Rezensions-Auszüge

Rezensionen und Interviews

     
  Suchbild mit Katze   Mortimer & Miss Molly  
 

Der verirrte Messias

 

Großes Finale für Novak

 
 

Eine sehr kleine Frau

 

Hamlet, Hiob, Heine

 
 

Die schwangere Madonna

 

Steins Paranoia

 
 

Black Peter's Songbook

 

Die kleine Figur meines Vaters

 
 

Schwarzer Peter

 

Pepi Prohaska Prophet

 
 

Wunsch, Indianer zu werden

 

Hoffmanns Erzählungen

 
 

Vom Baronkarl

 

Bali oder Swoboda steigt aus

 
 

Morissons Versteck

 

Der Mai ist vorbei

 
 

 

 

Hamlet bleibt

 

Suchbild mit Katze

Judith von Sternburg, Frankfurter Rundschau

 
Katze ist kein Beruf
Judith von Sternburg, Frankfurter Rundschau

Traumberuf Katze: Als Peter Henisch begriff, dass er als Katze kein Geld verdienen kann, wurde er Schriftsteller.
Peter Henisch erzählt in seinem neuen Roman von einer Wiener Kindheit und vom Weg zum Schriftstellerleben.

Der österreichische Schriftsteller Peter Henisch dehnt seit jeher den Begriff des Romans, aber der Roman hält das aus. Sein neues Buch, nominiert für den erstmals vergebenen Österreichischen Buchpreis, den dann Friederike Mayröcker gewann, könnte man ohne diese Gattungseinordnung wohl auch „Erinnerungsbilder“ nennen, würde man übrigens auch ganz gerne, wäre bequemer. Wie die Dinge aber liegen, kann Henisch es sich leisten, offen zu lassen, wie viel von ihm selbst in dem Nachkriegswiener Buben steckt, der unter Umständen – Henisch mag sich hier nicht festlegen, muss er auch nicht – ebenfalls Peter heißt. Vielleicht aber auch Paul. Und wie viel von ihm in dem Reisenden steckt, der mal in New Orleans ist, mal in Istanbul, letzteres auf der Rückreise vom Iran, als Tramper, unvorstellbar. „Damals lag noch nicht so viel Angst in der Luft. Was das betrifft, waren das sehr glückliche Zeiten.“ Auf dem Rückweg von Prag wiederum lernt der Reisende Franz Kafka im Zug kennen. Sozusagen.

Auch muss Henisch sich nicht festlegen, wie viel von ihm in einem Erzähler steckt, der einen Roman über einen gewissen Paul Spielmann geschrieben hat. Allerdings kommt in Peter Henischs „Eine sehr kleine Frau“ (2007) ein Mann dieses Namens als Erzähler vor. Der Erzähler in Peter Henischs neuem Buch wird nun von „Frau S.“ darauf angesprochen. Sie glaubt partout nicht, dass er wiederum partout nicht dieser Paul Spielmann sein will. Frau S. denkt, er will sie zum Narren halten. „Wenn so ein Autor ICH schreibt, dann denke ich selbstverständlich, es handelt sich um ihn.“

Frau S. ist zum Verzweifeln, aber auch komisch. Nachher erfreut sie mit einer weiteren Verwechslung. „Und diese Katze hat Murr geheißen?, fragt die Frau S. Nein, sage ich, Murli hat sie geheißen, weil sie so schwarz war. Aber irgendwo hab ich gelesen, dass Sie eine Katze – oder war es ein Kater? – namens Murr gehabt haben. Das war nicht ich, sage ich, das war E. T. A. Hoffmann. Schon wieder nicht Sie!, sagt die Frau S. Sie wollen es nie gewesen sein.“ Da kann man auch wieder denken: Sie hat ja recht, die Frau S.

So besteht Peter Henisch auf der ultimativen Freiheit des Autors und der relativen des Erzählers und macht sich zugleich darüber lustig: Über dieses natürlich bei aller Verwicklung auch einfache Verfahren, das das Mitspielen des Lesers voraussetzt und sich an Frau S.‘ rigoroser Ignoranz die Zähnchen ausbeißt. So dass die Peter Henisch zugewandten Leser respektvoll zur Kenntnis nehmen, dass auch die Erzählerfigur in Henischs jüngstem Roman, „Suchbild mit Katze“, zahlreiche autobiografische Dinge und Details mit dem Wiener Schriftsteller gemeinsam hat, ohne dass Henisch eine Autobiografie geschrieben hätte. Aber es handelt sich in beiden Fällen um den Sohn eines in der NS-Zeit und im Zweiten Weltkrieg tätigen und namhaften Pressefotografen. Nachher wird er Schriftsteller.

In hingetupften Szenen erinnert sich Peter (Paul) im Roman an die Nachkriegszeit in der geteilten Stadt Wien, eine Kinderliebe, halbverbotene Straßenfreundschaften, das seltsame Leben als Einzelkind, das seltsame Leben als Kind des Jahrgangs 1943.

„Es gibt Wörter, auf die eine eigenartige Betonung gelegt wird. Das Wort Jud zum Beispiel. Oder das Wort Nazi. Liegt es nur an der Betonung, dass mir diese Wörter peinlich vorkommen? Ich mag sie nicht, diese Wörter, aber ich spitze die Ohren, wenn sie fallen.“

Selten vergisst der Erzähler, die Wege der Erinnerung mitzuerzählen: Warum ihm etwas wieder eingefallen ist, wie es ihm gerade jetzt einfällt, wo er etwas schon einmal gesehen, gehört hat. Manchmal, häufig reicht ein Blick auf dem Fenster – so dass neben dem „Kater Murr“ auch „Des Vetters Eckfenster“ seinen Platz bekommt. In der Form bleibt das locker, ist aber weder beliebig noch verplaudert. Die Szenen, die sich dem Erzähler in den Kopf drängen, sind kurz und prägnant. Ihre Zuverlässigkeit ist nicht verbürgt, dafür wiederum sorgt Autor Henisch, der nichts dagegen hat, uns in einer Restunsicherheit zu lassen.

Katzen – neben Murli auch Mimí und Hoffmann (das erzählt der Erzähler gleich Frau S.) – sind im „Suchbild mit Katze“ keineswegs nur Dekor. Der Erzähler bekennt sich nicht nur zur Katze, indem er mit ihr lebt und zwar offenbar über Jahrzehnte, also Katzengenerationen hinweg. Er identifiziert sich auch unorthodox mit ihr: als „Kind, das gerne eine Katze sein wollte. In einem Schulaufsatz nach seinen Plänen für später befragt, schreibt er – nach ausdrücklicher Ermunterung des Lehrers, der weiß, was sein Schüler in Deutsch kann – hin: „Auf die Frage, was ich einmal werden möchte, fällt mir zuallererst die Antwort KATZE ein ... Ja. Ich würde gern eine Katze sein.“ Der Lehrer macht nach einem Blick ins Heft des Lieblingsschülers eilig darauf aufmerksam, dass es sich schon um einen Beruf handeln solle, etwas, mit dem sich Geld verdienen lasse. „Nein, Peter, das geht nicht. Katze ist kein Beruf.“

Daraufhin möchte Peter Schriftsteller werden. „Ich möchte etwas erleben und dann darüber schreiben“, schreibt er nun. Ironischerweise orientiert er sich vorerst an Karl May, der bekanntlich wenig erleben musste, um allemal über alles Mögliche zu schreiben. Aber auch Peter Henisch fand dann ja seinen Weg.

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Mortimer & Miss Molly

Helmut Schödel, Süddeutsche Zeitung
Beate Tröger, Frankfurter Allgemeine Zeitung
Oliver Pfohlmann, Neue Zürcher Zeitung
Heinrich Steinfest, Stuttgarter Nachrichten
Walter Grünzweig, Album, der Standard
Thomas Rothschild, Die Presse
Sebastian Fasthuber, Salzburger Nachrichten

 
Aus der Schule der Unverfrorenheit
Helmut Schödel, Süddeutsche Zeitung

Dem Schriftsteller Peter Henisch ist nicht zu trauen. Diese Warnung durchzieht viele Rezensionen seiner Bücher, mehrheitlich Romane, in denen er die abenteuerlichsten, gleichwohl bestens recherchiert wirkenden Geschichten auftischt. Trotz seiner überschwänglichen Fabulierlust vergisst Henisch nie die Details, und wie fein hingetuscht auch alles anmutet in dieser famosen Leichtigkeit, erreicht es immer wieder die Kraft des Faktischen. Aber dann wird man gewahr, dass die Hauptsätze seiner Prosa Fragesätze sind. Er ist der Mann der 1000 Fragezeichen. Und ein großer Ironiker. Über allen interpretatorischen Bemühungen steht das Lächeln des Autors.

In „Der verirrte Messias“ (2009) hatte er seinen Lesern einen Mann vorgestellt, der sich nach genauerer Bibellektüre mit Jesus identifiziert. Sein gelebter Nachvollzug des Neuen Testaments wird allerdings in Briefen an eine gewisse Barbara, eine Literaturkritikerin, gespiegelt, der man auch nicht ganz trauen will, weil sie behauptet, sie habe an Händen und Füßen dieses Mannes Stigmata gesehen. Ein anderer Glaubensbeweger sieht aus wie der frühere amerikanische Verteidigungsminister Donald Rumsfeld, und am Ende bleibt die diesmal allerdings strikte Frage, wie es denn eigentlich mit der Erlösung steht nach 2000 Jahren.

„Morrisons Versteck“ (1991/2001) wiederum ist ein geniales Stück aus der Schule der Unverfrorenheit. Eine Fotografin soll einen Mann namens Paul, einer jugendlichen Henisch-Abspaltung, mitgeteilt haben, dass ihr das Popidol Jim Morrison, der ehemalige Frontman der Doors erschienen sei, als Exhibitionist in der Hecke eines offenbar verwunschenen, auf drei Seiten von einer Mauer umgebenen Garten. Die Topoi deutscher Romantik, aus der sich wohl auch der ironische Gestus herleitet, gehören fix zu Henischs Welt.

Henisch gab vor, eine Biografie schreiben zu wollen, „ ein alter Hut, spätestens seit Plutarch“, und aus einem Objekt der Pop-Industrie ein Subjekt zu machen, aus dem großen Pan mit dem „ bisexuellen Appeal“ dieser „männlichen Brigitte Bardot“ einen Menschen. Morrison war ein Mann aus Henischs Jahrgang, 1943, aber sein Versteck wurde letztlich nicht gefunden. Nach Abschluss seiner Arbeiten fuhr der Erzähler über Land. Er mietet sich ein Zimmer und schläft. „Lang. Am Morgen riss ich das Fenster auf. Da sah ich die Mauer und dahinter den Garten.“ Aber Jim Morrison sah er nicht.

Der Untertitel seines Romans „Vom Wunsch, Indianer zu werden“ (1994) lautet „Wie Franz Kafka Karl May traf und trotzdem nicht in Amerika landete“. Ein junger Mann (Kafka) und ein älterer Herr (Karl May) und eine für den Herrn zu junge Dame (Herzle) wagen eine Seefahrt. Nach New York. Aber nach der Ankunft geht es diesem Kafka wie Karl Rossmann in Kafkas „Amerika“-Roman. Das Labyrinthische an Henischs Texten ist, was literarische Bildung angeht, nicht vollkommen voraussetzungslos.

Gleichzeitig ist er ein Wiener, absolut lokalisierbar, weshalb es auch Texte mit eindeutigem Lokalkolorit von ihm gibt, zum Beispiel eine Recherche über den „Barobkarl“ (1972), einen Obdachlosen von Format, vielleicht Henischs Antwort auf Qualtingers „Herr Karl“. Aber auch seine Stadtrecherchen machen keinen Österreich-Beschimpfer oder Wien-Verächter aus ihm, seine Munition bleibt das Fragezeichen.

Henisch gilt als Sonderfall der österreichischen Literatur, der sich in „Die kleine Figur meines Vaters“ (1975/2003) mit der NS-Vergangenheit seines Erzeugers auseinandersetzte. Jetzt – Ende August siebzig geworden – hat er einen Roman über die Liebe vorgelegt. „Mortimer und Miss Molly“, keinesfalls ein Alterswerk, sondern so unverfroren wie eh und je, was schon der erste Absatz beweist. „Die Geschichte könnte damit beginnen, dass Mortimer vom Himmel fällt. Ein Fallschirmspringer, der im Zentrum des Renaissancegartens landet. Dieser Renaissancegarten ist geometrisch gestaltet, sechs von Hecken gesäumte Trapeze umgeben ein kreisförmiges Zentrum. Radius: Nicht mehr als fünf Meter. In diesem Zentrum landet Mortimer. Steht Miss Molly am Fenster? Zweifellos wäre das eine schöne Szene.“ Schon am Anfang ist alles Vermutung. Und gleich schiebt sich das erste Fragezeichen in den Text.

Mortimer wurde im Frühling 1944 mit seinem Jagdbomber von der deutschen Flak abgeschossen, rettete sich mit dem Fallschirm und fand sich in dem kleinen Ort San Vito in der Toskana wieder, heimlich aufgenommen von Molly, einer englischen Gouvernante der berühmten Adelsfamilie Bianchi. Hat sich die schüchterne, allein lebende Molly daraufhin auf eine Liebesgeschichte mit einem Bomberpiloten eingelassen, der Hemingway zum Verwechseln ähnlich sieht? Darüber spekulieren Marco aus Turin und Julia aus Wien, zwei Toskana-Touristen, die einander liebend zugetan sind. Marco will statt Arzt Filmemacher werden, und so erfinden sie sich eine Geschichte für ein Drehbuch über Mortimer und Molly, um damit zugleich ihre eigene Liebesgeschichte zu entfalten. Erzählend machen sie sich Mut.

Das alles stimmt schon irgendwie, sagt aber über den Roman nicht viel, nichts über diese unerhörte Leichtigkeit des Erzählens, seine sommerliche Welt, über die immer wieder Gewitter hereinbrechen, wobei Henischs ironische Distanz wie ein Blitzableiter wirkt. Da ist wieder dieser romantische Garten, in dem Mortimer erscheint wie Morrison in seinem Versteck, und eine Liebesgeschichte, die nur vermutet ist, und wenn es Belege gibt, könnten sie Fälschungen sein, vielleicht von Marco selber, weil er die Liebe finden will, und für seine eigene Geschichte nach dem Beweis ihrer Möglichkeit sucht. Aber ist denn eine so blaustrümpfige Gouvernante wie Molly zu einer richtigen Liebesbeziehung mit einem in Amerika verheirateten Hemingway-Lookalike überhaupt fähig?

Festzustehen scheint, in Bedrängnis liebt es sich leichter. Mortimer und Molly sind bedroht von der Gewalt des Krieges und den Wirrnissen der Politik, da ist für Beziehungskisten-Getue kein Platz, was Marco und Julia in ihrer späteren Fernbeziehung zwischen Turin und Wien kräftig ausleben, inklusive einer befürchteten bösen Schwiegermutter.

Aber bevor man das Buch so erzählt, als setze es auf die Verbreitung grundsätzlicher, sehr seriöser Erkenntnisse über die Liebe, muss man an das handelnde Personal erinnern: ein Bomberpilot, ein Blaustrumpf, eine Julia, ein Möchtegern-Künstler und eine Schwiegermutter. Da wäre es im Normalfall bis zur Klamotte nicht weit. Im Hintergrund die Hügel der Toskana und eine Dorfbevölkerung wie aus einer Langzeit-Dokumentation. Aber das ist eben diese Schule der Unverfrorenheit, die Henisch zu seinen Drahtseilakten abheben lässt. Eines jedenfalls scheint sicher: Seine viel gerühmte Leichtigkeit ist nicht nur ein genialer Zug oder eine stilistische Volte. Es steckt viel Melancholie in Henischs Art zu schreiben. Sie zeigt uns: So leicht könnte alles sein. Um dann natürlich die Frage nachzuschieben. „Könnte es?“- und schwer ist schließlich leicht was.

Der stets zurückhaltende Peter Henisch mit Zweitwohnsitz in der Toskana ist viel geehrt und auch ausgezeichnet worden. Dabei hat man zu sehr auf das Artistische, Spielerische, Tänzelnde geachtet. In seiner wahren Dimension scheint er noch nicht erkannt worden zu sein. Er ist einer der großen Dichter Österreichs.

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Peter Henisch: Mortimer & Miss Molly: Umso schlimmer für die Wirklichkeit
Beate Tröger, Frankfurter Allgemeine Zeitung

Liebe und Illusion gehen gern Hand in Hand. Doch oft folgt dem Liebestraum die Ernüchterung. Das müssen auch die Liebenden in Peter Henischs jüngstem Roman irgendwann erfahren. In „Mortimer & Miss Molly“ trifft in einem Sommer in den achtziger Jahren der Turiner Marco, der gerade sein Medizinstudium beendet hat, aber lieber Regisseur werden möchte, in Siena die Wiener Kunsthistorikerin Julia, die dort Italienisch lernt. Die beiden verlassen die Stadt, landen in einem Dorf in der Crete und beschränken ihren Radius zunächst auf die Kuhle eines Hotelbetts, wo sie sich in der Sprache Frischverliebter verständigen, die ohne viele Worte auskommt.

Wenn von Marco gesagt wird, er würde lieber Filme drehen, so ist das kein unbedeutendes Detail. Peter Henisch, Autor zahlreicher Romane und Gedichte, Musiker und Mitbegründer der Zeitschrift „Wespennest“, der heute siebzig wird, führt in „Mortimer & Miss Molly“ neuerlich vor, wie virtuos er Handlung und Konstruktion seiner Romane miteinander zu verzahnen weiß, dabei feine Anspielungen an Mythen, Filme und Literatur einwebt, erzähltechnisch versiert, leichthändig und unaufdringlich einer märchenhaften Unmittelbarkeit entgegensteuert, um das Erzählte in seiner Gestaltetheit umso intensiver nachhallen zu lassen.
Amerikanischer Soldat trifft englische Gouvernante

„Mortimer & Miss Molly“ beginnt wie ein Film oder ein Theaterstück, bei dem ein Scheinwerfer einen Kreis aus Licht auf die dunkle Bühne wirft. Die Bühne ist in diesem Fall ein in dem fiktiven Dorf San Vito gelegener, geometrisch gestalteter Renaissancegarten namens Horti Valentini, den der Toskana-Liebhaber Henisch den Horti Leonini in San Quirico d’Orcia nachempfunden hat. Mortimer Mellows, ein amerikanischer Soldat, muss 1944 mit seinem Fallschirm in der kreisförmigen Mitte des Gartens notlanden, nahe dem Haus, in dem Miss Molly, die englische Gouvernante einer reichen italienischen Familie, seit Jahren lebt.

Doch all das ist vielleicht nur Phantasie, was Henisch kenntlich macht, indem er, ähnlich wie Raymond Federman in „Eine Liebesgeschichte oder sowas“, den Konjunktiv wählt: „Die Geschichte könnte damit beginnen, dass Mortimer vom Himmel fällt.“ Was für ein erster Satz, in dem jemand als deus ex machina und fallender Engel zugleich in die Handlung plumpst. Mortimer versteckt sich bei Molly vor den deutschen Besatzern, und die beiden erleben die göttlichen und irdischen Momente der Liebe.
Phantasie der Geschichte beflügelt die der Liebenden

Marco und Julia erfahren all dies aus dem Mund Mortimers, der eines Abends vor ihrer Zimmertür steht und ihnen von der Vergangenheit zu erzählen beginnt. Doch ehe die Geschichte über die Liebe „im Widerstand gegen die Zeit“ zum Ende gekommen ist, verschwindet er - und bleibt es. Das Erzählte hat sich aber in Julias und Marcos Kopf festgesetzt. Sie fassen den Plan, ein Drehbuch zu schreiben, das ausspinnt, wie es weitergegangen sein könnte. Ihre Phantasie befeuert auch ihre Liebe. Sie treffen sich wieder, reisen jeden Sommer nach San Vito, um mit Mortimers und Mollys Liebesgeschichte ihre eigene immer neu zu beleben, bis die Frage, ob sich die „periodische Sommerliebe in eine Liebe für alle Jahreszeiten“ verwandeln ließe, drängend im Raum steht.

Die dräuende Krise bricht schließlich aus im Streit über die Frage nach dem Verhältnis von Wirklichkeit und Illusion, über die Frage, ob Mortimer die beiden auf eine falsche Fährte gelockt hat. Ein alter Arzt aus dem Nachbardorf zeigt sich amüsiert, als Marco und Julia ihm von Mortimer und Miss Molly erzählen. Die beiden ein Paar? Unmöglich! Marco schenkt schließlich dem Arzt Glauben. Die Wirklichkeit sehe eben anders aus, als Julia und er sie sich ausgemalt haben. Wenn Julia mit einem wütenden, hegelianisch gefärbten „Umso schlimmer für die Wirklichkeit“ kontert, um am Ideal einer erfüllenden und erfüllten Liebe festzuhalten, ist sie darin ihrem Schöpfer nicht unähnlich.
Kein Abfinden mit den Verhältnissen

Auch Henisch wendet sich im Schreiben gegen eine Auffassung von Wirklichkeit, die sich mit den Verhältnissen abfindet. In „Mortimer & Miss Molly“ dekliniert er in der Spiegelung zweier Liebesgeschichten Möglichkeitsformen der Liebe allerdings nicht durch, um der Wirklichkeit zu entfliehen, sondern um ihr etwas vom Zauber zurückzugeben, den sie verliert, wenn sie sich auf das Sicht-, Mess-, Plan- und Verhandelbare beschränkt und Traum und Utopie verrät.

Hallräume für Träume und Utopien eröffnen auch die zeitgeschichtlichen und literarischen Essays und Reden Henischs aus rund vierzig Jahren, die der Band „Außenseiter aus Passion“ versammelt. Sie zeigen den Autor in engagierter Auseinandersetzung mit dem komplizierten Wechselspiel von Wirklichkeit und Traum, von Begrenzung und Freiheit. Diese Fragen sind Gegenstand der Texte, in denen geliebte fiktive Gestalten wie Puh, der Bär, verehrte Künstler wie Mozart, Karl May, E. T. A. Hoffmann, oder Jim Morrison auftreten. Daneben findet sich Anekdotisches, etwa das Erlebnis mit einem Frankfurter Taxifahrer, dem 1995 auf Henischs Frage nach einem Buch eines österreichischen Schriftstellers lediglich Hitlers „Mein Kampf“ einfällt.
Cleverer Menschenfreund

Doch zynisch geht es bei Henisch nie zu. Stattdessen durchzieht seine Texte eine freundliche Ironie, die er als „ästhetisch produktive Haltung gegen den Tod“ begreift. Aufschlussreich auch seine Reflexionen über eigene Romane, darunter der bekannteste „Die kleine Figur meines Vaters“ (1978), der mit Blick auf Fotografien und auf Grundlage von Interviews rekonstruiert, wie Walter Henisch, Pressefotograf und Kriegsberichterstatter im Zweiten Weltkrieg, Teil des nationalsozialistischen Propagandaapparates wurde, obwohl er sich neutral glaubte.

In diesem zeitgeschichtlich wichtigen Roman ist die Wirklichkeit zugunsten trauriger Selbsttäuschungsmanöver in den Hintergrund getreten. In „Mortimer & Miss Molly“ dagegen, so viel sei hier verraten, wird das Verhältnis von Wirklichkeit und Illusion im zwischen Be- und Entzauberung schwankenden, pointenreichen Finale in Lust und Lebensfreude aufgehoben: Marco und Julia könnten den Erzählfaden womöglich weiterspinnen. Indem der Roman vermittelt, dass auch Sprache der Liebe Nahrung sein kann, spiegelt sich in ihm zudem der liebende Blick seines Autors auf das eigene Tun.

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Überleben und Überlieben.
Oliver Pfohlmann, Neue Zürcher Zeitung

Schon sein Sechzigster bescherte Peter Henisch die wohl unvermeidliche Frage nach dem «Alterswerk». Seinerzeit erinnerte der Jubilar den Interviewer daran, dass Autoren diesbezüglich ja bessere Karten als Sportler hätten. Und dass nicht wenige seiner Kollegen erst mit 60 so richtig in Schwung gekommen seien. Heute, ein Jahrzehnt und fünf Romane später, ist klar, dass sich das auch von diesem sympathisch stillen, feinen Wiener Romancier, Lyriker und Musiker sagen lässt, der Kennern seit langem als einer der grossen Epiker der österreichischen Literatur gilt.

Zu Henischs Siebzigstem liegen nun gleich zwei gewichtige Neuerscheinungen vor: neben seinem neuen Roman «Mortimer & Miss Molly» noch eine Sammlung seiner journalistischen Wortmeldungen, Essays, Reden und Interviews zu politischen, gesellschaftlichen und literarischen Themen aus den letzten vier Jahrzehnten. Letztere bestätigt eindrucksvoll, in welchem Masse Henischs Werk eine grosse Auseinandersetzung mit der Zeitgeschichte Österreichs darstellt. Als «wacher Zeitgenosse» schrieb der «Aussenseiter aus Passion» über die zunehmende «Verhaiderung» Österreichs, den Verlust an Sinnlichkeit in der Gegenwartsliteratur oder darüber, was Jim Morrison mit Johann Nestroy zu tun hat.
Anrührendes Denkmal

Fragt man nach dem verbindenden Element zwischen beiden Titeln, so lautet eine mögliche Antwort: Pietro und Bruna. Dieses gemeinsam in Harmonie alt gewordene Ehepaar, das lange Jahre irgendwo in der Toskana eine Bar führte, erinnerte den Autor an den Mythos von Philemon und Baucis, wie er 2003 in einem Essay schrieb. Im neuen Roman setzt Henisch dem Paar nun mit einem Gastauftritt ein anrührendes Denkmal. Und zeigt damit einmal mehr die für sein Werk von Beginn an kennzeichnende Verschränkung von autobiografischen Elementen mit Fiktion, man denke nur an den Roman «Eine sehr kleine Frau» (2007) über seine ihn in die Geheimnisse des Erzählens einweihende Grossmutter.

In «Mortimer & Miss Molly» bringt der Anblick von Pietro und Bruna den Erzähler zu der Einsicht, dass die Liebe «vielleicht etwas mit Widerstand zu tun hatte. Mit Widerstand gegen alle widrigen Umstände. Und letzten Endes mit Widerstand gegen die Zeit.» Man sollte diese Passage vor dem Hintergrund der nun vorliegenden Interviews lesen: In ihnen weist Henisch darauf hin, wie sehr der Tod «im Zentrum» seines Schreibens stehe und dass jede schöpferische Tätigkeit «ein Ankämpfen gegen den Tod» sei. Sind die Liebe und das Erzählen bei Peter Henisch also zwei nahe Verwandte, ja im tiefsten Grund sogar identisch?

Dieser Schluss drängt sich einem angesichts des neuen Romans geradezu auf. Er erzählt eine doppelte Liebesgeschichte. Und während sich die eine Liebe, die der Titelfiguren Mortimer und Miss Molly, vor allem gegen die äusseren Umstände behaupten muss, so die andere, die von Julia und Marco, die vier Jahrzehnte später ihren Anfang nimmt, gegen die Zeit selbst. Anfang der achtziger Jahre gelangen die Wiener Psychologiestudentin Julia und der angehende Mediziner Marco, der lieber Filmemacher würde, liesse seine Mutter ihn nur, eher zufällig in das südtoskanische Dorf San Vito. Sie haben sich gerade erst kennengelernt – nicht mehr als eine vergängliche Sommerliebe, wie es scheint, die Henisch in prägnant-melodischen Sätzen voller Sinnlichkeit beschreibt.
Mortimer und Miss Molly

Dann aber begegnen sie eines Abends dem einzigen anderen Gast in ihrem Hotel, einem alten Amerikaner, der wie Hemingway aussieht und seit vielen Jahren nach San Vito kommt. Dieser Mortimer Mellows aus Minnesota erzählt ihnen, wie einst im Mai 1944 sein Jagdbomber über San Vito – und damit hinter der Front – von den Nazis abgeschossen worden sei und er mit seinem Fallschirm mitten im nahe gelegenen Renaissancegarten gelandet sei. Und wie ihm dort die englische Gouvernante einer wohlhabenden italienischen Familie, Miss Molly, die Tür ihres heckenumrankten Häuschens an der Gartenmauer öffnete, um ihn zu verstecken.

Es sei der Beginn einer ungewöhnlichen Liebe gewesen, behauptet Mortimer, deren weitere Schilderung er dem jungen Paar für den folgenden Abend verspricht. Dazu aber kommt es nicht mehr, anderntags ist der Amerikaner verschwunden. Und von den Dorfbewohnern scheint niemand etwas über Mortimer und Miss Molly zu wissen. «E allora?, sagte Marco. Was machen wir jetzt mit ihnen? / Wir fühlen uns ein, sagte Julia. Wir versetzen uns in ihre Haut.» So beginnen die beiden, fasziniert von der starken Anfangsszene und dem magischen «giardino», ihr Projekt – versuchen mittels ihres Möglichkeitssinns und ihrer Empathie herauszufinden, wie es mit Mortimer und seiner Miss Molly weitergegangen sein könnte, als Stoff für Marcos ersten Film.

Dieser wird, so viel sei verraten, nie gedreht werden. Und doch wird dieses Projekt dieser jungen Liebe Dauer verleihen, für einige Jahre zumindest, in denen Julia und Marco immer wieder nach San Vito kommen und ihre Geschichte weiterspinnen. Bis irgendwann die Widrigkeiten einer Fernbeziehung und Marcos dominante Mutter übermächtig werden. Bis dahin – und vielleicht eines Tages ja wieder? – leben seine Protagonisten vor, was Peter Henisch zeitlebens vertreten hat, den kunstfeindlichen Provokationen seiner Generation, der 68er, zum Trotz: dass Literatur etwas «mit Befreiung zu tun haben sollte, mit Freiheit, auch mit Freiheit der Phantasie», wie er es einmal in einem seiner Interviews formulierte.
Vorbild, Nachbild

Damit bietet der neue Roman aber auch die Umkehrung zu der berühmten, eine Flut von Vater-Sohn-Geschichten initiierenden Kernaussage von Peter Henischs Romandebüt «Die kleine Figur meines Vaters» (1975): «Was du mir vorgelebt hast, mag ich nicht nachleben.» Nur: Wer ist hier Vor-, wer Nachbild? Wenn sich Julia und Marco vorstellen, und nicht nur vorstellen, wie sich Mortimer und Molly einst zum «Überleben und Überlieben» vor den Nazis in einem verfallenen Haus am Fluss versteckt und dort geliebt haben könnten – spielen sie diese Szene dann nach oder für ihr Filmprojekt einander vor? So kommt es in Henischs Roman zu einer aufregenden Verschränkung von Vergangenheit und Zukunft, für die der steinerne Januskopf im Renaissancegarten symbolisch steht. Und die noch dadurch verstärkt wird, dass auch der Erzähler, der mit seinen Voraus- und Rückblicken gekonnt immer wieder die Leselust anfacht, die Geschichte von Julia und Marco im Möglichkeitsmodus erfindet.

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Endlich wieder eine Liebesgeschichte
Heinrich Steinfest, Stuttgarter Nachrichten

Als ich kürzlich in Wien war, wo Peter Henisch seinen 70er feierte und ich ganz spontan Leute auf diesen Autor ansprach, ohne zu wissen, ob sie seine Bücher kennen oder lesen, kamen Äußerungen in der Art von „Ach, den hätte ich für jünger geschätzt!“ oder „Ach, der lebt noch!“. Wie auch immer, in Wien ist der Mann schon lange eine Legende, eine „Figur“, jemand, den man kennt, den Namen nur oder seine Bücher ebenso. In Deutschland hingegen kann schon geschehen, daß selbst Buchhändler fragen, wer das denn sei. Da ist sie halt wieder, die Grenze zwischen A und D, in deren Maschen manches steckenbleibt, was nicht steckenbleiben sollte, anderes durchschlüpft, was sich verfangen sollte. Nein, ich möchte nicht über Hansi Hinterseer sprechen. Sondern über das neue und ganz wunderbare Werk von Peter Henisch, der durchaus immer wieder vom deutschen Feuilleton gewürdigt wird, auch zweimal für den Deutschen Buchpreis nominiert war, aber den Lesern in deutschen Landen noch viel zu wenig ein Begriff ist. Dabei liest er sich – und in diesem Fall ist es ein Kompliment – ganz leicht.

Manche Unkenntnis mag auch mit dem recht austriakischen Hintergrund vieler seiner Geschichten zusammenhängen, diesmal ist es sicher anders. Die Erzählung beginnt in Italien und spielt in Italien, im Frühling 1944, im Zentrum eines Renaissancegartens, als dort ein amerikanischer Pilot mit seinem Fallschirm landet. In einem Garten, der die Form eines gleichschenkeligen Dreiecks besitzt. Oder eher die eines Deltoids? Er ist aus einem Jagdbomber gesprungen. Einer P-40 oder einer P-47? Solche Unklarheiten ergeben sich immer wieder – Siena oder Grosseto? Mai oder Juni? War unter den Katzen nicht auch ein Hund? –, doch die vielen Oders und Vielleichts und die Korrekturen mitten im Satz schaffen mehr eine Ruhe als ein Chaos. Die Fakten sind unscharf, aber die Feststellung von Uneindeutigkeiten glasklar. Und die Figuren unverwechselbar. Immer wieder fügen sich in den deutschen Text die originalen Aussprüche, in Italienisch, Französisch oder Englisch, mal direkt, mal indirekt übersetzt, mal ohne Übersetzung, mal kommentiert. Nie affektiert, immer verständlich. Die Sprachen klingen. „Una persona un po‘ fuori dal tempo, sagte Paolo. Eine Person etwas aus der Zeit? Mit anderen Worten: eine etwas anachronistische Figur? Aber wenn man es so übersetzte, ging die ganze Poesie des Satzes verloren.“ – So erklärt Henisch die Bedeutung des Satzes und leitet den Leser dann doch wieder zum so viel musikalischeren Original.

Der amerikanische Soldat Mortimer Mellows landet also in einer geometrisch geordneten Gartenmitte und landet unter den Augen der englischen Gouvernante Mary Kinley, genannt Miss Molly. Er sucht Deckung und findet solche in einem Haus in der umgrenzenden Mauer, flüchtet sich unter ein Gewölbe, welches Henisch als „Miss Mollys nach unten verlängerter Rock“ definiert und Miss Molly als „Mortimers Schutzmantelmadonna“ kennzeichnet. Diese nicht mehr ganz junge Madonna, sagen wir Mitte vierzig, wird Mortimer in damenhafter Manier retten. Wobei sie von der Maxime ausgeht, zu Fremden nett und freundlich zu sein, weil es sich schließlich um getarnte Götter oder Engel handeln könnte. (Oh ja, auf diese Idee sollten wir alle mal kommen.)

Vierzig Jahre später begegnet am selben Ort das Liebespaar Marco & Julia dem gealterten Mortimer Mellows, der ihnen bei einem guten Essen und viel Wein den Beginn dieser seiner Geschichte erzählt. Tags darauf ist er jedoch verschwunden, höchstwahrscheinlich als Resultat einer nicht verlängerten Aufenthaltsgenehmigung.

Der Erzähler Henisch wagt es also, auf Seite 58 seines Romans ausgerechnet jene Figur, die genau sagen kann, was geschehen ist, damals 1944, aus der Geschichte zu nehmen, eskortiert von zwei Carabinieris, vielleicht ein Stück nur, vielleicht bis nach Rom, wer weiß? Jedenfalls unauffindbar. Und darum also beginnen Marco und Julia, sich den Fortgang der Geschichte selbst auszudenken, inspiriert vom Ort, von San Vito, inspiriert von der eigenen Liebe. Sie versetzten sich in die fremde Haut, fühlen sich ein. Peter Henisch nennt es ein Buch, in welchem „exemplarisch über die Möglichkeit einer scheinbar unmöglichen Liebe reflektiert wird, Liebe als Wille und Vorstellung, auch gegen die scheinbare Übermacht der so genannten Wirklichkeit.“

Das erfundene San Vito zeichnet einen realen, in der Toskana gelegenen Ort wieder, der sich hier wie in einem leicht bewegten See spiegelt. Und es ist eine schöne Übereinstimmung, daß der wirkliche Ort über eine Kirche (Collegiata) verfügt, die ursprünglich dem heiligen Vito geweiht war. Ein Märtyrer und Nothelfer, der über dieser Geschichte wacht.
Durch dieses Buch spaziert ein Wie es hätte sein können mit einem Wie es gerade ist und einem Wie wir uns erinnern, daß es war, ohne daß dies aber einen Widerspruch oder ein kratzbürstiges Nebeneinander ergeben würde. Vielmehr resultiert daraus eine Verschränkung des Realen mit dem Erdachten und Spekulierten – wie bei einem Strickmuster aus Traum und Wirklichkeit (wobei man nicht sagen möchte, was davon konkreter ist).

Es ist so überaus passend, daß der junge Medizinstudent Marco (der, wenn‘s halt gar nicht anders geht, sich auf Augenheilkunde spezialisieren wird), fortgesetzt darüber nachdenkt, wie diese Geschichte in einen Film umzusetzen wäre. Mit sich selbst als Regisseur. Die Fiktion materialisiert sich in imaginierten Filmsequenzen eines zukünftigen Augenheilkundlers. Und so mancher Leser wird angeregt sein, sich vorzustellen, welche berühmten Schauspieler die Figuren dieses Romans verkörpern könnten. Natürlich entsprechend dem Alter der Figuren im Buch. Ich würde mir für Marco (Klischee hin oder her) Marcello Mastroianni aussuchen, für die junge Wienerin Julia mit ihrem schönen Französisch logischerweise Romy Schneider, für die Gouvernante Miss Molly am besten Deborah Kerr und für den jungen Mortimer Gregory Peck beziehungsweise den alten Mortimer Albert Finney (mit Bart). Letzterer lebt sogar noch. Und man kann ja heutzutage aus alten Filmausschnitten neue Dialoge basteln. Wie auch immer, Peter Henisch könnte jedenfalls – siebzig Jahre jung – das Drehbuch zu diesem filmreichen und filmreifen Roman verfassen. Bis dahin aber kann man sein Buch lesen und im Kopf sich seinen eigenen Film drehen.

Mortimer & Miss Molly ist ein Liebesroman und eine im besten Sinne des Wortes leichte Lektüre. Wie etwa eine zauberische Vorspeise einen sättigt, sodaß man gerne auf einen schweren Hauptgang verzichtet. Große Kunst, die einem jegliches Völlegefühl erspart.

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Liebe, Leid und Lust
Walter Grünzweig, Album - der Standard

Zu seinem 70. Geburtstag hat Peter Henisch einen komplexen Roman geschrieben, der zunächst wie eine unverfängliche Liebesgeschichte daherkommt. Das österreichisch-italienische Studentenpaar Julia und Marco verschlägt es zufällig nach San Vito, in ein Städtchen in der Toskana, das zum Ort ihrer sich entfaltenden Beziehung wird. Im Hotel treffen sie auf Mortimer, einen korpulenten alten Amerikaner mit Bart - il vecchio Hemingway -, der ihnen bei einem weindurchtränkten Abendessen eine unglaubliche Geschichte erzählt. Er sei im Frühjahr 1944 als junger Soldat bei einem Aufklärungsflug getroffen worden, konnte sich aber mit dem Fallschirm retten. Nach der Landung im Schlosspark von San Vito wurde er von der fast doppelt so alten englischen Gouvernante Miss Molly, die bei einer hochadeligen italienischen Familie arbeitete, versteckt - dies unter großem Risiko, denn San Vito war noch unter deutscher Besatzung.

Mortimer verspricht eine Fortsetzung der Erzählung, reist jedoch unter mysteriösen Umständen ab und überlässt es Julia und Marco, die Geschichte allein weiter- und, wenn möglich, fertigzuerzählen. Der Roman ist in der Hauptsache der Versuch des jungen Paares, sich mithilfe seiner Fantasie in die Geschichte von Mortimer und Molly hineinzufühlen. Im Laufe von fünf, sechs Sommern, die sie immer wieder in San Vito verbringen, versuchen sie, das Ganze in ein Drehbuch für einen möglichen Film zu verarbeiten. Die Rekonstruktion und Interpretation der Geschichte - das ist Henischs gelungener erzählerischer Kunstgriff - ist dabei gleichzeitig auf das Engste verbunden mit Julias und Marcos eigener, wechselvoller Beziehung.

Es beginnt damit, dass San Vito offensichtlich ein Spiritus Loci innewohnt, den sie für ihr sehr intensives Zusammensein brauchen. Treffen anderswo - in Verona, Turin oder Wien - fallen sexuell und touristisch katastrophal aus. Nur im renaissancedurchfluteten San Vito gelingt es ihnen, unter Ausklammerung ihrer sehr verschiedenen Lebenswelten, Herkunft und sozialen Erfahrungen, sich auf sich selbst zu konzentrieren. Die Beschränkung bzw. Fokussierung auf das alte Städtchen und seine wild-idyllische Umgebung erlaubt ihnen - wie ihrer Vermutung nach auch schon Molly und Mortimer 40 Jahre zuvor - eine außerhalb zivilisatorischer Zwänge liegende Liebesbeziehung zu führen. Es ist vor allem das gemeinsame "Fantasiespiel" der Erschließung der "Geschichte, die sich mit jedem Schritt, den sie ihr nachgingen, vor ihnen auftat", das die Beziehung am Leben erhält. Als Marco, inzwischen Augenarzt mit Karrieredrang, die Vermutung aufstellt, dass sie sich die Liebesbeziehung ihrer Vorgänger nur eingebildet haben könnten, wirft Julia ihm vor, ein "Scheißrevisionist" zu sein: "Du willst unsere Geschichte revidieren." Sein Bedenken, dass "die Wirklichkeit nun einmal etwas anders aussieht als die Illusion", beantwortet sie: "Umso schlimmer für die Wirklichkeit."

Es handelt sich aber keineswegs um eskapistische Verweigerung bzw. eine fantasiereiche Flucht vor der Realität. Vielmehr geht es in Henisch' scher Manier um die Rettung vor sumpfiger Verbürgerlichung. Die Arbeit an der Geschichte von Mortimer und Molly, gibt dem jungen Paar Freiheit und Spontaneität, und es ist kein Wunder, dass Marco die Arbeit an ihrem Projekt aufgibt, als er glaubt, sich den Zwängen der "Wirklichkeit" unterwerfen zu müssen. Als er die erotische Beziehung von Mortimer und Molly bezweifelt, bedeutet das für Julia das Aus für die Beziehung. Das letzte Wort ist allerdings nicht gesprochen - der Roman wartet mit einem überraschenden Ende auf.

Die Geschichte von Mortimer und Molly, die hier rekonstruiert wird, ist ganz und gar nicht harmlos. Es handelt sich um eine Liebesgeschichte im Krieg, mit Bomben, Partisanenerschießungen, verriegelten Sonderzügen aus Rom, die in die Vernichtungslager fahren. Auch Julias und Marcos Zeit weist politische Kontexte auf: Aldo Moros Entführung 1978 durch die Brigate Rosse etwa oder der neofaschistische Terroranschlag 1980 im Bahnhof von Bologna. 1944 ermöglicht die Ausnahmesituation in San Vito paradoxerweise die außergewöhnliche Erotik zwischen einem jungen amerikanischen GI und einer fast doppelt so alten Engländerin, aber es ist eine bedrohte, katastrophenumwehte, krisenhafte Idylle.

Stärker noch als sonst bei Henisch zeigt dieser Roman signifikante intertextuelle Bezüge. Die intensive körperliche Beziehung der kunst- und literaturverliebten Molly mit dem einfachen, aber sie anziehenden GI in einem verlassenen Holzhaus erinnert an D. H. Lawrence' Lady Chatterley-Roman, bei dem die Protagonistin den Zwängen ihres Standes zu entkommen sucht. Es finden sich Anklänge an und sogar wortwörtliche Zitate von Hemingway; der Name der Protagonistin Molly stellt eine Hommage an Joyce dar.

Am Schluss des Romans, der mit der totalen Sonnenfinsternis am 11. 8. 1999 zusammenfällt, erkennt man sogar eine Parallele zu Adalbert Stifter, dessen intensive Reaktion auf eine Sonnenfinsternis im Jahr 1842 im Text reflektiert wird. Das Ende der Himmelserscheinung in San Vito ist aber charakteristisch Henisch und gar nicht Stifter. Als die Sonne wieder am Himmel strahlt, sagt Marco: "Siehst du, wir haben sie wieder herbeigevögelt." Solche Bezüge sind nicht bloß literarische Spielereien für Wissende, sondern stellen eine Variante der Ästhetisierung mit durchaus politischem Hintergrund dar: Körperlichkeit und Naturerleben werden emanzipiert und wesentlich.

