass Peter Henisch und Paul Spielmann dieselbe Großmutter gehabt haben müssen,
liegt auf der Hand. Schon in dem jüngst neu aufgelegten Roman "Pepi
Prohaska Prophet" (1986) hat der Autor dem Helden eine ähnlich
eindrucksvolle Großmutter zur Seite gestellt. Und wie hat Professor
Spielmann (!) seinen Studenten im Creative-Writing-Kurs immer gesagt: "Literature
is a game. Ein Spiel mit gelebten und ungelebten Möglichkeiten."
Dieser Paul Spielmann ist in Wien, weil er einen Untersuchungstermin im Spital hat.
Er hat seine Zelte in Amerika abgebrochen und sich in einem alten Vorstadthaus
eingemietet. Es gibt da eine Zeile von Walter Buchebner über das Wien der
Wiederaufbauzeit: "man stimmt das gedächtnis wie ein klavier dezent auf
vergessen". Beim Icherzähler verhält es sich umgekehrt: Er entdeckt
beim Altwarenhändler einen Bösendorfer, der jenem der verstorbenen
Großmutter zum Verwechseln ähnlich sieht. Das Klavier schlägt
einen Ton in ihm an, es löst Erinnerungen aus, an die Großmutter, aber
auch an all das, was man in den Fünfzigerjahren tunlichst vergessen wollte.
Es drängt Spielmann zum Schreibtisch, obwohl er damals, vor seinem Weggang,
der Literatur abgeschworen hat. Auslöser war diese Geschichte vom Ende des
Erzählens, auf die er, nach langer Gegenwehr, schließlich doch
hereingefallen war. Dabei hätte er nur auf seine Großmutter hören
müssen. Sie, die Säuglingsschwester, war so etwas wie die Hebamme seiner
Literatur. Und der Enkel war, wie die Eltern scherzten, die "letzte Liebe"
der Großmutter. Auf vielen Spaziergängen hat sie ihm Geschichten aus dem
Alten Testament erzählt und aus den Klassikern, von der Kaiserin Elisabeth und
von den Indianern. "Wenn man erzählt, sagte die Großmutter, dann ist
das, wie wenn man einen Weg geht. Einen Weg, an dessen Rand man von Schritt zu Schritt
mehr sieht." Eigentlich wollte der Enkel diese Selbstverpflichtung zur Kunst
loswerden, aber jetzt hat er, ein Rückfalltäter sozusagen, wieder Feuer
gefangen. "Hast du Worte? Sagte die Großmutter. Ja, nun hatte ich Worte."
Peter Henisch hat keine Eile beim Erzählen. Mit der Nonchalance und Umsicht eines
erfahrenen Kapitäns navigiert er den Leser durch seine Geschichte. In aller Ruhe
lässt er seinen Helden nach dem ersten Satz eines Romans suchen (vielleicht
"Sie war eine sehr kleine Frau"?), der längst begonnen hat.
Peu à peu vervollständigt sich das Bild der Frau Marta Prinz, geborene
Glück, und ihrer Familie. Das ist keine im üblichen Sinne spannende
Story, es ist eine liebevolle Hommage, vergleichbar mit Monika Marons schönem
Großelternbuch "Pawels Briefe". Ein Alterswerk, wenn man so will,
naturgemäß nostalgisch; da erinnert sich einer an eine Zeit, als es an
der Stadtgrenze noch so etwas gab "wie eine Gegend". Als Stilist nimmt
Henisch sich umso mehr zurück, als der Stoff nach Plakativem zu schreien scheint.
Hie und da wechselt die Tonart, doch die Erzählerstimme bleibt ruhig:
"Es war einmal ein Mann Mitte dreißig, der hatte im Krieg Hand und Heimat
verloren. Es war einmal eine Frau Mitte zwanzig, der hatte ein anderer Mann ein Kind
gemacht. Es war einmal eine große Monarchie, die war Vergangenheit. Es war
einmal eine kleine Republik, die war Gegenwart."
Die Geschichte dieser Großmutter, die auch einmal jung war, ist typisch und
ungewöhnlich zugleich: Als Jüdin wurde sie die Frau eines fanatischen Nazis.
Der nahm sie samt ihrem Sohn Walter, nachdem ihr erster Mann, ein böhmischer Goj
mit dem jüdischen Namen Spielmann, auf und davon gegangen war. Wirklich umerziehen
hat der sudetendeutsche Kämpfer sie nicht können, aber sie blieb ihm ihr Leben
lang dankbar. In ihrem Enkel hat sie wohl eine Art Ersatz für ihren Sohn gesehen,
der unter dem Stiefvater zu leiden hatte und zu dem auch sie keinen Zugang fand. Sein
Porträt hat Henisch in "Die kleine Figur meines Vaters" gezeichnet.
"Eine sehr kleine Frau" ist die gelungene Fortsetzung dieses Projekts
einer Familiengeschichte ohne Größenwahn.
Daniela Strigl, Falter, 22.8.2007
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