In einer verdinglichten, dem Zweckdenken absolut unterworfenen Welt hat die Zweckfreiheit politische Funktion. Mit seinem neuen Italien-Roman hat Peter Henisch eine intensive und prekäre Liebesgeschichte geschrieben, deren Lektüre Spaß macht und, man möchte es kaum glauben, Hoffnung vermittelt.

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Mit dem Fallschirm ins Leben.
Thomas Rothschild, Die Presse

Ein Pilot der US-Army und eine englische Gouvernante treffen 1944 in der Toskana aufeinander: „Mortimer & Miss Molly“. Peter Henisch verschränkt die Geschichte der beiden mit jener von Marco und Julia, die sich 40 Jahre später dort aufhalten. Ein politischer Liebesroman.
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Im Jahr 1944 ist der amerikanische Soldat Mortimer mit einem Fallschirm abgesprungen und im Garten einer kleinen Stadt mit Namen San Vito im Süden der Toskana gelandet. Von ihrem Fenster aus hat Miss Molly ihn dabei beobachtet. 40 Jahre später wohnen Marco und Julia in dem schäbigen Hotel Fantini, von dem aus man in den Garten sieht, in dem Mortimer, unter dem Fenster von Miss Molly, gelandet war.
Wer passt zu mir?

In seinem neuen Roman „Mortimer & Miss Molly“ verknüpft Peter Henisch die beiden Geschichten von Mortimer und Miss Molly und von Marco und Julia, über die Zeiten hinweg und aus einer Perspektive, die das Geschehen der einen wie der anderen Geschichte in die Vergangenheit rückt. Er erzählt sie in einem leichten, einem spielerischen Tonfall, fast wie eine mündliche Rede, die er erfindet, während er spricht. Er korrigiert sich, sucht nach Erinnerungen und Worten. Manchmal verlangsamt er das Tempo, beschreibt eine Szene wie in Zeitlupe. Details erhalten Bedeutung, Genauigkeit wird zum Prinzip.

Peter Henisch erzählt die Geschichte, aber er ist nur zum Teil der Erzähler. Mortimers Geschichte aus dem Zweiten Weltkrieg erzählt der alt gewordene Mortimer zunächst selbst. Dramaturgisch geschickt bettet Henisch die Ich-Erzählung in den Rahmen ein, der mehr als bloß Anlass für Mortimers Rückschau ist. Die Andeutungen, die Henisch einstreut, ehe Mortimer nach 50 Seiten mit seiner eigenen Erzählung beginnt, erzeugen erwartungsvolle Spannung, ohne zu viel zu verraten.

Doch Mortimers Erzählung bricht sehr schnell ab. Da seine Aufenthaltsgenehmigung abgelaufen ist, muss er buchstäblich über Nacht das Land verlassen. Marco und Julia müssen seine Geschichte, die Geschichte des amerikanischen Piloten und der englischen ehemaligen Gouvernante im Dienst einer italienischen Familie, nun auf eigene Faust recherchieren, und da sie damit nicht weit kommen, imaginieren. Marco, der lieber Filmregisseur als Arzt werden möchte, stellt sich, unterstützt von Julia, einzelne Szenen, Einstellungen, Übergänge vor. Das ist die Fiktion, denn natürlich ist es Peter Henisch, der die Geschichte erfindet. Und dahinter steht die Frage, die Literatur stets implizit stellt: Was ist die Wahrheit? Kommt es überhaupt auf sie an?

Peter Henisch ist, wie so viele, offenkundig in Italien, in die Toskana verliebt, von der Landschaft und dem Lebensgefühl verzaubert, aber selten wurden diese so präzise und zugleich beiläufig, unangestrengt beschrieben. Peter Henisch, den man sich aus irgendeinem Grund als ewigen Jugendlichen denkt, der aber in Wahrheit inzwischen das siebente Jahrzehnt vor sich hat, hatte zwar stets Humor, aber noch nie war er so heiter, schien das Ambiente so sonnendurchleuchtet wie in diesem Roman. Dabei geht es keineswegs nur fröhlich zu. Und selbst in jenen Passagen, deren Inhalt zu Sentimentalität verführen könnte, bleibt Henisch sachlich, nüchtern, fast scheu.

Das kann nicht ganz verhindern, dass sich die Liebesgeschichte zwischen Marco und Julia vorübergehend dem Klischee nähert, etwa so wie Richard Linklaters Film „Before Sunrise“. Das kann man mögen, man kann aber auch bedauern, dass man so lange auf die Fortsetzung der Mortimer-Molly-Handlung warten muss. Einmal sagt der Erzähler von Marcos Super-8-Kamera, dass er sie „während der folgenden Tage noch oft (und manchmal allzu oft) zum Einsatz“ gebracht habe. Diese Versuchung, alles festzuhalten, was es festzuhalten gibt, teilt Henisch mit seinem Helden. Manchmal wäre eine Ellipse für den Erzählfluss von Vorteil.

Im Übrigen verrät nichts das aktuelle Alter des Autors, der in Kürze einen runden Geburtstag feiert. Verdankt sich die Ausführlichkeit vielleicht dem Vergnügen, das ihm die Rückkehr in die (eigene) Jugend, jedenfalls beim Schreiben, bereitet? Der Roman hat acht Teile. Die ersten vier nehmen fast drei Viertel des Umfangs ein, die restlichen vier drängen sich im letzten Viertel. Henisch beschleunigt die Erzählung, rafft die Zeit innerhalb der Marco-Julia-Handlung, als fürchtete er, der Leser könnte die Geduld verlieren. Inzwischen kennt dieser San Vito recht gut. Man kann nicht auf die Dauer in Begeisterung schwelgen, nicht einmal über die Toskana, jedenfalls nicht bei der Lektüre eines Romans.

Freilich wäre Henisch nicht Henisch, wenn er sich in ein Idyll flüchtete, wenn er seinen politischen Verstand, der ihn durch sein gesamtes Werk begleitet hat, plötzlich in den Ruhestand versetzte. Der Wiener Autor, von dem man mit Fug und Recht sagen darf, dass er der österreichische Schriftsteller der Achtundsechziger-Generation par excellence ist, ist sich auch im Alter treu geblieben. Das macht ihn nicht nur sympathisch – es kommt seiner Literatur auch zugute. Sie wirkt in jeder Zeile redlich, authentisch, frei von Spekulation. Der Gedanke an das „Marketing“, das für viele Jüngere zum leitenden Ideal geworden ist, scheint bei Henisch nicht aufzukommen. Er war innerhalb der österreichischen Literatur immer ein wenig Außenseiter, und er ist es geblieben. Man kann ihn keiner Gruppe und keiner Schule zuordnen. Henisch ist immer nur Henisch.

Das Politische kommt manchmal ganz beiläufig daher, nebenbei, und dann umso wuchtiger. An einer Stelle wird ein Bauer erwähnt, ein Busnachbar Mollys: „Ihn haben die Faschisten nicht mehr in den Krieg schicken können, aber seine Söhne. Der eine ist in Afrika gefallen, der zweite ist in Russland erfroren, den dritten, der geglaubt hat, davongekommen zu sein, haben die Deutschenin irgendeines von ihren Lagern deportiert.“ Die Schrecken des Krieges und des Faschismus in einem Satz.

Nach diesem Auftritt verschwindet der Bauer aus dem Roman. Aber auch in diesem Buch thematisiert Henisch die politischen Erfahrungen seiner Generation, in einer Beschreibung etwa des Fests der italienischen kommunistischen Zeitung „Unità“ in San Vito. Würde man eine Liste der im Roman erwähnten Bücher und Filme zusammenstellen, erhielte man ein Leseprofil, das nichtnur auf Henisch, sondern auf viele Achtundsechziger passt.

An einer anderen Stelle steht ein Satz, den man Henisch als Motto zuschreiben könnte: „Dass Liebe vielleicht etwas mit Widerstand zu tun hatte.“ Er verbindet das Privateste mit dem Politischen, auch wenn „Widerstand“ im gegebenen Kontext gar nicht auf Politisches zielt. „Mortimer & Miss Molly“ ist ein Liebesroman (wenn man dabei nicht an Marlitt oder Courths-Mahler denkt) und ein politischer Roman in einem. Er ist ein Roman von Peter Henisch.

Spät, sehr spät kommt ein Doktor Tozzi ins Spiel. Er scheint der Geschichte eine ganz neue Richtung zu geben. Aber davon soll nichts verraten werden. Das wäre Spielverderberei.

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Philanthropische Erzähler wie Peter Henisch sind rar geworden.
Sebastian Fasthuber, Salzburger Nachrichten

Mit einem Absturz beginnt das neue Buch Peter Henischs. Ein Fallschirmspringer landet in einem wunderschönen Renaissancegarten in einem kleinen toskanischen Ort. Ein idyllisches Bild? Nicht ganz, denn man schreibt das Jahr 1944 und der Mann ist Pilot eines US-Bombers, der abgeschossen worden ist. Liebe in Zeiten des Krieges: Eine Frau beobachtet vom Fenster aus den Fallschirmspringer und versteckt ihn bei sich. Obwohl diese als Gouvernante in Italien hängen gebliebene Engländerin viel älter ist als der Soldat, entwickelt sich etwas zwischen den beiden.

„Mortimer & Miss Molly“ ist keine einfache, sondern eine doppelte und auch noch verzwickte Liebesgeschichte. Denn Henisch verknüpft die Geschichte der beiden mit der eines jungen italienisch-österreichischen Liebespaars: Marco aus Turin und Julia aus Wien urlauben 30 Jahre später in jenem toskanischen Ort und lernen den alt gewordenen Mortimer kennen. Eines Abends beginnt er, von sich und Miss Molly zu erzählen, am nächsten Morgen ist er verschwunden. Die beiden müssen sich ausmalen, wie die Geschichte Mortimers und Miss Mollys weitergegangen sein mag.

All das lässt sich auch als erzählerisches Credo des Autors lesen, als ein Spiel mit den Möglichkeiten und eine Feier des Erzählens. Es gibt heute kaum jemanden sonst, der einen Text derart virtuos aufzubauen versteht wie Peter Henisch agiert im neuen Roman „Mortimer & Miss Molly“ erneut auf der Höhe seiner Kunst. Heute, Dienstag, feiert Peter Henisch seinen 70. Geburtstag. Viel Aufhebens will er nicht darum machen. Nicht dass es ihm unangenehm wäre, „das dreißigste Jahr“, mit dem Ingeborg Bachmann einst das Ende der Jugend ansetzte, merklich überschritten zu haben. Aber ein runder Geburtstag bringt mit sich, den Blick in die Vergangenheit zu richten.

Peter Henisch ist viel zu sehr mit der Gegenwart beschäftigt, um darin eine Verlockung zu erblicken. Beim Besuch in seiner Wiener Wohnung sieht er die Druckfahnen eines in Kürze erscheinenden Sammelbands mit Artikeln, Essays und Reden durch. Und in Gedanken befindet er sich immer noch in seinem jüngsten Roman „Mortimer & Miss Molly“, der soeben veröffentlicht worden ist.

Über die Jahre ist er wahrscheinlich der beständigste österreichische Autor. Er versteht sein Handwerk als Erzähler und er verfügt über eine treue Leserschaft. Den Erfolg hat der Mann, der sich stets von literarischen Moden fernhielt („Außenseiter aus Passion“ wird erwähnter Essayband auch heißen), aber nie gefeiert. „Macht nichts, sonst wäre ich höchstens satt geworden“, sagt er. „Man muss nur wissen, worauf man sich als Autor einlässt. Mir ist die Bezeichnung freischwebender Schriftsteller lieber als freier Schriftsteller, denn man kann jederzeit abstürzen.“

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Beate Tröger, Frankfurter Allgemeine Zeitung (Literaturbeilage zur Buchmesse)
Walter Grünzweig, der Standard 10.09.2011
Rainer Moritz, Die Presse 1.10.2011
Michaela Schmitz, Deutschlandfunk 30.11.2011
Thomas Jorda, Interview in BESTE SEITEN, Extrablatt der österreichischen Zeitungen und Magazine zur Buch Wien 11
Günther Eisenhuber (der das Buch lektoriert hat) interviewt seinen Autor (Residenz Magazin)
Cornelius Hell, Einleitung zur Präsentation im Theater(café) an der Wien
Christian Schacherreiter, Oberösterreichische Nachrichten
Sebastian Fasthuber, Now! 28.11.2011

 
Im Gefühlskraftwerk klassischer Musik
Beate Tröger, Frankfurter Allgemeine Zeitung

Wie Franz und Herta wurden, was sie sind: Peter Henisch erzählt tragikomisch vom Ende einer alten Ehe.

Sie heißen Franz und Herta. Nicht etwa Loriot hat sich die Namen für dieses Ehepaar ausgedacht, sondern Peter Henisch. In seinem jüngsten Roman erzählt er von Franz Novak, bei der Post angestellter Mittfünfziger, und dessen Frau Herta, wenig jünger und Betreiberin eines dörflichen Friseursalons. In über dreißig Jahren haben Enttäuschungen und Missverständnisse ihre Ehe mit Mehltau überzogen. Zumindest der duldsame Franz scheint sich, briefmarkensammelnd und von Höherem träumend, damit abgefunden zu haben.

Doch eines Tages bringt ein kleiner Stein eine Lawine aufgestauter Gefühle ins Rollen. Ein Gallenstein läßt Franz nicht nur auf einen lautstarken Zimmernachbarn treffen, sondern auch auf die indonesische Krankenschwester Manuela mit der sanften Stimme, die ihm ein probates Mittel gegen den volksmusikhörenden Schnarcher im Nebenbett zur Verfügung stellt: einen Kassettenrekorder mit Kopfhörern, dazu eine Sammlung von Opernarien. Ausgerechnet diese musikalische Gattung, die nicht nur bei Novak im Ruch des Dünkelhaften steht, wirft in Kombination mit Manuelas schwesternkittelverhüllter Erotik den am Lärm Leidenden endgültig aus der Bahn. In Verbindung mit einer zarten Abschiedsberührung von Manuelas Brust, die Henischs tragikomische Hauptfigur womöglich nur erträumt hat, versperrt die erwachende Leidenschaft für die Oper den Rückweg in sein altes Leben.

Mit der Figur der Herta, ihrer schrillen Stimme, ihrer aufgesetzten Fröhlichkeit, ihren Tiraden gegen die neue musikalische Leidenschaft ihres Gatten, ihren ausländerfeindlichen Intrigen gegen die Krankenschwester, mutet Henisch nicht nur Novak, sondern auch seinen Lesern einiges zu. Bitterböse könnte man die Zeichnung dieser Frau nennen, fast schablonenhaft altherrenkriselnd auch Novaks späten Ausbruch, schiene nicht in dem wechselweise die Innensicht der Figuren abbildenden Erzählen hin und wieder auf, dass das Leben selbst Herta und Franz zu dem hat werden lassen, was sie sind. Weniger die grosse Katastrophe als eine Kette von kleinen haben das Ehefaß zum Überlaufen gebracht.

Peter Henisch, der seit Jahren leichthändig und hintersinnig mit akribischem Blick für die Verästelung der Psyche seiner Figuren erzählt, erspart diesem Paar nichts. Doch „großes Finale für Novak“ ist auch eine Hommage an die Oper. Bearbeitet würde ein hervorragendes Libretto daraus: Zum garstigen Hin und Her zwischen Franz und Herta, zu der zarten Zuneigung zwischen Franz und der Krankenschwester, die von Herta genauso brutal zertrennt werden, wie sie ihrem Franz beim Hören einer Oper den Stecker aus der Steckdose reißt – zu all diesen Szenen wären Trompeten-, Pauken- und Streicherklänge, spitze Sopran- und tiefe Bass-Arien denkbar. Dabei gleitet Henischs Ton nie ins Pathetische ab, die Nuancen ergeben sich aus der Genauigkeit des Erzählens.

Aufgeräumt wird auch mit Vorurteilen gegen die Oper, die am Ende den einzigen Sieg davonträgt. Immer mehr Verschüttetes holt sie aus Novak hervor, wirkt be- und entzaubernd. Über diese Erlebnisse geht die wundersame Wirkung des Klangs, die Peter Henisch schon in „Eine sehr kleine Frau“ beschworen hat, unweigerlich auch auf den Leser über.

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Töne rütteln Leben durch
Walter Grünzweig, der Standard

Genau darauf musste man doch seit einiger Zeit vorbereitet sein: Nachdem drei oder vier Jahrzehnte lang der klassische kulturelle Kanon ‚hinterfragt’ worden war, bis er nicht nur nicht mehr gültig war, sondern vor allem nicht mehr gelesen, gehört und gesehen wurde; nachdem man stattdessen die gesellschaftlich ‚relevante’ Alternativ- und Populärkultur insbesondere in der Musik zum unumschränkten Leitmedium ausgerufen hatte und damit wissentlich oder unwissentlich der konsequenten Kommerzialisierung und ästhetischen Verflachung Vorschub leistete, begegnen wir nun im neuen Roman von Peter Henisch ausgerechnet der Oper als Trägerin einer neu entstehenden Gegenkultur.

Zentrale Figur dieser Kulturrevolution ist, nur Henisch ist solches zuzutrauen, ein niederösterreichischer Postler. Nach einer Gallenoperation – das Organ verweist auch auf Franz Novaks Lebensstimmung – hält er die Geräusche seines Zimmernachbarn nicht mehr aus und wird von einer mitfühlenden philippinischen Krankenschwester mit Kassettenrekorder und Opernmusik versorgt. Langsam, aber sehr konsequent nähert er, für den „der Kontinent Oper bis dahin ein weißer Fleck auf seiner Landkarte“ war, sich dieser Musik; ihre Wirkung jedoch ist „nachhaltig“. Dass die musikalische Erfahrung des 55-Jährigen auch mit der Aura der jungen Schwester zu tun haben könnte, die, ganz sicher kann man sich da nicht sein, Novaks Hände zum Abschied möglicherweise an ihre Brust geführt hat (ein extrem sparsamer und gerade dadurch sehr suggestiver sexueller Moment, wie er bei Henisch immer wieder mal auftaucht), erscheint klar. Aber es wäre ein Fehler, Oper und Erotik auseinander zu dividieren, denn nur zusammen entwickeln sie in diesem Roman ihre überraschende Wirkung.

Deutlich wird die subversive Konsequenz der musikalischen Großform jedoch erst nach Novaks Entlassung aus dem Krankenhaus und seiner Rückkehr in die Ehe – in einem ausgebauten Schrebergartenhaus an der Peripherie der Wiener Peripherie. Denn Ehegattin und Friseuse Herta kennt angesichts der neuen, alternativen Anwandlungen ihres bald auch zwangsfrühpensionierten Gatten keinerlei Pardon. Sie entnimmt ihre Lebensphilosophie den Illustrierten ihres Salons, ihre radikale ausländerfeindliche Einstellung dem Boulevard und ihre Klischeehaftigkeit und extreme Konventionalität ihrer kleinbürgerlichen Umgebung. Ihre unerträglich schrille Stimme – sie steht in ironischem Gegensatz zu den hohen Lagen der Oper – wird entscheidend zu den Gallensteinen ihres Mannes beigetragen haben. In Herta Novak begegnen wir einer Figur, deren bösartige Konsequenz fast schon unfair ist, auch wenn sich der Roman (vergeblich) bemüht, hin und wieder auch ihre Sicht der Situation zu zeigen. Schlimm, dass diese Haltung kulturell nicht nur zur deutschsprachigen Schlagermusik passt, sondern dass auch Tina Turner und Joe Cocker in diese Welt assimiliert werden können.

Nicht assimiliert werden jedoch kann die Oper. Für Herta Novak ist diese Musik „abartig“ (!), ihr Mann ist auf „Irrwege“ geraten und es muss ihm daher geholfen werden. Die Callas ist eine „Millionärsschlampe“, deren Stimme zu Recht abhanden gekommen sei – „warum hatte sie auch so hoch singen müssen?“ Ganz richtig vermutet sie, dass ihr Mann sich an diesem „Geschmettere und Gegirre, das sie aufs Blut nicht ausstehen konnte“, regelmäßig „aufgeilen“ würde. Ihre Gegenmaßnahmen fokussiert sie mit xenophober krimineller Energie auf die philippinische Krankenschwester, die aufgrund dieser Verleumdungen ihre berufliche Existenz und ihre Aufenthaltsberechtigung verliert.

Dies alles bestärkt jedoch den Postler Novak – „der Neue“ – auf dem Weg zum neuen Menschen. Er weigert sich, den inzwischen verhassten Garten auf „anständige“ Weise zu mähen und verwendet stattdessen eine alte Sense. War er bislang ein hilfloser „Ehekrüppel“, so bricht er nun aus den kleinbürgerlichen Zwängen aus, um der „Gattinnenliebe zu entgehen“. Spät aber doch entdeckt er, dass er nicht bloß ein sexueller Mensch ist, sondern vor allem auch über Leidenschaft und tiefe Sehnsucht verfügt – Letzteres ist ein Leitmotiv des Buchs. Dabei wird das Opernhören zur heiligen Handlung, im Unterschied zur „profanen“ Populärmusik, die ihm immer widerwärtiger wird.

Sicher geht es hier um midlife crisis, sicher auch um den Ausbruch des älter werdenden Kleinbürgers. Aber wenn Franz Novak sich aus dem Ex-Schrebergartenhaus mit dem Zettel „Liebe Herta. Ich glaube es ist richtiger so“ in eine Fremdenpension in Wien verabschiedet, um sich dort mit Kopfhörer und CD-Player voll und ganz der Oper zu widmen, kommt hier etwas Neues zum Vorschein, eine explosive kulturelle Kraft, die in der Lage ist, persönlichkeitsbildend zu wirken. Sie ist, so macht dieser Roman überzeugend klar, auch ein Gegengewicht zur bedrückend allgegenwärtigen Ausländerfeindlichkeit dieser österreichischen Lebenswelt, die dem Autor und Menschen Peter Henisch ein so wichtiges politisches Anliegen ist. Das feurige, tragikomische „Finale für Novak“, das hier sicherlich nicht verraten werden wird, steht damit symbolisch für das gesamte Buch – auch wenn der Schluss (wann eigentlich nicht bei Henisch?) zwiespältig bleibt.

Der Musikkritiker und Professor für Musikjournalistik Holger Noltze hat in seinem im vergangenen Jahr erschienenen, provokanten Buch Die Leichtigkeitslüge die These aufgestellt, dass die Hochkultur, insbesondere die Oper, aufgrund der populärkulturellen Simplifizierungswelle ihre Kraft verloren habe. Wenn man dem traditionellen Kanon wieder die Komplexität zuschreibe, die er verdient und auch erfordert, biete er dem flachen, durchkommerzialisierten Leben unserer Gegenwart große Chancen: Kultur muss wehtun dürfen! Diese an der Frankfurter Schule orientierte Möglichkeit der Hochkultur wird von Henischs außergewöhnlichem Roman quasi aus der Gegenrichtung bestätigt. Der Postler Novak kommt vollkommen unbedarft zur Oper, aber erarbeitet sich deren Komplexität und deren die Widerlichkeit der engen Welt überwindendes Sehnsuchtspotenzial ohne fachliche Anleitung – allein durch die Zuwendung der Krankenschwester und intensives Hören. Dieser autonome Weg zur kulturellen Bildung ist zunächst einmal romanhaft und auf keinen Fall ein Massenphänomen. Die Vereinigung von demokratischem und künstlerischem Anspruch ist jedoch erfrischend und lässt hoffen: Mit seiner detaillierten musikalischen Konkretheit kann das Buch sogar auch als Einführung ins große Musiktheater dienen. Großes Finale für Novak ist ein Roman der Oper mit einem Notausgang – einem Ausweg aus der Gefangenschaft im Kommerz und der damit verbundenen politischen Dummheit.

 

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Im Bett mit der Oper
Rainer Moritz, Die Presse

30 Jahre hatten es Franz und Herta Novak miteinander ausgehalten. Und dann das. Über die Feinhörigkeit eines Früh
pensionisten: Peter Henischs „Großes Finale für Novak“ – Roman eines Opernliebhabers.

Längst haben wir uns daran gewöhnt, dass Ehen kein Leben lang halten und die Scheidungsquoten kontinuierlich steigen. Da die Literatur oftmals nicht umhin kommt, die sozialen Gegebenheiten der Gegenwart zu spiegeln, tummeln sich in ihr unentwegt Paare, die auf mehr oder minder unschöne Weise auseinandergehen. Um zu dem Entschluss zu gelangen, getrennte Wege zu gehen und das Sakrament der Ehe in Zweifel zu ziehen, bedarf es heute nicht mehr wie in „Madame Bovary“ oder „Effi Briest“ klandestiner Seitensprünge. Ob ein hochgejubelter Roman wie Charlotte Roches „Schoßgebete“, dessen Heldin danach trachtet, ihre Ehe mit variantenreichem Sex zu retten, Schule machen wird, darf bezweifelt werden. Sich nicht verstehende Paare und Patchworkkonstruktionen aller Art werden sich – diese wenig kühne Prognose sei gewagt – in der Literatur immer weiter verbreiten.

Dankbar nimmt man folglich wahr, dass Peter Henisch in seinem neuen Roman keine weitere Besichtigung jener Ehehöllen unternimmt, die Ingmar Bergman und seine Nachfahren so eifrig beschrieben haben. Gewiss, auch „Großes Finale für Novak“ handelt von der heftig endenden Zerrüttung einer Ehe. 30 Jahre immerhin hatten es Franz und Herta Novak miteinander ausgehalten, sich ein Schrebergartenhaus vor den Toren Wiens zum Refugium ausgebaut, einen mittlerweile ins Ausland entschwundenen Sohn großgezogen und sich nicht mehr und nicht weniger zu sagen als andere altgediente Eheleute.

Auslöser des jähen Sinneswandels ist ein Spitalsaufenthalt. In typisch männlicher Einstellung hatte der 55-jährige Novak Alarmsignale seines Körpers ignoriert, sodass er sich eiligst einer Gallensteinoperation unterziehen musste. Den Lärmbelästigungen eines Bettnachbarn entgeht der Patient nur dadurch, dass er sich bei einer jungen indonesischen Krankenschwester, Manuela Mandra, Kassetten mit Opernmusik und das dazugehörende Abspielgerät ausleiht. Fortan taucht Novak in die Welt von „La Traviata“ und „La Bohème“ ein – was ihn selbst überrascht, da er und seine Gemahlin dieses Musikgenre zuvor strikt abgelehnt haben. Novak entwickelt mit einem Mal eine „neue Feinhörigkeit“, begleitet von einer nicht nur platonischen Sympathie für die attraktive Pflegerin. Kaum ist er aus dem Spital entlassen, verändert sich seine Welt: Die Gemütlichkeit des Eigenheims stört ihn zunehmend; Rasenmähergeräusche vermag er nicht zu ertragen, sodass er das Grün vor dem Haus altmodisch mit einer Sense zu trimmen versucht, und die schrillen Vorhaltungen der Gattin tragen gleichfalls nicht zum Wohlbefinden bei. Diese ist geübt genug, um den neuen musikalischen Vorlieben ihres Mannes zu misstrauen und dahinter die Einflüsterungen einer Nebenbuhlerin zu wittern.

Als Novak zudem mitgeteilt wird, dass seine Stelle im Postamt einer Rationalisierung zum Opfer fällt und er sich auf ein Frühpensionistendasein einzustellen hat, geraten die jahrelang eintrainierten Abläufe im Hause Novak komplett durcheinander. Während Herta wie zuvor ihren mäßig florierenden Friseursalon betreibt, nutzt Franz seine neue Freiheit aus, unternimmt Wanderungen und arbeitet sich, während seine Gedanken um Schwester Manuela kreisen, in den Reichtum der Operngeschichte ein.

Peter Henisch hat einen bedächtig voranschreitenden Roman geschrieben, der immer wieder die Perspektive wechselt und abzubilden versucht, was sich in den plötzlich verwirrten Köpfen seiner Mittelschichthelden tut. Herta Novak nimmt dabei zwangsläufig den schwächeren Part ein. Ressentimentgeladen verfällt sie bei jeder Gelegenheit in Fremdenhass und kann in Manuela nicht mehr als eine „asiatische Zuckerpuppe“ sehen, die ihrem armen Mann den Kopf verdreht und wohl ohnehin einem Nebenjob als Prostituierte nachgeht. Voller Missgunst macht sie sich auf, Manuela bei der Krankenhausdirektion anzuschwärzen – eine Maßnahme, die von Erfolg gekrönt ist und Franz' zaghafte Versuche, wieder Kontakt zu seiner musikalischen Lehrmeisterin aufzunehmen, scheitern lässt.

Wie der Roman enden und was der einst „guten Gefährtin“ Herta zustoßen wird, ahnt der Leser früh. Auf diese Zuspitzung kommt es indes nicht an, denn im Grunde will Peter Henisch die erstaunliche Geschichte eines Menschen erzählen, der sich unverhofft von hoher Kunst „tief in seinem Innersten“ angesprochen fühlt und seinem Leben eine neue Richtung geben möchte. Der „treue Ehekrüppel“ Novak merkt, dass – nachdem ein Ausbruch in eine Fremdenpension ein unrühmliches Ende findet – eineRückkehr in die alten Gewissheiten nicht mehr möglich ist, dass er dem „falschen Frieden“ zu Hause misstrauen muss.

Und weil ein solcher Lebensumschwung eher eine Seltenheit darstellt, greift Henisch zu erzählerischen Mitteln, die dieser Prosa eine bewusste, Novaks Bewusstseinsprozess nachzeichnende Langsamkeit einflößen. Retardierende Momente beherrschen den Gang der Geschichte, unterbrochen von Alltagsbeschreibungen, die von feinem Humor durchzogen sind. Manchmal hart am Klischeeabgrund angesiedelt, fasst der Text das späte Scheitern einer Ehe in genau beobachtete Dialoge. „Jetzt, wo du nicht da bist, geht mir etwas ab“ – so etwa lautet die vehementeste Liebeserklärung, die Herta über die Lippen kommt. Und mit Vergnügen registriert man, dass auch in österreichischen Marktgemeinden die Erkenntnisse der Moderne, wenn auch mit einiger Verspätung, Einzug halten: „Vielleicht war das ja ein Appell seines Unterbewusstseins. Sie hielt sonst nicht viel von diesem Psychogeschwafel, aber über das Unterbewusstsein (oder hieß es das Unbewusste?) stand so viel in den Illustrierten, dass sie es inzwischen doch irgendwie akzeptiert hatte. Womöglich gab es das wirklich.“

Wo es Peter Henisch gelingt, Wehmut und Komik derart zu mischen, erweist sich sein Roman als intelligente, anregende Lektüre. Dass diese manchmal von einer gewissen Betulichkeit getrübt wird, hat damit zu tun, dass Franz und Herta Novak offenkundig an Frühvergreisung leiden. Für einen Mittfünfziger ist der pensionierte Postmann von eigentümlicher, ja quälender Unbeweglichkeit, und auch Gattin Herta, eine Frau von gerade mal 48 Jahren, könnte man sich mühelos als Altersheimbewohnerin vorstellen. Mehltau liegt über diesem Leben, und ob „Hoffmanns Erzählungen“ oder „Die Zauberflöte“ da wirklich Abhilfe schaffen, darf bezweifelt werden.

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Oper als Heilmittel
Michaela Schmitz, Deutschlandfunk

Der österreichische Schriftsteller, Journalist und Musiker Peter Henisch meint es ernst mit der Ironie. Sie ist ihm Motor der Erkenntnis und steht auch im Zentrum seines neuen Buchs "Großes Finale für Novak".

Wer nicht fühlen will, muss hören. Oper zum Beispiel. Für manch einen ist das Strafe genug. Auch für Franz Novak. Zumindest galt das bis zu seiner Gallenoperation. Knapp war es gewesen. Sehr knapp. Er hatte ja nicht auf seine Schmerzen hören wollen. Jetzt lag er also im Spital und hörte Oper. Ausgerechnet Oper! Zum einen war es das einzige, was die akustisch aufdringliche Körperlichkeit seines Bettnachbarn übertönen konnte. Zum anderen war es Schwester Manuela gewesen, die ihm ihre privaten Aufnahmen als akustisches Heilmittel zur Verfügung gestellt hatte. War nicht vielleicht der exotisch sinnliche Charme der indonesischen Schwester der eigentliche Auslöser für die ihm bislang völlig unbekannten Gefühle beim Opern-Hören?

Bei seiner Frau jedenfalls hatte der 55-jährige Postler in den vergangenen dreißig Ehejahren nie Vergleichbares empfunden. Nun zeigte Herta auch deutlich mehr Talent fürs dramatische als fürs lyrische Fach. Nicht selten hob sich ihre Stimme bei regelmäßigen theatralischen Auftritten im ausgebauten Schrebergartenhaus in unangenehm schrille Regionen. Und als Novak auch nach der Rückkehr aus dem Spital nicht von seiner neu geweckten Opern-Leidenschaft lassen will, werden bei der niederösterreichischen Elektra schließlich sämtliche Rachegeister lebendig.

Spätestens, nachdem der unerwartet in Früh-Ruhestand versetzte Novak zu Hause auszieht, um endlich ungestört in einer städtischen Pension seiner neuen Passion nachgehen zu können: Opern zu hören und Briefe an Schwester Manuela zu schreiben, ohne sie je abzuschicken.

Von blinder Eifersucht getrieben, überlässt Herta daraufhin ihren Friseursalon den Aushilfen und führt einen unbarmherzigen Rachefeldzug gegen Schwester Manuela. Mit Erfolg. Als Franz Novak bei seinem ersten Opernhausbesuch der "Madame Butterfly" Schwester Manuela im Publikum entdeckt und ihr nach der Vorstellung hinterhereilt, will sie ihn nicht wiedererkennen. Aller Lebensgeister beraubt, zieht sich Novak in seine Pension zurück und verlässt das Bett nicht mehr. Bis Herta ihren seelisch und körperlich verwahrlosten Franz zu sich nach Hause zurückholt. Was dieser erst später erfährt: Hertas Verleumdungen der Schwester im Spital und bei der Polizei haben Manuela Arbeit und Aufenthaltsgenehmigung gekostet.

Als Novak auf die Wahrheit stößt, bricht er auf der Stelle seinen kalten Opern-Entzug ab, legt die nächste CD ein und dreht die schmetternden Arien auf volle Lautstärke. Herta glaubt er allein auf dem Weg nach Teneriffa. Doch ihr Flug wird gecancelt. Plötzlich steht sie vor der Tür. Und tut, was man von ihr erwartet: Sie zieht den Stecker. Ein starker Auftakt zur dramatischen Ouvertüre für Novaks großes Finale. Der Ausgang? Der wird nicht verraten. Nur so viel: Am Ende sieht man Novak mit seinen Opern-CDs unterm Arm den verschneiten Aussichtsturm des Hausbergs ersteigen ...

Peter Henischs "Großes Finale für Novak" ist zweierlei: Libretto für eine dramatisch-komische Oper und Anti-Bildungsroman. Motor der gesellschaftskritischen Roman-Oper von tragischer Komik ist die ironische Konfrontation der sogenannten kleinen Leute mit den großen existenziellen Themen Liebe und Tod. Die bewusst grob geschnitzten Figuren treten - wie bei der Commedia dell'arte - als komische Darsteller bis zur Karikatur überzeichneter Typen auf. Novaks beleibter Spitalnachbar Kratky ist das typische Modell des derben bierseligen Volksvertreters. Der Freund deftiger Witze und scheppernder Volksmusik gibt mit seinen unappetitlichen Körpergeräuschen den Generalbass vor. Schwester Manuela erscheint als rettender Engel. Sie bringt Novak die Oper als Zaubermittel gegen Kratky. Die passionierte Opern-Botschafterin vertritt die Kunst als produktive ästhetische Haltung gegen den Tod. Nicht erst in der Aufführung der "Madame Butterfly" erscheint Novak die zarte Gestalt Manuelas im türkisgrün schimmernden Kleid mit dem aparten Schönheitsmal auf goldfarbener Haut beinahe überirdisch schön. Wie auf der Jagd nach einem exotischen Schmetterling versucht Novak seiner "Madame Butterfly" nach der Aufführung über Treppen und durch Gassen hinterherzueilen. Doch seine Liebesbotin und Schönheitsgöttin fliegt ihm davon. Störenfried ist Novaks Ehefrau Herta. Sie tritt als eifersüchtiger Racheengel auf die Bühne. Mit boshaften Intrigen und unerbittlicher Gattinnenliebe versucht sie jeden Befreiungsversuch Novaks im Keim zu ersticken. Die fremdenfeindliche Haarsalon-Königin steht für die gnadenlose Sanktionierung des Individuums durch die Gesellschaft. Franz Novak schließlich ist der klassische Typ des überangepassten Beamten. Erst mit der Welt der Oper lernt er etwas bislang Unerhörtes kennen. Novak wird hellhörig, im wahrsten Sinne des Wortes. Alltagsgeräusche werden ihm zur Qual. Den Gesängen der Amseln dagegen lauscht er plötzlich mit wachem Ohr. Wer nicht fühlen will, muss eben hören. Wer aber zu hören lernt, kann auch wieder fühlen - die Grundvoraussetzung selbstständigen Denkens und Basis jedes individuellen
Handelns.

In Henischs "Großes Finale für Novak" wird Oper zum pädagogischen Heilmittel gegen die herrschenden individualitätsfeindlichen Verhältnisse. Henischs Opern-Krimi ist ironischer Anti-Bildungsroman, dramatisch-komisches Musik-Theater und Räuberpistole in einem. Die Komik der ironischen Dialoge und scherenschnittartigen Figuren überzeugt besonders in der ersten Hälfte. Danach rückt der Humor manchmal ein wenig zu weit hinter die gesellschaftskritische Operndidaktik zurück.

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Interview
Thomas Jorda, in BESTE SEITEN, Extrablatt der österreichischen Zeitungen und Magazine zur Buch Wien 11

Jorda: Herr Henisch, Sie sind mit 68 Jahren bedeutend älter als Ihr Held. Franz Novak ist erst 55.

Henisch: 55 ist auch nicht mehr ganz jung. Außerdem ist 68 eine gute Zahl.

Jorda: Warum denn das?

Henisch: Sie erinnert mich an ein Jahr, das in meiner Generation eine gewisse Rolle gespielt hat.

Jorda: Haben Sie mit Ihrem Novak etwas gemeinsam?

Henisch: Ich habe mich in die Haut des Herrn Novak versetzt, wie ich mich immer in andere Rollen hinein denke. Manche Protagonisten sind mir allerdings wesentlich näher gestanden als der Franz Novak. Aber ich kann mir ganz gut vorstellen, was in einem Menschen wie ihm vorgeht. Und das habe ich zu Papier gebracht.

Jorda: Worin unterscheiden Sie sich von der Titelfigur Ihres Romans?

Henisch: Novak ist konfliktscheu, vor allem seiner Frau gegenüber. Das bin ich nicht.

Jorda: Das heißt, Sie hätten sich rechtzeitig gewehrt?

Henisch: Ich habe mich rechtzeitig gewehrt.

Jorda: Sie nennen Ihren Protagonisten meist beim Nachnamen. Was will uns der Name Novak sagen?

Henisch: Novak ist ein Allerweltsname und passt zu einem ganz einfachen, ganz gewöhnlichen Menschen. Ich sehe aber in Novak nicht nur irgendeinen volkstümlichen Österreicher. Ich habe ja auch in dem Buch nirgends ausdrücklich von Wien und Umgebung geschrieben, obwohl bisher alle Kritiker den Roman dort angesiedelt haben. Ich denke, dass dieser Roman nicht nur in dieser Weltecke, sondern auch anderswo lesbar ist. Dass es nur die Menschen in Wien und Umgebung angeht, wäre mir zu wenig.

Jorda: Das Szenario des Buches, einen leisen Krimi an Opernmusik aufzurichten – war das plötzlich da?

Henisch: Ich habe die Idee zur Personenkonstellation schön längere Zeit mit mir herumgetragen. Ich habe sie notiert und überlegt: Welche Art von Musik könnte den Mann derart irritieren? Außerdem ist Opernmusik jene Musik, die sich am besten erzählen lässt. Sie ist mit Geschichten verbunden, die im Kopf entstehen.

Jorda: Einen konkreten Anlass, etwa eine Zeitungsnotiz im Chronikteil gab’s also nicht?

Henisch: Keinen. Es war die Beziehung zwischen drei Personen, die mich interessiert hat. Ich habe immer stärker die Neigung, aus Konstellationen heraus etwas zu entwickeln und nicht bloß aus einer Person heraus, die mehr oder minder dem Autor entspricht.

Jorda: Als alter Feminist fällt mir auf, dass Novaks Ehefrau Herta nicht sehr sympathisch gezeichnet wird, wohingegen man mit Novak bald Mitleid hat.

Henisch: Der Vorwurf, einen antifeministischen Text geschrieben zu haben, überrascht mich. Bisher hat es immer geheißen, der Henisch ist ein Gutmensch und nichts Böses kommt in seinen Texten vor. Jetzt habe ich halt einmal eine Person beschrieben, die nicht von vornherein sympathisch ist. Aber ich dämonisierte Herta nicht. Außerdem darf man nicht vergessen, dass Großes Finale für Novak ein Buch mit Ironie ist und die Oper als Grundmodell hat. Es geht darin opernhaft zu und es endet auch opernhaft.

Jorda: Das große Finale!

Henisch: Und dass es anderseits auch ein subtiler Krimi ist, macht keinen Widerspruch. So sind die Opern! Da spielt sich oft Kriminelles ab. Im Übrigen habe ich meine Figur Herta so sehr geliebt, dass ich sie vor dem Finale noch von ihren Sünden lossprechen ließ. Von einer Taxlerin, die sagt: Ego te absolvo!

Jorda: Vieles bleibt offen ...

Henisch: Ist doch schön. Offene Schlüsse haben mich immer fasziniert, ich halte es für eine dramaturgische Tugend, dass nicht alles zu Ende erklärt wird.

Jorda: Apropos Schluss. Eine Verfilmung würde wahrscheinlich mit der Schlussszene beginnen.

Henisch: Spektakulär mit dem Schluss zu beginnen, das habe ich beim Schreiben auch schon überlegt, bin aber davon abgekommen. Ich wollte die Spannung allmählich aufbauen, nicht vorschnell vorwegnehmen, was am Ende passiert.

Jorda: Sex kommt bei Ihnen eher rhetorisch vor. Haben Sie nicht daran gedacht, solche Szenen etwas ausführlicher zu beschreiben.

Henisch: Was heißt rhetorisch? Ich würde sagen: Nicht um des Effekts Willen drastisch. Mir gehen Autorinnen und Autoren, die auf diesem Wellenkamm surfen, schwer auf die Nerven. Irgendwer hat übrigens bemängelt, dass der Schluss nicht originell sei. Ich schreibe einen Schluss aber nicht, weil er originell ist, sondern weil er konsequent ist. Originalität ist Sache der Kabarettisten.

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Interview
Günther Eisenhuber (der das Buch lektoriert hat) interviewt seinen Autor (Residenz Magazin)

Lieber Herr Henisch, Franz Novak, der Held Ihres jüngsten Romans, gerät spät im Leben auf Abwege, als er seine Leidenschaft für die Oper entdeckt. Wie halten Sie es mit der Oper?

Was Opern betrifft, so war ich, als ich den Roman zu schreiben begonnen habe, nicht ganz so naiv, wie mein Protagonist. Aber so viel ist wahr, daß ich mich sozusagen auf Novaks Spuren, auf etwas andere Weise im Kosmos der Oper umgetan habe, als vorher. Das ist ja recht häufig so, wenn ich einen neuen Roman schreibe. Bis zu einem gewissen Grad gehe ich dann als der Stuntman meiner eigenen Figuren durch die Welt.
Das heißt aber nicht, daß zwischen Novak und mir allzu viele Ähnlichkeiten bestehen. Daß man sich als Autor bis zu einem gewissen Grad mit seinen Figuren identifiziert, sozusagen arbeitshypothetisch, ist ja eine gute, alte Methode. Aber indem man sich bei dieser Gelegenheit sehr intensiv mit den Dingen beschäftigt, die so einer im optimalen Fall doch sehr lebendig werdenden Figur im Kopf herumspuken, bleibt meist so etwas wie ein Nachklang. Bei mir ist das oft ein musikalischer Nachklang: Im Fall meines Buchs„Morrisons Versteck“ war es Nachklang der Rockmusik, im Fall meines Romans „Schwarzer Peter“ waren es der von Blues und Jazz, dann, nach der ‚Sehr kleinen Frau’ war es vor allem die Klaviermusik von Schubert, und jetzt hat mich überraschender Weise die Oper erwischt.

Die Oper ist heute den meisten wohl eher ein Anlaß zum Ausführen von Abendgarderobe, ein Anlaß zu zeigen, wer man ist. Franz Novak ist Postbeamter. Als es ihn erwischt, liegt er im Spital und trägt vermutlich Pyjama. Man könnte ihn darum beneiden, daß es ihn so unvorbereitet trifft ...

Ja, daß Novak Opernmusik vorerst nicht im guten Anzug sondern im Pyjama hört, ist wahrscheinlich von Vorteil. Sowohl für ihn als auch für die meisten, die seine Geschichte lesen werden. Da fällt sehr viel weg, was den Zugang zu dieser Musik verstellt. Darüber hinaus wird ihm dieser Zugang ja durch eine nette, indonesische Krankenschwester ermöglicht, ohne sie, die ihm ihre Kopfhörer und die Tonbänder zur Verfügung stellt, würde er ja gar nicht damit anfangen, diese Musik zu hören, der erotische Gehalt dieser Musik wird in dieser Situation etwas unmittelbarer spürbar als bei einem konventionellen Opernbesuch.

Novak setzt Kopfhörer auf, weil sein Bettnachbar schnarcht. Ist die Kunst ein Fluchtort jenseits der Zumutungen der Welt?

Dem Novak werden die Zumutungen der Welt ja eigentlich erst so richtig bewußt, nachdem er mit der Opernmusik in Berührung gekommen ist. Indem er lernt, etwas, das er früher nicht als schön empfunden hätte, als schön zu hören, gewissermaßen als Utopie von Schönheit, bemerkt er, wie häßlich die Welt rundherum ist. Das wird in diesem Buch zuerst auf der Klangebene durchgespielt – die liebe Schwester Manuela hat ihm sozusagen die Ohren geöffnet. Aber vielleicht, schreibt er in einem seiner unabgeschickten Briefe an sie, haben Sie mir ja auch die Augen geöffnet – nach und nach wird ihm zumindest ansatzweise bewußt,, daß die für gewöhnlich für normal gehaltene Welt alles andere als schön und gut ist, und daher eigentlich so, wie sie ist, auch gar nicht wahr sein darf.

Ja eben. Je mehr er sich in die Musik vertieft, desto empfänglicher wird er, aber auch empfindlicher. Überall Straßenlärm, Baustellen, Rasenmäher, seine Frau Herta ... – ein Mann auf der Flucht?

Ein Mann auf der Flucht. Ja, das auch. Aber nicht nur vor dem Lärm und vor seiner Frau. Sondern vielleicht auch vor der Spannung, die sich da aufbaut. Der Spannung zwischen Herta und ihm, zwei Eheleuten, die bis dahin halbwegs friedlich miteinander ausgekommen sind. Nach seiner Rückkehr aus dem Spital ist er ja ein anderer. Etwas für Herta Fremdes hat von ihm Besitz ergriffen. Etwas, das sie nicht akzeptieren will und kann, auch weil sie vermutet, daß da eine andere dahinter steckt. Und das treibt auf ein Krimi-Ende zu, auch wenn der Roman kein Krimi im engen Sinn dieses Wortes ist. Doch es gibt solche Krimis der sozusagen subtileren Sorte, etwa bei Georges Simenon und bei Patricia Highsmith, und die gehören meines Erachtens zu den besten.

Der Blick auf die Figuren, die ihre Bücher bevölkern, ist oft ein schmunzelnd ironischer, aber immer ein sehr menschlicher. Dabei verrät er aber auch ein überaus waches Bewusstsein für die Schwächen, Unzulänglichkeiten und Ungeheuerlichkeiten. Ist Ihnen nie danach, richtig böse zu sein?

In einer Würdigung meines Buchs „Die kleine Figur meines Vaters“ hat der Kollege Erich Hackl angemerkt, daß ich meine Figuren nie denunziere. Darauf bin ich stolz. Und darum bemühe ich mich nach wie vor. Ich versuche Personen zu schaffen, ich begnüge mich nicht mit Abziehbildern. Selbst wenn ich eine von ihnen umbringen muß, und selbst wenn das eigentlich eine unmögliche Person ist, merke ich, wie viel Empathie für sie ich mir bis zu diesem Zeitpunkt schon erschrieben hab.
Das heißt: Ich bin als Autor nicht leichtfertig böse. Das Böse als Attitüde, das liegt mir nicht. Ich halte auch nicht viel von diesbezüglicher Effekthascherei. Das wirklich Spannende in der Literatur ist für mich ganz etwas anderes.

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Einleitung zur Präsentation im Theater(café) an der Wien
Cornelius Hell

„Totes Glück: Das ist ein existenziell tragisches Motiv des uneigentlichen Lebens im Wohlstand, im Frieden, am Montagmorgen unter blühenden Akazien. Bestenfalls gelingt es einem, den Glauben daran, dass man ein glücklicher Mensch sei, damit zu verwechseln, dass man tatsächlich keiner ist. Daraus mag sich eine tiefe Form der Leblosigkeit entwickeln, die umso tiefer reicht, je weniger dem unglücklich Glücklichen noch bemerkbar wird, dass ihm das Gefühl, lebendig zu sein, abhandenkam. Nicht die schlechteste Definition des Glücks in unserer glücksversessenen Zeit wäre daher: Glück ist das Gefühl, lebendig zu sein.“

Diese Sätze des Grazer Philosophen Peter Strasser aus seinem jüngsten Buch über das Glück sind mir bei der Lektüre des Romans „Großes Finale für Novak“ von Peter Henisch gleich wieder eingefallen. Wahrscheinlich lebte ja auch dieser Franz Novak im Glauben, er sei ein glücklicher Mensch; oder zumindest kein unglücklicher. Doch das Gefühl, lebendig zu sein, war ihm sicher abhanden gekommen – ohne dass er das allerdings groß bemerkt hätte. Er war also in dieser tiefen Form der Leblosigkeit versunken. Allerdings weiß er das erst, als er sich wieder lebendig fühlt. Franz Novak ist einer der vielen, denen das Glück langsam und lautlos abhanden kam. Und die in der Leblosigkeit ganz gut leben können.

Franz Novak: 55 Jahre alt, seit 30 Jahren verheiratet mit Herta, der einzige Sohn Bernd lebt seit Jahren in Kanada. Novak war Postbeamter in einer Marktgemeinde namens Grabern, beruflich hatte er noch eine Hoffnung: Amtsleiter werden. Aber leider: Das Postamt wurde geschlossen und Franz Novak in Frühpension geschickt. Das Postamt, die Donnerstagabend-Schachrunde im Gasthaus und die SPÖ – das war seine Heimat. Und natürlich das Haus in der Siedlung, das umgebaute Schrebergarten-Haus, das er mit Herta bewohnte, seit sie von Wien nach Grabern gezogen waren. Herta ist Friseurin, hat einen kleinen Laden und eine schrille Stimme – und sie kann Opern nicht ausstehen. Sie kann überhaupt vieles nicht ausstehen, vor allem Ausländerinnen und Ausländer nicht; Franz muss ständig kalmieren – kein Wunder, dass er im Lauf der Jahre immer ruhiger geworden ist. Er war pflegeleicht, sagte seine Herta über ihn. Er war duldsam, sagt der Erzähler. Es kommt darauf an, dass man miteinander auskommt, hätte Novak gesagt. Einen treuen Ehekrüppel nennt ihn der Erzähler einmal, als er sich ein bisschen Luft macht. Im Normalfall hat der Erzähler keine so große Distanz zu seinem Franz Novak, er erzählt aus Sympathie zu ihm. Herta allerdings lässt er zunächst als eine erscheinen, die man in Wien eine Bissgurn nennen würde. Bis er einmal ein Fenster in die Vergangenheit aufmacht und Franz sich an die Stimme der jungen Herta erinnern lässt: „Die Stimme eines erst vor kurzem aus dem Ohrfeigenregime eines sonst hilflosen Vaters entkommenen Mädchens, einer von ihrem Lehrherrn, einem gewissen Herrn Stephan, auch eher rauh angefaßten und gelegentlich angegrapschten jungen Frau, die sich einen Mann wünschte, an den sie sich anlehnen konnte, der seinen Arm um sie legte und sie im Bedarfsfall beschützte.“ Ideale Voraussetzungen, könnte man sarkastisch sagen, für ein trautes Heim, versüßt mit vielen Mehlspeisen. Oder wie es der Erzähler anhand einiger Fotos auf den Punkt bringt: „Herta und er in verschiedenen Stadien ihrer ehelichen Verformung“.

Doch mit einem Mal gerät alles aus der Balance. Franz Novak musste ins Spital – fast wäre es schon zu spät gewesen für seine Gallenstein-Operation. Und im Zimmer neben Novak liegt Kratky – fett, furzend und pausenlos Regionalsender hörend. Novak kann nicht schlafen und findet keine Ruhe mehr, aber eine indonesische Krankenschwester hat Verständnis: Sie borgt ihm ihren Kassettenrekorder – mit Opernmusik. Da überkommen ihn ungeahnte Gefühle. Seine Opern-Erfahrung ist unmittelbar, durch keine Kultur-Routine gebremst, nicht heruntergedimmt durch routinierte Einordnung in Bildungswissen. Nein, Franz Novak muss sich ja erst mit Opernführern und Reclam-Heften mühsam vorantasten in diesem Neuland.

Als Novak wieder nach Hause kommt, ist er völlig verändert: Er hört mehr und auf neue Weise. Er lauscht den Amseln. Und er kann die Rasenmäher, Laubsauger und die Bohrmaschine des heimwerkenden Nachbarn nicht mehr ausstehen. Die Kunst hat ihn allergisch gemacht gegen den künstlichen Lärm. Das ist vielleicht eine der anrührendsten Szenen des Romans – als Franz Novak die alte Sense sucht und den Rasen mäht, weil er das barbarische Knattern des Rasenmähers abstellen muss.
Erinnerung an die Handarbeit gegen immer neue Maschinen – das ist eine der Blickachsen, die aus der individuellen Geschichte des Franz Novak immer wieder hinausführen in ein Zeit- und Gesellschaftspanorama. Und dabei werden Verluste sichtbar: das Veröden des Ortszentrums, der Lärm in der Siedlung durch technische Aufrüstung, Verluste an Intimität durch das Verschwinden der alten Telefonhäuschen; aber auch: Verlust von Gesinnung in Franz Novaks Partei, der SPÖ. Hier wird allerdings kein naives Lied von der guten alten Zeit gesungen – schon das Mähen mit der Sense gelingt Franz Novak ja nicht wirklich –, aber der Vergleich mit früher zeigt eben nicht nur Gewinne, sondern vor allem auch Verluste, die ein eindimensionaler Blick auf die Gegenwart gar nicht mehr wahrnimmt.

Ausgelöst werden Novaks Wahrnehmungen aber durch die Musik – die sich von Anfang an mit einer scheuen Liebe zu Schwester Manuela verbindet. Doch ausleben kann Franz Novak nur die Liebe zur Musik, zur Oper. Und schon dafür muss er von zu Hause ausziehen und sich eine Pension am Stadtrand von Wien suchen. Und ein einziges Mal gelingt es ihm wirklich, in die Staatsoper zu gehen und „Madame Butterfly“ zu erleben.

Doch dann scheint die Oper doch auch eine Sackgasse zu sein – Novak hat einen körperlichen Zusammenbruch, seine Frau muss ihn retten und heimholen. Aber bald muss Novak erfahren, dass seine Frau die berufliche und private Existenz von Schwester Manuela ruiniert hat. Da explodiert der Roman zu einem großen Finale.

Wieder einmal spielt also die Musik bei Peter Henisch eine große Rolle. In „Morrisons Versteck“ war es die Rock-Musik, im „Schwarzen Peter“ der Blues, in „Eine sehr kleine Frau“ die Klaviermusik, vor allem von Franz Schubert, und jetzt ist es die Oper. Und wieder einmal hat Peter Henisch einen Außenseiter in den Mittelpunkt gestellt – wie schon den „Baronkarl“ oder eben den „Schwarzen Peter“. Aber diesmal ist es einer, der erst zum Außenseiter wird, der den Roman zunächst als ein geradezu Über-Angepasster betritt. Die Kraft zu seinem Ausbruch holt er sich aus einem Bereich, der einmal im Zentrum der sogenannten Hochkultur gestanden ist – der Oper. Heavy-Metal-Musik beruhigt ihn, weil sie den Lärm niederdröhnt, aber die Oper wühlt ihn auf.

Sie wühlt ihn derart auf, dass sie ihn am Ende aus seinen bisherigen Lebenszusammenhängen hinauskatapultiert. Er hat nur mehr sich selbst. Aber er spürt sich wieder, spürt, dass er lebendig ist. Und ich denke Peter Strasser hat recht: das wäre eine gute Definition von Glück.

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Die Midlife-Crisis zeigt sich bei Franz in vierfacher Gestalt
Christian Schacherreiter, Oberösterreichische Nachrichten

Der Schriftsteller Peter Henisch liebt die Musik. In seinem neuen Roman liefert die Oper die dramatischen Begleittöne zu einer Ehekrise.
Franz Novak ist 55, seit mehr als drei Jahrzehnten Postbediensteter in der niederösterreichischen Marktgemeinde Grabern, seit 30 Jahren verheiratet mit Herta, einer Achtundvierzigjährigen mit herbem Charme, die einen kleinen Friseurladen betreibt. Der gemeinsame Sohn Bernd lebt seit Jahren in Kanada. Und auch sonst hält sich das Abenteuer in Grenzen.

Franz und Herta treiben in jener gesicherten Mittellage dahin, die durch folgenden Satz repräsentiert wird: Wir haben es doch schön hier draußen in unserem durch eine Veranda erweiterten Schrebergartenhäuschen.

Diese grundsolide Ausgangssituation lädt ein zu einer handfesten männlichen Midlife-Crisis. Franz Novak begegnet die Krise gleich in vierfacher Gestalt: als Gallenoperation, als erzwungene Frühpensionierung, als Krankenschwester Manuela und als völlig unerwartete Leidenschaft für die Oper.

Wobei Manuela und die Oper in einer heiklen Verbindung stehen. Denn die aus Indonesien stammende Krankenschwester ist es, die Novaks junge Liebe zur Oper entfacht. Als Herta diesen Zusammenhang erkennt, läuten bei ihr die Alarmglocken. Und wenn bei Herta einmal die Alarmglocken läuten, ist das Geräusch unüberhörbar und schwer erträglich. Insbesondere für Franz, dessen Gehörsinn seit dem Krankenhausaufenthalt recht sensibel geworden ist.

Franz Novak packt die Reisetasche und zieht sich von seiner Frau zurück, aber Herta ist nicht der Typus Frau, der in solch einer Lage kampflos resigniert. Sie verteidigt ihr Revier und wendet dabei Mittel an, die ziemlich unsauber sind, aber durch den Zweck geheiligt werden – zumindest in Hertas Vorstellungswelt. Zu dieser Vorstellungswelt gehören auch Hassbilder von asiatischen Sex-Hexen, die an sich harmlose europäische Männer verzaubern. Obwohl die Sympathien des auktorialen Erzählers auf der Seite von Franz liegen, mehr noch auf der von Manuela, vermeidet er die plakative Parteinahme. Durch Perspektivenwechsel lässt Peter Henisch auch Herta Gerechtigkeit widerfahren und macht ihre Gefühle und Gedanken plausibel, ohne sie deswegen zu rechtfertigen.

Denn eines ist am Ende auch klar: Das Leben ist unberechenbar, insbesondere das Liebesleben. Und wer meint, durch besonders raffinierte Strategien Erfolg zu haben, steht gerade dadurch am Ende als Verlierer da.

Peter Henisch erweist sich hier wieder einmal als genauer Menschenbeobachter, der seine Romanfiguren, ihr Verhalten, ihre Sprache, ihr Verhängnis überzeugend aus ihren realen Lebensverhältnissen heraus kreiert. Sozialer Realismus im allerbesten Sinn des Wortes!

Henisch beherrscht das Erzählen auch in handwerklicher Hinsicht meisterlich. Spannungsbögen, pointierte episodische Sequenzen und punktgenau gesetzte Wendepunkte machen das Lesen dieses Eheromans zu einem spannenden Vergnügen.

 

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Der Postler und die Oper
Sebastian Fasthuber, Now!

Darf man in einem Magazin für Popkultur über einen Roman schreiben, in dem die Oper eine bedeutende Rolle spielte? Blöde Frage, natürlich darf man. Zumal es nicht schaden kann, ab und zu seinen Horizont zu erweitern. Franz Novak, dem Helden von Peter Henischs neuem Roman, geht es außerdem anfangs mit der Opernmusik so ähnlich wie vielen an Pop- und Rockmusik gewöhnten Ohren. Er fragt sich: Warum wirkt Opergesang so furchtbar grell und pathetisch? Novak liegt nach einer Gallensteinoperation im Spital und leidet an der zünftigen Regionalradio-Berieselung, mit der ihn sein Zimmerkollege zwangsbeglückt. Eine aus Indonesien stammende Krankenschwester versorgt ihn darauf mit einem Walkman und Opern-Kassetten - was dem bislang mit Joe Cocker und Tina Turner zufriedenen Postbediensteten Mitte 50 eine neue Welt eröffnet. Nach seiner Entlassung findet er nicht mehr in sein altes Leben zurück. Seine Frau Herta mit ihrem Frisiersalon und ihrer Fremdenfeindlichkeit ist ihm unangenehm, gleiches gilt für die Rasenmähergeräusche aus den Nachbargärten. Dass man Novak zudem in Frühpension schickt, bringt das Fass zum Überlaufen. Er verlässt sein Schrebergartenhaus in Niederösterreich und geht nach Wien in Tagträumen von "seiner" Krankenschwester auf. Großes Finale für Novak ist ein glänzend erzähltes Buch mit einem hochsympathischen Helden - und einem Ende so dramatisch wie ein Opernfinale.

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Oliver Jungen, F.A.Z. 22.12.2009
Karl-Markus Gauß, Neue Zürcher Zeitung 12.10.2009
Walter Grünzweig, Der Standard 25.7.2009
Peter Pisa, Kurier 25.7.2009 - Rezension und Interview
Brigitte Schwens-Harrant, Die Presse 31.7.2009
Norbert Mayer, Die Presse 8.8.2009 - Interview
Christian Schachenreiter, OÖ Nachrichten 12.8.2009



JESUS WAR EIN FRÜHCHEN
                                                                                                                              Oliver Jungen, F.A.Z.

Die Wandlung des biblischen Mythos in aufregende Prosa: Peter Henisch hat einen sensiblen Sensationsroman geschrieben, der uns Weihnachten verbittersüßt.

Ungeheuerlich, dass niemand bislang darauf gekommen ist. Dabei erklärte das vieles, das Ausbleiben des Weltendes zum Beispiel, vor allem aber das Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätssyndrom: bis zuletzt ruhelos, von einer Wunderlichkeit zur nächsten jagend. Jetzt ist es also heraus: Jesus war ein Frühchen, deshalb auch so unbequem zur Welt gekommen, verfrüht um die kosmische Winzigkeit von zweitausend Jahren: "Konnte es wirklich so gewesen sein? Dass er damals einfach zu früh in die Welt gefallen war? Dem Mädchen Mirjam in den Schoß gefallen? Das wäre ein Navigationsfehler mit fatalen Folgen."

Wer fragt sich das? Es ist der hochsensible, dreißigjährige Mischa, der nicht umsonst Myschkin heißt wie Dostojewskis "Idiot", die große Erlösergestalt der Moderne, sondern der sich auch Jeschua nennt, Mischa also, der Berufene, der Wiedergekehrte, der verirrte Messias auf tiefenpsychologischer Regressionsreise: "Und indem er vorwärtsging, hatte er das Gefühl, eigentlich zurückzugehen, zurück, zurück ... Und nachdem er dann vorne, im Chor, über eine der Treppen (die linke), in die sogenannte Geburtsgrotte hinuntergestiegen war, habe er das Gefühl gehabt, endgültig im Uterus angelangt zu sein." In der Geburtskirche wird er heimgesucht vom Geist der Erinnerung – eigenen und kollektiven: "Die tragen wir doch alle in uns, wir müssen sie nur aktivieren. Manchmal werden sie uns vielleicht auch gesandt" – und es wiederholt sich die augustinische Urszene, jedoch in leichter Abwandlung: Statt "Nimm und lies" befiehlt ihm der Geist zu schreiben. Empfängnis ist in der Postmoderne zwar immer schon Sendung, hier aber geht es darum, dass die Tradition ab ovo überschrieben, dass ein ungeheuerlicher Irrtum korrigiert werden muss.

Mit viel theologischem Sachverstand und einer wohltuenden Portion Humor hat Peter Henisch Platons Anamnesis-Konzept mit der Heilsgeschichte kurzgeschlossen und daraus ein so bibelfestes wie den christlichen Glauben erschütterndes Mythos-Märchen geschaffen. Es ist charmant, dass sein leicht autistischer Held sich selbst erst im Laufe der Geschichte immer sicherer wird, was er im Gelobten Land eigentlich will: das größte Rätsel lösen nämlich. Die Frühchen-These zu Ende zu denken hieße schließlich, dass das Ende der Geschichte (in jeder Hinsicht) noch nicht erreicht wurde, dass man in einem Interim gefangen ist seit zwei Jahrtausenden. So wird es eine "Fahrt, von der viel, vielleicht alles, abhängt". Und noch charmanter ist es, die imitatio christi ebenfalls in die andere Richtung auszubuchstabieren, alle Selbstzweifel, Sensibilität und Verwirrung auch dem Vorläufer, dem Bautischler aus Nazareth zuzugestehen, der hier gleichfalls orientierungslos durch die ganze Affäre stolpert. So kann über viele hundert Seiten eine Pointe reifen, die es in sich hat.

Wir erfahren vom Heiland 2.0 – wie es sich gehört – nur über eine Vermittlungsinstanz und insofern sehr konjunktivisch: Die Literaturkritikerin Barbara lernt den neurotischen Protagonisten auf einem Flug nach Tel Aviv kennen, bei einer Zwischenlandung im heiligen Rom noch näher kennen und empfängt nach ihrer Rückkehr Briefe des (so oder so) Erwählten. Im ersten Brief erklärt er, wann die Stigmata bluten, nur in bestimmten Erregungszuständen nämlich: Das hatte Barbara in der römisch-elegischen Nacht einen Schock versetzt. Mischa erweist sich dabei durchaus als Ironiker, ausgerechnet die Drogen- und Sexhymne "Let It Bleed" der Rolling Stones nämlich habe ihm geholfen, die Bluterei zu ertragen. Von nun an berichtet er Barbara – und diese uns – detailliert über seine Reise zum Mittelpunkt der Lehre.

Von Nazareth aus pilgert dieser Jesus-Freak Jesu Leben ab, über das alte Sepphoris, Kana, vorbei am See Genezareth, den Jordan entlang, über Bethlehem, Tiberias und weitere geschichtsträchtige Orte bis nach Jerusalem, weicht aber immer häufiger von der vorgegebenen Route ab, auf der Flucht vor einem immer wieder auftauchenden "mutmaßlichen Clown", dem Bösen in aktueller Gestalt: "Hingegen ähnelte er immer mehr dem nicht allzu lange Zeit zuvor gefeuerten amerikanischen Verteidigungsminister Donald Rumsfeld." Ebenso durchlebt der von Rumsfeld Gejagte in Wiederholung die Annäherung Jesu an seine Gefährtin. Hier hält es der Autor, der überhaupt dem Körperlichen sein Recht zukommen lässt, mit den Apokryphen: Die Rolle der Maria Magdalena spielt Olga, die Frau eines russischen Oligarchen. Mehr und mehr wandelt sich die Reise im gegenwärtigen Israel allerdings zu einer Passionsgeschichte eigener Couleur. Der perpetuierte Kriegszustand, "die Kontinuität des alltäglichen Horrors", spielt dabei eine gewisse Rolle, doch nicht daran verzweifelt der Held zuletzt.

Wir erfahren all das aber nicht mehr chronologisch, denn es gibt eine Zäsur in der Überlieferung: Bevor die Briefe nicht mehr eintreffen, hat sich die eifersüchtige Adressatin von ihnen bereits abgewandt. Mischa begegnet erst wieder als Gebrochener, die Konversion zum Islam erwägend. Verlottert, den Drogen ergeben und von seinen letzten Euros lebend, vegetiert er verängstigt in Rom vor sich hin: Es ist etwas geschehen in Israel. Mischa ist auf die Lücke im Heilsplan gestoßen. Sie war immer da, doch erst jetzt, in der nihilistischen Gegenwart, wird sichtbar, warum die Evangelien so unbefriedigend abreißen.

Damit aber bohrte sich eine alles aufsprengende Skepsis in die zuvor so tiefe Überzeugung Myschkins hinein: War vielleicht auch die Frömmigkeit des Vorläufers eine zu naive? "Und alles hatte mit der Auferweckung des Lazarus begonnen. Die eben vielleicht, ja wahrscheinlich, nur Illusion war. Eine Inszenierung, auf die der dumme Rabbi hineinfiel ... Ein Fake der Jünger." Von hier ist es nicht mehr weit zum größtmöglichen Selbstzweifel, der totalen Häresie: Wäre er ohnmächtig, aber lebendig vom Kreuz genommen und nach Rom verbracht worden? Und tatsächlich: Bittet nicht, wie Markus im fünfzehnten Kapitel berichtet, der ehrbare Ratsherr Josef von Arimathia, um den Leichnam Jesu, den er auch erhält, obwohl sich Pilatus wundert, "dass er schon tot war"? "Nicht am Kreuz gestorben, nicht wirklich begraben, nicht abgestiegen zu den Toten, folglich nicht auferstanden! Wenn das die Wahrheit ist, dann bin ich ein Versager." Es bleibt aber natürlich – gut cartesianisch – dieses Ich (ich versage, also bin ich), um dessen Wiederaufrichtung inmitten religiöser Trümmer es im Folgenden zu tun ist.

Diese Handlung ist derart verquer, grellbunt, intelligent, aufdringlich, unlogisch und herrlich, mit einem Wort: christlich, dass man Peter Henisch die etwas altbacken wirkende Rahmenhandlung, in der eine ideale – und zwar diesseitige – Liebe aus Adoration, Begehren und Fürsorge entworfen wird, gern verzeiht. Der immer ein wenig unterschätzte Autor aus Wien führt damit fort, was er vor vier Jahren mit der Erzählung "Die schwangere Madonna" - einer schwangeren Teenagerin nimmt sich hier ein freier Journalist an – begonnen hat: die poetologische Transsubstantiation des biblischen Mythos in aufregend gegenwärtige Prosa.

Am Ende wird Henisch lächelnd milde, stellt anheim, lässt Hintertüren weit offen. Aber auch, wer durch sie entwischt, wer diesen Mischa-Myschkin-Jeschua mit der klassischen Diagnose Schizophrenie loszuwerden gewillt ist, wird von nun an von einer Erinnerung eingeholt werden können, die jenen Urtext hiermit so klug überschrieben hat. Und scheint es nicht tatsächlich so, als würde die kleine Unstimmigkeit im allerhöchsten Zeitplan gerade behoben, als stehe die Apokalypse so unmittelbar bevor, dass selbst die größte Versammlung von Weltherrschern soeben in Kopenhagen die Welt einfach aufgegeben hat? Peter Henisch, dem Christkind sei es geklagt, hat uns das Weihnachtsfest mit einem großartigen Buch infernalisch versaut.


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Jesus reloaded
                                                                                       Karl-Markus Gauß, Neue Zürcher Zeitung

In seiner "Geschichte der Leben-Jesu-Forschung" hat Albert Schweitzer 1908 die Vermutung angestellt, dass Jesus dereinst wieder als Unbekannter unter die Menschen treten werde. Im neuen Roman des mit allen heiligen Wassern der Erzählkunst gewaschenen Peter Henisch kehrt Jesus nicht nur unerkannt auf die Erde zurück, sondern gar als Heimatloser, der seiner eigenen Identität nicht sicher ist.

Als Flüchtling hat Mischa Myschkin durch die Lektüre einer mehrsprachigen Ausgabe der Bibel Deutsch gelernt und dabei eine bestürzende Erfahrung gemacht: Alles, was er im Neuen Testament liest, mutet ihn nämlich vertraut an, er sieht die Schauplätze von Jesu Wundern vor sich, die Gesichter der Apostel, er hat das unabweisbare Gefühl, schon erlebt zu haben, wovon in den Evangelien berichtet wird. Kurz, in ihm wächst der schöne und schreckliche Verdacht, dass er bereits als jener Jeschua gelebt hat, dessen Kreuzestod der Christenheit die Erlösung verheisst. Nun befindet sich der Mann, der glaubt, er sei womöglich der wiedergekehrte Messias, auf dem Weg zu seinen historischen Wirkungsstätten, um sich in Israel und Palästina auf die eigene Spur zu setzen oder endlich die Gewissheit zu erlangen, dass er sich doch geirrt hat.

Der 1943 geborene Wiener Peter Henisch hat schon öfter mit christlichen Motiven, Figuren, Verheissungen gespielt – aber nie auf jene gerade in ihrem blasphemischen Furor so urkatholische Weise, für die die österreichische Literatur genügend grimmige Beispiele kennt; nein, Henisch ist die Sache stets mit respektvoller Ironie angegangen, und in einem Interview hat er zuletzt gemeint, dass sich die Literatur nicht weniger mit "der Sinnfrage" und "der Erösung" zu beschäftigen habe als die Religion. Liest man eine knappe Inhaltsangabe, wird einem bange: Kann das gutgehen? Es geht gut, denn Henisch, ein exzellenter Kenner der Evangelien, beherrscht nicht nur seinen Stoff, sondern vor allem das Handwerk des Romanciers.

Auf seiner theologischen Ebene gibt "Der verirrte Messias" keine Antwort auf die Frage, die Myschkin quält, mit der er aber auch die deutsche Literaturkritikerin Barbara, die er im Flugzeug kennenlernt, wortreich behelligt: Ist er tatsächlich der Wiedergekehrte, mit dem das Ende aller irdischen Tage naht? "Die Apokalypse, ja, das war zu befürchten. Obwohl es nicht so aussah, als ob man ihn dazu noch brauchte." Gesetzt, es handelte sich bei ihm tatsächlich um Jesus, wäre er nicht jedenfalls zu spät dran, um die Menschheit zu retten? "Ich bin Jesus. Aber das nützt auch nichts mehr."

Auf seiner zweiten Ebene erzählt der Roman die charmante Liebesgeschichte zwischen dem russischen Flüchtling, dessen Rededrang ziemlich penetrant ist, und jener rational denkenden Deutschen, die sich fürs Erste streng gegen die fortwährende "spirituelle Belästigung" verwahrt, aber dann doch in den Bannkreis ihres sonderbaren Reisegefährten gerät. Was, wenn zwar Jesus nicht mehr die Menschheit, aber Barbara, aus deren Sicht der Roman erzählt wird, immerhin diesen einen Heimatlosen zu retten verstünde?

Jedenfalls schreibt Myschkin der Kritikerin, als sie längst wieder in Deutschland ist, einprägsame Briefe aus einem Land, das sich im Kriegszustand befindet. Ihn bedrängen Zweifel, ob sein Tod und seine Auferstehung von den Aposteln vor 2000 Jahren richtig überliefert und nicht absichtlich verfälscht wurden. Mehr noch bekümmert ihn, was er in dem Land sieht, das für heilig gilt und um das sich Israeli und Palästinenser heute so blutig streiten. Da wird der Roman, der ein theologisches Gedankenspiel und eine interkulturelle Liebesgeschichte zu bieten hatte, zur kundigen Reportage über den Nahen Osten. Dass all das in einem einzigen Roman zusammengeht, hat weniger mit einem Wunder als mit der gewissenhaften Erzählkunst des Peter Henisch zu tun.


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DU KOMMST SPÄT, MESSIAS
                                                                                                Walter Grünzweig, Der Standard

In Peter Henischs neuem Roman fragt sich ein potenzieller Messias, ob er in Erscheinung treten und das Ende der Menschheit einleiten soll.

Typologien sind ein wichtiges Moment der jüdisch-christlichen Tradition. Das betrifft nicht nur relevante Verweise aus dem Alten ins Neue Testament (etwa von Isaak auf Christus, deren Gemeinsamkeit für die christliche Theologie in der Opferrolle besteht), sondern auch typologische Interventionen in "historischen" Situationen. Etwa glaubten die Puritaner Neuenglands fest daran, dass sie das zweite Buch Moses nachvollzögen: In der Verfolgung durch England und seinen König fanden sie eine Analogie zur Gefangenschaft der Israeliten im Ägypten der Pharaonen; die biblische Flucht durch das Meer entsprach der Fahrt über den Atlantik; das Gelobte Land konnte nach dieser Logik nur eines sein – die Neue Welt. Auch andere biblische Typologien boten sich an: Wenn sich ein Puritaner beim Zusammentreffen mit den amerikanischen Ureinwohnern auf den missionarischen Spuren des neutestamentlichen Paulus wähnte, konnten die Indigenen noch von Glück reden, denn die Bibel bot auch ganz andere Modelle für den Umgang mit fremden Völkern.

Peter Henischs neuer Roman bedient sich auch der Typologie, allerdings auf eine sehr spezielle und höchst originelle Weise. Die in der Offenbarung des Johannes im letzten Teil des kanonischen Neuen Testaments angekündigte Wiederkunft Jesu erfolgt nicht als Rückkehr eines Weltenrichters. Vielmehr erscheint der potenzielle Messias wie zwei Millennien vorher in Menschengestalt – und zwar in der charakteristischen Figur eines staatenlosen Flüchtlings aus dem Gebiet der ehemaligen UdSSR, der seine überraschenden sprachlichen Fähigkeiten und seine Kenntnisse der Heiligen Schrift in einem deutschen Flüchtlingslager mithilfe einer viersprachigen Gideon-Ausgabe des Neuen Testaments erworben hat.

Religiös motivierte Außenseiterfiguren sind Henischs Werk nicht fremd. Auch Pepi Prohaska, der "Prophet" des gleichnamigen, erstmals 1986 erschienenen und 2006 überarbeiteten Romans, vermutet, dass Gott etwas Besonderes mit ihm vor hat. Er ist jedoch Prophet und kein Messias und in der ambivalent-ironischen Darstellung Henischs viel stärker der Selbst- und Kulturkritik der verspielten 68er verhaftet als Mischa Myschkin, der ganz deutlich der 89er-Generation zuzuordnen ist und sich den neuen, harten Realitäten der "globalisierten" Welt stellen muss.

Wie Henischs vor einigen Jahren erschienenes Buch "Die Schwangere Madonna" ist "Der verirrte Messias" ein Reiseroman, allerdings einer komplexeren Sorte. Die etwas abgeklärte, beziehungs- und literaturgeschädigte deutsche Rezensentin Barbara – Österreich spielt in diesem Roman Henischs nur eine geringe Rolle – trifft auf einem Flug nach Israel auf den postsowjetischen Migranten. Für seine Andeutungen, er könne in Gottes Auftrag reisen und die letzte Phase der Heilsgeschichte einleiten, hat sie zunächst nur entrüstete Verachtung übrig – eine Haltung, die sich jedoch schnell in Schrecken wandelt, als sie kurz vor dem Beischlaf die charakteristischen Wundmale an ihm entdeckt.

Spirituelle Belästigung

Das Entsetzen der skeptischen Literaturkritikerin hat jedoch nicht so sehr mit diesen Grenzerfahrungen zu tun, sondern mit der Erkenntnis, dass ihr cooler, geschàftstüchtiger Rationalismus zwischen Buchmesse und Verlagsintrigen wesentlich weniger fundiert ist, als sie vermutet hatte. In einer komischen Reflexion wirft sie Mischa nicht sexuelle, sondern vielmehr "spirituelle Belästigung" vor. Ihr erfolgloser Versuch, sich vom überwältigenden Einfluss dieses Messias zu befreien, weist deutlich auf die spirituellen Defizite der "westlichen" Kultur – ein unpopuläres, unzeitgemäßes Thema, dessen sich Henisch in seinen Werken nie geschämt hat.

Zwar weigert sich Barbara, Mischa auf seiner Reise zu den Wirkungsstätten von "Jeschua" zu begleiten; allerdings nur, um durch lange briefliche Berichte umso stärker in dessen Geschichte gezogen zu werden. Mischa versucht nämlich, sich in Israel und den besetzten Gebieten seines Auftrags gewiss zu werden. Als echten Henisch-Protagonisten zeichnet ihn sowohl Besessenheit wie Orientierungslosigkeit aus, ist er zugleich religiös motiviert und sexuell interessiert. Kein Wunder, dass der typologischen Beziehung zwischen Maria ("Mirjam") Magdalena und Barbara bzw. – in deren Absenz – auch Olga, der Gattin eines steinreichen russischen Oligarchen, breiter Raum gegeben wird, ein mit erotischer Energie geladener Raum, in dem sich allerdings der spirituelle Drang der Hauptfigur nicht verliert.

Mischas Suche nach seinen messianischen Wurzeln und Aufträgen führt zu einer faszinierenden parallelen – eben auch typologischen – Darstellung der nahöstlichen Situation vor zweitausend Jahren und heute, insbesondere der Unterwerfung des jüdischen Landes durch die Römer und der Okkupation palästinensischen Lands durch Israel. Der "Lokalaugenschein" des neuen Messias resultiert jedoch nicht in plakativer tagespolitischer Kritik, sondern trägt zur Vertiefung des Problembewusstseins bei. Auch Figuren wie die vollschlanke, aus Barbaras eifersüchtiger Perspektive sexuell durchaus gefährliche Olga, ein ursprünglich aus Wien stammender, in der Geschichte der Messiaserscheinungen bewanderter Jude namens Edelmann sowie ein Donald-Rumsfeld-Lookalike (oder vielleicht gar Rumsfeld selbst), der den neuen Messias für die amerikanische christliche Rechte rekrutieren will, verbinden die Erlebnisse des Zeitenwanderers mit einem sehr konkreten Hier und Jetzt. Was da geboten wird, ist politische und Kulturkritik, ironisch, sarkastisch, bis an die Grenze zum Slapstick.

Ob Mischa nun tatsächlich ein Wiedergänger Jesu ist, bleibt selbstverständlich offen (und die Ereignisse um Barbara und Mischa im letzten Teil des Romans, der in Rom spielt, sollen der Spannung halber hier nicht erwähnt werden). Eine der Fragen, die sich Mischa immer wieder stellt, ist, ob er, sollte er als Messias "in Erscheinung treten [oder] ... sich, um ein zeitgemäßeres Wort zu verwenden, "outen", das Ende der Menschheitsgeschichte einleiten würde. Die ernüchternde Antwort darauf gibt er sich selber mit bitterem Humor: "Die Apokalypse, ja, das war zu befürchten. Obwohl es nicht so aussah, als ob man ihn dazu noch brauchte."

Der Witz an Henischs Buch ist eben, dass dieser verirrte Messias im Grunde zu spät kommt. Auch ohne ihn scheint man an das Ende der Geschichte gekommen zu sein. Sodass das auf der Umschlagrückseite abgedruckte lapidare Statement, mit dem Mischa sich der Oligarchin Olga vorstellt, zu einer fast theologischen Aussage wird: "Ich bin Jesus, sagte er. Aber das nützt auch nichts." Dieses Eingeständnis messianischer Machtlosigkeit erinnert an den Jesus-Roman Norman Mailers, in dem der Messias ebenfalls Selbstzweifel und Orientierungslosigkeit Ausdruck gibt. Es negiert jedoch nicht Mischas Ringen um seine Identität und um die ihm gestellte Aufgabe. Gerade in der Beharrlichkeit, mit der er seine oft erfolglos scheinende Suche verfolgt, liegt das trotz allem optimistische Moment des Buchs.

Obwohl Henisch seinen ehemaligen Religionslehrer Adolf Holl in den Danksagungen erwähnt, ist sein Umgang mit der Schrift ein primär literarischer, der auf deren narrative Qualitäten abzielt. Gerade dadurch gelingt ihm der Brückenschlag zwischen den Zeiten: Der verirrte Messias übersetzt die neutestamentlichen Erzählungen in unser zielloses Zeitalter der Globalisierung.


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OB ER WIRKLICH DIE WELT RETTEN SOLL?
                                                                                                                              Peter Pisa, Kurier

Neue und alte Jesus-Geschichten. Peter Henisch geht in "Der verirrte Messias" volles Risiko. Und gewinnt. Weil er sich zwar spielt, aber ernst bleibt. "Bei den Evangelien kenne ich mich aus": Peter Henisch hat den Roman seinem einstigen Religonslehrer Holl zum Kontrollieren gegeben, "aber er hat keine Fehler gefunden".

Es war ein doppelter Schock. Zum einen, weil Peter Henisch den vertrauten Blick durchs trübe Wiener Fenster so demonstrativ verlassen hat und eine Deutsche namens Barbara auf den Frankfurter Flughafen setzt. Brauchen wir das von ihm? Von der Buchmesse kommt sie. Barbara ist Kritikerin und will ihre Halbschwester in Israel besuchen.

Ehe man sich fasst, redet jemand Barbara an.

Myschkin heißt er - ein Flüchtling aus Russland, der im Lager die Bibel studiert hat und sich erinnert: "Das bin doch ich! Jesus, das könnte ich sein!"

Myschkin geht sozusagen auf Lokalaugenschein. Er ist auf seiner eigenen Spur unterwegs. In Israel will er sich Klarheit verschaffen, ob er wirklich der wiederkehrende Messias ist und die Welt retten soll.

Oder ist die Welt damit sowieso zu Ende?

Wenn Myschkin aufgeregt ist, im Bett mit Barbara zum Beispiel, so blutet er an Händen und Füßen.
Und das ist der zweite Schock. Angst ist es: vor Henischs Scheitern. Aber weil er - zwar verspielt (ein Büchl von Dan Brown wird zornig weggeworfen) - ernst bei der Sache bleibt, scheitert er nicht.

Es wird genügend Leute geben, die damit nichts anfangen. Aber es funktioniert. Seltsam, dass es geht.

Es ist sogar erfreulich, zwischendurch alte Bibelgeschichten frisch erzählt zu bekommen. Schwer ist die Bedeutung, doch man folgt dem Weg nie niedergedrückt.

Und wird das Gefühl nicht los, einen solchen Roman um einen möglichen Jesus hätte der suspendierte Priester, Theologe und Autor Adolf Holl gern geschrieben.

Tatsâchlich war Holl im Gymnasium Ettenreichgasse Henischs Oberstufen-Religionslehrer ...

KURIER: Warum kommen Sie uns mit Religion?

Peter Henisch: Man darf Religion nicht mit unserem Alpintrottelkatholizismus verwechseln. Die wirkliche Religion hat mir nichts angetan. Ich bin nicht geschädigt. Als junger Mann habe ich Camus gelesen und die Bibel. Wenn ich mich wo auskenne, dann bei den Evangelien. Die Sinnfrage, die Erlösung - das interessiert die Religion und die Literatur.

KURIER: Jesus surft bei Ihnen nicht übers Wasser.

Peter Henisch: Nein. Das wäre, an der Oberfläche zu bleiben. Ich bin in einem anderen Stockwerk. Bei mir ist das nicht nur ein Gag. Man kann ironisch damit umgehen. Aber ich denunziere den Ernst nicht. Es geht ja immerhin um Leben und Tod. Es geht darum, ob die Menschen zu retten sind.

KURIER: Zusätzlich ist "Der verirrte Messias" noch eine Liebesgeschichte.

Peter Henisch: Und was für eine! Der Mann, der vielleicht Jesus ist, will die Welt retten. Aber eine Frau rettet ihn. Sie bringt ihn vom Heroin weg. Sie rettet ihn unter anderem mit Sex. Auch das noch.

KURIER: Rechnen Sie mit dem Vorwurf der Blasphemie?

Peter Henisch: Der Roman wird Feinde haben. Er spielt hier und jetzt, aber er geht zurück bis in Marias Mutterleib.

KURIER: Wünschen Sie sich, dass Jesus auftaucht und hilft?

Peter Henisch: Ich lass' ja lieber offen, ob es wirklich Jesus ist. Das könnte sonst peinlich werden. Brauchen, brauchen könnten wir ihn schon. Aber vielleicht genügen die 99 Gerechten, die die Welt im Geheimen aufrecht erhalten.


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BLACKOUT IN JERUSALEM
                                                                                      Brigitte Schwens-Harrant, Die Presse

"Der verirrte Messias": In Peter Henischs Roman will der russische Flühtling Mischa schon einmal gelebt haben – just als Jesus. Barbara, die Sitznachbarin im Flugzeug, glaubt ihm das nicht ganz.

"Schon viele haben versucht, eine fortlaufende Erzählung von den Ereignissen zusammenzustellen, die sich unter uns begeben haben", zitiert Peter Henisch den Evangelisten Lukas, jenen "Fabulierer, der die Fakten, an die sich irgendwelche dubiosen Zeitzeugen angeblich erinnern, fürs hellenistische Publikum dekoriert." Dies meint Mischa, Held in "Der verirrte Messias" und seinerseits ein glänzender Fabulierer vor dem Herrn, der seine Geschichten vor allem für sein staunendes Gegenüber, die Literaturkritikerin Barbara, aufs Feinste dekoriert.

Schon viele Autoren haben versucht, die neutestamentlichen Texte nachzuerzählen, für das je zeitgenössische Publikum aufzubereiten und auszuschmücken, die Sehnsucht nach Klatsch (hat Jesus nun mit Maria Magdalena, oder hat er nicht?) ebenso zu befriedigen wie die nach Erklärungen (wie war das mit der Auferstehung wirklich?). Viele Romane sind so entstanden, kitschige wie "Mirjam" von Luise Rinser, provokante wie "Das Evangelium nach Jesus Christus" von José Saramago – und es scheint kein Ende der Versuche zu geben, auch kein Ende des Begehrens der Leser nach mehr.

Nach mehr. Denn in gewisser Hinsicht sind die Evangelien enttäuschend verschwiegen, widersprüchlich auch. Wieso ist der Geist, der einen doch mit aller Wucht ergreift, eine Taube und kein Habicht? Wieso weiß Johannes nichts vom Abendmahl, die drei Synoptiker nichts von der Fußwaschung? (Eine Frage, die der polnische Autor Pawel Huelle in seinem neuesten Roman, "Das letzte Abendmahl", übrigens zwei seiner Protagonisten diskutieren lässt.) Das Neue Testament: Textsorten aus unterschiedlichen Zeiten, mit unterschiedlichen Interessen und an unterschiedliche Adressaten gerichtet – und viele offene Fragen. Ungeheuerlichkeiten wie Wunder oder gar die Auferstehung, die überliefert, als "wahr" und Kern des christlichen Glaubens empfunden wird, und die bleibenden nagenden Fragen: Wer erzählt da? Ist er glaubwürdig? Wo kann ich heute in dieser Welt die Erlösung sehen?

Die Evangelien provozieren – und veranlassen zum Ausmalen, Weiter- und Umerzählen. Jesus bekam mehr Kindheit, Maria Magdalena mutierte von der Berufenen zur Sünderin, um den männlichen Jüngern nicht mehr so gefährlich nahe zu stehen (und womöglich auch Nachfolge einzufordern): Jahrhundertelang schrieben nicht nur Exegeten, sondern auch bildende Künstler und Literaten die Bibel weiter – und die Ergebnisse erzählen viel über die jeweiligen Gestalter und ihre Projektionen. Kitschfallen stehen für all jene bereit, die sich künstlerisch der Bibel annehmen: psychologische und emotionale Ausschmückungen, die Wahl von Erzählperspektiven, die alles besser wissen und erklären können, historisierende Gewänder, unreflektierte Übernahme klischierter Bilder. Wie aber meidet man solche Fallen? Wie kann man sich im Jahre 2009 literarisch mit der Geschichte Jesu auseinandersetzen, und macht das überhaupt einen Sinn?

Messias mit Schafsprofil

Nicht um der Literaturgeschichte einen weiteren Jesusroman hinzuzufügen, greift Henisch die biblischen Geschichten auf: Nichts Geringeres als die Erlösung steht auf dem Spiel. Kenner seines Werks, etwa der Gedichte in "Hamlet, Hiob, Heine" oder des Romans "Pepi Prohaska Prophet", wird eine solche Thematik nicht überraschen. Den letzten Anstoß zum Schreiben dürfte aber ein anderer literarischer Versuch gegeben haben, jener der US-Autorin Anne Rice, die mit Vampirromanen berühmt wurde, dann aber beschloss, sich "ganz der Aufgabe zu widmen, Jesus Christus zu verstehen". In Henischs Rezension ihres Romans "Jesus Christus. Rückkehr ins heilige Land" im "Spectrum" vom 6. Oktober 2007, kann man viel über die Widerstände des Autors erfahren gegen Rices Erzählweise, die ihn "frappant an jene Walt-Disney-Filme erinnert hat, die es geschafft haben, so gut wie alle literarischen Vorlagen auf ein Niveau gut gemeinter Niedlichkeit zu reduzieren". Henisch stößt sich etwa an dem Versuch, so detailreich die Wirklichkeit von damals nachzukonstruieren, "dass einem das realistische Herz im Leib lacht". Nachzulesen ist aber auch, wie Henisch in dieser Rezension seine Idee einer anderen literarischen Möglichkeit entwickelt, sich an diesen Stoff heranzuwagen.

Spuren davon, dass die Lektüre dieses Buches eine Rolle spielte, kann man in Henischs Roman finden, schon auf der zweiten Seite ist ein Empfang im Verlag bei Hoffmann und Campe erwähnt, bei dem sich Mischa und die Literaturkritikerin getroffen haben sollen, später wird der Hinweis verstärkt: "Diese amerikanische Bestsellerautorin, die durch eine endlose Serie von Vampirromanen berühmt geworden, nun, zur Verwirrung ihrer Fangemeinde, auf einmal ein Buch über Jesus geschrieben hatte."

Nein, Henisch hat kein Interesse, aus einer anmaßenden Ich-Perspektive den Leser über alle Klitzekleinigkeiten der Kindheit Jesu zu informieren, über die Rice wie manche apokryphen Evangelien bestens Bescheid zu wissen vorgibt, die die kanonisierten Evangelisten aber nicht erzählen wollten. Der letzte Satz in Henischs Rezension denkt eine erfrischend andere Verfahrensweise an: Beim Lesen habe ihn eine Sehnsucht erfasst nach einer Alternative wie Monty Python's "Leben des Brian". Wer Henischs Bücher kennt, der weiß, dass ohne Humor nichts geht, schon gar nicht Gottsuche. "Wo bitte geht's hier zu Gott? / Wer Dich ernsthaft sucht / Ist eine Lachnummer", heißt es in den "Psalmen" des Propheten Pepi Prohaska, eines der ebenso liebenswerten wie verrückten Gottsucher aus Henischs Feder, durchaus ein Verwandter Mischas (dessen Name nicht zufüllig auf Dostojewskis Roman "Der Idiot" verweist).

Um eine ernsthafte und existenziell wichtige Suche geht es auch im "Verirrten Messias", um die verzweifelte Suche nach sich selbst und um die damit verbundene Frage, wie es um die Erlösung steht. Es beginnt mit einer Provokation. Im Flugzeug nach Tel Aviv findet Barbara diesen Mischa neben sich sitzen, einen Mann mit "Schafsprofil", der der verblüfften Literaturkritikerin erklärt, den Büchern fehle der heilige Geist. Wie sie gegen ihren Willen erfährt, ist er ein Flüchtling aus dem Gebiet des zusammengebrochenen Kommunismus, sein Leben habe sich verändert, als er begann, die Schrift zu lesen. Da kam ihm einiges bekannt vor: "Als hätte er dies und das schon einmal geträumt." Nach und nach habe er sich erinnert, wer er sei, nämlich Jesus. Einen solchen Sitznachbarn wünscht sich eine intelligente Frau nicht unbedingt an ihrer Seite. Nach einer Zwischenlandung in Rom werden sich ihre Wege in Israel trennen, er wird ihr aber von seiner sonderbaren Reise durchs Land Briefe schreiben und E-Mails, sie wird ihn nicht mehr los.

Mit Mischas Erzählungen von der Kindheit als Jeschua betritt Henisch ein heikles literarisches Terrain: Erinnern solche Erzählungen doch an jene Jesusliteratur, die versucht, den Protagonisten die alten Gewänder anzuziehen und die Zeit Jesu wieder aufleben zu lassen. Darauf kommt es Henisch nicht an, und sein literarischer Trick, dass diese "Erinnerungen" Briefe (eines verrückten?) Mischa an Barbara sind, die wir aus ihrer Perspektive wahrnehmen, enthebt ihn des Verdachtes, historisierende Bedürfnisbefriedigung zu betreiben. Im Gegenteil: Henisch fühlt erzählend der Verlässlichkeit der Zeugen auf den Zahn. Das beginnt mit der Wahl dieses auf den zweiten Blick zwar faszinierenden, aber alles andere als vertrauenswürdigen Protagonisten, nimmt aber auch die Bibel als Literatur davon nicht aus: "Ja, so steht es bei Johannes. Aber kann man diesem Schriftsteller trauen? Ich weiß nicht, ob man überhaupt irgendeinem Schriftsteller trauen kann!"

Henisch zieht in dieser Liebesgeschichte den Leser in ein Wechselbad der Gefühle: Anziehung und Abstoßung, Nähe und Ferne, Glaube und Zweifel. Ein solches Hin und Her "plagt" nicht nur Liebende, sondern auch Gläubige oder Bibelleser. Mit Barbara fragt sich der Leser: Kann man Mischa trauen? Oder ist er nur ein Spinner? Dass die Erinnerungsbilder an seine Kindheit in einem Museum aufgefrischt und in einem Amsterdamer Coffeeshop besonders färbig werden, spricht dafür. Oder ist doch was dran an seinem "Selbstbewusstsein"? Warum wird er vom Hirten "erkannt"? Warum zuletzt beim Brotbrechen? Und: Kann Barbara überhaupt ihren eigenen Augen trauen, etwa wenn sie Mischas Stigmatisierungen sieht? – Das Sympathische am Buch ist, dass es nichts abschließend erklärt. Eher setzt es eine nachhaltige Verstörung in Gang. Verstört wird auch Mischa, dessen Fabulierlust und Sendungsbewusstsein just da an ihr abruptes Ende kommen, wo es um alles geht. Nachdem ihm auf seiner Reise durch das Israel von heute gelungen ist, sich wiederzuerinnern, wartet in Jerusalem das große Blackout auf ihn. Wie (seine) Kreuzigung und Auferstehung denken? Da setzt auch Mischas bisher blühende Fantasie aus – oder sein Erinnerungsvermögen. Vielleicht wurde er als Jesus nicht gekreuzigt – oder vorzeitig vom Kreuz genommen und auf ein Schiff nach Rom gebracht: "Wenn das die Wahrheit ist, dann bin ich ein Versager!" In Jerusalem ist Mischa mit seinem Latein am Ende. Hat die Erlösung je stattgefunden? Solche Zweifel führen ins Bodenlose: "Dem Christentum, sagte er, und zwar nicht nur meinem, ist ja allem Anschein nach der Boden unter den Füßen weggezogen."

An theologischen Kernen knabbern

Henisch löst die Unsicherheit über die Identität seines Helden nicht auf, und die Frage nach der Erlösung stellt er als dringende. Die Mauer, die heute jenen Ort teilt, an dem einst die Auferweckung des Lazarus stattgefunden haben soll, erzählt nicht gerade von einer erlösten Welt. Doch neben dem Zweifel, der den Protagonisten in die Verzweiflung stürzt, ist ja auch (vorläufige) Rettung durch Barbara zur Hand, und es kommt zu weiteren, letztlich unerklärlichen Begebenheiten. Gerade aufgrund dieser Unsicherheiten liest sich Henischs Roman als glaubwürdigere Annäherung an das "Geheimnis des Glaubens" als die Literatur jener, die schreibend alle Ungereimtheiten aus dem Weg räumen wollen.

Henisch wäre nicht Henisch, würde er nicht herzerfrischend witzige Einfälle einbringen: So sieht jener Widersacher, der als Vertreter der Christian Coalition Mischa euphorisch begrüßt und geradezu verfolgt, wie Donald Rumsfield aus. Auch Kritik streut der bibel- und theologieversierte Autor in seinen Roman: etwa wenn die Kirchen, besonders die Verkündigungskirche in Nazareth, Mischas Wiedererkennen im Heiligen Land im Weg stehen oder wenn er Mischa und den Hirten in ihrem Dialog an theologischen Kernen knabbern lässt.

"Die Geschichte beginnt ja in der Gegenwart", sagt Barbara, die Literaturkritikerin, zu Richard, dem Historiker, und es ist die Geschichte, die Henisch schreibt. "Allerdings reicht sie weiter zurück in die Vergangenheit, und womöglich reicht sie auch irgendwie in die Zukunft. Was weiß ich? Eine ziemlich verrückte Geschichte."

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PETER HENISCH: SEIT LANGEM EIN EIFRIGER BIBELLESER.                                                               Norbert Mayer, Die Presse

Schon der erste Prosatext des späteren Schriftstellers Henisch war vom Religionsunterricht (und seinem Religionslehrer Adolf Holl) inspiriert. Sein jüngstes Werk, "Der verirrte Messias" hat also eine lange Vorgeschichte.

Sie wenden sich erstaunlich oft in Ihren Büchern der Religion zu, wie eben erst in Ihrem neuen Roman "Der verirrte Messias" (Deuticke). Ist das Zufall?

Peter Henisch: Das Thema ist für mich nicht vom Himmel gefallen, ich trage es schon ziemlich lange mit mir herum. Etwas ironisch eingesetzte religiöse Motive klingen zum Beispiel in Romanen wie "Die schwangere Madonna" und "Pepi Prohaska Prophet" an. Bei Pepi Prohaska geht es auch um jemanden, der glaubt, einen Auftrag von Gott zu haben.

Aber diesmal gehen Sie noch einen Schritt weiter.

Peter Henisch: Der Protagonist von "Der verirrte Messias" ist eine andere Mischung. Darauf weist schon sein Familienname hin, derselbe wie jener der Hauptfigur aus Dostojewskis Roman "Der Idiot". Den verwendet mein Messias, den schreibt er als Absender auf seine Briefe. Das ist vielleicht Chuzpe, aber die Frau, die er mit diesen Briefen belästigt – anfangs wirkt er auf sie ja fast wie ein Stalker –, diese Frau ist Literaturwissenschaftlerin: Ihr versucht er sich durch diesen Namen kenntlich zu machen.

Ihr Verirrter, eine Art wiedergekommener Heiland, der sogar Stigmata hat, liest das Neue Testament in einer viersprachigen Ausgabe. Und behauptet, es war damals, als er zum ersten Mal da war, ganz anders. Ist das auch Ihre Exegese?

Peter Henisch: Mischa Myschkin versetzt sich in die Situation des Herrn Jesus, der wahrscheinlich keine Ahnung gehabt hat, dass man ihn je Christus nennen wird. Die Idee seiner Jünger, dass er der Messias sein soll, hat Jeschua wohl mit einer gewissen Reserve gesehen. Vielleicht lässt er sich nach und nach darauf ein, in den synoptischen Evangelien kann man Spuren dieser Art von Bewusstwerdung finden. Aber dass er alles von vornherein weiß und nie an sich zweifelt, wie bei Johannes, das wäre ja eigentlich gerade das Gegenteil der Menschwerdung, die doch als Voraussetzung der Erlösung gilt.

Haben Sie Tabubrüche einkalkuliert?

Peter Henisch: (Lacht) Es gibt eine Stelle, in der in Rom ein Buch von Dan Brown aus dem Fenster geworfen wird. Vielleicht ist das für manche der größte Tabubruch. Ach ja, und am Ende, als er im Zweifel, in der Verzweiflung zu versinken droht, da kokst mein Messias. Aber Barbara, die Frau, mit der sich nach und nach eine ganz eigenartige Liebesgeschichte entwickelt hat, versucht, ihn da rauszuholen.

Sind Sie ein eifriger Bibelleser?

Peter Henisch: Seit Langem. Die Luther-Bibel zum Beispiel ist doch das Basismaterial der deutschen Sprache. Bert Brecht hat sie geliebt, und auch der Philosoph Ernst Bloch, über den ich eine unvollendete Dissertation geschrieben habe. Im Unterschied zu den meisten Autorenkollegen meiner Generation in Österreich habe ich diese Lektüre nie als reaktionär empfunden.

Wie sind Sie konkret auf das Thema gekommen?

Peter Henisch: Vor zwei Jahren, nach der Fertigstellung des Romans "Eine sehr kleine Frau", habe ich mich zum Lesen in mein italienisches Refugium zurückgezogen. Einfach frei lesen, habe ich gedacht. Ohne besonderen Plan. Ich lese dort gern auf Italienisch. Unter den vorhandenen italienischen Büchern war eine exzellente Bibelübersetzung mit Kommentaren. Da habe ich mich also in die Evangelien vertieft. Das sind Texte, die ich gut kenne, aber in einer anderen Sprache wirkte vieles neu. "La potenza di Dio", die über die Jungfrau Maria kommen soll, hört sich zum Beispiel anders an als "Die Kraft des Allerhöchsten". Da hab ich mir Notizen gemacht und schon mit dem Gedanken gespielt, eine etwas andere Jesus-Geschichte zu schreiben.

Und wie wurde es dann konkret?

Peter Henisch: Ich sollte auf Empfehlung von Adolf Holl für das "Spectrum" ein Buch von Anne Rice besprechen, die hat eine Reihe von Vampir-Romanen geschrieben. Auf ihre alten Tage ist sie offenbar fromm geworden und hat eine Jesus-Trilogie verfasst. Den ersten Band, "Rückkehr ins Heilige Land", sollte ich rezensieren. Das Buch ist gut gemeint, so viel kann man sagen – lieb amerikanisch, als ob Walt Disney in den Fünfzigerjahren einen Jesus-Film gemacht hätte, mit all den frommen Legenden. So nicht, habe ich mir gedacht.

Adolf Holl war Ihr Religionslehrer. War das ein nachhaltiger Einfluss? Auch er hat außergewöhnliche Bücher über Jesus geschrieben.

Peter Henisch: Dass ich Holl in der Oberstufe als Lehrer bekommen habe, war entscheidend. Vorher war der Religionsunterricht echt jenseitig, nun war er auf einmal interessant. Ich komme nicht aus einem religiösen Haus, bin also nicht vom Katholizismus geschädigt. Ich musste keine Verletzungen abarbeiten, wie etwa mein Kollege Josef Winkler. Der landläufige Katholizismus und das Christentum passen für mich nicht unter einen Hut. Holl, damals ein junger Kaplan, hat uns einfach andere Perspektiven ahnen lassen.

Was hat er denn gemacht?

Peter Henisch: Er hat die philosophisch interessierten Schüler für sich gewonnen. Damals, bevor es von oben gebremst wurde, sah die Befreiungstheologie noch wie eine gleichzeitig idealistische und realistische Perspektive aus. Was mich am Christentum und am Judentum, aus dem es ja kam, anzog, hatte jedenfalls wenig bis nichts mit einer konservativ autoritätsgläubigen Lebenshaltung zu tun. Holl war anders als alle anderen Lehrer. Ich habe mich auf seine Stunden gefreut.

Hat sich das literarisch ausgewirkt?

Peter Henisch: Mein erster Prosatext war tatsächlich von einer Frage im Religionsunterricht inspiriert. Es ging um einen Fall von Tötung nach Verlangen. Da hat einer seinen Bruder, einen unheilbar Kranken, auf dessen Verlangen umgebracht. Das war ein konkreter Fall in Frankreich, den wir im Unterricht diskutierten, ich habe den Vorfall in meiner Geschichte ins Inzersdorfer Ziegelwerk verlegt. Dostojewski und Camus haben mich damals auch schwer beeinflusst. Aber Holl hat mir "the doors of perception" geöffnet.

Hat Herr Holl Ihr Buch gelesen?

Peter Henisch: Ich habe ihn ersucht, das Manuskript vor Erscheinen zu lesen und mich auf eventuelle sachliche Fehler hinzuweisen, aber er hat keinen gefunden. In den Realien bestens beschlagen, hat er gesagt. Das freut mich natürlich. Dieser Jesus-Roman, hat er gesagt, ist ein Lichtblick. Auf jeden Fall ist dieses Buch viel weniger langweilig als das des Herrn Ratzinger.

Ist es Ihnen leichtgefallen?

Peter Henisch: Ich habe es nicht einfach aus dem Ärmel geschüttelt. Im Grunde genommen hat sich dieses Buch seit meinen Anfängen als Schriftsteller vorbereitet. Man kann das schon in sehr frühen Arbeiten von mir nachlesen. Ein Kurzprosatext mit dem Titel "Lazarus" etwa ist 1970 in der damals sehr ambitionierten Literaturzeitschrift "Konfigurationen" erschienen. In gewisser Hinsicht war diese poetisch-experimentelle Prosa der Keim zum nun vorliegenden Roman.

Der hat also eine lange Vorgeschichte...

Peter Henisch: Ja, es gibt viele Verbindungslinien zu früheren Büchern von mir. Etwa zu "Morrisons Versteck", das scheint mir jetzt in mancher Hinsicht wie eine Vorarbeit zu diesem Buch. Oder im "Hiob"-Zyklus, an dem ich jahrzehntelang geschrieben habe. 1971 wurden Proben daraus in der "Neuen Rundschau" veröffentlicht, vorläufig zwischen zwei Buchdeckeln aufbewahrt steht er dann 1989 in meinem Gedichtband "Hamlet, Hiob, Heine" – die letzten Dinge haben mich einfach immer interessiert.

Wie stehen Sie also zu diesen letzten Dingen?

Peter Henisch: Bei aller Liebe zur Ironie setze ich mich ernsthaft mit dem Thema auseinander. Die angeblich schon absolvierte Erlösung, und warum man so wenig davon merkt. In einer Welt, in der mein verirrter Messias hilflos vor einer Mauer steht, die das sogenannte Heilige Land in zwei Teile spaltet. Ausgerechnet an dem Ort, an dem angeblich Lazarus auferweckt wurde.

GANZ KURZ:
1.   ... ob Sie an ein Leben nach dem Tod glauben?
Die wahrscheinliche Endgültigkeit des Todes stört mich jedenfalls. Dagegen schreibe ich an.
2.   ... was für Sie eine Todsünde ist und was eine lässliche?
Die Todsünde: der absolute Mangel an Liebe. Die lässliche: die relative Verirrung im Leben.
3.   ... was Sie von Judas halten?
Womöglich ein frommer Mensch. Wahrscheinlich ein armer Hund. "I feel used", sagt er ganz richtig in "Jesus Christ Superstar".
4.   ... und vom Teufel? Mit C.G. Jung gedacht: der Schatten Gottes.

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ISRAELREISE MIT DEM MESSIAS
                                                                              Christian Schachenreiter, OÖNachrichten

Peter Henisch ist etwas Außergewöhnliches gelungen: ein Jesus-Roman, der doofe Glorifizierung ebenso konsequent vermeidet wie blasphemische Diffamierung.

Barbara ist eine Unerlöste unserer Zeit. Sie ist 39, nach einer unrunden Beziehung mehr oder weniger glücklich getrennt, folglich Single, kinderlos und von Beruf – das Schicksal kann gnadenlos sein! – Literaturkritikerin. Während einer Flugreise nach Israel mit unerwünschtem Zwischenstopp in Rom wird Barbara die Bekanntschaft eines jüngeren, seltsamen Mannes aufgedrängt. Der aus Russland stammende, aber in Deutschland lebende Mischa ist ein leidenschaftlicher Leser der Bibel, vor allem des Neuen Testaments. Anfangs benützte er eine viersprachige Ausgabe rein pragmatisch zum Spracherwerb, aber so nach und nach begann ihn das Leben und Leiden Jesu zu faszinieren – bis zu dem problematischen Zeitpunkt, an dem Mischa den halbhellen Eindruck gewann, er lese da seine eigene Geschichte, die Geschichte eines früheren Lebens – naja ...

Der wiedergeborene Messias begibt sich an die Stätten seines früheren Wirkens, um den spektakulären Ereignissen der Vergangenheit nachzuspüren. Barbara hält er über seine Erfahrungen auf dem Laufenden, und so gerät sie, die anfangs eher mit verdrossener Ablehnung auf den wiedererstandenen Messias reagiert hat, in seinen Sog und wird letztlich zu einer Begleiterin, deren liebevolle Fürsorge selbst Maria aus Magdala alle Ehre gemacht hätte. Spinnt dieser Mischa einfach nur? Oder ereignet sich vielleicht doch etwas Mysteriöses?

Die spirituellen Rätsel löst Henisch klugerweise nicht auf. Vielmehr geht es ihm darum, anhand des fiktiven Plots die folgenreiche Lebens- und Leidensgeschichte Jesu für unsere heutige Vorstellungswelt nachvollziehbar zu machen – so weit dies eben möglich ist. Das führt bisweilen zu überraschenden, bemerkenswerten Sichtweisen, zu ironischem Achselzucken und auch zu skeptischer Distanzierung. Man merkt, dass Peter Henisch unbelastet an die Bibel herangeht – unter österreichischen Autoren eher eine Rarität. Henisch hat keine Kindheit zu bewältigen, die durch eine wüste katholische Erziehung beschädigt worden wäre. So braucht er sich auch nicht durch rabiate Blasphemie distanzieren.

Mit seinem Roman "Der verirrte Messias" zeigt Peter Henisch eindrucksvoll, dass man die Bibel nach wie vor ernst nehmen kann, ohne deswegen in vorkritische "Blödsichtigkeit" (G. Ch. Lichtenberg) zu verfallen. Es gibt aber noch einen guten Grund, diesen Roman zu lesen: den schönen epischen Sound seines Stils.

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GROSSMUTTERS STILLE GRÖSSE.
Peter Henischs Hommage an "Eine sehr kleine Frau"

   Peter Henisch wandert durch die Zeiten. Die Geschichte ist allgegenwärtig, aber als Gegengift hat er die Fantasie. Das erhebt ihn über die Niedrigkeiten des Alltags und die Bösartigkeiten einer aus dem Ruder laufenden Wirklichkeit. Ein Erzähler erinnert sich an seine Großmutter, und sie gibt ihm den Kompaß mit auf den Weg, sich zurechtzufinden. Die Wörter.

   Peter Henischs Romane sind keine Hochseilakte vor staunendem Publikum, sondern Etüden der Zurückhaltung. Den Geschichten und vor allem den Figuren ist eine uneitle Bescheidenheit geschuldet, mit der man im Literaturbetrieb offenbar nur wenig punkten kann. Knapp dreissig Bücher hat der österreichische Schriftsteller bisher geschrieben. Das Lob, das er dafür bekommen hat, müsste hinreichen, um ihn endgültig als wichtigen Chronisten in der deutschsprachigen Literatur zu kanonisieren, doch er gilt weiterhin als das, was er jedenfalls auch sein kann: ein sympathischer Sympathetiker.

   Henischs Kunst ist es, die Chronologie eines Landes wie Österreich zu Literatur werden zu lassen, ohne deshalb das Politische zu literarisieren. Wenn in seinen Büchern die Geschichte spürbar ist, dann nicht als etwas Abstraktes, sondern weil sie in den Lebensläufen der Figuren konkret wird. Und das nicht immer auf angenehme Weise. Es sind die Zukurzgekommenen oder die mit reichlich Phantasie Gesegneten, die Eintritt haben in einen unverwechselbaren literarischen Kosmos. Und die Lebenskünstler.

Hommage an die Grossmutter
   So einer war auch der Fotograf Walter Henisch, dem der Sohn vor rund dreissig Jahren den Roman «Die kleine Figur meines Vaters» gewidmet hat. Peter Henischs neues Werk «Eine sehr kleine Frau» ist eine Art Fortsetzung dieses Buches, auch wenn der Stoff zeitlich davor liegt. Es ist eine Hommage an die eigene Grossmutter, das autobiografische Zeugnis einer Zuneigung, eingerahmt von einer Fiktion.

   Paul Spielmann, der eine frühere Schriftstellerkarriere aufgegeben und Jahrzehnte an einem amerikanischen College unterrichtet hat, kehrt nach Wien zurück, um sein weiteres Leben hier zu verbringen. Während seine Wohnung ein karg eingerichtetes Provisorium bleibt, ist er sofort umfangen von einer wienerischen Dauer. Sie setzt die Erinnerung und das Schreiben wieder in Gang. Beim Altwarenhändler sieht Henischs Ich-Erzähler einen Bösendorfer-Stutzflügel, wie ihn die Grossmutter besessen hat, im Antiquariat entdeckt er Bücher, die in ihren Regalen gestanden sind und deren Geschichten der Gesprächsstoff endloser gemeinsamer Spaziergänge waren.

   Wenn Peter Henisch die Geschichte seiner Grossmutter rekonstruiert, dann rekonstruiert er auch ein österreichisches Jahrhundert. Um 1917, und damit in der Jugendzeit der Marta Prinz, setzt der Roman ein. In Paris, wo sie kurze Zeit lebt, hätte die junge Frau mit einem Cousin vielleicht glücklich werden können, doch in Wien ist es ein böhmischer Friseur, der ihr ein Kind anhängt und sich gleich darauf aus dem Staub macht.

   Was ihr für etliche Jahre bleiben wird, ist ein Hitler-Verehrer und Postbeamter, der sie heiratet und der sich angesichts der Hochzeitsdokumente nicht wenig darüber wundert, dass der Vater seiner Marta entgegen der Familienlegende kein preussischer Oberförster ist, sondern ein jüdischer Kohlenhändler. Über den Makel sieht der illegale Nazi mit herablassender Grossmütigkeit hinweg. Im politischen Kampf der späten ersten Republik holt er sich Blessuren, der Tod allerdings ereilt ihn zur Jahreswende 1937/38 im Bett einer Prostituierten. Es gehört zu den Ironien dieser Familiengeschichte, dass Wilhelm Prinz den Auftritt Hitlers am Wiener Heldenplatz so knapp verfehlt. Ist sein Tod eine Befreiung für seine Frau? Ja und nein. Denn Marta Prinz ist zwar eine Dame von zarter Resolutheit, die so antiquierte Worte wie «justament» benützt, doch ein «Jetzt erst recht!» gibt es in ihrem Leben nicht.

Letzte Liebe
   Bis zu ihrem Ende bleibt die Witwe unverheiratet, mit dem Enkel als letzter Liebe, wie die Familie spöttisch bemerkt. «Eine sehr kleine Frau» ist diese Marta Prinz, die in der Tasche schwere Telefonbücher mit ins Kino schleppt, um sie als Unterlage auf ihren Sitz zu legen. Von der Leinwand fällt der Schein des Lichts auf sie, wenn sie dem angebeteten O. W. Fischer entgegenstrahlt. Sind die Filme, die sie gerne sieht, trivial? Nicht, wenn sie ein Schutz vor den Widrigkeiten des Lebens sind. Egal, ob die Grossmutter von O. W. Fischer schwärmt, ob sie von Shakespeare oder von Vicki Baum erzählt, von Goethes «Faust» oder ihrem Lieblingsbuch «Vom Winde verweht» – die Kunst, und noch die banalste, berührt ihr eigenes Leben immer höchst unmittelbar. Ohne jemals kitschig zu sein und ohne jede ironische Überheblichkeit erzählt Henisch die Geschichte einer einfachen Frau, die ihn, wie es scheint, nicht wenig über die Einbildungskraft und über die Literatur gelehrt hat. In sanften Sprüngen wechselt der Roman von der Wiener Gegenwart in die Vergangenheit, nimmt die Erzählungen der Grossmutter auf und ergänzt sie mit den eigenen Erinnerungen.

   Peter Henischs Perspektive des Kindes, das der Erzähler einmal war, trägt weit genug. Es ist ein sympathetischer, vielleicht auch den Geschichten der Marta Prinz nachempfundener Tonfall, mit dem das Ich dieses Romans die Orte und Figuren der Vergangenheit noch einmal aufsucht. An der Hand der Grossmutter geht es quer durch Wien, durch die jüdischen Viertel der Leopoldstadt, durch den Prater oder nach Nussdorf. Und es geht weit hinunter in die Jahrzehnte eines Menschenlebens. Henisch ist dabei einmal mehr ein Stilist der einfachen Sätze. Kann man aber mit einfachen Sätzen glänzen? Wenn man Peter Henisch heisst, kann man das. Und man schreibt, in aller Bescheidenheit, einen Roman von stiller Grösse, der da heisst: "Eine sehr kleine Frau".
            Paul Jandl, NZZ, 4.10.2007



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PETER HENISCH: EINE SEHR KLEINE FRAU

"Die zeitliche Entfernung führt zur räumlichen Annäherung", behauptet Peter Szondi in Bezug auf Walter Benjamins Berliner Kindheit um neunzehnhundert. Auch Peter Henisch kehrt in seinen Wien-Romanen in die Stadt seiner Kindheit zurück, wobei nicht nur die zeitliche Distanz für die räumliche Annäherung eine notwendige Rolle spielt, sondern auch umgekehrt. Es ist der Raum, die Stadt, die die Erinnerung an die Vergangenheit weckt und den Erzähler an die Geschichte der kleinen Frau, seiner Großmutter, heranführt.

   Peter Henisch lebt in Wien, aber es scheint, dass für seine Figuren die Flucht aus Wien notwendig ist, um jenen Abstand zu schaffen, der die neuerliche Annäherung an die Heimatstadt ermöglicht. Paul Spielmann, wie schon zuvor Peter Jarosch im Roman Schwarzer Peter, verlässt also Wien und kehrt nach vielen Jahren aus den Vereinigten Staaten zurück. Wer dieser Paul Spielmann ist, erfährt der Leser im Lauf der Geschichte, die als Prozess der Wiederentdeckung der eigenen Identität durch die Vergangenheit angelegt ist.

   Paul Spielmann, ehemaliger Schriftsteller und später Germanistikprofessor an der Universität in Maine, kehrt nach vielen Jahren nach Wien zurück. Hier lösen Gegenstände und Räume die Erinnerung an seine Großmutter, die jüdische Wienerin Marta Prinz, und somit an seine eigene Kindheit und Jugend in dieser Stadt aus. Er entschließt sich einen Roman über sie zu schreiben.
Paul Spielmann exploriert Bezirke, durchgeht die Wege seiner Kindheit und liest die Bücher, die seine Oma las. Er lässt sie in der Gegenwart leben und in ihrem Jargon sprechen. In diesem Prozess der Vergegenwärtigung begleitet sie ihren Enkel durch Wien und die Zeit. Wie einst erzählt sie Geschichten aus den Romanen, die sie las. Die Bücher der Großmutter sind notwendig, um Martas Gefühlswelt zu veranschaulichen: "Die Bücher und ihre Inhalte. Die Bücher und ihre Geschichten. Wenn ich einen Roman über mich und die Großmutter schriebe, sollte ich eher damit beginnen", sagt der Erzähler.

   Der Leser gerät somit in einen Erzählfluss, der ihn durch die Geschichte und auch die Sozialgeschichte Österreichs im vorigem Jahrhundert führt. Die Heimkehr gewinnt somit eine emblematische Bedeutung; es ist als ob der Erzähler durch die räumliche Annäherung in die Vergangenheit zurückkehrt, so als ob dies notwendig sei, um das Leben in der Gegenwart erträglich zu machen.
"War das nun eine Flucht aus der Gegenwart? Möglicherweise. Aber die Gegenwart floss doch aus der Vergangenheit. Wo treiben wir her, wo treiben wir hin - und warum lassen wir uns so treiben? Ich wollte versuchen, wenigstens einen Teil dieser Vergangenheit zu begreifen."

   Mit Eine sehr kleine Frau setzt Peter Henisch jene Aufarbeitung der eigenen Familiengeschichte und des Nationalsozialismus fort, die er mit Die kleine Figur meines Vaters begonnen hat. Eine Auseinandersetzung, die nicht nur den Autor, sondern auch viele andere Österreicher betrifft. Peter Henisch betrachtet die "große Geschichte" durch die Geschichte der "sehr kleinen Frau", noch eine "kleine Figur" deren persönliches Schicksal jenes einer Generation ist, die in einer schwierigen Zeit leben (und überleben!) musste. Auch der Erzähler, Paul Spielmann selbst, gehört viel mehr als seine jüngeren Geschwister zu jener Nachkriegsgeneration, die das schwere Gewicht der Nazizeit tragen soll. Durch die Rückkehr in die Vergangenheit findet eine Art Versöhnung mit der Gegenwart und mit seiner Heimat Österreich statt.

   Der Schlüssel in seiner Geschichte scheint ein Klavier zu sein, ein Bösendorfer, den Paul Spielmann im Schaufenster eines Altwarenhändlers sieht und in dem er glaubt, jenes Klavier zu erkennen, das einst überraschend in der Wohnung seiner Oma stand. Ein wertvolles Stück, das sie zu ihrem eigenen Vergnügen gekauft und sehr plötzlich (und genau so unerklärlich) kurz vor ihrem Tod wieder verkauft hatte. Den Grund für den Verkauf erfährt Paul Spielmann erst jetzt, nach so vielen Jahren, durch den Inhalt eines Koffers, der bei seinen Neffen gelandet ist. In diesem Koffer findet er neben Familienfotos und ein one-way Flugticket nach Jerusalem. Offensichtlich hatte Marta den Flügel verkauft, um den Flug nach Israel zu bezahlen. Sie wollte sich am Ende ihres Lebens mit ihrer jüdischen Identität versöhnen, jener Identität, die sie während der Nazizeit, genau wie Walter in Die kleine Figur meines Vaters, leugnen musste.

   Paul Spielmann kehrt nach Wien zurück, und im Gegensatz zu Peter Jarosch in Schwarzer Peter scheint er hier wieder leben zu können. Für Peter Jarosch bleibt New Orleans das multikulturelle Paradies in dem "der schwarze Wiener" leben kann. Für Paul Spielmann ist es anders: Nach zwanzig Jahren in den Vereinigten Staaten fühlt er sich plötzlich fremd und unverstanden. Dies nimmt er erst wahr, als er versucht seinen Studenten den Wien-Autor schlechthin, nämlich Heimito von Doderer, zu vermitteln: "Is that german? Indeed? [...] Fuck off Termito von Hoderer!" ist die Reaktion der Studenten.

   Es ist berührend, wie Peter Henisch mit der Geschichte der Großmutter sein eigenes Familienalbum weiter öffnet und bearbeitet, ob jedoch wirklich eine Versöhnung mit der Vergangenheit stattfindet, kann man nur ahnen. Bleibt Paul Spielmann, nachdem er alles in den USA verkauft hat, wirklich in Wien?

   Abgesehen davon zeigt Peter Henisch mit dem Roman Eine sehr kleine Frau erneut, dass der beste Weg Geschichte zu begreifen über die Annäherung an die Geschichte der "kleinen" Menschen führt.
            Antonella Cerullo, LITERATURHAUS WIEN, 27.8.2007



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WO DIE ZEIT AUFGEHOBEN WIRD

Leises Meisterwerk: Peter Henisch hat mit "Eine sehr kleine Frau" einen Roman über seine Großmutter geschrieben

   Es ist gut 31 Jahre her, dass der gestrenge österreichische Publizist Friedrich Torberg in dieser Zeitung Peter Henisch dafür rühmte, "wie präzise und komprimiert" er seine "künstlerischen Mittel einzusetzen" wisse. Sprachlich gemahne seine Mischung aus Einfachheit und Genauigkeit an den großen Erzähler Joseph Roth.

   In dem Vergleich steckte ein großes, ein gefährliches Kompliment. Doch Henisch hat sich seit damals, als der autobiographische Roman "Die kleine Figur meines Vaters" zum ersten Mal erschienen war, solch höchsten Lobes würdig erwiesen. 20 Bände schrieb er mittlerweile, die vielleicht bloß deshalb nicht für Furore sorgten, weil ihre Qualität stets so selbstverständlich und unprätentiös wirkte. Kein Skandal, kein Medienrummel säumten seinen schriftstellerischen Weg.

   Durch ästhetische Moden ließ er sich nicht beeinflussen, an den einst in deutschen Landen ausgerufenen Tod des Erzählens hat er nie geglaubt: Unbeirrt erzählte er weiter, weil er etwas zu sagen hatte. Mag sein, dass Peter Henisch im siebenten Lebensjahrzehnt an Lockerheit gewonnen hat. "Die schwangere Madonna" (erschienen 2005), ein ebenso amüsantes wie kluges literarisches Road-Movie, rief seinen Namen jedenfalls auch nachwachsenden Lesergenerationen ins Bewusstsein.

   Hatte Peter Henisch mit der "Kleinen Figur meines Vaters", einem Porträt des Fotografen Walter Henisch, der trotz teils jüdischer Herkunft im Zweiten Weltkrieg als Bildreporter Karriere machte, schon ein Kapitel seiner Familiengeschichte aufgearbeitet, so schließt der jüngste Roman, "Eine sehr kleine Frau", direkt daran an: Hier wird berichtet, was davor geschah: das Schicksal der Großmutter.

   Der Ich-Erzähler, Paul Spielmann, ein älterer, geradezu "aufgehörter" Schriftsteller, kehrt in seine Geburtsstadt Wien zurück. Die Lehrtätigkeit an einem amerikanischen College hat er beendet, sein Heim "drüben" will er verkaufen, mit seiner Gesundheit steht es nicht zum Besten. Im Allgemeinen Krankenhaus, dem Hort der Wiener Medizinischen Schule, ist eine Untersuchung geplant. Langsam nimmt die Stadt, aus der er geflohen war, wieder Besitz von ihm.

   In einem Antiquitätenladen entdeckt er einen Bösendorfer-Stutzflügel, der sofort die Erinnerungsmaschinerie in Gang bringt: Ganz ähnlich hatte das Klavier der Großmutter ausgesehen, unter dem er, während sie spielte, Geborgenheit fand.

   Marta Prinz, geborene Glück, war bereits vor Jahrzehnten in hohem Alter verstorben. Eine pensionierte Krankenschwester mit einem Sohn aus erster Ehe, dem Vater des Erzählers. Der zeugende Gatte, ein Friseur und Hallodri, hatte sich frühzeitig stillschweigend verabschiedet, sein Ehe-Nachfolger - ein sudetendeutscher Postbeamter - übernahm die verlassene Frau samt Kind, ohne diese zu lieben und jenes zu akzeptieren.

   Und da gab es noch einen Makel: Martas - jiddisch gesagt - "Tate" war eben, entgegen familiären Legenden, kein preußisch-schlesischer Oberförster, sondern ein zum Katholizismus konvertierter jüdischer Kohlehändler aus Galizien. Dieser Stammbaum musste umso mehr verleugnet werden, als Herr Prinz für Hitler schwärmte und illegaler Nazi wurde. Betrüblicherweise konnte er die Früchte seines völkischen Einsatzes nicht ernten, da er kurz vor dem "Anschluss" Österreichs - zu Silvester 1938 in den Armen einer Prostituierten - starb.

   Marta Prinz aber überstand das Dritte Reich, dank gefälschter Taufscheine der Vorfahren und des NS-Rufs ihres auf dem Felde der Unehre verblichenen Gemahls. Ein Überleben im Schatten der Lüge? Keine Rede von Verurteilung, von nachträglicher moralischer Besserwisserei. Seite für Seite bekommt Marta Prinz neue Facetten - ihre Begeisterung für die Literatur, sei sie nun trivial oder nicht, prägte den Enkel; ihre praktizierte Musikalität war Ausdruck von Sehnsüchten jenseits des tristen Alltags. Paul Spielmann ist die letzte Liebe ihres Lebens gewesen, und sie ersetzte ihm die meist in jeder Hinsicht abwesenden Eltern.

    Peter Henisch beschwört all das raffiniert und scheinbar frei von Anstrengung. Da spiegelt sich historische Realität in der von der Großmutter in ihre Worte übertragenen Dichtung - Schiller und Goethe, Vicki Baum und "Vom Winde verweht" sind Ankerplätze und Ausgangspunkte der Fantasie.

   Bewundernswert die evokative Kraft des Romanciers: Wie von selbst, durch stimmige Details, spüren wir die Atmosphäre von anno dazumal heraus: Ungemein lebendig wird die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts in diesem Buch heraufbeschworen, zumindest in ihrer mitteleuropäischen Spielart. Ein leises Meisterwerk: In schlichten, melodischen Sätzen hat es die Zeit - in des Begriffs doppelter Bedeutung - aufgehoben.
            Ulrich Weinzierl, Welt, 15.9.2007



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WIE EIN ERZÄHLER ZUR SPRACHE FAND

Peter Henisch wandert durch die Zeiten. Die Geschichte ist allgegenwärtig, aber als Gegengift hat er die Fantasie. Das erhebt ihn über die Niedrigkeiten des Alltags und die Bösartigkeiten einer aus dem Ruder laufenden Wirklichkeit. Ein Erzähler erinnert sich an seine Großmutter, und sie gibt ihm den Kompaß mit auf den Weg, sich zurechtzufinden. Die Wörter.

   Peter Henisch ist der Impressionist unter den zeitgenössischen österreichischen Erzählern. Er fabuliert nicht auf Biegen und Brechen eine Geschichte, er hält sich lieber auf bei Kleinigkeiten. Details, Nebensachen, die einem flüchtigen Beobachter nicht wichtig scheinen. Bei ihm bekommen die Nebendinge eines Lebens Gewicht, weil sie ihm etwas verraten von jenen Momenten, in denen ein Leben kurz außer Tritt gerät und der Normallauf stockt. Dann kommt ein Ich ganz zu sich selbst, ist gezwungen, sich mit seinem eigenen Wesen auseinander zu setzen. Es mogelt sich nicht in besinnungstötende Geschäftigkeit, es ist zurückgeworfen auf sich und seine Geschichte. Das kann etwas Erlösendes bedeuten. Endlich findet einer zu dem, was sein Leben im Innersten ausmacht. Peter Henisch, und das macht seine Besonderheit aus, zielt aufs Existenzielle, ohne deshalb ein Menschenfeind geworden zu sein. Das Leben beutelt seine Figuren, aber aus allen Widrigkeiten gehen sie dank einer Trotzhaltung unbeschadet hervor. Wen Henisch liebt, den lässt er nicht untergehen. Er stattet ihn aus mit einem reichen Innenleben, das ihn schützt vor dem rauen Wind einer feindlichen Außenwelt.

    Die Literatur des Peter Henisch ist geprägt von einer Atmosphäre der Sanftheit, die aus einer grundlegenden Heiterkeit kommt. Dieser Autor macht seine Figuren zu Lebenskünstlern. Er schickt sie durch schwere Zeiten, läßt sie aber Wirklichkeit individuell umdeuten als etwas Freundlicheres. Nicht, dass sie sich eine heile Welt herbeilügen würden, aber sie machen aus dem, was ist, eine lebbare Gegenwart. Im Innersten wissen sie Bescheid über die Unwirtlichkeit, aber in ihrem kleinen Einflussbereich geht es menschenfreundlich zu.

   Schon immer hat Zeitgeschichte hineingespielt in die Bücher von Henisch. Aber anders als seine Generationskollegen hat er nicht unmittelbar auf Rache gesonnen. Er mag die Täter nicht, aber er erhebt sich nicht großmäulig über sie.

   Jetzt haben wir wieder einen dieser traurigen Henisch-Männer vor uns. Er hat sich lange in einer kleinen Provinzstadt in den USA aufgehalten und kommt nach Jahrzehnten zurück in sein Wien, das längst nicht mehr das Wien seiner Jugend ist. „Ich überquerte den Michaelerplatz, schaute kurz in die weiter zurückliegende Vergangenheit Wiens hinunter. Da hatte man einiges freigelegt, seit ich weg war. Freigelegt und dann gleich wieder eingesargt.“

   Die Vergangenheit, die ihn bedrängt, ist keineswegs eingesargt. Auf Schritt und Tritt begegnet er ihr, er sucht ihre Spuren, er sichert Material. Die Geschichte der Großmutter geht ihm nach, jene Frau, die ihm zu den Wörtern verholfen hat. Der in die Jahre gekommene Erzähler und seine Großmutter standen über lange Jahre in enger Verbindung. Sie kümmerte sich um den Kleinen und erzählte ihm Geschichten, wahllos, Faust und Anna Karenina ebenso wie Ganghofer-Romane. Der Zweite Weltkrieg war vorbei, die beiden spazierten durch Trümmerlandschaften und machten es sich heimelig in den Abenteuern von anderen.

   Nach und nach entsteht das Porträt einer eigenwilligen Frau, die ihren aufrechten Gang durch das 20. Jahrhundert genommen hat, das ihr nichts erspart hat. Aber sie ist keine Leidensmamsell, vielmehr eine hellwache Dame voller Lebenswut, melancholiegebremst. Diese Melancholie überträgt sich auf das ganze Buch. Der Erzähler nämlich, der absichtslos seine Notizen macht und Material zusammenträgt für ein Porträt der Großmutter, stößt allüberall auf Spuren, die ihn ihrer Geschichte versichert. Melancholie stellt sich ein, weil ihm plötzlich so viel Versäumtes, Verpasstes, Unwiederholbares zu schaffen macht. Jetzt, da die Jahre ins Land gezogen sind und die Großmutter auf Erinnerungsbilder reduziert ist, wird dem Erwachsenen erst klar, welchen Stellenwert in seinem Leben sie eingenommen hat. Sie war die „für geistiges und seelisches Erwachen wahrscheinlich entscheidende Person“. Die Bilder im Kopf bedürfen der Ergänzung durch die sichtbare Wirklichkeit. Der Erzähler sucht die magischen Orte von damals auf, wo zwei versunken in ihre Fantasiewelt für die Umwelt verloren waren.

   „Wahrscheinlich kennst du das also. Dass von einem gewissen Zeitpunkt an alles zum Text gehört, dass es da einfach keine Zufälle mehr gibt, jedenfalls keine Zufälle, die nicht ins System passen.“ Von welchem System ist die Rede? Der Verfasser hat sich ein Bild gemacht, und alles, was dieses Bild bestätigt, wird integriert. Als er an der Johann-Nepomuk-Kirche vorbeikommt, sich den Veranstaltungskalender besieht und auf das Wort „Spurensuche“ stößt, ahnt er sofort, dass das mit ihm und seiner Rekonstruktion der Vergangenheit zu tun hat.

   Der Erzähler findet und erfindet. Er imaginiert sich seine eigene Vergangenheit. Wenn er wenig aus sicherer Quelle weiß, springt ihm seine Einbildungskraft bei. Dann bringt er in kräftigen Bildern zur lebendigen Anschauung, was seine Stimmung ihm einflüstert. Der erste Mann der Großmutter war ein Hallodri, der zweite ein Widerling. Aus dem Samen weniger Tatsachen aber lässt er einen Menschen mit Eigenschaften sprießen. Das Paar kommt 1924 aus einer Aufführung von „Wilhelm Tell“, und der kathartisch erhobene Ehemann hält Vorträge über deutschen Charakter und die Größe der Zeit. „Du wirst sehen, Marta, sagte er, es geht aufwärts mit dieser Bewegung. Von der Gumpendorfer Straße Richtung Wienzeile ging es allerdings steil abwärts.“ Doch, mit Ironie ist bei diesem Autor stets zu rechnen.

   Der neue Henisch ist ein wohl vertrauter. Er kommt wieder so romantisch daher wie der gute alte E. T. A. Hoffmann, der sich auch angesichts der Verhältnisse Gegenwirklichkeiten ersann. Er porträtiert wieder Figuren, die quer zur Zeit stehen und sympathische Rebellionen unternehmen. Und er nimmt sich Zeit für die feinen Verästelungen, die die Arbeit an der Vergangenheit austreibt.
            Anton Thuswaldner, Salzburger Nachrichten, 12.9.2007



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ES GIBT EIN RICHTIGES LEBEN IM FALSCHEN.
Das Kino, das Klavier und die Romane: Peter Henisch erzählt in seinem Roman "Eine sehr kleine Frau" von Enttäuschung und Glück.

   So wenig Aufhebens von sich zu machen wie Peter Henisch, das ist auch ein Kunststück. Dass er seit mehr als 30 Jahren Buch um Buch veröffentlicht, ohne sich zum Außenseiter, zum Repräsentanten, zum Originalgenie oder Märtyrer zu stilisieren, mag zwar sympathisch anmuten, hat dem Autor jedoch sehr geschadet. Denn immer noch wird dieser Peter Henisch, 1943 in Wien geboren und mit Romanen wie "Die kleine Figur meines Vaters" oder "Schwarzer Peter" längst ein Klassiker der neuen österreichischen Literatur, schändlich unterschätzt. Sein Roman "Die schwangere Madonna" brachte es vor zwei Jahren zur Nominierung für den Deutschen Buchpreis und, wie fast alle seine Bücher, auf zahlreiche rühmende Besprechungen, allein, der durchschlagende Erfolg blieb wieder einmal aus. Dabei ist Peter Henisch ein Autor, der nicht nur zu erzählen weiß, sondern auch weiß, worüber. Ein Chronist der Peripherie, der nicht das "kaisergelbe Wien, sondern das ziegelrote" erkundet, erzählt er von kleinen, um ihr Glück betrogenen Leuten, deren Aufbegehren und Scheitern er im Gedächtnis der Literatur zu retten versucht.

    Nun hat er einen großen Roman über "eine sehr kleine Frau" vorgelegt. In gewissem Sinne wird darin auch die Vorgeschichte zu dem 1975 erstmals erschienenen Roman erzählt, der der "kleinen Figur" seines Vaters gewidmet war, einem Mann, der, wie Henischs Vater, trotz seiner jüdischen Herkunft ausgerechnet als Kriegsfotograf überlebte und später zu einem sehr bekannten österreichischen Pressefotografen wurde. Die sehr kleine Frau des Titels ist die Mutter dieses Mannes, der sich durch schwierige Zeiten lavierte und, als sie besser wurden, Karriere machte, aber dennoch nicht glücklich wurde. Glücklich ist auch die sehr kleine Frau nicht geworden, aber es hat Momente des Glücks in ihrem Lebenm gegeben, und sie hat den Anspruch darauf, glücklich zu werden, bis ins hohe Alter nie aufgegeben. Dass alles auch ganz anders kommen und es ihr viel besser hätte ergehen können, davon erzählt dieser Roman, der Recherche und Beschwörung zugleich ist.
Produktive Empfänglichkeit
   Paul Spielmann, ein gescheiterter Autor, der vor zwanzig Jahren in ein gemütliches College in der amerikanischen Provinz geflohen ist, kehrt nach Wien zurück. Über die besten Jahre ist er bereits hinaus, nun geht er die alten Wege, findet manche von ihnen im rundum erneuerten Wien nicht wieder und bemerkt staunend, wie er in jenen Zustand der "produktiven Empfänglichkeit" gerät, die ihm das Metier des Schriftstellers auszumachen scheint. Überall ist ihm in der verloren geglaubten Stadt die kleine Frau, seine Großmutter, präsent, und er wehrt sich nicht gegen all die Erinnerungen, die auf seinen Wanderungen durch die vertraute, die fremde Stadt in ihm aufsteigen. Er war ein Großmutterkind und, wie es in der Familie spöttisch hieß, "ihre letzte Liebe" gewesen. Unter ihrem Klavier hatte er, wenn sie wider die Enge, in die sie verwiesen war, pianistisch phantasierte, die schönsten Stunden seiner Kindheit verbracht; an ihrer Hand war er durch die damals, in den ersten Jahren nach dem Krieg, noch von den Soldaten der Siegermächte besetzte Stadt gegangen und hatte ihr gelauscht, ihren Geschichten, die meist Inhaltsangaben der Bücher waren, die sie las. Das Kind, da es ihre letzte Liebe und ihr einziger Zuhörer war, hat sie in jene andere Welt eingeführt, die ihr wirklicher erschien als die graue Realität; so ist Paul zugleich in einem düsteren Wien des Nachkriegs und in den Schmökern der Brüder Dumas oder der Vicki Baum aufgewachsen, und so präzise die soziale Topographie des rauen Wien eingefangen ist, so viel erfahren wir über die Verheißungen und Vertröstungen von Romanen, die gemeinhin als Trivialliteratur geächtet werden.

   Die kleine Frau, die unter dem Mantel zwei Telefonbücher mit ins Kino schleppte, die sie auf den Sitz legte, sobald es dunkel wurde, war zäh und verletzlich, bescheiden und renitent. Henisch erzählt das Leben seiner Großmutter – so wie einst das des Vaters – distanziert und mitfühlend zugleich. Das Glück, nie war sie ihm näher als in jenem Jahr, das sie als junge Frau in Paris verbrachte. Bis ans Ende ihrer Tage fragt sie sich, ob sie nicht dort hätte bleiben, ein unabhängiges Leben wagen sollen. Aber sie kehrte zurück, wurde von einem feschen "böhmischen Friseur" geschwängert, der sich aus dem Staube machte, als der Erste Weltkrieg ausbrach, und sie mit einem sehr schwachen Kind zurückließ. Ihr Vater, der in der Familiengeschichte legendäre Forstrat aus Preußen, erwies sich, als derlei wichtig wurde, als getaufter Jude. Mit dem doppelten Makel der jüdischen Herkunft und der sitzengelassenen Frau mit Kind ließ es sich damals als ungelernte Krankenpflegerin so leicht nicht auskommen. So wird die kleine Wienerin zur Beute eines sudetendeutschen Recken namens Wilhelm Prinz: "Es war einmal ein Mann Mitte dreißig, der hatte im Krieg Hand und Heimat verloren. Es war einmal eine Frau Mitte zwanzig, der hatte ein anderer Mann ein Kind gemacht. ... Martha und Wilhelm, keine Liebesgeschichte."

   Der Märchenton, den Henisch anschlägt, um von den großen Wegmarken im Leben der Großmutter zu berichten, ist von den Märchen vorgegeben, die diese dem Enkel erzählte, während sie in Wien unterwegs waren. "Es war einmal eine Hochzeit, die wurde im kleinsten Kreise gefeiert", heißt es von jenem Tag, an dem die Oma Sicherheit gefunden zu haben glaubt, in Wahrheit aber ihr Schicksal besiegelt. "Es war einmal eine kleine Frau, die mischte sich nicht in die Angelegenheiten ihres Mannes. Es war einmal eine dumme Frau, die verstand nichts von Politik." Und verstand in Wahrheit doch mehr als ihr Mann davon, der sich für all die Demütigungen, die ihm das Leben beschert hatte, daran gütlich hielt, dass er seine kleine Frau gängeln und als illegaler Nationalsozialist vom großen deutschen Vaterland träumen konnte.

   Henisch versucht die Großmutter zu begreifen, er sieht sich die Dokumente an, die er von ihr hat, überprüft seine Erinnerungen und erprobt dort, wo er weder Dokumente noch Erinnerungen hat, verschiedene Lebensentwürfe für sie. Immer kommt er dabei an einen Punkt, an dem er traurig, empört konstatieren muss: "Wie sie sich Mühe gab, dem Herrn Prinz gerecht zu werden."

Ihre eigene Freiheit
   Wie sie sich Mühe gab, überhaupt allen Anforderungen, die an sie gestellt wurden, gerecht zu werden. Wie sie den Enkelsohn aufzieht, weil seine Eltern keine Zeit für ihn haben. Wie sie dies und das und immer irgendetwas für die Familie, die Verwandtschaft zu tun hat. Wie sie darüber, in einem an äußeren Höhepunkten jämmerlich armen Leben, alt und älter und endlich steinalt wird. Eine Frau, die das Kino, das Klavier, die Romane – und ihren Enkel liebt. Und ihr karges Leben womöglich so ärmlich gar nicht findet.

   Dem Enkel, der wie gegen seinen Willen in Wien wieder zum Schriftsteller wird, der schon längst in ihm verstummt war, will es jedenfalls so erscheinen: Dass die kleine Frau nicht nur Sorgen hatte, nicht nur Mühsal auf sich lud, sondern auch eine andere, ihre eigene Freiheit suchte. Die große Befreiung ist ihr nicht gelungen, das Selbstbewusstsein der emanzipierten Frau, sie hat es nicht erlangt. Dennoch, Henischs Roman um eine oft enttäuschte Frau zeigt es: Es gibt auch ein richtiges Leben im falschen. Über so viel Enttäuschung, über all dem vergeudeten Aufbegehren hat eine Frau ihre Träume nie verwirklichen können; aber sie hat sie sich auch nicht austreiben lassen.

             Karl-Markus Gauß, Süddeutsche Zeitung, 3. Sept. 07



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GROSSMUTTERLEBEN

Peter Henischs großer Roman Eine sehr kleine Frau

   Paul Spielmann, Professor für Germanistik an einem kleinen College im U.S.-Bundesstaat Maine, kehrt in seine Heimatstadt Wien zurück. Vor zwei Jahrzehnten war er nach dem Tod seiner Großmutter im Jahr 1986 davongelaufen, ohne das Begräbnis abzuwarten und war auch nach dem Tod nicht nach Österreich zurückgekehrt. In Wien mietet er nun eine riesige leere Wohnung, in er sich - ohne sie weiter einzurichten - mit seinem Laptop installiert. Anonym streunt er durch die Stadt, sein einziger Termin zu einer neurologischen Untersuchung im AKH deutet auf eine mögliche lebensbedrohliche Erkrankung.

   Bald wird Spielmann klar, dass er auf der Suche ist - nach seiner eigenen Wiener Vergangenheit, aber auch nach der Vergangenheit seiner Großmutter Marta, mit der er seine gesamte Kindheit und Jugend hindurch ein sehr enges Verhältnis hatte. Es handelt sich um eine Großmutter, die mit dem Oeuvre Henischs kompatibel ist, ist sie doch die Mutter des Fotografen Walter aus Henischs Die kleine Figur meines Vaters, mit der der Autor vor nun bereits drei Jahrzehnten internationale Berühmtheit erlangte. Ist Schwarzer Peter Henischs großer Roman der Zweiten Republik und Die kleine Figur ein früher Vertreter der "Väterliteratur" zur Aufarbeitung des Nationalsozialismus mit seinen schwerwiegenden Konsequenzen für Österreich, so wird mit der eigenwilligen Omama nun das Ende der Monarchie, die Erste Republik und der Ständestaat sowie, aus anderer Sicht als in Die kleine Figur, das nationalsozialistische Österreich exploriert. Die kreative Ökonomie, mit der Henisch seine Familiengeschichte(n) literarisiert, ist bewundernswert.

   Von der kleinen Figur also zur sehr kleinen Frau. Marta entstammt einer jüdischen Familie, hat sich jedoch aufgrund der Ablehnung, auf die ihre kurze Ehe mit einem tschechischen Friseur bei ihren Eltern und Verwandten stieß, sehr bald von ihrer jüdischen Herkunft verabschiedet - zumindest äußerlich. Das ist auch eine der Bedingungen, die der deutschnationale sudetendeutsche Wilhelm Prinz für eine Ehe mit Marta und ihrem Bankert Walter stellt. Ganz verurteilen will ihn weder Erzähler noch Leser: Prinz weiß um Martas um jüdische Herkunft und ihre Ehe mit einem "böhmischen Figaro" - eine zumindest problematische Kombination für einen sudetendeutschen Nazi – und heiratet sie trotzdem.

   Wie häufig bei Henisch versucht ein Erzähler, sich der Vergangenheit mit den Mitteln des Romans anzunähern. Es geht jedoch nicht nur um das Füllen von Lücken, sondern auch um die Interpretation - und damit Konstruktion - dieser Vergangenheit. Da die Großmutter nicht mehr am Leben ist, muss Paul Spielmann ihr auf andere Weise nachspüren. Gleich zu Romanbeginn sieht er in einem Antiquitätengeschäft einen alten Bösendorfer, der ihn an die Zeit erinnert, als er unter einem fast identischen (oder gar eben diesem?) Flügel saß, um der Großmutter zu lauschen. Viel ergiebiger jedoch noch ist für den gescheiterten ehemaligen Schriftsteller und Literaturwissenschaftler Spielmann jedoch ein billiges Antiquariat, das die dicken Romane verkauft, die seine Großmutter im Bücherschrank stehen hatte: John Knittels El Hakim, Vicki Baums Menschen im Hotel oder Sienkiewiczs Quo Vadis. Immer schon hatte sie die Fähigkeit gehabt, dem Jungen verschiedene literarische Texte synoptisch näherzubringen. Im Wege von Omas Lesefutter versucht er jetzt, viele Jahre nach ihrem Tod, sich an sie heranzulesen.

   Einige der beeindruckendsten Teile des Romans stellen Großmutters Lektüre des 1937 in deutscher Sprache erschienen Welterfolgs Vom Winde verweht in den Kontext des Anschlusses: "Im Buch schrieb man April 1861, draußen war Februar 1938." - "Marta las. In ihrem Kopf lief ein Film, der erst gedreht werden sollte. Draußen liefen die letzten Tage der Ersten Republik, aber das nahm sie nur am Rande wahr. Sie war mitten in einer anderen Geschichte." Und dennoch, so die literarische Ironie, spiegelt sich der beginnende Krieg in den Südstaaten, der eine Zeitenwende einleitete, im Einmarsch der deutschen Truppen; erkennt man eine deutliche Parallele zwischen der ignoranten Scarlett, die sich durch den beginnenden Krieg um ihre Kavaliere gebracht sieht, und der ins Buch vertieften Leserin, die ihre Umwelt nicht wahrnimmt.

   Aus der Lektüre dieser Romane, der Erinnerung an die vielen Geschichten und der vielen Großmuttersätze und -begriffe, die im Text kursiv gesetzt sind, rekonstruiert Paul Spielmann eine höchst widersprüchliche Persönlichkeit. Einerseits wird klar, dass sie zu einem hohen Maße für seine literarischen Interessen und ästhetische Erziehung verantwortlich ist, andererseits erkennt er im Zwiespalt zwischen ihrer weitgehend verleugneten jüdischen Herkunft und der Anpassung an, wenn nicht Zustimmung zum, nationalsozialistischen Regime (wenn auch nicht zu Hitler selbst) die klassische Zwickmühle der österreichischen Kultur. Wie Scarlett im Südstaatenepos beginnt sie nach dem Krieg mit dem Wiederaufbau, ohne sich zunächst über die Bedeutung der Vergangenheit klar zu werden oder klar werden zu wollen.

   Spielmann vermutet zwar ein komplexeres Innenleben, hat dafür aber nur wenig Anhaltspunkte. Als ihr Ekel siebzehn wird, offeriert sie ihm eine Lektüre der besonderen Art, Hitlers Kampf: "Nimm es mit und lies, wenn du willst, sagte die Großmutter. Aber pack es in einen Umschlag." Das Buch gehörte Wilhelm Prinz, ihrem "seligen Gatten", der als illegaler Nazi 1937 ums Leben kam, allerdings nicht, wie sie zunächst angstvoll vermutet, bei politischen Kämpfen, sondern im Bett einer Prostituierten.

   Der innere Zwiespalt dieser Großmutter, die das Dritte Reich mit gefälschten Papieren überlebte, wird ganz zum Schluss des Romans dramatisiert, als Spielmann von seiner Schwester die Reisetasche seiner Großmutter erhält, in deren Innenfach er ein Flugticket, one-way, mit Destination Jerusalem entdeckt hatte. Das Datum, 10.12.1986, war Martas Geburtstag. Zwar fand sich kein Brief an den Enkel, aber "was er enthielt, war vielleicht trotzdem eine Botschaft."

   Henisch tat gut daran, diese Entdeckung nicht weiter zu interpretieren. Dem Leser eröffnet sich eine doppelte Parallele zum Handeln des Erzählers. Einerseits hatte Marta, wie Enkel Paul, vor, Österreich zu verlassen - übrigens nur wenige Monate nach der Machtübernahme Waldheims. In der möglichen Wiederentdeckung ihrer Identität bzw. dem Entschluss, alte Spuren wiederaufzunehmen, antizipierte sie aber auch den weiteren Weg des Enkels, der nun nicht nur sein Haus in den USA verkauft und nach Wien zurückfindet, sondern den Schreibtisch des Professors wieder mit dem des Schriftstellers tauscht. Diese Rückkehr ist keine billige Nostalgie. Liest man Eine sehr kleine Frau als Wien-Roman, so schockiert die Schäbigkeit und der heruntergekommene Zustand der Stadt in der postindustriellen und Großmarktphase im Vergleich mit dem Zustand von vor fünfundzwanzig Jahren. Trotzdem ergibt sich ein Gefühl der Befreiung und Versöhnung, die sich mit Einschränkung auch auf die Entwicklung des Landes beziehen lässt. Henischs neuer kulturpsychologischer Roman beweist wieder einmal seinen anerkannten Status als großen Epiker dieses Landes.

             Walter Grünzweig, Der Standard, 28/29. August 2007



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DER KLANG DER ZEIT

   Nun hat auch Peter Henisch einen Schriftstellerroman geschrieben - das Sujet liegt offenbar in der Luft. Allerdings ist es kein egozentrisches Buch, es geht darin ja vor allem um "eine sehr kleine Frau". Auch ist es mit der biografischen Zuschreibung gar nicht so einfach: Der Held Paul Spielmann ist um die sechzig und hat als Literaturprofessor zwanzig Jahre in den Staaten gelebt, ehe er in seine Heimatstadt Wien zurückkehrte. In der Verlagswerbung heißt es aber, "Peter Henisch" erinnere sich in diesem Roman "an jene Frau, von der er gelernt hat, was sein weiteres Leben prägen sollte: das Erzählen". Dass Peter Henisch und Paul Spielmann dieselbe Großmutter gehabt haben müssen, liegt auf der Hand. Schon in dem jüngst neu aufgelegten Roman "Pepi Prohaska Prophet" (1986) hat der Autor dem Helden eine ähnlich eindrucksvolle Großmutter zur Seite gestellt. Und wie hat Professor Spielmann (!) seinen Studenten im Creative-Writing-Kurs immer gesagt: "Literature is a game. Ein Spiel mit gelebten und ungelebten Möglichkeiten."

   Dieser Paul Spielmann ist in Wien, weil er einen Untersuchungstermin im Spital hat. Er hat seine Zelte in Amerika abgebrochen und sich in einem alten Vorstadthaus eingemietet. Es gibt da eine Zeile von Walter Buchebner über das Wien der Wiederaufbauzeit: "man stimmt das gedächtnis wie ein klavier dezent auf vergessen". Beim Icherzähler verhält es sich umgekehrt: Er entdeckt beim Altwarenhändler einen Bösendorfer, der jenem der verstorbenen Großmutter zum Verwechseln ähnlich sieht. Das Klavier schlägt einen Ton in ihm an, es löst Erinnerungen aus, an die Großmutter, aber auch an all das, was man in den Fünfzigerjahren tunlichst vergessen wollte. Es drängt Spielmann zum Schreibtisch, obwohl er damals, vor seinem Weggang, der Literatur abgeschworen hat. Auslöser war diese Geschichte vom Ende des Erzählens, auf die er, nach langer Gegenwehr, schließlich doch hereingefallen war. Dabei hätte er nur auf seine Großmutter hören müssen. Sie, die Säuglingsschwester, war so etwas wie die Hebamme seiner Literatur. Und der Enkel war, wie die Eltern scherzten, die "letzte Liebe" der Großmutter. Auf vielen Spaziergängen hat sie ihm Geschichten aus dem Alten Testament erzählt und aus den Klassikern, von der Kaiserin Elisabeth und von den Indianern. "Wenn man erzählt, sagte die Großmutter, dann ist das, wie wenn man einen Weg geht. Einen Weg, an dessen Rand man von Schritt zu Schritt mehr sieht." Eigentlich wollte der Enkel diese Selbstverpflichtung zur Kunst loswerden, aber jetzt hat er, ein Rückfalltäter sozusagen, wieder Feuer gefangen. "Hast du Worte? Sagte die Großmutter. Ja, nun hatte ich Worte."

   Peter Henisch hat keine Eile beim Erzählen. Mit der Nonchalance und Umsicht eines erfahrenen Kapitäns navigiert er den Leser durch seine Geschichte. In aller Ruhe lässt er seinen Helden nach dem ersten Satz eines Romans suchen (vielleicht "Sie war eine sehr kleine Frau"?), der längst begonnen hat. Peu à peu vervollständigt sich das Bild der Frau Marta Prinz, geborene Glück, und ihrer Familie. Das ist keine im üblichen Sinne spannende Story, es ist eine liebevolle Hommage, vergleichbar mit Monika Marons schönem Großelternbuch "Pawels Briefe". Ein Alterswerk, wenn man so will, naturgemäß nostalgisch; da erinnert sich einer an eine Zeit, als es an der Stadtgrenze noch so etwas gab "wie eine Gegend". Als Stilist nimmt Henisch sich umso mehr zurück, als der Stoff nach Plakativem zu schreien scheint. Hie und da wechselt die Tonart, doch die Erzählerstimme bleibt ruhig: "Es war einmal ein Mann Mitte dreißig, der hatte im Krieg Hand und Heimat verloren. Es war einmal eine Frau Mitte zwanzig, der hatte ein anderer Mann ein Kind gemacht. Es war einmal eine große Monarchie, die war Vergangenheit. Es war einmal eine kleine Republik, die war Gegenwart."

   Die Geschichte dieser Großmutter, die auch einmal jung war, ist typisch und ungewöhnlich zugleich: Als Jüdin wurde sie die Frau eines fanatischen Nazis. Der nahm sie samt ihrem Sohn Walter, nachdem ihr erster Mann, ein böhmischer Goj mit dem jüdischen Namen Spielmann, auf und davon gegangen war. Wirklich umerziehen hat der sudetendeutsche Kämpfer sie nicht können, aber sie blieb ihm ihr Leben lang dankbar. In ihrem Enkel hat sie wohl eine Art Ersatz für ihren Sohn gesehen, der unter dem Stiefvater zu leiden hatte und zu dem auch sie keinen Zugang fand. Sein Porträt hat Henisch in "Die kleine Figur meines Vaters" gezeichnet. "Eine sehr kleine Frau" ist die gelungene Fortsetzung dieses Projekts einer Familiengeschichte ohne Größenwahn.

            Daniela Strigl, Falter, 22.8.2007


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VON GOTTES HÖHEREM HUMOR.
Peter Henischs Roman "Die schwangere Madonna"

Freiheit heisst, wie der Kenner der Popmusik weiss, dass man nichts mehr zu verlieren hat. Rasch im Volkswagen Golf, der einem nicht gehört, den Zündschlüssel gedreht, und ab nach Süden. Nicht jede Flucht bleibt ein spiessiger Traum, und so schickt der österreichische Schriftsteller Peter Henisch in seinem neuen Roman zwei Menschen auf die Reise, die ungleicher nicht sein könnten. Er heisst Josef und sie Maria, er ist um die fünfzig und in einer Krise, sie ist jung, vermeintlich schwanger und zufällig im Fond des Wagens, den er stiehlt. "Die schwangere Madonna" nennt Peter Henisch einen Roman, der kein simples Roadmovie sein will. Witz und Spannung des Buches leben davon, dass in ihm Pop und Bibel lustvoll ineinander verschraubt werden. Zwischen christlicher Verkündigung und moderner Mobilkommunikation liegen für Henisch nicht eben Welten. Und so hält Piero della Francescas berühmte "Madonna del Parto", die als schwangere Madonna dem Buch den Titel gegeben hat, auf dem Buchcover ein Handy im Arm. Das ist bei Henisch ein Witz und doch noch einiges mehr.

Das Leben seiner Figuren ist an einem Wendepunkt. Josef, freier Mitarbeiter beim Radio, gerät beruflich ins Straucheln, seine Ehe ist geschieden, und den Sohn sieht er kaum. Die Gymnasiastin Maria glaubt, vom Religionslehrer schwanger zu sein, und ist in einer Stimmung gehobener Indifferenz. Und so fahren die beiden ihren unbekannten Zielen entgegen. Quer durch Italien geht die Reise. Das Fiasko ihrer unfreiwilligen und unerfüllt bleibenden Nähe erlebt das Paar in Venedig und Florenz, am Lago di Bolsena, in Todi und Spoleto. Man sieht viel, und Josef bleibt auch in seinem Verhältnis zu Maria nur täppischer Voyeur. Zwischendurch wird es bei Henisch auch einmal kursorisch. Die beiden umrunden Sizilien und die Südspitze des italienischen Festlandes. Dafür braucht der Roman nur ein paar Seiten.

Temposteigerung

Gekonnt steigert Peter Henisch in seinem Roman das Tempo, um es an anderen Stellen wieder herauszunehmen. Die Handlung gewinnt noch dadurch an Spannung, dass der Religionslehrer namens Wolf, dem auch der Golf gehört, dem Paar nachreist. Daneben gibt es einen für Maria entbrannten Feuerschlucker, dem der Liebreiz der bella ragazza nicht entgangen ist. Die Kommunikation zwischen dem Trio erfolgt emsig und per Mobiltelefon. Peter Henisch ist ein kundiger Reiseführer durch Stätten und Sitten eines Landes. Die augenzwinkernde Anteilnahme des Hotelpersonals am Schicksal des ungleichen Paares macht die Herbergssuche zur touristischen Zumutung. In einem Land, in dessen Äther Radio Maria das Sagen hat und an dessen Bars die unheiligen Francescos stehen, ist der moralische Boden mindestens doppelt.

Diese Ironie macht sich Henischs Roman zunutze. Sein fliehendes Paar verheddert sich im katholischen Zierrat. Überall Weihrauch, ein auf Hauswände gesprühtes "Dio c'è" - "Gott existiert" - und Madonnen. Am Ende auch Piero della Francescas "Madonna del Parto". In Monterchi, wo das 1467 entstandene Fresco einmal zum Inventar der Kirche Santa Maria a Nomentana gehört hat, endet die Reise in einer Art biblischem Delirium und im Kriminal. Peter Henischs Josef steht unter dem Verdacht terroristischer Umtriebe. Wenn er dem italienischen Commissario über seine Reise berichtet, dann ergibt das zugleich die Rahmenhandlung des Romans.

Munter schlägt das Buch den Bogen zwischen den Zeiten, nichts ist ihm zu hoch und nichts zu tief. Und so sind auch die beiden Mottos zu Henischs "Schwangerer Madonna" aus unterschiedlichem Milieu. Das eine stammt von Novalis und das andere von Jimi Hendrix. Mit grosser Energie hat Henisch die kulturellen Sphären durcheinander gemischt. Wenn das Paar zielsicher in Bars tappt, die "Paradiso perduto" heissen, oder Madonna-Kassetten hört, dann ist es manchmal auch zu viel mit dem Anspielungsreichtum des Romans, aber seine ironische Grundidee treibt die Handlung doch zügig voran. Im profanen Sinn von Peter Henischs Reise ist diese schwangere Madonna ein Ausbund an frivoler Unnahbarkeit. Ein Mädel für alle Humbert Humberts dieser Welt, die gerne an der liebenswürdigen Kälte einer Lolita entflammen. Josef und Maria waren schon an ihrem biblischen Originalschauplatz ein etwas eigenwilliges Paar.

Blasphemie und Humor

Was eine Josefsehe ist, kann Peter Henischs Figur nach Wochen voller hinhaltender Erotik immerhin ahnen. Wenn der kunstvolle Roman Triviales mit Geheiligtem mischt, dann beruft sich diese leise Blasphemie auf einen "höheren Humor". So kann man's auch sehen. Unbedingt muss Peter Henischs Gott eine Art lächelnder Hippie sein. Dafür spricht schliesslich auch die hohe Musikalität seiner Prosa.

Schon 1975 hat Peter Henisch "Die kleine Figur meines Vaters" in die literarische Landschaft Österreichs gestellt. Das schmale Buch gehört zum Wichtigsten, was der erzählerische Realismus in diesem Land hervorgebracht hat. Seither ist eine Reihe von Romanen und Erzählungen entstanden, deren proletarische Helden meist im Licht grosser Sympathie auftreten. Peter Henischs Roman "Die schwangere Madonna" hat mit dieser Liebe zu ungeschützten Individualitäten nicht gebrochen. Ein ungeschickter Held ist auch der behutsame Josef seines Romans. Als Madonna ist die Reisegefährtin unerreichbar, als unheilige Maria gibt sie sich am Ende einem andern hin. Die praktische Ironie der biblischen Liebe bleibt unübersehbar. Für Fragen der Praxis hat der unverbesserliche Realist Peter Henisch schon immer einen scharfen Blick gehabt.

            Paul Jandl, Neue Zürcher Zeitung, 29.11.2005



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"GEGEN DIE TOTALE PROFANISIERUNG DER WELT MÜSSEN WIR UNS WEHREN"  Volker Kaukoreit im Gespräch mit Peter Henisch über seinen neuen Roman Die schwangere Madonna.

VOLLTEXT    In Ihrem Roman führt es einen etwa 50jährigen Mann - zunächst unwillig, dann aber auch mit Momenten erotischer Verzückung - mit einer Teenagerin quer durch Italien. Der ziemlich abgehalfterte Rundfunk-Journalist gerät schließlich in solche Schwierigkeiten, dass er zuletzt in einer Gefängniszelle sitzt und einem Commissario rückblickend die ganze Geschichte, nicht erzählt, sondern aufschreibt. Hatten Sie nie die Befürchtung, dass die Handlung à la "Der alte Mann und das Mädchen" und die Erzählweise allzu altbacken und konstruiert wirken, sozusagen von Beginn an die erzählerische Rüstung zum Scheppern bringen könnten?

PETER HENISCH   Nein. Da hör ich überhaupt nichts scheppern. Allerdings klingt etwas nach - ein Echo, mit dem ich ganz bewusst gearbeitet habe. Dass einer alles aufschreibt, sich die ganze Geschichte, die da erzählt wird, von der Seele schreibt, das ist ja ein gutes, altes Muster. Abgesehen von klassischen und romantischen Beispielen nenne ich nur zwei aus der Moderne, einerseits Italo Svevo mit seinem Zeno Cosini-Roman, andererseits natürlich Nabokov mit seiner Lolita. Da wie dort schreiben die Protagonisten alles nieder, einmal für den Psychoanalytiker, das andere Mal für die Damen und Herren Geschworenen, beide Male mit dem entsprechenden Unterton von Ironie und Selbstironie.

VOLLTEXT    An einer Stelle ist auch speziell von der "deutschsprachigen Literatur" als "großer, unglücklicher Liebe" die Rede. Unmittelbar darauf werden Goethe, Hölderlin und Novalis genannt - eine Literaturwelt, die dem mitreisenden Mädchen fremd ist. Das lässt sich wie eine Verteidigung gewisser bildungsbürgerlich-kulturkonservatorischer Werte im Generationengespräch beziehungsweise -konflikt lesen.

HENISCH   Ich hab nichts gegen die Bildung des Bildungsbürgertums. Die Ignoranz der nachbürgerlichen Gesellschaften ist der beste, nein, der schlimmste Beweis dafür, dass da etwas verloren gegangen ist. Das Projekt der Volksbildung, einer alternativen Bildung alternativer Klassen, das hier bei uns in Österreich etwa in der Zwischenkriegszeit vorangetrieben wurde, hat man ja seit der Wiederaufbauzeit und in der Produktions- und Konsumtrottelzeit, die danach angebrochen ist, fahrlässig sterben lassen. Literatur ist im Grund genommen ein Relikt aus Zeiten, in denen Lesen und Schreiben noch als Basis kultureller Existenz gegolten haben.

Was die deutschsprachige Literatur im Kontext des Romans betrifft, so wird sie wohlgemerkt als große, unglückliche Liebe einer Romanfigur zitiert. Dieser Carlo, der Inselbesitzer und Sonnuntergangsfotograf, ist ja ein Italiener, der das Land der Deutschen mit der Seele gesucht hat. Ein invertierter Romantiker also, ein tragikomischer Typ. Aber ganz im Ernst: An Goethe, Hölderlin und Novalis interessieren mich als Autor nicht nur die bildungsbürgerlichen Aspekte.

Die Romantik sehe ich in gewisser Hinsicht als den Anfang der Moderne. Damals kommt das Lebensgefühl auf, dass der Boden, auf dem man sich bewegt, nicht mehr wirklich trägt. Da sind Abgründe, in die man hinein fallen kann. Etwa bei E.T.A. Hoffmann, Elixiere des Teufels, wo der Doppelgänger, den der Protagonist gerade erkannt hat, abstürzt, schwups, weg ist er, ein Modell, das ja, nebenbei bemerkt, in meinem Roman auch wieder aufgegriffen wird, und dann fragt man sich, wer bin ich, und wieso eigentlich, und warum fühl ich mich so wenig und immer weniger zu Haus in dieser Welt ...

VOLLTEXT   ... und auf gehörig schwankendem Boden befinden sich fast alle Romanfiguren. Apropos Doppelgänger: Im Text fällt einmal das Stichwort "Dreiecksgeschichte". Mit von der Partie ist ja ebenfalls der Religionslehrer, der das Mädchen offenbar geschwängert hat. Ich habe ihn - zumindest streckenweise - als alter ego des Protagonisten begriffen. Meinen Sie das? Und stecken dahinter nicht wiederum tiefenpsychologische Modelle? C.G. Jung etwa fiele mir dazu ein.

HENISCH    Klar kann man das Buch auch als Seelenabenteuerroman lesen. Das erzählende Ich begegnet in der Schülerin Maria seiner Anima, aber - im Religionslehrer, der dann hinter ihnen her ist - auch seinem Schatten. Beide Archetypen erscheinen in einer schweren Krisensituation, das ist so ihre Art. Man kann den Roman natürlich auch einfach als spannende Story nehmen, aber unter der Oberfläche, das stimmt, sind noch einige Schichten.

VOLLTEXT    Es sind viele Schichten, die sich da orten lassen: der bereits angesprochene Generationenkonflikt, die Gender-Problematik, die Beschreibung unserer Realitätswahrnehmung und -bewältigung im Umgang mit verschiedenen Medien und Künsten, Rundfunk, Telefon, Literatur, Film, Fotografie, Musik und Malerei, dazu Themen der Philosophie, Metaphysik, unbeschwert vorgetragen aus dem Munde der Schülerin, wobei auch Esoterik und Magie nicht ausgeblendet werden, von den naheliegenden erotischen und aktuell politischen Komponenten einmal ganz abgesehen. Und unübersehbar - schon vom Romantitel her und der Personen-Konstellation Maria und Josef - ist der Nimbus der katholischen Glaubenswelt. Was interessiert Sie gerade an Letzterem?

HENISCH    Der Wiener Kulturphilosoph Franz Schuh, der mich in der Einleitung zum sogenannten Henisch-Reader sehr freundlich gewürdigt hat, Franz Schuh also, hat schon damals auf die "letzten Dinge" in meinem Werk hingewiesen. Es geht ja um Leben und Tod, um Gott und die Welt. Große Themen der Literatur, ich sag das in aller Bescheidenheit. Darum können wir uns nicht herumdrücken. Wer sagt, das interessiert ihn nicht, lügt.

Mich jedenfalls hat das immer interessiert. Und die Verleugnung dieses Interesses hat mich immer geärgert. Das hat nicht unbedingt mit der katholischen Glaubenswelt zu tun, aber gewiss mit Religion im weitesten Sinn des Wortes. Ich hab ja schon früher darauf bezug genommen, etwa in meinem Roman "Pepi Prohaska Prophet", wo ich den Protagonisten mit einer gewissen Chuzpe in der alttestamentarischen Glaubenswelt herumteufeln lasse - Judentum, Christentum, das sind doch Hervorbringungen vom gleichen Geist, einem unruhigen und beunruhigenden Geist, so seh ich das jedenfalls, die etablierten Glaubensinstitutionen haben diesen Geist eher ausgetrieben.

Der Geist Gottes, der Heilige Geist, der Geist überhaupt. Restbestände davon sind doch hoffentlich noch in unseren Köpfen. Der Religionslehrer in der Schwangeren Madonna, der Typ, der seine Schülerin geschwängert hat oder auch nicht, ist zwar in gewisser Hinsicht ein Arsch, da hat Maria schon recht. Aber was die totale Profanisierung der Welt betrifft, so ist sie empörend, dagegen müssen wir uns wehren, da bin ich mit ihm d'accord.

VOLLTEXT   Und wo hätte Maria nicht recht? Man kann als Leser ja auch zu dem Schluss kommen, dass sie ein ziemlich gerissenes Biest ist.

HENISCH    Maria ein gerissenes Biest? Also nein, diese Sicht halte ich für überzogen. Sie scheint mir, im Gegensatz zum Traumwandler Josef, vor allem lebenstüchtig. Überlebenstüchtig. Trotz allem, was ihr in diesem Buch widerfährt. In manchen Situationen wirkt sie kaltschnäuzig, das stimmt schon, aber an einer Stelle des Buchs lässt sie durchblicken, dass sie anfangs vielleicht auch deshalb nicht aus dem Auto ausgestiegen ist, damit Josef nicht gegen einen Baum fährt.

Dass sie ihn trotzdem hintergeht, durch den immer intensiver werdenden SMS-Verkehr hinter seinem Rücken, na ja, das stimmt auch. Und dass sie letzten Endes sowohl ihn als auch den Religionslehrer austrickst - die zwei Männer, die sich, sobald sie einander begegnen, so verdächtig gut verstehen - das kann man so auffassen. Aber was bleibt ihr übrig? Das ist doch auch Selbstschutz. Die zwei haben ja kein Anrecht auf sie - Wolf erweist sich im Endeffekt als herbe Enttäuschung und Josef, dem eine Zeit lang so etwas wie Verantwortung für sie auferlegt war, man könnte auch sagen: geschenkt war - ja, mein Gott - der spielt ja schon in der Bibel eine recht undankbare Rolle.


            Volker Kaukoreit, Volltext, 2005



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VON SCHWANGEREN MADONNEN UND EINEM DOPPELGÄNGER
Peter Henischs "Seelenabenteuerroman" Die schwangere Madonna

Erzählt Peter Henisch in seinem neuesten Buch eine "Dreiecksgeschichte"? Im Zentrum nämlich agieren hier das Schulmädchen Maria, ihr vermeintlicher Entführer, der Rundfunk-Journalist Josef, und ihr vermeintlicher Schwängerer Wolfgang, ihr Religionslehrer. Aber: Könnte Wolfgang nicht der Doppelgänger von Josef sein, der sein alter ego Wolfgang schließlich um die Ecke bringt? Und ist die verführte Gymnasiastin zuguterletzt nichts anderes als ein durchtriebenes Biest, das ihre alternden Männerphantasten im italienischen Regen stehen lässt, um sich mit einem jungen Italo-Lover im brasilianischen Regenwald als Umweltaktivistin zu verwirklichen? Henischs Roman stellt diese Fragen, wie er sie gleichzeitig offen lässt. Das jedoch ist nur einer der vielen Reize dieses Buchs, das sich nur bedingt als literarisches "Roadmovie" (Klappentext) etikettieren lässt und auch Züge einer Kriminalgeschichte und eines - wie es der Autor selbst nennt - "Seelenabenteuerromans" trägt.

Im Jahr 2003 ist der Wiener Josef Urban etwa 50 Jahre alt, gescheitert seine Ehe und berufliche Karriere, schon glaubt er an Alzheimer zu leiden. Da spielt ihm der Zufall auf einem Parkplatz ein abfahrbereites Auto in die Hände. Eine gute Gelegenheit, denkt er, aus seinem bisherigen Leben auszusteigen, also einsteigen und nichts wie weg! Doch noch hat er die erste Anhöhe des Wienerwalds nicht erreicht, als er unmutig feststellen muss, dass zu seinem Diebesgut eine Mitfahrerin gehört, Maria, zunächst auf der Rückbank unter einem Mantel versteckt. Versuche sie abzuschütteln, scheitern. Und so führt es das ungleiche Paar in Richtung Süden, in und quer durch das Land, wo die Zitronen blühen. Nach verschiedenen Zwischenstopps, unter anderem in Venedig, kommt es zu einem gewissen erotisch-romantischen Höhepunkt ihres Aufenthalts, dem Verbleib auf einer Insel im Lago di Bolsena, ein "Paradies, (...) zumindest war es das einmal", in dem aber auch bedrohliche Skorpione siedeln. Doch zu dieser Zeit ist ihnen schon Wolfgang Barbach, der scheinbar fromme Übeltäter, auf der Spur.

Die Geschichte geht nicht gut aus. Am Ende ist Wolfgang auf ebenso banale wie mysteriöse Weise ums Leben gekommen, Maria verschwunden, und Josef wird vor dem Bild der "schwangeren Madonna" des Piero della Francesca von der Polizei verhaftet und in eine Zelle gesperrt. Peter Henisch erzählt diese leichte, zugleich abgründige und geheimnisvolle, wie mitunter witzige Story in einer äußerst klaren und frischen Sprache. Trotz seiner zahlreichen literarischen Anspielungen und Anleihen liegt hier ein aktuelles, ja sogar "engagiertes" Buch über unsere gegenwärtige, krisengeschüttelte Befindlichkeit vor - weil hinreißend geschrieben, verführerisch geradezu.


            Volker Kaukoreit, Volltext, 2005



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HÖHERER HUMOR, MEISTERLICH.

Peter Henisch wird unterschätzt. Seit 1975 definiert sich der 1943 geborene Österreicher als "freischwebender Schriftsteller". Damals erschien jener Band, mit dessen Titel der Autor, Liedtexter und -sänger sich dem kollektiven Gedächtnis am meisten eingeprägt hat: "Die kleine Figur meines Vaters". Heute, nach 30 Jahren, so lesenswert wie einst.

Nicht, daß Henisch erfolglos wäre, seine Bücher - von "Steins Paranoia" über "Morrisons Versteck" bis zu "Schwarzer Peter" - wurden gelobt und verkauft. Immer wieder erhielt Henisch kleinere oder mittlere Preise. Doch kein Skandal, kein Medienrummel säumt seinen Weg. Peter Henisch war und ist ein Fixpunkt in der neueren österreichischen Literaturgeschichte, nie ein Star. Über ein treues Stammpublikum gelangte er im Grunde nicht hinaus. Wie kann das, bei so unbestreitbar hoher Qualität, geschehen? Vielleicht läßt es sich anhand seines jüngsten und abermals ungemein vorzüglichen Werks erklären.

"Die schwangere Madonna" gilt als nicht übermäßig häufiges Motiv der bildenden Kunst. Am berühmtesten: Piero della Francescas um 1460 entstandenes Fresko "Madonna del Parto" im toskanischen Städtchen Monterchi unweit von Arezzo. Dort endet auch Peter Henischs gleichnamiger Roman, den der Verlag als literarisches "Roadmovie" bezeichnet. Ohne Zweifel ist das richtig und die Nähe zur Populärkunst für den Verfasser charakteristisch. Zugleich indes ist die "Die schwangere Madonn" eine "Lolita"-Paraphrase, die Geschichte einer - hier sexuell durchaus unschuldigen - Obsession. Henisch kennt eben keine Berührungsängste, weder nach oben noch nach unten. Mag sein, daß derlei die Gralshüter der Hochkultur hindert, ihm seinen gebührenden Rang zuzuweisen.

Josef Urban, freier Mitarbeiter des öffentlich rechtlichen Rundfunks, befindet sich in einer existentiellen Krise. Privat, er lebt getrennt von Frau und Sohn, und beruflich. Er fällt dem Sparkurs des Senders zum Opfer, weil ihm ein apartes Versäumnis unterlief: Ausgerechnet sein "Alzheimer"-Feature hat er vergessen rechtzeitig abzuliefern. Etwas verwirrt steigt Josef in einen PKW ein, an dessen Tür der Schlüssel steckt, und fährt los. Auf der Rückbank, unter einem Mantel verborgen, schläft freilich ein blinder Passagier: die 18jährige Gymnasiastin Maria. Das Auto gehört ihrem Religionslehrer Wolfgang ("Wolf"), von dem sie glaubt schwanger zu sein und der sich vom Verhältnis zu seiner Schülerin zu lösen versucht. Nun brausen Maria und Josef gemeinsam gen Italien, sie wissen nicht so recht, was sie sonst tun sollten. Eine verfängliche Situation: der alternde Josef, er könnte ihr Vater sein, und die schon wegen ihrer Jugendlichkeit verführerische Maria, die sich zuweilen ängstlich an ihn schmiegt. Trotzdem bleibt Josef Gentleman, er nützt die intime Nähe nicht aus. Maria fasziniert und verunsichert ihn, manches an diesem Mädel versteht er einfach nicht: die Sprunghaftigkeit, den SMS-Kult per Handy. Die Reise, ein "verrückter Giro d'Italia", führt über das frühwinterliche Venedig in die Toskana nach Umbrien und Sizilien. Wolf, bei dem sich Maria telefonisch gemeldet hat, ist den beiden auf der Spur und irgendwann findet er sie eher zufällig. Aber Maria, sie hat sich in den jungen Artisten Francesco verschaut, entzieht sich sowohl Josef als auch Wolf. Der landet schließlich vor Piero della Francescos Madonna. Sie wird ihm zum Inbild der Verschwundenen. Da er, versunken in der Betrachtung, im Raum eingeschlossen wird, hält man ihn für einen potentiell geisteskranken Attentäter. In einer Zelle schreibt Josef für den Commissario, fast in Form einer Beichte, seinen Bericht nieder.

Das Bezwingende an diesem Roman ist die Leichtigkeit raffinierter Prosa. Mit souveräner Eleganz verknüpft der Erzähler die Handlungsstränge, jedes Motiv greift ins andere - so perfekt und leise wie Zahnrädchen in einem Uhrwerk von Meisterhand. Intelligente, genaue Beobachtungen verstehen sich bei Peter Henisch von selbst, sie sind sozusagen gratis. Wir haben ihm allerdings für noch mehr zu danken: für das Geschenk höheren Humors.

            Ulrich Weinzierl, Die Welt, 22.10.2005



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LEBENSBEICHTE: VOYEUR UND VERFÜHRER. Von Evelyne Polt-Heinzl

Peter Henischs "Schwangere Madonna" heißt nicht Lolita, sondern Maria, ist 18, nicht 12, und sie hat keine nymphomane Anlage. Sonst gibt es jedoch etliche Parallelen zu Nabokovs Roman. Eine Lebensbeichte.

Eigentlich wäre eine Neuerzählung von Vladimir Nabokovs "Lolita"- Roman genau 50 Jahre nach seinem Erscheinen in Paris von einer Autorin naheliegend gewesen, die der alternden männlichen Hauptfigur frontal zu Leibe rücken könnte. Schließlich hat sich im Diskurs über das Geschlechterverhältnis seither einiges geändert. Aber es ist Peter Henisch, der die Geschichte aufgreift. Er tut es ohne Outrage, sogar mit einigem Wohlwollen seiner Hauptfigur gegenüber, doch ohne dabei deren Nachtseiten auszusparen.

Der Literaturwissenschaftler Humbert Humbert heißt hier Josef Urban, ist ein gerade "freigesetzter" Feature-Redakteur und keineswegs ein passionierter Lolita-Jäger. Wie das den männlichen Helden der neueren Literatur gern geschieht, gerät er eher zufällig in den Strudel der Ereignisse hinein. Das junge Mädchen wurde ihm, so seine Interpretation, "durch eine skurrile Verkettung von Zufällen oder durch höheren Humor anvertraut". Lolita heißt hier Maria und ist nicht 12, sondern 18 Jahre alt; sie hat keineswegs nymphomane Anlagen, sondern war ganz normal verknallt in Wolfgang, ihren jugendlichen Religionslehrer. Die Reise von Josef und Maria dauert nicht ein Jahr, sondern einige Wochen, und Maria verhält sich ganz ihrem Alter entsprechend und interessiert sich dort und da für zufällige junge Reisebekanntschaften.

Formal ist der Roman eine Art Lebensbeichte in Form eines Berichts an den Commissario, geschrieben in der Ruhe einer "fast klösterlichen Zelle" - im Gefängnis landete ja auch Nabokovs Humbert Humbert, er allerdings wegen Mord an einem Nebenbuhler. Josef wird verdächtigt, ein Attentat auf Piero della Francescas "Madonna del Parto" im Museum von Monterchi geplant zu haben. Welch ein Irrtum; er hat sich einfach einsperren lassen, aber schon das klingt zu aktiv, eher hat er vergessen, das Museum rechtzeitig zu verlassen.

Die schwangere Madonna ist das ironisch eingesetzte und vielfach variierte Leitmotiv des Romans. Josef gerät an die hübsche Gymnasiastin Maria so unschuldig wie die Jungfrau zum Kind. Maria selbst war es vielleicht nicht so ganz; zumindest in der späteren Darstellung ihres Religionslehrers und Verführers Wolfgang scheint sie eine durchaus aktive Rolle gespielt zu haben. Allerdings gibt er zu, dass Maria für ihn die Inkarnation jener pubertären Marienerscheinung war, die ihn einst zum Priesterseminaristen gemacht hatte. Dass Wolfgang eine reichlich männerfreundliche Interpretation der Verführung einer abhängigen Minderjährigen liefert, sieht auch Josef, aber natürlich hat er Verständnis für des Lehrers "Wir-sind-alle-nur-Menschen"-Gestus. Denn Josef beobachtet an sich selber das latent Unwürdige und Lächerliche seiner Verliebtheit in die junge Frau, mit unangebrachten Eifersuchtsreaktionen, wachsendem Begehren und voyeuristischen Belauerungen. Dass Josef die "Situation" nicht ausnutzt, liegt letztlich mehr am erotischen Desinteresse Marias und ihrem selbstbewussten Auftreten, denn an seiner Integrität.

Josef ist zu Beginn des Romans an seinem Leben in so ziemlich allen Punkten gescheitert. Die Ehe ist zerbrochen, der 14-tägige Betreuungstermin des gemeinsamen halbwüchsigen Sohnes Max klappt - schon rein organisatorisch - immer schlechter; beruflich ist er als freier Mitarbeiter des ORF das Opfer des neuen Sparkurses geworden. Sein letztes Feature war über Alzheimerpatienten. Da sich die Missgeschicke und Vergesslichkeiten häufen, ist er überzeugt, dass sich die Krankheit schon an ihn heranschleicht.

Da setzt er die initiale Kurzschlusshandlung: Am Schulhof, wo er gerade seinen Sohn am falschen Wochenende abholen wollte, sieht er ein Auto, in dem der Schlüssel steckt. Ohne einen Führerschein zu besitzen steigt er ein und fährt weg. Die Richtung ist klar: nach Italien. Nur dass das Auto just Wolfgang, dem Religionslehrer gehört, und sich am Rücksitz dessen Geliebte und Schülerin Maria verborgen hat. Sie will ihren Liebhaber, der ihr seit Tagen aus dem Weg geht, endlich wegen ihrer vermeintlichen Schwangerschaft zur Rede stellen.

So beginnt alles und so ähnlich endet es auch wieder. Maria bricht zu einer neuen Reise auf, sie fliegt mit dem jungen Francesco nach Südamerika, um den tropischen Regenwald zu retten, und Josef wird das von ihm gestohlene Auto selbst gestohlen. Was ihm bleibt, ist die "Madonna del Parto", und je länger er sie betrachtet, umso ähnlicher scheint sie seiner verlorenen Lolita/Maria zu sein. Und so sitzt er stundenlang vor dem Fresko. Aber Anarchist und Kunstattentäter ist er wahrlich keiner, eher, so bezeichnet er sich selbst, "Anachronist".

Mit dem neuen Selbstverständnis der jungen Frauengeneration kommt er ebenso wenig zurecht wie mit deren SMS-Leidenschaft. Nur mühsam gelingt es ihm, heimlich die Botschaften zu lesen, mit denen Maria auch während eines scheinbar idyllischen Inselaufenthaltes am Bolsena See Kontakt hält zu den jungen Männern, die ihre Wege kreuzten, allen voran dem Feuerschlucker und Lebenskünstler Francesco aus Monterchi. Dass Josef das als "Betrug" empfindet, ist allerdings seine ganz persönliche, ihrem Verhältnis nicht angemessene Interpretation.

Während Josef zwischen der Rolle des väterlichen Beschützers und der des Voyeurs und Möchtegern-Verführers hin und her schwankt, merkt er nicht, dass Maria an keiner der beiden Attitüden Bedarf hat. Längst hat sie die Fäden und Reisewege fest in der Hand; es ist schon lange sie, die - mit Führerschein - fährt, und die alles organisiert. Sie hält Josef ebenso auf Trab wie Wolfgang, den Religionslehrer, den sie mit telefonischen Mitteilungen auf ihre Spur ansetzt und quer durch Italien hetzt.

Als Wolfgang die beiden Reisenden schließlich findet, will Maria auch von ihm nichts mehr wissen, zumal die Schwangerschaft doch Fehlalarm war, und reist ab - zu Francesco nach Monterchi. Das abendliche Besäufnis der beiden hilf- und verständnislos mit ihrer Obsession zurückbleibenden Männer enthält eine kompakte Analyse des Geschlechterverhältnisses, das eine selbstbewusste Frauengeneration gehörig aufmischt, und auch eine große Portion Komik - wiewohl der Abend für Wolfgang tragisch endet. Josef reist Maria nach und wird sie ebenso wenig wiederfinden wie Humbert seine Lolita.

Peter Henisch lässt seinen Josef mit dem langen Bart und dem schütteren Haar am Schluss ein Reisetagebuch Marias finden. Dass er im Blick der jungen Frau eine ziemlich schlechte Figur macht, war dem Leser allerdings schon vorher klar - auch dank der vielen Zwischentöne, mit denen Henisch die Geschichte erzählt und die das Buch zu einer durchgängig spannenden Geschichte machen.

            Evelyne Polt-Heinzl, Die Presse, 08.10.2005 - Spectrum / Literatur



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MADONNA MIT MOBILTELEFON. Peter Henisch erzählt die neue alte Geschichte von Mann und Mädchen.

Die Geschichte ist alt, mindestens 600 Jahre. Da verlor Dante in den Straßen von Florenz sein Herz an die junge Beatrice. Fausts Gretchen, Edgar Alan Poes Kindsbräute und Nabokovs Lolita lehren: Wenn Männer sich in ihrer Lebensmitte in ein Mädchen verlieben, ist das meist ein Fluchtversuch, der zwischen Anbetung und Eifersucht changiert und klassischerweise mit dem Tod einer der Parteien endet. Peter Henisch hat mit seinem Roman "Die schwangere Madonna", der in der Langliste noch für den Deutschen Buchpreis nominiert war, eine ironische, mit trockenem Humor gewürzte Neuauflage des traditionellen Motivs geliefert. Sein Protagonist, ein Radioautor in seinen 50ern, steckt in der Krise. Sein Sender entlässt ihn, die Ex-Frau und der 12-jährige Sohn sind ihm entfremdet. Als er am falschen Tag an der Schule auftaucht, um seinen Sohn abzuholen, entschließt Josef Urban sich kurzerhand, ein dort geparktes Auto zu entführen. Mit dem vagen Vorsatz, gegen einen Baum zu fahren, oder vielleicht auch weit weg, fährt er los, als unter dem Mantel auf der Rückbank plötzlich ein Mädchen auftaucht. Maria, so ihr Name, scheint nicht unglücklich über die Situation. Zumal sich herausstellt, dass sie vom Besitzer des Autos, ihrem Religionslehrer, schwanger ist und die Affäre kurz vor dem Ende steht. Josef, Maria und der Religionslehrer: immer wieder irrlichtert eine schräge Verkündigungsgeschichte durch den Roman. Vor allem in der Fantasie Josef Urbans, der sich bald als väterlicher Beschützer des Mädchens und des Ungeborenen geriert.

Zunächst jedoch sind sich die Flüchtenden einig: Nichts wie weg wollen sie, über die Alpen nach Italien. Dort reist das ungleiche Nicht-Paar, zwischen Angst vor Entdeckung und Spaß am Abenteuer, von Venedig über Florenz bis nach Palermo und zurück. Eifersüchtig lauscht Urban Marias Schilderungen der Affäre mit ihrem Lehrer, mit dem er sich auf seltsame Weise identifiziert. Als Maria dem Kindsvater verrät, wo sie sind, gibt es eine tragikomische Begegnung der beiden Rivalen. Außerdem kommt bald ein dritter Mann ins Spiel: Francesco, ein junger Italiener, dem Maria heimlich leidenschaftliche SMS schreibt.

"Die schwangere Madonna" ist Roadmovie, Liebesgeschichte, Krimi, und ein Spiel mit der Literaturgeschichte vom "Tod in Venedig" bis "Lolita". Wie der Protagonist in Nabokovs Roman verliert sich Josef Urban zunehmend im Gestrüpp der eigenen Projektionen. Am Ende sitzt er in Anbetung vor Piero della Francescas Fresko der "Schwangeren Madonna", das Maria zum Verwechseln ähnlich sieht. Die hat sich allerdings schon lange aus der Welt der Mädchen und Mythen verabschiedet: "Diese Maskerade! ... Dieses Theater! ... Verdammt noch einmal, ich will raus aus euren Hirngespinsten!"

            Ulrike Meitzner, Berliner Zeitung, 13.10.2005



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DIE SCHWANGERE MADONNA. Fokus für religiöse Anspielungen

Im neuen Roman von Peter Henisch gerät ein Radiojournalist in eine Krise: Er hat ein Feature über Alzheimer gemacht und kann sich nicht mehr erinnern, wo er das Sendeband hingelegt hat. Da sieht er am Parkplatz ein Auto, an dem der Schlüssel steckt. Einem spontanen Impuls folgend steigt er ein und fährt los, Richtung Italien. Es ist, sagt dazu Peter Henisch, nicht nur die persönliche Krise, der er entfliehen will.

SEHNSUCHTSLAND ITALIEN
Italien, schon seit Goethe das Sehnsuchtsland der deutschsprachigen Literatur, in dem nicht Pflicht und kalte Notwendigkeit, sondern Sinnlichkeit und Genuss gelebt werden, ist nun ein weiteres Mal Motor eines Romans geworden. Josef Urban ist in dieses Italien nicht allein unterwegs, sondern entdeckt im Auto eine Begleiterin, Maria, die eine ganz spezielle Beziehung zum Heiligen Geist hat.

Die Rolle des Josef, sagt Peter Henisch, ist schon in der Bibel keine sehr glückliche. Josef Urban muss sein Begehren immer wieder zurückstellen - Marias Schwangerschaft appelliert an sein Verantwortungsgefühl. Seine erotischen Wünsche und wie er sie immer wieder schmerzlich sublimiert, gerade das hält den Roman auf fesselnde Weise in Gang.

GLAUBEN AUS DEM BAUCH
Ausleben konnte diese Sehnsüchte hingegen Wolf, Marias Religionslehrer und Geliebter. Die tragischkomische Begegnung von Wolf und Josef ist einer der Höhepunkte des Buches.

Maria entkommt ihnen beiden. Für Josef, der sie schmerzlich sucht und vermisst, verschmelzen ihre Züge immer mehr mit der "Madonna del parto", einer sehr außergewöhnlichen Darstellung der schwangeren Madonna von Piero della Francesca, die er in Monterchi sieht. Vor ihrem Bild lässt er sich über Nacht einsperren - und kommt dafür ins Gefängnis, weil man ihn verdächtigt, er hätte ein Attentat auf das Gemälde verüben wollen.

Die Madonna ist in diesem Roman ein Fokus für viele religiöse Anspielungen. Josef hat, wie er einmal sagt, gelegentlich eine Art "Glauben aus dem Bauch", eine unorthodoxe Religiosität, die auch ein Widerstandspotenzial darstellt gegen die allgegenwärtige Dominanz der Wirtschaft.

JEDE MENGE ANSPIELUNGEN
Im Roman "Die schwangere Madonna" ist ein feiner Teppich von Anspielungen geknüpft. Wenn Josef und Maria in Venedig unter dem Gemälde der Jäger und Nymphen liegen, lassen "Die verzauberten Jäger" aus Nabokovs "Lolita" grüßen. Eine Friseurszene ist Thomas Manns "Tod in Venedig" nachgestellt. Patricia Highsmith oder Hemingway sind ebenfalls einmontiert.

In Henischs neuem Roman spukt auch die Romantik, und er ist zugleich ein sehr modernes Roadmovie, dessen rasante Handlung auch ohne Kenntnis der Anspielungen funktioniert und fasziniert. Dazu ist Peter Henischs Erzählen detailversessen, ohne sich je in diesen Details zu verlieren: Die Topografie ist ebenso genau recherchiert wie auch die SMS-Sprache von Schülern authentisch ist.

In der langen Reihe literarischer Italien-Bilder und -Reminiszenzen hat "Die schwangere Madonna" ihren eigenen unverwechselbaren Platz - gerade weil sie damit ihr genau kalkuliertes Spiel treibt.

            Cornelius Hell, ORF / Ö1, Ex libris, 11.9.2005



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JOSEF, MARIA UND DAS HANDY. Ein Mann, ein Mädchen, ein Auto: Peter Henisch lässt ein Paar quer durch Italien fahren.

In seinem jüngsten Buch zur Entwicklung der Welt stellt der US-amerikanische Trendforscher Jeremy Rifkin dem raumgebundenen American Dream, der der Vergangenheit angehöre, einen "europäischen Traum" gegenüber, der unter anderem vom Handy indealtypisch repräsentiert wird. In Ermangelung der Weiten des Westens, so Rifkin, bricht sich der Europäer Bahn in dar virtuellen Welt der Telekommunikation.

Peter Henischs neuer Roman wirkt wie eine Illustration dieser Entwicklung, wie eine transatlantische Traumsynthese. In seiner road novel, die einen reiferen Mann und eine sehr junge Frau den italienischen Stiefel hinunter und wieder halb zurück führt, spielt ein Mobiltelefon eine zentrale Rolle - so sehr, dass der Madonna des Piero della Francesco, die auf dem Cover zu sehen ist, mit feiner Ironie ein Handy beigegeben wurde.

Josef, "freier" Mitarbeiter einer deutschsprachigen Rundfunkanstalt, beruflich in Bedrängnis geraten durch drohende Einsparungen, privat angeschlagen von einer nur schlecht und recht bewältigten Trennung von Frau und Kind, kippt aus seinem ohnehin sehr labilen seelischen Gleichgewicht. Obwohl ohne Führerschein, setzt er sich ans Steuer eines Autos, in dessen Türschloss der Schlüssel steckt. Kurz nach diesem Start regt sich auf dem Rücksitz eine Person, die er beim raschen Einsteigen und Losfahren nicht bemerkt hat. Es handelt sich um Maria, Schülerin und Geliebte des katholischen Religionslehrers, dem das Auto gehört. Josefs erster Impuls ist, die unerwünschte Mitfahrerin zum Aussteigen zu bewegen, aber die weigert sich. Schon bald befindet sich das ungleiche Paar in Italien, wo es in gelegentlich geteilten Betten dennoch nicht zum Beischlaf kommt. Das liegt zuallererst daran, dass sich Maria gleich in der ersten Nacht als schwanger outet. Behaupteter Kindesvater ist der Religionslehrer mit dem märchenhaften Vornamen Wolf. Eine ebenso einfache wie hintergründige Konstellation.

Die romantische Zweisamkeit von alterndem Mann und jugendlicher Frau wird jedoch - lange ohne Wissen Josefs - durch einen Strom von SMS-Messages untergraben. Schon bald nimmt Maria mit Wolf Kontakt auf, der ihr durch halb ltalien nachjagt. Ein zweiter Kommunikationspartner ist der junge Akrobat und politische Aktivist Francesco, von dem sich Maria schnell angezogen fühlt.

Die räumliche Flucht wird also zu jeder Zeit von der elektronischen Kommunikation relativiert bzw. negiert. Der Rundfunkjournalist, der seinen Job unter anderem wegen seiner Abneigung gegenüber neuer Technik verloren hat, verliert das Spiel nicht zuletzt durch mediales Analphabetentum. Die Road Novel wird zum SMS-Roman.

Die technische Barriere ist nur eine Variante des größeren Themas dieses ambitionierten Buchs, nämlich des Zusammenbruchs der Kommunikation zwischen den Generationen. Dabei geht es aber nicht - wie etwa in Josefs eigener 68er-Jugend - um die Rebellion gegen die Autorität der Älteren, die ja eine, zwar gestörte, Art Dialog darstellte, sondern, bei aller phasenweisen Nähe der beiden, um die letztendliche Unfähigkeit, einander zu verstehen. "Die schwangere Madonna" ist eine, wenn auch sehr witzige, Dokumentation des Missverständnisses zwischen zwei Menschen. Erst durch die illegitime Lektüre der SMS bzw. von Marias Tagebuch wird Josef klar, wie weit entfernt er vom Leben seiner paternalistisch bevormundeten Reisegefährtin ist.

Ob man den Roman auch psychoanalytisch lesen will (immerhin begegnet der arme Josef in Maria unversehens einer Inkarnation seiner Anima) oder gar unter einem "heilsgeschichtlichen" Aspekt (schließlich läuft die Handlung just im Advent ab), ist Geschmacksache. Das überraschende Ende, das hier nicht verraten werden soll, kann mit einiger Dialektik vielleicht auch positiv gedeutet werden. Andrerseits geht die Geschichte für den Religionslehrer denkbar böse aus. Und der von Panikattacken und Amnesien geplagte Josef gerät in Polizeihaft, da man ihm vorwirft, einen Anschlag auf das berühmte Madonnenfresko vorgehabt zu haben, dessen Ähnlichkeit mit Maria ihn frappierte.

Erzähltechnisch ist der Roman ein großartiger schriftlicher Monolog, eine knapp dreihunderfünzigseitige Unschulds- bzw. Schulderklärung des Untersuchungshäftlings an den mit dem Fall beschäftigten Commissario. Die grimmige Komik des Buches resultiert auch aus dem interkulturellem Dialog, der immer wieder auf mögliche Kommunikationsschwierigkeiten verweist, die allerdings leichter lösbar scheinen als die zwischen den Generationen. Dadurch, aber auch durch die in den Text integrierten italienischen Sätze und das köstliche italienische Figuren- und Sachinventar wird "Die schwangere Madonna" auch zu einem interessanten Beispiel neuer deutschsprachiger Italienliteratur.

Mit diesem tragikomischen Roman, dem zur Orientierung sogar eine Karte mit Reiseroute beigefügt ist, hat Italienkenner Henisch auch einen Kulturführer auf der Metaebene verfasst, der deutschsprachige Italienbücher auf den Prüfstand stellt und auf hintersinnige Weise im traditionellen literarischen Dialog zwischen "Nord" und "Süd" interveniert.

            Walter Grünzweig, Der Standard, 3.9.2005


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"AUS DER REIHE ...": PETER HENISCH

In der neuen, preiswerten Taschenbuchreihe "Aus der Reihe..." des S.-Fischer-Verlages, in der immerhin so profilierte Leute wie Jandl, Sviták oder Horkheimer ediert wurden, legte kürzlich der Wiener Peter Henisch seinen "Erstling" vor. Unter dem Titel "Hamlet bleibt" sind zwei Prosaarbeiten sowie ein dazugehöriger Gedicht-Zyklus "in 4, 5 Akten" auf gut 100 Seiten zusammengefaßt. Henisch (28) studierte Psychologie, Philosophie und Geschichte, begann als Gedichteschreiber, war Mitbegründer der sozial engagierten Literatengruppe "Wespennest", erhielt 1970 das staatliche Literaturstipendium (und inzwischen einige andere Preise) und lebt heute als "freier Schriftsteller". Im ersten Prosastück, "Fluchtversuch", wird die Vorgeschichte des "Todesfalls eines armen Kerls halt, der hier bei uns um politisches Asyl angesucht hätte", mosaikartig zusammengetragen. Dem Leser, der durch die konjunktivische Erzähltechnik quasi zum Kriminalisten wird, entsteht nach und nach, durch protokollartig aneinandergereihte Aufzeichnungen des Toten, aus Aussagen seiner Zimmerwirtin, des Kellners oder eines Kaufmanns das intensive Bild eines, der vergeblich einen Fluchtversuch aus einer "alten Heimat" gewagt hatte. Und dann, "recherchiert" der Leser, muß eine in der "neuen Heimat" allmächtige "Konservenpartei" dem armen Kerl vollends am Versuch, Fuß zu fassen, soziale Identität zu gewinnen, verzweifeln haben lassen. Diese "Konservenpartei", mit ihren Funktionären in allen Staatsapparaten, ihrer "Konservenzeitung" und den Propagandaleitern, mit Polizei und Militär, macht nämlich ständig Jagd auf alle, die das "rote Pigment" tragen, die aus dem Land des Flüchtlings kommen könnten. Denn, "das wisse jeder, Kannibalen seien von Natur aus rothaarig", die "Rotschädel" störten die "Ruhe der Wissenschaft", die zur "Entwicklung neuer Konservierungsmethoden nötig sei", gefährdeten die "Ordnung der Dosenproduktion ..."

Mit ähnlichen zeitlosen und ortsungebundenen Metaphern und politischen Symbolen arbeitet Henisch auch in "Hamlet bleibt", der Titelgeschichte. Auch hier befindet sich "Hamlet", durch des guten Onkels Finanzkraft gerettet und nicht nach Dänemark zurückgekehrt, in der Situation des "Abweichlers", des Außenseiters, "der Sabotage verdächtig", äußerlich und innerlich: Emigrant. Auch hier, in äußerst bohrender Sprache ("Rosenkranz & Güldenstern, seine ihm an die Kehle gesetzten Reisebegleiter"), wird der Versuch dessen beschrieben, der sich integrieren, sich selbst identifizieren, "untertauchen" möchte in einer akzeptablen Gesellschaft. Die soziale Struktur aber, die er, auf der Flucht vor dem Tod bis zum Tod vorfindet, ist immer wieder die mehr oder weniger verdeckte, verhaßte totalitäre, autoritäre, inhumane. Was "Hamlet", auf der Suche nach Menschen, begegnet, sind nur die Denkmäler vergangener Diktaturen und die Gesetze der neuen Machthaber: "Denkmalschutz sei euch erste Bürgerpflicht!"

Henisch gelingt es in beiden Arbeiten, den Modellcharakter, das Allgemeingültige, die Tendenz aus den einzelnen, speziellen beschriebenen Situationen unaufdringlich herauszuarbeiten. Statt der Moral aus der Geschichte folgt Erkenntnis aus ihr. Trotz mancher - sprachlichen - Parodie auf scheinbar bloß Historisches oder der Analyse einer nicht namentlich bezeichneten Gesellschaft ist für jeden Leser sofort der aktuelle Bezug herzustellen. Jenes "Dänemark", in dem's faul ist, ist größer denn je. "Rotschädel" kann "Jud" bedeuten oder "Tschusch" oder "Student". Bei der scheinbar so witzigen Metapher "Löschkommandos für feindliche Wandkritzeleien" sind trostlose konkrete Analogien aufzuzählen, hier und heute Beispiele für Manipulation, Intoleranz, Totalitarismus und Technokratie zu nennen. Und wer hätte nicht, liest er von "Konservenpartei", Namen, Gesichter und Adressen parat?

Henisch ist guter Schriftsteller genug, aus seinen - bisweilen stark autobiographischen - Aufzeichnungen kein modisches Polit-Pamphlet in Buchform geschrieben zu haben, das kritische Praxis ins bloß Literarische zwischen Buchrücken sublimiert. Mit "Hamlet bleibt" hat Henisch, wie ich es sehe, den feinen Unterschied zwischen "politische Literatur machen" und "politisch Literatur machen" markiert: das ist nützlich und lesenwert.

            Christian Wallner, Demokratisches Volksblatt, 14.10.1971


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DER BARONKARL
Manfred Chobot über Peter Henisch

Wiener Vorstadtgeschichten sind es, die Peter Henisch uns in seinem neuesten (seinem zweiten) Buch, das soeben als Band 29 in der Reihe Fischer bei S. Fischer erschienen ist, erzählt, eigentlich richtiger: nacherzählt. Geschichten "Vom Baronkarl", einem Wiener Original aus der Gegend des Laaerberges, des zehnten Wiener Gemeindebezirkes. Das einzige, was man mit Sicherheit vom Baronkarl zu berichten weiß, ist, daß er tatsächlich gelebt hat. Über seine Herkunft sind lediglich Gerüchte im Umlauf, sechs davon bietet Peter Henisch dem Leser an. Alle anderen Geschichten über den Baronkarl sind Vermutungen und Anekdoten: Diesen ist nun Peter Henisch nachgegangen, hat mit Leuten im Wirtshaus gesprochen und sich von ihnen Geschichten erzählen lassen, hat sie gesammelt und aufgezeichnet, ähnlich alten Volksliedsammlungen.

Allen Geschichten eigen ist also eine gewisse authentische Realität, das heißt der Autor wirft dem Leser nicht ausschließlich seine Fantasie an den Kopf. Trotzdem - oder gerade deswegen - liegt hinter mancher der Geschichten mehr an Aussage als auf den ersten Blick vielleicht erkennbar ist, obwohl die meisten Geschichten aus der Zwischenkriegszeit bzw. aus der Nachkriegszeit stammen und daher heute nur ganz bedingt Gültigkeit besitzen. Einige der Geschichten allerdings scheinen mir beliebig austauschbar gegen andere bzw. sind irgendeiner Ergänzung bedürftig. Für den Wiener Leser - wahrscheinlich aber nur für den Wiener - störend ist die Mischung aus Dialekt(ausdrücken) und Hochsprache anstelle des reinen Dialekts bei den Theorien über den Baronkarl.

Der für mich stärkste und eindrucksvollste Teil des Buches ist der (Lyrik-)Zyklus "Sentimentale Reise zur Grenze & wieder zurück". Verursacht durch ein tiefgreifendes Unbehagen, das den Anstoß zu dieser Arbeit gegeben hat, stellt Peter Henisch eine Vorbemerkung an den Anfang dieses Textes: "Der Zyklus Sentimentale Reise zur Grenze & wieder zurück ist im Frühjahr 1971 aus sehr persönlichen Erfahrungen mit dem entstanden, was man den österreichischen Charakter nennen könnte. Als österreichischer Schriftsteller, der entsprechende Strukturen in Wien um sich gefunden hat, nehme ich mir das Recht, Angst zu haben um & in Österreich." Eine klare Aussage zu einem komplexen Thema und ein ehrliches Bekenntnis, an dem sich so mancher Autor ein Beispiel nehmen könnte. Peter Henisch hat das Unbehagen vieler selten so überzeugend in Worte gefaßt, in nahezu prophetisch anmutende Worte von beängstigender Aussagekraft, wie in diesem Text: "... 1 gewitter hängt gelb über wien & entlädt sich nicht ... an schnellbahnstationen stehn mir kompakte majoritäten gegenüber ... hoffentlich bin ich kein echter profet ..."

Den dritten Teil des Buches bildet der längere Prosatext "gemischte profile". Es wird dabei die Geschichte von einem Freund erzählt, der sich in einer Heilanstalt befindet, wie sie einem Mann vom Fernsehteam erzählt wird, und von der Arbeit an einem wirklichen oder fiktiven Fernsehfilm über die Arbeit in einem Ziegelwerk, demnach also eine Abbildung einer Abbildung unseres Seins: "Schizofrenie ist die unserem gesellschaftlichen Sein meiner Ansicht nach am ehesten entsprechende Bewußtseinslage. Mit einer Hälfte unserer Persönlichkeit noch in den Bezügen, die wir verlassen wollen, stehen wir mit der anderen schon in den ungewohnt neuen."

Alles in allem scheint Peter Henisch eine ähnliche Entwicklung wie Jürgen Becker zu durchlaufen: von anfänglich esoterischer, schwer lesbarer Prosa zu einfacher, leicht verständlicher, dem wahrscheinlich einzig logischen und begrüßenswerten Weg in Richtung auf eine größere Wirksamkeit der Literatur. Denn wenn die Literatur aus dem Ghetto, in dem sie sich zur Zeit befindet, herausfinden will, muß sie in erster Linie verständlicher werden; um aber von den Leuten verstanden zu werden, ist es notwendig, deren Sprache zu sprechen, und diese ist einfach, nicht intellektuell überspannt. Jedenfalls eine begrüßenswerte Entwicklung von Peter Henisch und ein interessantes, lesenswertes Buch.

            Manfred Chobot, Anstoss, Dezember 1972


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VERSUCHSSATION FÜR WELTUNTERGÄNGE
Was hat Jung-Autor Peter Henisch mit Alt-Meister Joseph Roth gemeinsam?

Innerhalb des deutschen Sprachraums existiert eine österreichische Literatur, die sich ihre Eigenständigkeit stets bewahren konnte.
Doch wie ist es mit dem Nachwuchs bestellt?
Friedrich Torberg, selbst Österreicher, untersucht diese Frage, indem er einen Autor der jungen Generation mit einem Klassiker konfrontiert: Peter Henisch und Joseph Roth.

"Und Theodor ging mit Benjamin aus dem Hause."

Niemand würde diesem Satz - er steht auf der vorletzten Seite des Romans "Das Spinnennetz" - ohne Kenntnis des Zusammenhangs anmerken, daß Benjamin wenige Zeilen zuvor von Theodor beim Photographieren geheimer Akten überrascht wurde, daß Theodor ihn einen Spitzel genannt und Benjamin den Freund mit einem Revolver bedroht hatte.
Niemand würde diesem Satz die Schicksalsträchtigkeit anmerken, die sich in ihm zusammenballt und die in der lapidaren, in der nahezu, biblischen Einfachheit der Wortwahl nur desto rasanter hervortritt.

Tatsächlich: von manchen der gemeißelten Sätze Joseph Roths fühlt man sich auf ähnlich wuchtige Weise ergriffen wie von manchen Sätzen der Bibel - im vorliegenden Fall wird der Anklang an das XXIII. Kapitel der Genesis, handelnd vom Opfergang Abrahams mit seinem Sohne Isaak, beinahe überdeutlich: "Und gingen sie beide miteinander." So simpel sind diese Sätze, so schmucklos und scheinbar eindeutig bieten sie sich dar, daß sie eben dadurch ihre Eindeutigkeit desavouieren. Das kann doch nicht alles sein, was sie bedeuten wollen, da muß doch noch etwas verborgen sein. Und weiß Gott, das ist es.

Hier, wenn nicht alles täuscht, liegt das große stilistische Geheimnis der Rothschen Prosa, liegt die Wurzel der Wirkung, die von ihrer Doppelbödigkeit ausgeht. Es ist eine unentrinnbar eindringliche Wirkung. Den kunstvoll verschlungenen Perioden eines Thomas Mann oder eines Hermann Broch kann, wer's drauf angelegt hat, an ihren Nahtstellen entschlüpfen. Von den nicht nur grammatikalisch "reinen, einfachen Aussagesätzen" Joseph Roths wird man sich ausweglos umgarnt finden. Sie haben - außer in der Bibel - ihr einziges Gegenstück in der Prosa Franz Kafkas.

Ein Beispiel aus "Hiob", Roths bibelnächstem und (für mein Gefühl) schönstem Roman. Dort geschieht es, daß Mirjam, die Tochter des heimgesuchten Mendel Singer, nachdem sie ihr Gesicht mit den Händen bedeckt hat und in Tränen ausgebrochen ist, vor das Haus gewiesen wird:

"Sie tastete sich hinaus, vorsichtig, die Hände immer noch vor den Augen. Draußen blieb sie stehen. Alle Sterne des Himmels standen da, nah und lebendig, als hätten sie Mirjam vor dem Haus erwartet."

Der Roman "Hiob" beschließt den ersten der beiden Bände, mit denen der Verlag Kiepenheuer & Witsch die vierbändige, um einen vollen Band erweiterte Neuausgabe der Werke Joseph Roths eingeleitet hat.
Der erste Band enthält als gewichtige Bereicherung zwei verspätet aufgefundene Prosawerke, neben dem schon erwähnten "Spinnennetz" noch den Trotzki-Roman "Der stumme Prophet";
den Inhalt des zweiten Bandes bilden die schon veröffentlichten, zum Teil im Exil entstandenen Romane vom "Radetzkymarsch" bis zur "Kapuzinergruft" und der "Geschichte von der 1002. Nacht".
Die Anordnung ist chronologisch, die Herausgabe besorgte - wie stets bisher - Hermann Kesten, dessen Vorwort zur Neuausgabe, zumal wo es die Zustandebringung des Nachlasses schildert, ein aufschlußreiches Kapitel Zeitgeschichte liefert.

Daß der Nachlaß auch mit diesen zwei Bänden und den beiden kommenden ("Erzählungen" und "Kleine Prosa") noch immer nicht vollständig vorliegen wird und daß mit einer kritisch-historischen Gesamtausgabe in absehbarer Zeit nicht zu rechnen ist, tut dem Romanwerk Joseph Roths keinen Abbruch.
Das haben wir jetzt, auf mehr als 2000 Dünndruckseiten, vollständig vor uns: als gewaltigen, leuchtend gewebten Gobelin des alten Österreich, vor allem des Ostens der einstigen Monarchie, jener "Versuchsstation für Weltuntergänge", wie Karl Kraus sie genannt hat.
Und sie sind alle da, die vertrauten Gestalten, die Grafen und die Juden und die Trottas, die Offiziere und die Bürger und die Entwurzelten, die Randfiguren mit ihren immer gleichen Namen, die Kapturaks und Skowronneks, bis ins kleinste bleibt die Kontinuität gewahrt und wenn ein Militärkapellmeister auftritt, heißt er sowohl im "Radetzkymarsch" wie in der "Geschichte von der 1002. Nacht" Nechwal, als könnte ein Militärkapellmeister gar nicht anders heißen. Das Gewebe ist unzerreißbar.

Mit diesem anspruchsvollen editorischen Unternehmen hat der Verlag Kiepenheuer & Witsch zweifellos dazu beigetragen, einem der großen Prosaisten des deutschen Sprachraums den gebührenden Platz zu sichern. Hoffentlich wird ihm auch der gebührende Erfolg zuteil.
Oder wie es im "Hiob" heißt: "Alle gaben ihm die Hand und wünschten ihm gute Fahrt."

Wenn innerhalb des deutschen Sprachraums eine eigenständige österreichische Literatur existiert - und nicht nur angesichts Joseph Roths, auch im Hinblick auf die zwei Generationen von Schnitzler bis Doderer ist das kaum zu bestreiten -, dann liegt es nahe, nach der jungen Generation von heute zu fragen, der eigentlich vierten.

Peter Henisch, einer ihrer begabtesten Repräsentanten, soll nun nicht etwa mit Joseph Roth "verglichen" werden. Ein solcher Vergleich wäre unfair und würde im übrigen auch den meisten seiner Altersgenossen (nebst vielen Vorangegangenen) nicht gut bekommen. Immerhin ist auch Henisch ein unverkennbarer Österreicher, wenngleich auf andere Art als beispielsweise Peter Handke, dessen literarische Zugehörigkeit sich von Karl Kraus und Horváth herleitet, oder gar als Thomas Bernhard, der am ehesten in der Nachfolge Stifters steht (indessen die Eisenreich und Tramin sich bereits an Doderer orientieren). Henisch auf einen bestimmten Ahnherrn festzulegen, hielte schon deshalb schwer, weil er noch in sichtbarer Entwicklung begriffen ist und sich von seinen avantgardistischen Anfängen - einer verspäteten Zweigniederlassung der nouvelle vague - immer weiter entfernt.

Was ihn als Österreicher legitimiert, tritt in seinem jüngsten, soeben bei S. Fischer erschienenen semi-biographischen Werk - "Die kleine Figur meines Vaters" - noch deutlicher zutage als in den vorangegangenen "Geschichten vom Baronkarl" und läßt überdies zwei merkwürdige Ähnlichkeiten mit Joseph Roth erkennen: die selbstverständliche Bindung an ein persönliches Lokalkolorit (das bei Henisch durchaus mit der Wiener Vorstadt identisch ist) und die Fähigkeit, an einem Einzelschicksal zeitgeschichtliche Abläufe transparent zu machen.

Das Einzelschicksal ist das seines Vaters, der den Zweiten Weltkrieg als Bilderberichterstatter der Wehrmacht miterlebt und überlebt hat.
Viele Jahre später läßt Henisch, auf der Suche nach der eigenen Identität, seinen zum Tode erkrankten Vater über die Kriegs- und Nachkriegszeit erzählen und hält diese Erzählungen - mit des Vaters willigem, ja freudigem Einverständnis - auf Tonbändern fest.
Die Wiedergabe der Texte verzahnt sich mit den Kommentaren von Mutter und Großmutter, mit Rückgriffen auf überholte familiäre Zustände, besonders aber mit den frühen Kindheitserinnerungen und den jetzigen kritischen Gedankengängen des Autors zu einem kompakten, trotz allen Zwischenschnitten klar überschaubaren Zeitgemälde, das jedoch die Charakterisierung der handelnden Personen keineswegs zu kurz kommen läßt.
Nicht bloß der vorsätzlich zur "Figur" stilisierte Vater (die "Kleinheit" bezieht sich auf seine Körpermaße), auch die Nebenfiguren und Episodisten haben unverwechselbare Farbe und Funktion, legen beredtes Zeugnis dafür ab, wie präzise und komprimiert Peter Henisch seine künstlerischen Mittel einzusetzen gelernt hat.

Diese Präzision kommt auch sprachlich in einer abermals an Roth gemahnenden Einfachheit zur Geltung: ein Knabe, der sich von der Stimme seines Stiefvaters "schon am frühen Morgen geohrfeigt fühlt"; die Tür eines Rettungsautos "wurde geöffnet und die Bahre hineingeschoben wie das Brot in den Ofen"; und der kleine Peter bastelte sich aus einer Spielzeugschachtel einen Photoapparat und "hielt, ein perfektes Abbild meines Vaters, eine Kamera zwischen mich und die Welt".

Denn genau das hat sein Vater getan.
Er hat die Welt in der Tat - und im fatalsten Sinn dieser Wendung - nur durch die Kamera gesehen.
Dem Photoreporter des Grauens ist das Grauen nur als Reportagematerial bewußt geworden, die Saalschlachten der Vor-Nazizeit nur als "fotogene Tumulte", die Sterbenden auf den Schlachtfeldern zum "menschlichen Antlitz des Krieges", er sagt es selbst, und das kommentarlose Klischee entlarvt nicht die Wirklichkeit, sondern die Einstellung zu ihr: "Als Mensch tut es mir furchtbar leid, als Photograph ist es für mich ein Motiv."
Es fällt ihm nicht einmal auf, daß er seine Bilder "schießt", während ringsumher wirklich geschossen wird. Und getroffen.

Der Sohn aber, weit entfernt von jeglicher Selbstgerechtigkeit, entdeckt so betreten wie nüchtern, daß er auch noch in anderer Hinsicht ein Abbild seines Vaters ist: was diesem zum bildhaften Motiv wird, verwandelt sich ihm selbst zum literarischen Text.
Das Leben ist in beiden Fällen Material.

Nur daß der Schriftsteller Peter Henisch mit seinem Material dem Leben zugewandt ist, daß er nicht aus dem Tod Kapital schlagen will, sondern sich mit dem Leben herumzuschlagen gedenkt.
Vielleicht glaubt er seine erzählerische Begabung noch allzu sehr an Selbsterlebtes gebunden.
Aber das macht sie um nichts geringer.
Das macht sie ausbaufähig.

            Friedrich Torberg, Die Welt. 17.1.1976



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NACHPRÜFUNG EINES VATERBILDES

Von den Wiener Autoren der vierziger Geburtsjahrgänge ist erst wenigen der Sprung in den Erfolg geglückt.
Auch Peter Henisch, Jahrgang 1943, ist bisher selbst in Österreich kaum bekannt geworden.
Der Anfang war - wie meistens bei jungen Autoren - kurze Prosa: "Hamlet bleibt" (1971) und "Vom Baronkarl" (1972), beide erschienen in einer Buchreihe, der der Erfolg versagt blieb.
Immerhin: Wer diese frühen Texte gelesen hatte, wußte, daß hier ein vielversprechender Autor von beträchtlichem Ausdrucksvermögen heranreift, und fühlst sich in dieser Erwartung nun bestätigt, wenn er Henischs neues Buch gelesen hat, mit rund zweihundert Seiten sein erstes ausgewachsenes Werk.

Wiener Figuren und Geschehnisse ergaben die Szene "Baronkarl" - Vorstadtexistenzen, Peripheriegeschichten.
In dem neuen Buch beherrscht einer die Szene, die kleine Figur des Vaters, 1,52 m groß, Jahrgang 1913, kleinbürgerlicher Herkunft, mit tschechischem und ein wenig jüdischem Blut, das sich aber nach 1938 vertuschen ließ. HJ-Mitglied, freier Fotograf, Fotograf der illegalen NSDA, im Krieg Fotograf in einer Propagandakompanie des Heeres, 1943 als bester Kriegsberichterstatter der deutschen Wehrmacht gerühmt - das alles war möglich im Leben des Vaters, der auch nach 1945 wieder auf die Beine kam, zuerst als Fotograf der kommunistischen Weltillustrierten, dann als freier Pressefotograf und schließlich in fester Anstellung als Fotograf bei der Arbeiter-Zeitung, dem Organ der SPÖ. Alles in allem ein völlig unpolitischer Mensch, besessen nur vom Fotografieren, ganz gleich was und für wen - "für mich war das Fotografieren immer die Hauptsache und alles andere war sekundär", sagt er einmal -; dazu noch ein Spaßmacher, ein liebenswerter Geschichtenerzähler, der gern trank, bekannt und geschätzt bei Freund und Feind.

So die Wirklichkeit, mit der sich der Sohn auf der Suche nach dem verlorenen Bild des Vaters konfrontiert sieht, nachdem er den Kranken dazu bewegen konnte, ihm sein Leben Schritt für Schritt zu erzählen. Zur Stimme des Vaters auf den Tonbändern tritt das Gespräch mit der Mutter und mit der Großmutter, die Wiederbegegnung mit den Wiener Stätten, an denen der Vater gelebt hat, die intensive Beschäftigung mit dessen fotografischem Lebenswerk. Mosaiksteine, aus denen das Bild Konturen gewinnt, während die jahrelange Entfremdung zwischen Vater und Sohn sich allmählich abbaut. Anderthalb Jahre vergehen mit der Rekonstruktion der Vergangenheit, und in dieser Zeit geht das Buch des Sohnes über den Vater ebenso wie das Leben des Vaters seinem Abschluß entgegen. Der Sohn aber hat die Suche nach seiner Identität mit der Suche nach der des Vaters verbunden: "Hinter einem anderen her begegnet man sich selbst - mag sein, aber hoffentlich nicht nur im Sinn einer unausweichlichen Identität. Ich muß mich, glaube ich, aus deiner Geschichte herausschreiben, um die meine zu finden."

Henischs "Kleine Figur meines Vaters" ist gewiß aus innerer Notwendigkeit entstanden, in langer Auseinandersetzung mit dem sterbenskranken Vater zur Reife herangewachsen, und hat seinen literarischen Platz in überraschender Nähe zu Härtlings "Nachprüfung einer Erinnerung"; nur mit dem Unterschied, daß - anders als in Härtlings "Zwettl"-Buch - diese Nachprüfung eines Vaterbildes von Henisch an einem noch lebenden Modell vollzogen werden konnte. Aber auch Henischs Sprache, der ruhige sichere Erzählton, der alle Sprachexperimente seiner frühen Prosa abgestreift hat, legt den Vergleich mit Härtling nahe. Man darf getrost sagen, daß sich hier ein bedeutender Prosaist mit einem wesentlichen Buch vorgestellt hat.

            Joachim Schondorff, Salzburger Nachrichten, 6.9.1975


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ZWISCHEN SEIN UND VORSCHEIN
Wiederbegegnung nach 30 Jahren: Peter Henischs Vater-Sohn-Roman "Die kleine Figur meines Vaters" - ein Versuch, die Anekdote aus dem Leben zu verbannen.
Von Erich Hackl


Als er dreißig war, 1973, schrieb Peter Henisch an einem biografischen Roman, der zwei Jahre später unter dem Titel "Die kleine Figur meines Vaters" erschien und einige Beachtung fand. Jetzt ist der Autor fast sechzig, so alt wie damals sein Vater, und legt eine überarbeitete Fassung vor, samt zahlreichen Fotos aus dem Familienbesitz und dem Historischen Bildarchiv der Wiener "Arbeiter-Zeitung". Schon einmal, 1987, hatte Henisch den Roman um- und weitergeschrieben, ein seltenes Ereignis in der zeitgenössischen Literatur, deren Akteuren für gewöhnlich nichts peinlicher ist als das Verbessern schon publizierter Werke, als handelte es sich beim Schreiben um einen der Nahrungsaufnahme verwandten Vorgang und bei den Büchern um Fäkalien, die man per Drucklegung für immer runterspült.

Peter Henisch ist diesbezüglich eine sympathische Ausnahmeerscheinung, ihm war ja bereits der Protagonist eines frühen Prosabandes, der "Baron-Karl" - ein sagenumwobener Lebenskünstler (oder Tagedieb, je nach Perspektive) aus der Wiener Peripherie -, so herzlich nahe geblieben, dass er sich dessen Geschichte im Abstand von zwei Jahrzehnten noch einmal vorgenommen hatte. Ähnlich hielt er es mit seinem Roman über den Rocksänger Jim Morrison, dem er zehn Jahre nach der Erstveröffentlichung eine "radikal überarbeitete Neuausgabe" hinterher schickte.

Was bewegt den Schriftsteller Peter Henisch, ein Buch über den Pressefotografen Walter Henisch zu schreiben? Der Vater ist sterbenskrank, also könnte dem Sohn daran gelegen sein, mit ihm und mit sich selbst ins Reine zu kommen, und dazu eignet sich ein Vorhaben, das dieses individuelle Bedürfnis als allgemeines Interesse definiert. Schließlich hat der alte Herr Henisch den Zweiten Weltkrieg als Kriegsberichterstatter der Deutschen Wehrmacht in der Sowjetunion und in Jugoslawien mitgemacht und später im Familien- und Bekanntenkreis gern davon schwadroniert, das heißt: den Vernichtungsfeldzug in Anekdoten verzerrt.

Ein Verharmloser, so erscheint er jedenfalls dem Ich-Erzähler. Trotzdem gerät der Roman, der vom Zustandekommen eines Romans handelt, nicht zur Abrechnung mit dem Vater. Das ist wohl auch der Grund, warum "Die kleine Figur meines Vaters" - nach Thomas Rothschilds Urteil - eins der wenigen Bücher ist, "die die Vatermode (ich würde sagen: die Vatermorde) jener Jahre unbeschädigt überlebt haben". Peter Henisch geht auf den Vater zu, er überprüft seine und dessen Erinnerungen, versichert sich der bitteren Erfahrung, die Walter Henisch als Kind mit seinem Stiefvater und mit den Aufsehern eines katholischen Schülerheims gemacht hat. Er versucht also, den Menschen aus seinen Zwängen und Möglichkeiten heraus zu begreifen. Und er macht sich nicht besser. An einer Stelle sagt seine damalige Frau, und es klingt wie ein Vorwurf: "Du liebst ihn trotz allem." Und der Erzähler antwortet: "Ich glaub', er tut mir vor allem leid."

Dieses Erbarmen hat nichts Herablassendes an sich, bedeutet kein Abrücken, erfordert keinen Bruch (auch kein Verzeihen), allerdings die Fähigkeit, sich in die Lage des anderen zu versetzen. Fantasie reicht nicht aus, deshalb recherchiert der junge Henisch die Geschichte seines Vaters. Die Spurensuche ist maßgeblich von dessen Beruf und Berufung bestimmt, sie basiert auf hunderten, tausenden Fotos, die Walter Henisch im Lauf seines Lebens geschossen hat und auf denen einer fast immer unsichtbar bleibt: er, der Fotograf. Der Zwist zwischen Wahrheit und Lüge - zwischen Scheitern und dem Bemühen, das Scheitern unter abenteuerlichen Geschichten zu verbergen - ist ein Thema dieses Buches. Der Vater ist nicht nur klein, kaum 1,52 Meter, er hat sich auch klein gemacht und der stumpfen Waffe der kleinen Leute bedient: Er ist ein Spaßmacher, ein Unterhaltungskünstler, eine Witzfigur. Das macht ihn beliebt.

Der Sohn tritt an, die Lüge und die Anekdote aus seinem Leben zu verbannen; er will sich nicht mit der Kluft zwischen Sein und Vorschein abfinden, er will authentisch sein. "Lieber Papa, schrieb ich, nein, ich will nicht so werden, wie Du geworden bist. Ich will nicht so sein, wie Du warst, obwohl ich Dich begreife. Hinter einem andern her begegnet man sich selbst - mag sein, aber hoffentlich nicht nur im Sinn einer unausweichlichen Identität. Ich will aus Deiner Spur ausscheren, verstehst Du, was Du mir vorgelebt hast, mag ich nicht nachleben." Fotografieren ist, wie Schreiben, eine brisante Tätigkeit. Man nimmt nur mittelbar am Leben anderer teil. Faszination und Hingabe gelten einem "Motiv", einem "Sujet", gedacht wird an Ausschnitt, Blende, Belichtungszeit. Der Fotoapparat liefert das Alibi, Distanz zu wahren.

Im Rückblick auf seine Arbeit im Krieg sagt der Vater: "Vor allen Schrecken und Zweifeln habe ich mich jetzt mehr denn je hinter meiner Kamera verschanzt. Doch selbst hinter ihr war das Leben nun gefährlicher - so habe ich allmählich auch diese Gefährlichkeit goutiert. Mit dem Tod leben ist intensiver leben, hab ich mir eingeredet, und vielleicht war da sogar etwas Wahres dran. Oft hab ich mehr als notwendig riskiert, und der auf diese Weise gewonnene, grelle Reiz hat alles in mir abgestumpft, wie ein starker Schmerz." Auch der Sohn lebt wie in Deckung. Die Arbeit mit Notizblock und Tonbandgerät wirkt nicht weniger obszön als die Gier des Vaters nach Fotos von Leben, Landschaft, Zerstörung.

Gleich zu Beginn gesteht Peter Henisch, während des Schreibens "bis zu einem gewissen Grad" mit dem Tod seines Vaters spekuliert zu haben. Allerdings - "als er wirklich tot war und der Jugoslawe vom Nebenbett aufstand, langsam herankam und leise fragte: KAPUTT?, da hatte alles eine andere Dimension". Es gibt freilich auch eine positive Einschätzung künstlerischer oder publizistischer Tätigkeit. Nach Kriegsende versucht Walter Henisch als Bildreporter wieder Fuß zu fassen. Bei den westlichen Blättern ist er als Nazipropagandist verschrien. Also geht er stracks in die Redaktion der "Weltillustrierten", die von der sowjetischen Besatzungsmacht herausgegeben wird. Der verantwortliche Kommissar sieht die mitgebrachten Fotos nicht als Belege mangelnder Anteilnahme oder opportunistischer Gesinnungslosigkeit, sondern weist ihnen eine Qualität zu, die jede Frage nach der politischen oder moralischen Verfassung ihres Urhebers erübrigt: "Sie haben gute und wahre Fotos. Sagen Sie jetzt nichts. Diese Fotos sprechen für sich."

"Die kleine Figur meines Vaters" ist ein bei aller Unerbittlichkeit sehr menschenfreundliches Buch. Es ist versöhnlich ohne Schulterklopfen. Es hat mehr Fragen als Antworten. Es ist diskret, ohne etwas zu verschweigen. Die schonungslose Kälte von Handkes "Wunschlosem Unglück" - mit dem es seinerzeit verglichen wurde - fehlt ihm. Noch etwas möchte ich an Peter Henisch, nicht nur an diesem Roman, rühmen. Es ist die Selbstverständlichkeit, mit der er das sogenannte Volksleben annimmt. Er betreibt nicht Milieustudien, man spürt weder trotzige Ablehnung noch bemühte Nähe. Kein Kokettieren, kein Anbiedern, keine Verachtung. Eine Hausmeisterin oder ein Wirt aus der Vorstadt wird von ihm nicht automatisch aus dem Zauberhut des modernen Vorurteils gezogen. Seinen Menschen fehlt es meistens an Geld und Anerkennung. Sie sind misstrauisch, aber gesellig. Sie plagen sich nicht damit, dem Bild, das die Medien von ihnen zeichnen, gerecht zu werden. Das ist in seinem herben Realismus ziemlich beruhigend.

Kann sein, daran lässt sich erkennen, dass "Die kleine Figur meines Vaters" vor dreißig Jahren geschrieben wurde; damals waren die niederen Stände noch nicht als Konsumenten entdeckt, sie wurden nur als Arbeitskräfte öffentlich wahrgenommen, tüchtig ausgebeutet, ansonsten in Ruhe gelassen. Ihr Sprachwitz, ihr Grant, ihr Räsonieren und ihre tschechischen Vorfahren weisen sie als waschechte Wiener aus.

Gegen Ende des Romans setzen bei der Frau des Erzählers die Wehen ein. Er fährt mit ihr ins Krankenhaus, wird vom Personal nach Hause geschickt, spannt dort ein neues Blatt Papier in die Walze, zieht Bilanz. "Was mir mein Vater (trotz allem) Positives vermittelt hat: Eine Idee von Freiheit, die er mir auch dann, als er sie für sich selbst widerrufen musste, nicht mehr austreiben konnte. Was ich unserem Kind Positives vermitteln möchte: Nicht dasselbe, aber ein Gleiches." Das Kind ist jetzt so alt wie Peter Henisch damals. Denkbar also, dass er an einem Roman schreibt, über die große Figur seines Kindes. Oder umgekehrt, es über ihn, den Vater-Sohn: "WIR waren anders. WIR würden anders sein. Du mußt ihn verurteilen, sonst verteidigst du ihn."

            Erich Hackl, Die Presse, Spectrum 12. April 2003


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VETERANEN DES JAHRES '68
Peter Henischs Roman "Der Mai ist vorbei"

"...der Mai ist vorbei und kommt voraussichtlich nimmermehr / nach einem typisch bürgerlichen Geschlechtsverkehr / (sie auf dem Rücken liegend ich auf ihr drauf) / dreh ich das Radio an da rockt Bill Haley der Opa noch / immer schon wieder around the clock..."

So einfach wie in diesen Bänkellied-Verszeilen, mit denen das Buch beginnt, ist der geschichtlichen und auch poetischen Wahrheit darüber, was die 68er Revolte der jungen Generation gebracht hat, selbstverständlich nicht beizukommen.
Wie schwierig es ist, die Erfahrungen des Mai 68 ff. - die Chiffre ist wohl verständlich - erzählerisch zu bilanzieren, zeigt der erste Roman des 1943 geborenen Liedermachers und Schriftsteller Peter Henisch, der vor drei Jahren mit der autobiographischen Prosa-Recherche "Die kleine Figur meines Vaters" seinen ersten größeren Bucherfolg hatte.

Die Hauptfigur des Buches, der Schriftsteller Paul Grünzweig, kommt mit dem Auftrag, einen Zeitungsartikel über das Achtundsechzigerjahr zu schreiben, nicht zurecht, und auch Henisch macht es sich nicht leicht. Er verteilt positive und negative Erfahrungen und Erkenntnisse auf verschiedene Sprachträger und auf eine spannend zu lesende Romanhandlung, so daß eine klartextliche "Summe" zu ziehen bedeuten würde, widersprüchliche Erfahrungen aus dem geschichtlichen Prozeß willkürlich einzuebnen.

Was der Auftraggeber des genannten Zeitungsartikels sich vorstellt, sind "zehn hübsche Normalseiten über das Jahr 68, die einen eleganten Bogen von den idealistischen Anfängen der Studentenbewegung zu deren terroristischen Auswüchsen spännen".
Paul Grünzweig, in den Henisch so viel von seiner Person und Biographie eingebracht hat, daß er Autor, Er-Erzähler und Romanheld gelegentlich nicht mehr auseinanderhält, bietet dieser Auftrag den fälligen Anlaß, eine Bilanz der 68er Erfahrungen zu ziehen und seine politische und private Identität zu überprüfen. Der Leser erlebt Grünzweig an vier aufeinanderfolgenden Tagen im August 77, und von dieser Gegenwartsschicht des Buches aus, die den dokumentarisches Material und Erinnerungen sammelnden "Veteranen" zeigt, erinnert sich der Erzähler, zwischen den Zeitebenen hin und her pendelnd, an die Jahre 68 ff.

Henisch stellt dar, daß die Wiener 68er-Protestler sich ihre politische Identität im Grunde geliehen haben: "Die Amerikaner hatten ihren schmutzigen Vietnamkrieg, die Deutschen ihre verlogene Springerpresse, die Franzosen ihren autoritären Gaullismus, dagegen konnte man sein, dagegen ließ sich protestieren, dagegen konnte man notfalls kämpfen. Anderswo lagen die sozialen Gegensätze klarer auf der Hand, die sich daher eher zur Faust ballte, da war nicht nur der Widerspruch im Kopf. Aber wir in Wien, das manche für ein großes Altersheim hielten, und viele, auch Junge, tatsächlich als solches bewohnten: wir in Österreich, eingelullt von einer Politik, die auf den Ausgleich von Interessen aus war, auf die Einebnung von Gegensätzen, das Verwischen von Widersprüchen, und die noch dazu, eigentlich segensreich, funktionierte, was hatten denn wir ...?"

Die Revolte öffnete fast nur in privaten Bereichen Ventile, setzte antibürgerliche Affekte frei, entband von den Konventionen traditioneller Partnerschaftsbeziehungen; aber die Gefühle haben nicht nachvollziehen können, worin ihnen der Kopf und vor allem der linke Jargon voraus waren. Henisch erzählt vom Scheitern einer Wohngemeinschaft, von mehreren kaputten Typen, die orientierungslos geworden sind, von auseinanderfallenden Beziehungen, aber der Erzähler denunziert nicht seine Figuren und ihre gescheiterten Versuche, bessere, freiere Lebensbedingungen zu schaffen.

"Zu Recht macht er darauf aufmerksam, daß diese Erfahrungen nicht umsonst gewesen sind, daß sie fortwirken. Der frühere Fehler hat hauptsächlich darin bestanden, daß das private Ausflippen schon als revolutionäres Bewußtsein und relevante politische Praxisform angesehen worden ist. Eine Landkommune dagegen, von Leuten der nachgerückten Generation bewirtschaftet, ist sich des sozialen Eskapismus ihres Unternehmens bewußt, verfolgt nur private Ziele, und zu Grünzweigs Erstaunen, der diese Gruppe besucht, funktioniert das bestens. Andererseits macht das Leben in dieser Gruppe deutlich, daß ein "neuer Mai" nicht auf der Straße beginnt, sondern mit den Veränderungen des Subjekts, so abstrakt diese Forderung unter den gegenwärtigen Verhæltnissen auch bleiben muß.

Paul Grünzweigs Mai ist aber vorbei, und das Autobiographie und Illusionsroman vermittelnde Buch endet mit den Verszeilen:

". . . wir aber / unsere eigenen / Epigonen / müssen zuerst versuchen / nicht zu erfrieren / alles andere / wird sich womöglich / ergeben / Leben / heißt überleben."


            Norbert Schachtsiek-Freitag, Frankfurter Rundschau, 9.4.1979


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EINE GESCHICHTE IN EINER GESCHICHTE
Peter Henischs Roman "Bali oder Swoboda steigt aus"

Es ist eine alte Geschichte, doch bleibt sie immer neu: auch für den achtunddreissigjährigen Wiener Gymnasiallehrer Erich Swoboda, der gegen die Reglements des Alltags und die Konventionen der Ehe rebelliert, um zu sich selber zu kommen. Das Schicksal dieses Mannes ist ebenso banal wie real, und die Realität besteht nicht zuletzt darin, dass er in die Irrealität zu flüchten versucht. Darauf weist bereits der Titel "Bali oder Swoboda steigt aus" von Peter Henischs Roman hin, mit dem auch die formale Eigenart des Buches angedeutet wird. Swoboda - der sich unfrei fühlende Held weiss, dass sein Name Freiheit bedeutet - versucht seit Jahren einen Roman unter dem Titel "Bali" zu schreiben.

"Es ging darin um einen Mann namens Franz, der sein Leben lang nach Bali reisen will, diesen Wunsch aber nach und nach verdrängt. Es ging um Wünsche und darum, wie sie zu Illusionen werden." Bemerkenswerterweise bekam der Roman, den Swoboda "immer wieder weglegte und immer wieder hernahm, doch autobiographische Züge".

Henischs besondere Kunst besteht nun darin, dass er Swobodas Leben von aussen und von innen - in Reflexionen und Selbstgesprächen - beschreibt und es gleichzeitig in der Spiegelung von Swobodas Roman zeigt.
Henisch, der nicht zufällig gleich alt ist wie sein Held, erfasst in genauer Nuancierung sowohl die Gegenwart der Stadt Wien als auch zeitgenössische Strömungen (neonazistische Regungen werden ebenso registriert wie die Zürcher Jugendunruhen), die in der Sicht Swobodas dargestellt werden, der am Rande die sogenannte Studentenbewegung mitgemacht und lange gebraucht hatte, "um zu begreifen, dass seine Naherwartung einer besseren Welt ganz einfach naiv war".

Mit einer ähnlichen Naivität betrachtet er die neue Jugendbewegung, in deren Szene er schliesslich gerät und sich als Chansonnier produziert - bis er auch diesen Ausstiegsversuch als Sackgasse erkennt.
Das Charakteristische an Swobodas Evasionsversuchen ist darin zu sehen, dass sie sich stets im Spannungsfeld weiblicher Existenzen abspielen. Den ersten Schritt tut er, indem er sich von seiner Frau Karin und der vierjährigen Tochter Ruth trennt, zu denen er - im Gegensatz zu seinem Schwager Martin, der sich ebenfalls von seiner Gattin getrennt hatte - nicht zurückkehrt. In der um einige Jahre jüngeren, praktisch veranlagten Jutta hat er eine nahezu ideale Geliebte, die vor allem seinen Romanplänen grosses Verständnis entgegenbringt.
Diese Beziehung, die seelisch nicht ganz ohne Komplikationen ist - "hatte er Karin und Ruth gegenüber Schuldgefühle, weil er sie verlassen hatte, so fühlte er sich vor Jutta wegen dieser Schuldgefühle schuldig" -, wird noch wesentlich komplizierter, als sich Swoboda in seine Lieblingsschülerin Elfi Kirsch verliebt und unter deren Einfluss - er ist inzwischen von der Schule beurlaubt worden - zu einem alternden Hippie mit Chinesenzopf wird, den erst eine gescheiterte Nacht mit der Kirsch ernüchtert und zu Jutta zurückkehren lässt.

Indessen lässt sich auch diese Beziehung - trotz wunderschönen, aber etwas irrealen gemeinsamen Tagen in Italien - auf die Dauer nicht halten.
Swoboda bricht nach Bali auf, nachdem er zuvor sein Manuskript der Freundin überlassen hat. Als er, Wochen später, nach Wien und zu Jutta zurückkehrt, hat diese - hübsche Pointe von Henischs Roman - das Bali-Manuskript als ein Stück Rollenprosa bei einem Verleger unter ihrem Namen untergebracht.
"Das Manuskript werde einem nach Bali ausgerissenen Mittelschullehrer namens Swoboda zugeschrieben", heisst es in der Verlagsankündigung."Dieser Swoboda (eine der amüsantesten Erfindungen neuerer Literatur) habe der Autorin das Manuskript vor seinem Verschwinden gewissermassen vererbt. So trete sie im Roman nur als Nachlassverwalterin auf. Tatsächlich jedoch sei bewundernswert, wie sich hier eine Frau auf satirische Weise in die Seele eines Mannes versetzte."

Das Thema des Romans im Roman war schon zuvor angeschlagen worden, als Swoboda seiner Tochter das Vorhaben seines Romans auf die Frage: "Ist das deine Geschichte?" zu erklären versuchte: "Ja ... Meine Geschichte und doch nicht meine Geschichte. Meine Geschichte in einer anderen Geschichte oder umgekehrt."
Durch Juttas angebliche Autorschaft wird die pirandelleske Verschiebung der Ebenen um eine weitere Drehung emporgeschraubt. Eine letzte ironische Steigerung erfährt dieses Erzählverfahren durch Henischs kurzen Epilog, in welchem er Mutmassungen über ein mögliches Finale anstellt und bei dieser Gelegenheit den autobiographischen Charakter des Romans ("der wohlgemerkt nicht allzu autobiographisch ist") durchscheinen lässt.

Diese kunstvolle Erzählstruktur hebt die an sich banale Geschichte - und wem sie just passiert, dem bricht das Herz entzwei - über die blosse Banalität hinaus, macht das scharf beobachtete Zeit- und Charakterbild zu einem ästhetischen Vergnügen.
Die Sätze Nestroys, die Henisch als Motto dem ersten Teil des Buches vorangestellt hat, könnten über dem ganzen Roman stehen:
"Und was kommt am End heraus aus einer solchen Geschicht? Eine Geschicht; nachher gibts erst a rechte Geschicht."

            haj (Hansres Jacobi), Neue Zürcher Zeitung, 13.3. 1982, S. 47


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AUFZEICHNUNGEN EINES VERWIRRTEN GERMANISTEN
Peter Henischs Roman "Hoffmanns Erzählungen"

Gleich eingangs erklärt der "verwirrte Germanist" des Untertitels von Peter Henischs Roman, was es für ihn - und wohl auch für seinen Erfinder - bedeutet, eine Biographie zu schreiben:
"... das bedeutet nämlich meines Erachtens nicht nur am Schreibtisch zu sitzen (sich am Schreibtisch über jemanden, der sich, weil beispielsweise 1822 gestorben, nicht mehr wehren kann, hinwegzusetzen), sondern ... Sondern: ja was? - Ihm nachzugehen, nachzufahren, nachzudenken, nachzufühlen, nachzuträumen ..."
Nach diesem Konzept ist denn auch die vorliegende geistreiche Phantasie auf mehreren Ebenen rund um Hoffmann entstanden.

Früh und neckisch klingt das Doppelgängermotiv auf. Heisst doch der Schreibende, dessen Vortrag in Berlin am Anfang der Geschichte nicht von ungefähr die "Beziehungen der Spätromantik zu der Gegenwart unter besonderer Berücksichtigung der schizoiden Struktur bei E. T. A. Hoffmann" behandelt, ausgerechnet Kreisler wie der Kapellmeister aus den "Lebensansichten des Katers Murr", in dessen Gestalt E. T. A. Hoffmann die eigenen Gespenster bannte - wenn auch nicht Johannes, sondern Franz. Als dieser Universitätsdozent Franz Kreisler dann auf Berlins abendlichen Strassen dem leibhaftigen Hoffmann begegnet, der ihm anbietet, gewisse von der Germanistik überlieferte Missverständnisse bezüglich seiner Biographie und der Motivation und Interpretation seines Werks auszuräumen, stellen sich Verwirrung und freilich auch Versuchung ein.

In den nun folgenden, stets spannenden, oft ironischen Wendungen und Wandlungen wird langsam klar, dass es hier - wie in Hoffmanns "Ritter Gluck", der die Grundidee geliefert haben könnte - gar nicht darauf ankommt, ob dieser "Hoffmann" eine Ausgeburt von Kreislers Phantasie, ein genialer Geistesgestörter oder (wie er behauptet) Hoffmanns Reinkarnation ist. Ganz im Sinne des romantischen Autors könnten sogar Kreisler und der sich als Hoffmann ausgebende abgewirtschaftete Schauspieler Leszek Kowalsky, der dem verblüfften und faszinierten Germanisten die Hoffmannsche Biographie gestaltend nacherzählt, auch ein und dieselbe Person sein.

Somit sind Elemente für einen phantastischen Roman gegeben; wenn Kapitel mit Hoffmann-Kowalskys "aber davon reden wir morgen" enden, so wird damit jenes märchenhafte Spannungsmoment betont, das in Kreislers Überlegungen oder in ganz realistischen Vorgängen um Hoffmann-Kowalsky im selben Atemzuge zurückgenommen werden kann. In diesem mit souveränem Formbewusstsein gestalteten Hin und Her zwischen Biographie, Realität und Phantastik bleibt der Weg in Richtung Realität stets offen, ohne dass die Mondscheinbrücken in Richtung "Befreiung der Phantasie" deswegen unterbrochen würden.

Die Erzählenden überlagern sich ständig - dazu kommt als weitere Drehung des Rollenkarussells die Tatsache, dass Kreisler seine Aufzeichnungen für einen Psychiater anfertigt; Gestalten aus Hoffmanns Leben und Werken verflechten sich mit heutigen Wirklichkeiten, mit geschichtlichen Gegebenheiten von einst und jetzt, mit Besessenheiten und Möglichkeiten der agierenden Personen, wobei diese "Hoffmanneske" Geschichte nicht nur Denkanstösse zur Biographie vermittelt, sondern dank dem Phantasiereichtum seiner Stilmittel und seinem Witz zum wahren Lesevergnügen wird. Wenn - beispielsweise - Hoffmanns Frau Mischa ein Kranz geflochten wird, so gehört die grosse Rolle dennoch der späten Liebe, der jungen Julia Marc, in deren moderne Verkörperung -eine Stadtindianerin recht heutiger Prägung -selbstverständlich sowohl Kowalsky als auch Kreisler verliebt sind.

In den biographischen Kapiteln wird meist in der Ich-Form berichtet. Wird etwas, wie etwa Hoffmanns Versetzung nach der Posener Karikaturenaffäre, nur in Kreislers Aufzeichnungen in der indirekten Rede erzählt, so soll subtil innere Distanznahme signalisiert werden. Der Hoffmannsche Ton wird in der Vita durchwegs gewahrt, sein Wortgebrauch betont angewandt, um die Aufmerksamkeit auf diese zwischen einst und jetzt stiebenden Funken zu lenken, Schein und Sein glaubwürdigst durcheinanderzuwirbeln. In diesem Verwirrspiel, in dessen Verlauf Passagen aus E. T. A. Hoffmanns Briefen und Tagebüchern in den verschiedensten Tonarten "erklärt", "richtiggestellt" oder neuinterpretiert werden, erliegt nicht nur Kreisler, sondern auch der Leser dem schillernden Zauber der "grossen Entfesselungskünstlerin" Phantasie.

            EH (Eva Haldimann), Neue Zürcher Zeitung, 27.04.1984, S. 39-40


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PEPI IMMANUEL NAGEL
Peter Henisch und sein "Idiot"

Vor Zeiten lebte in deutschen Landen ein Schwarmgeist, der hieß gustaf nagel. Viel weiß ich nicht mehr von ihm, nur, daß er sich und alles andere kleinschrieb, rohe Rüben oder Brennnesseln aß, in einem Bßergewand mit Jesuslatschen umherging und auf grünen Auen, auch Schrottplätzen, Predigten hielt, welche die freie Liebe und vegetarische Kost als Fanale eines besseren Lebens anpriesen. Also ungefähr so was wie ein Alternativer. Im Buch der Bücher und für Peter Henisch aus Wien: ein Prophet.

Lieber noch zu erinnern an Gerhart Hauptmanns schönste epische Nummer (1910), den schlesischen Narren in Christo Immanuel Quint, der, trotz der Generationsdifferenzen, mit dem Pepi Prohaska des 1943 geborenen Henisch konfrontiert werden könnte - ohne daß dieser Vergleich den Älteren schmälert und dem Jüngeren schadet, weil beide, im Widerspruch zu sich selbst, mit aller Welt im Widerspruch existieren.

Was Peter Henisch und sein Erzählparodist (Engelbert heißt er im Text) aus Pepis Biographie zu Protokoll gegeben haben, fügt sich in Sprache und Handlung zu einer schier universalen Paradoxie. Ist deshalb besterdings nicht nachzuerzählen. Ein wabernd wolkiges Gemisch aus Galle und Herz, Humor und Satire, Ironie und Gutmütigkeit, über dem sich, bald in unbegreiflicher Nähe, bald in ergreifender Unnahbarkeit, wie ein tanzender Kreisel die pikareske Gestalt des närrischen Titelhelden, des reinen "Idioten" erhebt.

Sein Freund, Chronist und Gespiele, jener Engelbert also, steht ihm von allen Personen dieser Geschichte am fernsten. Er ist sein Antipode und Antagonist, ein braver Gesell und artiger Schreiber, als Autor mäßig erfolgreich, ein Schriftsteller unter andern, der sich's in seiner eingefleischten "Ambivalenz" zur Aufgabe macht, diesem selbsternannten Propheten biographisch auf die Schliche zu kommen. Er führt dieses Vorhaben bis zum Geht-nicht-mehr durch, das Geht-nicht-mehr wörtlich genommen, weil sein Held am Schluß der Erzählung buchstäblich im Nichts untertaucht.

Dabei wird die Figur des fiktiven Chronisten zu einer Romanperson von starkem Volumen, rührend und überaus komisch vermöge der ihr zugeschriebenen Ignoranz dem Stoff gegenüber. Engelberts Ignoranz ist bescheiden genug, dem unverstandenen Partner in diesem Spiel verbal so viel Platz einzuräumen, daß dieser sich in allen vitalen Metamorphosen dichterisch manifestiert. Geboren vor Ende des Krieges, über die Großmutter "üdisch versippt", Sohn eines Möchtegern-Künstlers und einer beherrschenden Mutter, entpuppt sich Pepi im Laufe seiner amourösen und ideellen Entwicklung als ein Genie der Nichtanpassungskunst. Er lebt vom Verweigern. Dabei gelingen ihm, respektive dem Autor, in den Briefauszügen aus seiner Pubertätszeit zumal, Prosapassagen von launigster Prätention. Über den Herrn Jesus zum Beispiel: "Klar, es ist kein Spaß, sich verspotten, dornenkrönen, geißeln & zu allem Überfluß noch kreuzigen zu lassen. Aber wenn er ein Menschenleben auf sich genommen hat - was wäre denn das für ein Menschenleben gewesen ohne Zweifel & Verzweiflung? & das steht ja auch in der Bibel, daß er am Ölberg gezweifelt & am Kreuz verzweifelt nach seinem Vater gerufen hat, warum hast du mich verlassen. Also wenn Jesus groß war, dann nicht als Gott (d. i. angesichts der Weltgeschichte, mit der dieser Gott ja auch was zu tun hat, überhaupt eine zwielichtige Rolle), sondern gerade als Mensch wie du & ich. - Das würde mich übrigens interessieren: die Psychologie von Jesus. Wie er nach & nach draufgekommen ist oder sich eingebildet hat, der Messias zu sein (falls das wirklich der Fall war). & wie ihm gedämmert ist, daß dieser Messias ganz anders ausschaut, als sich der kleine Maxi das vorstellt. Wie gesagt: falls - denn wahrscheinlich, ja sehr wahrscheinlich, hat er das doch gar nicht von sich selbst geglaubt."

Und so fort... Nein. Falsch. Es ist eben doch verkehrt, Kostproben zu servieren, um den Gang einer geistigen Mahlzeit, deren komplettes Büffet anzudeuten. Summarisch handelt es sich in "Pepi Prohaska Prophet" um den als Schelmenroman getarnten Bekenntnis- und Entwicklungsroman eines reifen Stilisten, der seinen Stil noch nicht fand, weil er alle Überbauten verweigert. Satz für Satz renitent, von kontroverser Moral. Deshalb durch und durch komisch, zum Heulen närrisch, möchte ich schreiben, ein wild-bewegendes Buch.
            K.H. Kramberg, Süddeutsche Zeitung, 5.11.1986


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DER VERSÄUMTE WIDERSPRUCH
Peter Henisch diagnostiziert "Steins Paranoia"

"Anfänge - : Es geht darum, einen Anfang zu finden. Ja, Anfänge - : Es geht darum, den Anfängen zu wehren."


Schon im ersten Absatz seines neuen Buchs signalisiert der Wiener Autor Peter Henisch sehr präzise die Polarität, aus der sich sein bisher wohl dichtester Text entwickelt. Reflexion auf den Schreibprozeß und Sich-Heranschreiben an die sogenannte außersprachliche Wirklichkeit, die sicher beim Schreiben stört, aber eben deswegen den Schreibprozeß in Gang setzt.
Ein einziger Satz bringt die Geschichte in Schwung. Sicher, die Geschichte, denn Henisch würde sich untreu, erzählte er nicht eine Geschichte; hier allerdings tut er es erst, wenn ihre Bedingungen, in aller angemessenen Kürze, geklärt sind. Sie hebt sogar an, wie eine Novelle, versuchsweise, ironisch, eine Form zitierend, in der sie vielleicht Kleist geschrieben hätte. Der Satz aber, der alles auslöst, das Steinchen, das alles ins Rollen bringt, auch Max Steins Paranoia, dieser Satz ist ein mutmaßlich antisemitischer, der im Text gar nicht explizit wiedergegeben wird, dadurch um so glaubhafter in seiner traumatisierenden Funktion.

Er fällt in der Urszene, in der Stein mit seiner zehnjährigen Tochter Marion eine Trafik, einen Zeitungskiosk, am Wiener Schottenring betritt. Niemand widerspricht diesem Satz, niemand setzt ihm einen Gegensatz entgegen, auch und - da in diesem Stein die allgemeine Erscheinung der Unentschlossenheit, der Mundfaulheit, der mangelnden Zivilcourage besonders wird: - besonders Stein nicht. Zwei, drei Wochen später entdeckt er in einer von Millionen seiner Landsleute gelesenen Boulevardzeitung einen Satz, der dem in der Trafik gefallenen, unwidersprochenen, "zum Verwechseln, d. h. zum Erschrecken" ähnelt. "Und es blieb nicht bei diesem einen gedruckten Satz, in der nächsten Woche waren es zwei, in der übernächsten vier."

Wie das Allgemeine aufs Besondere, das Öffentliche aufs Private zurückwirkt, demonstriert Henisch an Hand der Exempelfigur Stein, der ihr Versagen zur Paranoia gerät. Fixiert auf die Idee seiner "Initialschuld", die alles ausgelöst haben soll, was seit Steins "Versäumnis, Verträumnis" als höchst bedenkliche gesellschaftliche Entwicklung seinen Lauf nimmt, entgleitet ihm die Wirklichkeit seiner Ehe ebenso wie die seines Jobs als Übersetzer, immer autistischer zieht er sich in die "Emigration" einer winzigen Zimmer-Küche-Wohnung zurück. Vielleicht allerdings, meint Steins toter Großvater, der, "was der Vermieter nicht ahnte, nicht ahnen durfte", als U-Boot bei seinem Enkel wohnt, kommt "es nur darauf an, sich die leidende Form nicht gefallen zu lassen". Steins diesbezügliche Versuche bleiben zwar angesichts der immer gespenstischer werdenden Wirklichkeit im Ansatz stecken, aber es sind immerhin Versuche.

Der kritische Witz des Romans (der wohl richtiger als Erzählung bezeichnet wäre), liegt darin, daß die schlimme Entwicklung in Waldheims Österreich als "Steins Paranoia" diagnostiziert wird. Doch entzündet sich sein Funke keineswegs nur an kurz angebundener Aktualität, aus der die wenigen Schwachstellen des Buchs resultieren. Im Text ist von Joseph Roth die Rede, tatsächlich vermittelt etwa die Zentralfriedhofsszene, in welcher der seinen jüdischen Ahnen sich immer verwandter fühlende Max Stein ein Steinchen aufs Grab eines Namensvetters legt, eine Ahnung von der Verwandtschaft zu diesem Ahnen. Wie Stein aber - fast schon ein Gespenst seiner selbst - am Schluß an den Ort der ungetanen Tat, des unwidersprochenen Satzes, nämlich den nächtlichen Platz vor dem ominösen Zeitungskiosk zurückkehrt, um dort auszuharren als "seine eigene Mahnwache", das erinnert in seiner sowohl der conditio humana als auch der conditio politica entsprechenden Tragikomik an seinen armen Vorfahren Akaki Akakijewitsch aus Gogols Meisternovelle "Der Mantel".

                   Eva Maria Bogner, Süddeutsche Zeitung München,
            16./17.7.1988, Beil. XVI



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DER BÖSE SATZ IN DER TRAFIK
Der alltägliche Antisemitismus hierzulande. Daß er einer Äußerung nicht widersprochen hat, treibt den Helden von Peter Henischs Roman "Steins Paranoia" (Residenz, 112 Seiten. S 178,-) in die Krise.

Wie hat denn nun wirklich alles angefangen?
Der bürgerliche wohlsituierte Max Stein, ein in Kanada geborener Österreicher jüdischer Abstammung, war mit seiner Tochter in die Trafik gegangen, um dem Kind die neue Mickey Mouse zu kaufen. Er war also einem gern und regelmäßig geübten Ritual gefolgt. Da passiert das im eigentlichen Wortsinn Unerhörte: Es fällt ein Satz, wohl ein diskriminierender, einer von der Sorte, dem man in Österreich allenthalben wieder begegnet.

Peter Henisch spannt ein tückisches Netz der Verwirrung, in das sich der schuldig gewordene Stein verstrickt: Dieser hat das unverzeihliche Verbrechen der Notwehrunterschreitung begangen; besagter Satz ist unwidersprochen geblieben.
Der Satz fand keinen Gegen-Satz.

Was sich zunächst im Lichte der Aktualität wie eine Abrechnung mit der hiesigen Lebenswelt liest, ist kein literarisches Kleingeld; Henisch läßt vielmehr die Österreicher entgelten, daß hierzulande die Moral wohlfeil geworden ist.
Die Literatur schreibt an gegen das Verstummen; zum Widerspruch gereizt, formuliert sie ihr Unbehagen und schafft damit Betroffenheit.

Max Stein kapselt sich ab, entsagt der Welt, gerät in autistische Isolation. Indem er sich auf die Suche nach seinen jüdischen Wurzeln macht, durchläuft er Krisen der Identität. Nach und nach wächst sich der Roman zur packenden Fallstudie aus: Henisch verfremdet die uns nur zu geläufige Wirklichkeit; der nie ausgeschriebene "Satz", um den sich Steins torkelnde Welt von jetzt an dreht, löst im Gestein der Verschüttung tektonische Beben aus, welche den Protagonisten bedrohlich durchzittern. Des Autors engagierter Text markiert den "Rand des Lochs im Wissen" Steins; so hat der Strukturalist Jacques Lacan einmal genannt, was die Psychoanalyse mit "Satz eines Fantasmas" bezeichnet. Jedoch rührt Steins endogene Psychose von der Unterlassung her, nicht aber von einer unbewältigten Tat. Es reicht vollauf, Jude zu sein, um ...

Zu Ende läßt das schlanke, aber gewichtige Buch viele Möglichkeiten offen. Dem Leser wird nahegelegt, an der bekannten Wirklichkeit Maß zu nehmen.

            Ronald Pohl, Kurier Wien, 14.4.1988
            Beilage S.10


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DER GESCHICHTE AUF DER SPUR ...
Peter Henischs Gedichte "Hamlet, Hiob, Heine", erschienen im Residenz-Verlag

Peter Henisch schreibt seit über zwanzig Jahren Gedichte. Sie sind zumeist wenig beachtet in Kleinverlagen erschienen. So ist der Wiener Autor eher durch seine Prosa bekannt geworden, etwa mit dem Roman ûber die Studentenrevolte "Der Mai ist vorbei" oder mit dem autobiographischen Roman "Die kleine Figur meines Vaters", einem sehr wichtigen und frühen Beitrag zu dem Thema, das später eine ganze Welle an Vaterbüchern auslöste.

Peter Henisch benutzt mit Vorliebe Identifikationsmodelle, wenn er Probleme der Selbstfindung oder -entfremdung seiner für die mittlere Generation exemplarischen Protagonisten beschreibt. Das gilt für die Studentenrevolte und ihr Programm von der Phantasie an der Macht, das gilt auch für Henischs Buch über "Hoffmanns Erzählungen", in dem die ästhetischen und politischen Möglichkeiten einer befreiten Phantasie überprüft werden. Das Muster paradigmatischer Figuren wendet er - am Negativbeispiel - sogar in seinem Vaterbuch an, wenn es um die Rolle des Vaters als Starfotograf der Nationalsozialisten geht.

Nicht nur in seiner Prosa ist Henisch unserer Geschichte auf der Spur, sondern auch in seinen Gedichten, die der Residenz-Verlag nun in einem stattlichen Band vorgelegt hat. Wie schon der Titel andeutet, verwendet auch der Lyriker Henisch gerne Identifikationsmodelle. Der Band enthält elf Zyklen, die chronologisch geordnet, aber auch "Rück- & Vorblenden" (so der Titel des zweiten Zyklus) erlaubend, den Zeitläufen vom Zweiten Weltkrieg bis zur Gegenwart mit Tschernobyl und Waldheim auf der Spur sind.

Persönlich-Privates und geschichtlich-gesellschaftliche Entwicklungen werden zusammen bedacht. So ist die Spurensuche immer auch ein Bemühen um Selbstfindung, wenngleich man die Zyklen nach neuen Innerlichkeitstönen bei Henisch vergeblich abhorchen wird. Dem beugen Henischs Identifikationsmodelle vor. Dabei scheinen es dem Autor die großen Hs angetan zu haben. Zu den Höhepunkten des Buches gehört sicher der Hiobzyklus, in dem Henisch die Geschichte nach Überresten der Humanität durchforscht und die Frage nach dem Sinn des Duldens stellt.

Neben Hiob wird Heine zum zentralen Bezugspunkt - ein künstlerischer Anspruch, der ins Auge hätte gehen können. Henisch kann auf seine artistischen Fertigkeiten vertrauen, zumal er nicht den Ehrgeiz hat, Heine das Wasser reichen zu wollen, höchstens die suchende Hand. So steht im abschließenden Zyklus "Heimkehr mit Heine": "Sitzend im Zug was bleibt mir / über als unterwegs sein solang ich / noch nicht am Ziel bin." Ein Pilger also, mit der bescheidenen Bitte um Orientierungshilfe. Hamlet erweist sich da als Fixstern weniger geeignet.

Henischs Deutung folgt ganz dem traditionellen, im 19. Jahrhundert geprägten deutschen Hamletbild, Henisch aktualisiert es aber im Hinblick auf Erfahrungen seiner Generation: So wird Hamlet zur Negativfigur des zaudernden Intellektuellen: der Prototyp einer Generation, die '68 wieder einmal eine Revolution verträumt hat. Der Hamletzyklus, so ergiebig der zugrunde liegende Gedanke hätte sein können, gerät Henisch zuweilen allzu traktathaft mit seinen politischen Aphorismen.
Vielleicht läßt die Übernahme dieses Zyklus aus dem Band "Hamlet bleibt" von 1971, ohne den damaligen Kontext und jetzt in gekürzter Fassung, diese Abschnitte etwas disparat erscheinen. Als Dokument für die Entwicklung des Autors hat auch dieser Zyklus Gewicht. Der Verlag hätte, wenn schon keine Nachweise der Erstdrucke, dann wenigstens einige Angaben zur Datierung der einzelnen Zyklen machen können, damit der Leser diese Entwicklung leichter überblicken kann.

Wo die Pilgerschaft begonnen hat, das ist mit Henischs Dreigestirn aus Hamlet-Hiob-Heine recht genau lokalisiert, wohin die Reise aber geht, das bleibt auch für Henisch ungewiß. Zwar "scheint die Sonne" und "grünt das Gras", aber zugleich "schreien die Bäume" und "Nicht nur die Luft / auch die Lust / ist verleidet".
Davon fliegen wie einst Robert, das bedeutet für Henisch keine fantastische Befreiung mehr, sondern heißt hintersinnig: "in die Luft fliegen".
Henisch bemüht sich, in einfachen und präzisen Worten, die Tauglichkeit der Sprache zu erproben, ihr Metaphern und Bilder abzulocken, die unsere kaputte Welt nicht verschleiern, ihr im besten Falle sogar Schönheit entgegensetzen. Denn: "Dort wo ich wohnen möchte / Wohne ich nicht", oder mit anderen Worten: Das Glück ist immer woanders.
Auch wenn das Davonfliegen nicht mal mehr in der Posie möglich scheint, so stehen am Ende immerhin und trotzdem die letzten Worte in einem Gedicht: "Wir hoffen aufs Überlieben / genau wie wir glauben / an die Auferstehung / des Laubes."

             Franz Loquai, Mittelbayerische Zeitung, 26.September 1989.


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UNSERE LEICHEN LEBEN NOCH
Peter Henisch findet "Morrisons Versteck"

Der Sterbetag des Rockstars Jim Morrison jährt sich in diesem Jahr zum 20. Mal. Und weil man sich auf unsere Nachrufkultur verlassen kann, beginnt das alte Spiel schon fünf Minuten vor der Zeit (dem 3. Juli) aufs neue.
An die Maschinen, Kollegen!
"Damals ..."

Damals, als Jim Morrison, der spätere Sänger der Gruppe DOORS geboren wurde, kam auch der Wiener Schriftsteller Peter Henisch zur Welt.
In seinem neuen Buch, das - ah! - von Jim Morrison handelt, holt er den Heros aus der Pop-Zeit (Jahrgang 1943) ganz nahe zu sich heran.
Henisch zitiert einen Titel der Gruppe WHO: "My Generation". Voilà, have a look: die Generation der Henischs und der Morrisons! In deren Leben gab es eine Standard-Szene: "Father!" - "Yes, son?" - "Ich will nicht so werden, wie du geworden bist." Man wollte bei der "Reproduktion der ewiggleichen Scheiße nicht mitmachen", schreibt Henisch, roaring wie die Sixties damals.
Damals, als Morrison ("I am the lizard king. I can do anything ...") anläßlich eines DOORS-Konzertes in Florida coram publico die Hosen runterließ.
"Die letzte Unschuld abgestreift, die letzte Scheu." So Peter Henisch in seinem Buch "Morrisons Versteck", in dem er sich dem "großen Pan" der Pop-Zeit zu nähern versucht, einem Superstar, der viel von der "prinzipiellen Traurigkeit der Welt" verstanden hat, von dieser "Scheinewelt", von dieser "Schweinewelt".

Ein wunderbarer Vergleich: Henisch fällt zu Morrison das Schicksal der Challenger ein. Wie eine Rakete steigt er auf. Man fragt noch: "Was ist das?" - da macht es schon "Shhht!" Schnell war er verglüht.
Im Grunde, schreibt Henisch, habe Morrison den Tybald gespielt. Shakespeare, "Romeo und Julia", 3. Aufzug, 1. Szene: "Ich stehe zu Diensten / er zieht / sie fechten / er fällt." Ein kurzer, aber guter Auftritt.

Man fand Morrison in Paris tot in einer Badewanne (sic!). 27 Jahre war er damals alt und ein Kind seiner Zeit: Sex, Drugs und Rock & Roll. Er war nicht nur ein Sänger und ein Süchtiger, sondern auch ein erotisches Symbol. Sein leptosomer Oberkörper war wohl der prominenteste und begehrteste der ganzen Pop-Zeit. Morrison - das war ein "bisexueller Appell", so Henisch, der das Idol akribisch zu beschreiben versucht, diese "Mondaugen" einer "männlichen Brigit Bardot" und das "Phantom seines Körpers".
Morrison als Schatten einer Ahnung, Gespenst einer Hoffnung, der selber schon früh "das Dunkel der Lichtspieltheater" suchte und Film studierte: eine "europäische Seele" in einem "amerikanischen Körper".

Morrison ("Some are born to sweet delight, some are born to endless night") war ein Mythos des Verbotenen und ein Objekt geheimster Begierden.
Henischs große Tat: Er versucht aus Jim Morrison, einem Objekt der Pop-Industrie, einer Kult- und Klischeefigur, ein Subjekt zu machen, die fremde Person aufzuspüren als einen Teil seiner selbst (Jahrgang 1943!).
Es geht um Leib und Seele nicht nur Morrisons, sondern eines Zeitalters.

"Jim Morrison - hottest dead star in 1991": Der Augsburger Maro Verlag wirbt für die Morrison-Biographie von Dany Sugerman "Keiner kommt hier lebend raus". Der Heyne Verlag zieht mit einem Bildband in die Schlacht, bei Schirmer/Mosel gibt es Morrison-Texte mit deutscher Übersetzung, und "Platoon"-Regisseur Oliver Stone hat für 30 Millionen Dollar einen Kinofilm vorbereitet. Henisch läßt sich auf dieses Revival-Theater nur ironisch ein.

Er spielt mit den Halluzinationen einer Photographin namens Petra, Verflossene eines Journalisten namens Paul, die in einer Reihe von Briefen behauptet, daß ihr Morrison an einem Ort, den sie nicht nennt, erschienen sei: als Exhibitionist in einer Hecke eines offenbar verwunschenen, romantischen, auf drei Seiten von einer Mauer umgebenen Gartens. "Die Augen" - diese Mondaugen! - "schauten sie an und waren ganz einfach da."

Paul versucht, den psychedelischen, also ganz in der Tradition des "großen Pan" geträumten Phantasien Petras eine realistische Morrison-Biographie entgegenzustellen, für die er ausführlich recherchiert: vom Pariser Friedhof Père Lachaise, wo Morrison begraben liegt, falls er wirklich tot ist, bis nach Florida und L. A.
Henisch erfindet dem Journalisten einen Freund namens Morgenrot, einen Altlinken, der dieses Projekt skeptisch bis hämisch begleitet.
"Du schreibst eine Biographie? ... Ein alter Hut. Spätestens seit Plutarch." Und: "Warum schreibst du nicht lieber einen Roman über Bob Dylan?" Morgenrot kann Morrison nicht leiden. Dessen "Riders on the storm", zum Beispiel, sei irgend etwas Dubioses "zwischen Spätexistentialismus und Frühesoterik", sagt Morgenrot. "Wie der zum Idol werden konnte, ist mir ein Rätsel."

Henisch beschäftigt sich und uns mit allem, was Morrison je beschäftigt haben könnte, von Rimbaud und Artaud bis Bunuel und Godard. Und wenn er von Morrisons Kindheit und Jugend erzählt (der Vater Soldat, die Mutter ein Putzteufel), kokettiert er mit dem possierlichen Realismus der Rock-Biographien.

Letztlich aber sieht er in Morrison eine Verkörperung des Dionysischen: "Der dionysische Kult hat dem Altertum die höchste Ausbildung einer durch und durch aphroditischen Zivilisation gebracht. Er hat alle Fesseln gelöst, alle Unterschiede aufgehoben . .. Das ist nicht von mir bitte, sondern von Bachofen", schreibt Henisch. Unterm Pflaster, auf dem Morrison am Ende in die Pariser Kneipen torkelt, liegt der Strand (vom Mai '68).

Und in der Hecke sitzt "M.", Morrisons Wiedergänger, der anfangs behauptet: "Ich bin nicht Morrison" (was man ihm immer weniger glaubt). Da hat sich jemand in der Erinnerung seiner Generation versteckt, einer, den wir nicht vergessen können, dürfen, sollten. Morrison oder Die Versinnlichung des Daseins.

Jammerschade, daß wir Morrisons Versteck nicht kennen. Petra gibt es nicht preis. Nur sie kennt es, und am Ende auch Paul. Nach Abschluß seiner Arbeiten fährt er über Land. Er mietet sich ein Zimmer, um zu übernachten, und schläft. "Lang. Am Morgen riß ich das Fenster auf. Da sah ich die Mauer. Und dahinter den Garten." Und vielleicht "M.", Mr. Hyde, Morrison in seinem Versteck.

                  Helmut Schödel, Die Presse, 13./14.4.1991.



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VIRTUOSES VERWIRRSPIEL
Peter Henischs neuer Roman "Morrisons Versteck"

Jim Morrison war der Dichter und Sänger der Rockgruppe THE DOORS, die in den sechziger Jahren in den Vereinigten Staaten ihre grossen Auftritte hatte. Vor zwanzig Jahren, am 3. Juli 1971, wurde er tot in der Badewanne seiner Wohnung in Paris aufgefunden. Er war nur 27 Jahre alt geworden; Grund genug zur Bildung eines Mythos um die selbstzerstörerische Gestalt, die anscheinend eine grosse Faszination ausstrahlte und über die soeben ein Film herausgekommen ist. Im Verlauf seiner kurzen Karriere stand Jim Morrison für alles, was das amerikanische Establishment verabscheute; er verkörperte eine verlorene Generation, deren existentielle Verzweiflung er in seinen Songs in den Saal schleuderte, seine Auftritte provozierten allenthalben Skandale.

Der Wiener Schriftsteller Peter Henisch hat es seit je geliebt, real existierende Gestalten mit spielerischer Phantasie zu umgaukeln. In seinem geistreichen Roman um E. T. A. Hoffmann erläuterte er vor einigen Jahren, was es für ihn heisse, eine Biographie zu schreiben. Es bedeute nicht nur, am Schreibtisch zu sitzen, sondern viel eher, seinem Helden "nachzugehen, nachzufahren, nachzudenken, nachzufühlen, nachzuträumen". Und so hält er es auch in seinem neuen Roman, in dem sich seine Phantasie an der Gestalt des "neoromantischen, mit traumtänzerischer Sicherheit allerlei fragwürdiges Schwemmgut aufklaubenden Erotomanen" Jim Morrison entzündet. Peter Henisch war selber zuerst als Liedermacher und Bandleader bekannt geworden; dies könnte sein Interesse an dieser schillernden Figur erklären, an deren Tod viele ihrer Fans nicht glauben wollten. Sein Material ist der Mythos, der sich um Morrison gebildet hat: Unter den Graffiti auf dem Grab im Friedhof Père-Lachaise, wo der durch allerlei Exzesse, Drogen und Alkohol so jung zu Tode Gekommene ruht, ist die Parole JIM IS ALIVE die häufigste.

Dieser einfache Satz dient als Ausgangspunkt zu einer mehr als verwickelten Geschichte, in der um den Toten (oder Untoten) ein irrlichterndes Labyrinth aufgebaut wird, das - wie eine Schlange, die sich in den eigenen Schwanz beisst - schliesslich zum Ausgangspunkt zurückführt. Das Reptilhafte war, nach einem seiner erfolgreichsten Songs, ein Markenzeichen des im Bereich des Dionysischen beheimateten "Lizard King", der sich als späten Erben Rimbauds, als poète maudit, empfand. Henisch umkreist diese Erscheinung in buchstäblich allen Tonarten; auch in mehren Sprachen, wobei neben dem Deutschen das Amerikanische dominiert. Ein Zeichen der Zeit, dass er sich nicht die Frage stellt, ob seine Leser alles verstehen; Fremdsprachen werden ihm zum Stilmittel. Mit der Geschicklichkeit eines Zauberers, der sich stets im richtigen Augenblick zu entziehen weiss, jongliert er nicht nur mit Sprachen, sondern mit Perspektiven, Zeitebenen, Leben und Tod, Schein und Sein.

In das Geflecht der scheindetektivisch angelegten Suche nach Morrisons "Versteck" verpackt er wie nebenbei, auf virtuose und jedenfalls sehr unterhaltende Weise, literarisches, philosophisches, filmisches Kultur- und Subkulturgut sowie das politische Umfeld der Zeit des Vietnamkrieges, der Blumenkinder und der Achtundsechziger, die den Poeten Jim Morrison beeinflusst haben mochten. Dabei werden auch die Kunstgestalten der Fiktion lebendig, durch die diese Biographie in zahlreichen Brechungen reflektiert wird, sie treten in Beziehung zueinander und zu ihrem Objekt, das nie ganz ernst genommen wird. Der Ich-Erzähler Paul, ein Journalist, fliegt nach Los Angeles, fährt nach Paris, er zieht aus, um sich an den Schauplätzen des zwielichtigen Rockidols umzusehen. Er tut dies unter dem Einfluss der Briefe seiner einstigen Freundin, die Morrison "in einem Park" entdeckt und die Wahrheit von ihm selbst (oder von seinem Wiedergänger) erfahren haben will. Während Paul seinerseits seine "Erkenntnisse" an seinen Freund Morgenrot weitergibt, den Skeptiker, dessen Reaktionen jene des Leser vorwegnehmen und in die Realität zurückführen.

Auf diese Weise entsteht ein mit Poesie und Ironie durchwobenes Patchwork aus zahllosen kurzen, brillant eingesetzten Versatzstücken, die sich meist nach dem Prinzip von Punkt und Kontrapunkt spielerisch ergänzen. Zwei Seiten etwa in der Mitte des Romans enthalten eine Aufzählung von Titeln, die genau die Bibliographie ergeben, die der Autor zum Schreiben seines Buches benützt haben mag. Aber hier gehört alles zum Text, der sich wie von selbst weiterschreibt. Zwar sind alle Elemente einer sehr heutigen Wirklichkeit entnommen, doch wird nichts zu Wirklichkeit: Soeben Aufgebautes wird unverzüglich hinterfragt, Mutmassungen werden sofort widerlegt, alles zerfällt zu Staub, wobei es Henisch stets darauf ankommt, das rein Fiktionale seines Romangebäudes in den Vordergrund zu stellen. Viel Lärm um nichts? Der "Lärm" jedenfalls ergibt eine gescheite und ausserordentlich vergnügliche Lektüre.

            EH. (Eva Haldimann), Neue Zürcher Zeitung, 23. Mai 1991, S. 51
            Beilage S.10

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LUXUSKLASSE, ZWISCHENDECK
Peter Henisch imaginiert eine literarische Wunschbegegnung

Am 5. September des Jahres 1908 begibt sich der gleichermaßen erfolgreiche wie umstrittene deutsche Schriftsteller Karl May gemeinsam mit seiner zweiten Frau Klara in Bremen an Bord des "Großen Kurfürst", um seine erste und letzte Reise in jenes Land anzutreten, dem er seinen Ruhm verdankte, weil er es zur Folie seiner unstillbaren Sehnsucht nach Unbesiegbarkeit gemacht hatte: Amerika.
An Bord kommt es zu einer Begegnung mit einem jungen, schüchternen Mann.
Natürlich tritt May zuerst inkognito auf. Der junge Mann mit den großen Augen rezitiert nichtsahnend ein Stück Prosa, zu dem er durch die Lektüre von Karl May inspiriert worden sein will: Wunsch, Indianer zu werden. Der junge Mann, dem sich der Großschriftsteller nun zu erkennen gibt, ist also Franz Kafka.
Man kommt sich näher - trozt der Distanz: Die Mays reisen Luxusklasse, Kafka im Zwischendeck. Gemeinsam beginnen sie an einem Roman zu schreiben, der, wie könnte es anders sein, den Titel Amerika tragen soll.

Nein, Kafka war nicht an Bord des "Großen Kurfürst", und die ersten Sätze von Amerika stammen nicht von Karl May. Kafka war zur fraglichen Zeit auf seiner ersten Dienstreise, diese Begegnung findet in Henischs Phantasie statt. Aber der Gedanke mit Kafka und Karl May nicht nur zwei pointierte Charaktere der Literatur, sondern auch zwei literarische Welten aufeinanderprallen zu lassen, ist reizvoll.

Mit eloquenter Lust spielt Henisch mit den literarischen Möglichkeiten, die sich als Konsequenz dieses fiktiven Treffens auftun.
Zwischen dem melancholischen und ungelenken Herrn Franz und der fülligen Klara May knistert es spürbar, und als diese, spiritistisch begabt, sich in einer Seance mit einem von Mays Phantasieindianern in Verbindung setzen will, erscheint statt dessen - Kafkas Vater.
Diese Begegnung erschüttert den jungen Dichter so, daß er sich über die Reling ins Meer stürzen und zurück nach Prag schwimmen will. Alle Versuche von May, ihn vom Selbstmord abzuhalten, sind vergebens.
Und dann folgt die schönste Szene des Romans, die Rehabilitierung Karl Mays, auf die wir so lange warten mußten:
"Und wieder tut er zwei seinem Alter nicht mehr ganz gemäße Sprünge. Und landet, so schnell kann der Franz gar nicht schauen, wie ein Schutz- oder Racheengel neben ihm. Und halb noch im Sprung oder Flug hat er ihn mit dem linken Arm umfaßt. Und knallt ihm, bevor er sich womöglich doch noch losreißt, die rechte Faust gegen die Schläfe."

Also doch: Old Shatterhand.
Und das eine Mal, als Karl May also wirklich zuschlug, fällte er Franz Kafka und rettete diesem damit das Leben. Solches, wir gestehen es, haben wir uns immer gewünscht - auch und gerade als Metapher für deren Literatur.

Henischs Buch über eine unmögliche Begegnung ist in der Tat ein Wunschbuch. Und doch so authentisch, wie die Romane Karl Mays oder die Texte Kafkas. Denn irgendwie ist alles wahr. Henisch kennt und zitiert seine beiden Protagonisten genau, und es ist erstaunlich, wie gut zum Beispiel Sätze aus Winnetou IV oder aus Mays Autobiographie zu Passagen aus Kafkas Briefen passen. So ergibt sich ein gleichermaßen lockeres wie raffiniertes Geflecht von Szenen und Zitaten, Pointen und Imaginationen, das zum Vergnüglichsten gehört, was in letzter Zeit zu lesen war.

            Konrad Paul Liessmann, Der Standard Wien,
            Beilage vom 25.3.1994, S. 6



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DIE LITERARISCHEN SÉANCEN DES PETER HENISCH UND SEIN NEUES BUCH "VOM WUNSCH; INDIANER ZU WERDEN"
Lebenszeichen. Schwer zu glauben.

Kapitel eins: Fährboot landet. Drei Möwen kreisen über zerbrochenen Kisten, Wellen zerspellen am Bug. Die Handwinden wirbeln herum mit hellem Kettengeklirr, und die Gittertore öffnen sich. Menschenmassen drängen durchs Führerhaus. Sie wollen an Land, in die Stadt: New York - das Ziel unserer Reise. Aber am Ziel sind wir noch lange nicht. Vorerst sind wir in Wien.

Kapitel eins: Fährboot landet. Das Boot ist ein Kahn, der an einem Drahtseil über den Donaukanal gezogen wird, eine "Rollfähre", die letzte in Wien. Sie verbindet den Stadtteil Erdberg mit der Leopoldstadt. Auf der Fähre steht der Wiener Schriftsteller Peter Henisch - "Wir fahren mit der Überfuhr, dort drüben wohnt a Praterhur" - und spricht mit dem Fährmann, einem jungen Kärntner, der sich mit dem Boot für sein letztes Geld einen Traum erfüllt hat und jetzt aussieht wie einer, der aus einem Traum erwacht: unrasiert, zerrissene Jeans - und kein Geld auf dem Konto (denn unweit der Überfuhr gibt es eine Brücke über den Donaukanal).

An Ostern will Henisch auf dem Boot, das dann zwischen Erdberg und Leopoldstadt hin- und herpendeln wird, eine Lesung halten, begleitet von Musikern Woody Schabata und Hans Zinkl, mit denen er gerade eine CD herausgebracht hat: "Wegwärts von Wien". Henischs Lieder klingen wie beste Beisel-Lyrik: "Sur le pont / d'Avignon / sitzt a große / Wanzen karascho." Das Leopoldstädter Ufer war nach dem Krieg russisch besetzt. Trotzdem schreibt Henisch in "Wegwärts von Wien": "Jenseits des Donaukanals ist Amerika ..." Als Junge habe er die Überfuhr immer wie das Vorspiel zu einer Atlantiküberquerung erlebt.

Eine Schiffspassage nach Amerika: Henischs Jugendtraum. In seinem neuen Roman "Vom Wunsch, Indianer zu werden" spinnt er ihn weiter, träumt er ihn zu Ende. Er verlegt die Reise in eine Zeit, als noch keine Jets den Ozeandampfern davonflogen und so eine Überfahrt noch eine kleine Weltreise war.

Am Abend des 5. September verläßt der Ozeandampfer Der Große Kurfürst Bremerhaven. An Bord: Franz Kafka, Karl May und dessen zwanzig Jahre jüngere Frau Klara, genannt "Herzle". Die Mays wohnen auf dem Promenadendeck, Kafka kampiert im Bauch des Schiffes bei den Auswanderern. Elf Tage später, am 10. September frühmorgens, erreicht Der Große Kurfürst New York. Überall an der Reling Gesichter, in den Bullaugen Gesichter. Großes Gedränge an Bord, rasende Neugier. Amerika!

Da hat das seltsame Dichtertreffen bereits stattgefunden, hat der dürre Bleiche aus Prag das große Bleichgesicht aus Radebeul schon getroffen, ist der Gequälte dem Erwählten, dem selbsternannten Liebling der Indianer, längst begegnet; im September des Jahres 1908, als Karl May im Alter von 66 Jahren zu seiner ersten und einzigen Amerikareise aufbrach (und Kafka zu seiner ersten Dienstreise im Auftrag der Arbeiter-Unfall-Versicherung).

Das Ganze ist zunächst ein witziger Kolportagestoff. Ein junger Mann (Kafka), ein älterer Herr (May) und eine für den Herrn zu junge Dame (Herzle) wagen eine Seefahrt. Das wäre eine ideale Konstellation für eine übliche Dreiecksgeschichte und als Drama ein garantierter Erfolg in den Londoner Westend-Theatern, wo man gern prominente Künstler in biographischen Szenen oder bei fiktiven Begegnungen beobachtet. Aus Henischs Traum hätte also schnell ein literarischer Alptraum werden können. Aber zu den Lieblingsfiguren des Autors gehört der Seiltänzer. Und so hat Henisch auch diesen Stoff mit seiltänzerischem Geschick in einen schönen Spuk verwandelt, leicht und ironisch.

Peter Henisch ist ein Sonderfall der österreichischen Literatur. Seine Bücher sind nicht austrobarock, er ist kein Originalgenie, kein Sprachartist, kein Heimatforscher, hat seine Traumata im Griff und trinkt auch nicht jede Bar leer. Er bietet unserem touristischen Blick auf die österreichische Literatur vergleichsweise wenig. Henisch ist zuallererst ein sanfter Ironiker, ein intellektueller Clown. Er recherchiert journalistisch, versteht sich inmitten seiner unheimlichen Heimat als politisches Wesen, hält Roman und Essay für verwandte Gattungen und verliert trotzdem nie seinen leichten Ton. Er ist auch kein Illusionist, weshalb der Untertitel seines neuen Romans heißt: "Wie Franz Kafka Karl May traf und trotzdem nicht in Amerika landete."

Auf dem Schiff herrschte noch immer großes Gedränge. Rasende Neugier: Amerika! Aber das Wetter bei der Ankunft in New York war miserabel. Klara hätte gern Photos gemacht. No way! Nebel herrschte, und es regnete. Auch Kafka war schon an Deck, bereit, an Land zu gehen, als er bestürzt eines schrecklichen Verlustes gewärtig wurde. Es erging ihm wie Karl Roßmann in Kafkas "Amerika"-Roman. Der Regenschirm! Er hatte seinen Regenschirm im Zwischendeck vergessen. "Kommen Sie unter meinen, sagte Frau Klara" - "Dieser Schirm ist mir absolut unersetzlich!" sagte Kafka. "Würden Sie so freundlich sein und einen Augenblick auf meinen Koffer aufpassen?" Sprach's und verschwand im Bauch des Schiffes, das heißt in seinem eigenen "Amerika"-Roman wie in einem Labyrinth.

*

Zweites Kapitel: Neudeggergasse, Wien - Josefstadt, Henisch an der Schreibmaschine. Das Haus sieht aus wie ein verkommenes Denkmal, steinerne Stiegen, verwunschene Balkons, Risse in den Wänden, Kanonenöfen. Hier hat man das Gefühl, nicht Gerhard Roth habe gerade "Die Archive des Schweigens" vollendet, sondern Joseph Roth den "Radetzkymarsch". Schönbrunn im Regen, der Kaiser stirbt, und im Schloßhof wartet Herr von Trotta, der Sohn des Helden von Solferino.

In Henischs Wohnung riecht es nach Räucherstäbchen, ein schwerer Orangenduft raubt einem den Atem. Auch das indische Schaltuch des Dichters ist fast ein Denkmal. Wegwärts von Wien - das hieß vor einem Vierteljahrhundert: nach Indien! In dieser Wohnung und diesem Haus überlagern sich die Vergangenheiten. Hier muß aus dem Schreiben eine Séance werden, und die toten Dichter kommen gern, zum Beispiel May und Kafka. "Beide haben ihr Leben noch aufs literarische Spiel gesetzt", sagt Henisch. Er selber käme sich heute fast vor wie ein Mönch im Mittelalter, der in unseren zunehmend analphabetischen Zeiten Texte und Geschichten hinüberretten müsse in die Renaissance, "falls noch eine kommt". Kein Wunder, daß dem Dichter in der Neudeggergasse auch das Gespenst des legendären Jim Morrison erschien, Sänger der Popgruppe The Doors, 1971 in Paris im Alter von 27 Jahren gestorben. Morrisons Leben war wie ein Spuk, und so verwandelte Henisch in "Morrisons Versteck" den possierlichen Realismus der Popbiographien in eine große Spukgeschichte. Im Grunde, schreibt Henisch, habe Morrison den Tybald gespielt. Shakespeare, "Romeo und Julia", 3. Aufzug, 1. Szene: "Ich stehe zu Diensten / er zieht / sie fechten / er fällt." Ein kurzer, aber guter Auftritt.

Henisch beginnt seinen Morrison-Roman so vermessen wie vor ihm Karl May "Winnetou IV" (geschrieben 1909). Dort erzählt Karl May, wie ihm Herzle, während "ein lieber, lieber Sonnenstrahl" zum Fenster hereinschaut, die Morgenpost bringt, sämtlich Briefe von Indianerhäuptlingen, die ihn zu einer Amerikareise auffordern. Die Schule der Unverfrorenheit: Henisch behauptet, eine Photographin habe einem Mann namens Paul, eine jugendliche Abspaltung des heute 51jährigen Henisch, in Briefen mitgeteilt, daß ihr Morrison an einem Ort, den sie nicht nennen will, erschienen sei: als Exhibitionist in der Hecke eines offenbar verwunschenen, romantischen, auf drei Seiten von einer Mauer umgebenen Gartens. Diese Augen (die auch Karl May an Franz Kafka so bewundert) - diese Mondaugen! - "schauten sie an und waren ganz einfach da".

Jim Morrison ("Some are born to sweet delight, some are born to endless night") war für Henischs Generation ein Mythos des Verbotenen und der geheimen Begierden, "ein bisexueller Appell". Dieses Phantom eines Körpers, dieser Schatten einer Ahnung, dieses Gespenst einer Hoffnung! Morrisson ("I am the lizard king. I can do anything"), das war der "große Plan", der bei einem "Doors"-Konzert in Florida coram publico die Hosen runterließ. "Die letzte Unschuld abgestreift, die letzte Scheu", schreibt Henisch.

Henisch beschäftigt sich und uns in diesem großen Buch mit allem, womit Morrison sich beschäftigt haben könnte: Rimbaud und Artaud, Buñuel und Godard. Es gelingt ihm, aus einem Objekt der Popindustrie, einer Kult- und Klischeefigur, ein Subjekt zu machen, die fremde Person aufzuspüren als einen Teil seiner selbst (Jahrgang 1943). Es geht um Leib und Seele nicht nur Morrisons, sondern eines Zeitalters.

An der Wand in Henischs Schreibstube hängt ein Bild. Es zeigt einen Garten, irgendwo im Süden. Das könnte dieser Garten sein, sagt Henisch, der mit den drei Mauern und den Hecken dahinter. Und vielleicht "M." darin, Mr. Hyde, Morrison in seinem Versteck. Immer wieder überdeckt auch im Buch die psychedensche die psychologische Argumentation.

Aber dann ist man auch gleich wieder auf dem Boden der Tatsachen. Was veranlaßt Kafka, nach Henischs Pfeife zu tanzen? Was attrahiert Henisch an Morrison? Antwort: Sie alle hatten einen Vater. In Henischs und Morrisons Leben gibt es eine Standardszene: "Father!" - "Yes, son!" - "Ich will nicht so werden, wie du geworden bist." Morrisons Vater war Soldat, Henischs Vater war ein leidenschaftlicher Photograph und ein prominenter Kriegsberichterstatter der Nazis. Seine jüdische Herkunft hat Walter Henisch ein Leben lang verleugnet. Kafka hat einen "Brief an den Vater" verfaßt. Henisch hat sein bisher bekanntestes Buch - "Die kleine Figur meines Vaters" - in einer überarbeiteten Fassung vorgelegt, unter anderem ergänzt durch seine Briefe an den Vater.

Henisch senior war ein Meister des Verdrängens und Vergessens. Das ist eines der großen Themen in Henischs Werk, zum Beispiel in der Erzählung "Steins Paranoia". Peter Henisch aber vergißt nichts, ist ein Meister des Erinnerns. Sogar die Toten erweckt er zum Leben.

Früher hatte Henisch eine Popband, "Wiener Fleisch und Blut". Ihr Hit hätte die Cover-Version eines Bee-Gees-Titels sein können: "Don't Forget to Remember". Zum Beispiel: the 5th of September. Am 5. September des Jahres 1908 brachen Kafka, May und Klara, so Henisch, zu einer Amerikareise auf.

*

Kapitel drei: Wir sind jetzt wieder auf dem Ozeandampfer Der Große Kurfürst. Allgemeine Erleichterung an Bord. Man schreibt das Jahr 1908. Karl May gilt noch nicht als "Großmystiker", Ernst Bloch und Arno Schmidt haben ihn noch nicht gepriesen, Syberberg die Vita noch verfilmt, und auch das große Kafka-Deuten hat noch nicht begonnen. Henisch hat freie Hand und erweckt zwei literarische Denkmäler zum Leben. Kafka klammert sich an die Reling, stolpert durch die Kajüten, ein hypochondrischer Tolpatsch, ein melancholisches Greenhorn, "ein neuer Typus von Clown". Karl May - das ist eine Variante des Vaters, ein deutscher Held ohne Realitätssinn und Erinnerungsvermögen, aber mit dem großen Jägerlatinum. "Spätestens, wenn Ihnen dieser Old Shatterhand seinen berühmten Fausthieb verpaßt, wissen Sie, mit wem Sie es zu tun haben", sagt Kafka zu May, der sich in dieser Szene noch immer Herr Burton nennt. Erinnerung an ein Ganovenstück, in dem May mit gefälschten Papieren als Generalkonsul Burton auftrat (und dann im Jahre 1869 in Hohenstein festgenommen wurde).

Henisch erfindet mit dieser Seefahrt nachträglich ein Vorspiel zu zwei Romanen: Karl Mays "Winnetou IV" (auch: "Winnetous Erben") und zu Franz Kafkas "Amerika" (auch: "Der Verschollene"). Und er arbeitet, ironisch natürlich, der literarischen Forschung zu. 1913 erschien ein kurzer Kafka-Text: "Wunsch, Indianer zu werden": "Wenn man doch ein Indianer wäre, gleich bereit, und auf dem rennenden Pferde, schief in der Luft, immer wieder kurz erzitterte über dem zitternden Boden, bis man die Sporen ließ, denn es gab keine Sporen, bis man die Zügel wegwarf, denn es gab keine Zügel und kaum das Land vor sich als glattgemähte Heide sah, schon ohne Pferdehals und Pferdekopf."

"Wie kommen Sie", fragt Karl May, "ausgerechnet zu diesem Indianerwunsch?" Kafka habe am 6. September 1908 gegen 18 Uhr - "rund um das Schiff schwappte der Atlantik" - geantwortet: "Sie werden lachen, ... dieser Text ist von Karl May inspiriert." Klara kann nicht fassen, daß dieser Junge mit den Mondaugen die Texte ihres alten Ganoven kennt: "Haben Sie May gelesen?" - "Klar, sagte der junge Mann, natürlich, als Bub. Ich war sogar auf ganz besondere Weise für diese Lektüre anfällig." Wehe den Sachverständigen! Sie haben bei Henischs Kafka-Fledderei alle Hände voll zu tun. Überall versteckte Zitate, umgeschriebene Passage: aus "Amerika", "Hochzeitsvorbereitungen auf dem Lande", "Beschreibung eines Kampfes" und "Betrachtung". Dazu Szenen aus Karl Mays Biographie und Texte aus "Winnetou IV".

In einem fiktiven Brief an Max Brod schreibt Kafka über ein Gespräch mit May im first-class-Restaurant des Schiffes: "Er wollte unbedingt wissen, was ich gern lese. Nun, ich war wortkarg, außer Flaubert habe ich keinen Namen genannt. So ist es darauf hinausgelaufen, daß er mir erzählt hat, was er gern liest ... Mit Nietzsche scheint er sich viel beschäftigt zu haben. Das mit dem Übermenschen, sagt er, ist ein Mißverständnis, es ginge vielmehr um den Edelmenschen. Der sei edel, hilfreich und gut und nichts weniger als zynisch. Daß Nietzsche zuletzt in Turin ein Pferd geküßt haben soll, hat ihn allerdings bis zu einem gewissen Grad mit ihm versöhnt." Je weiter sie in den Atlantik vorstoßen, desto tiefer geraten sie in die Literatur. Henischs Großer Kurfürst - das ist ein Schiff aus Worten.

Eigentlich hatte Henisch dieses Buch als eine Art Fingerübung geplant, als eine Schule der Geläufigkeit - und dann doch anderthalb Jahre daran gearbeitet. Vielleicht auch deshalb, weil alle großen Themen Henischs aus dem Bauch des Schiffes nach und nach an Deck kommen. Zum Beispiel in den Gesprächen zwischen May und Kafka die Vater-Sohn-Beziehung. "May!" - "Yes, Kafka!" - "Ich will nie so schreiben, wie Du geschrieben hast."

*

Kapitel vier: Die Seefahrt ist zu Ende, Henisch geht durch Wien. Auf einem kleinen Hügel am Rand des Arbeiterviertels Favoriten, auf dem Laaerberg, liegt zwischen Gartenlauben und direkt unter der Einflugschneise des Flughafens Schwechat der Böhmische Prater. Es ist eine Peripherie-Version des berühmteren Prater in der Innenstadt. Die Attraktion ist hier nicht das Riesenrad, sondern ein uraltes Kinderringelspiel. Es gibt Schießbuden, Puppentheater, Gasthausgärten. Früher wurde hier am Sonntag getanzt, sagt Henisch, der als Junge mit seinen Großeltern herkam. Die Favoritener tanzten mit den "Tschuschen", also den Einwanderern aus dem Osten, Polka, was auf deutsch eigentlich Polin heißt, und dichteten die alten Gassenhauer um: "Drunt in Afrika / wachst der Paprika / drei Meter hoch." Das waren die Hits im Böhmischen Prater. "Eine multikulturelle Gesellschaft", sagt Henisch.

Hier, auf dem Laaerberg (dem "Mount Laa") und in Favoriten wohnte ein Mann namens Baron, von Beruf Tischler. Nach einem Arbeitsunfall entschloß er sich, als Clochard, auf wienerisch: Sandler, zu leben. Man nannte ihn seither den "Baronkarl". 1971 schrieb Henisch die Lebensgeschichte des Karl Baron und sammelte alle Anekdoten, die sich um seine Existenz rankten, in einem Buch. Diese Geschichtensammlung "Vom Baronkarl" hat er jetzt neu überarbeitet (und durch Portraits anderer Vorstadtoriginale ergänzt).

Der Baronkarl hat in Abfall- und Sandkisten übernachtet, soll aber immer 1 A gekleidet gewesen sein: Anzug, Hut, eine verwelkte Blume im Knopfloch. Und eine Geige hat er gehabt. Früh hat er sich am Hydranten gewaschen, seine Kleider saubergemacht und in den Gasthäusern die ersten Bierreste ausgetrunken.

Als ein feiner Herr den Sandler aus seiner Kiste steigen sah und die Nase rümpfte, soll der Baronkarl gesagt haben: "Sehn S', ... ich beutel meinen Dreck ja jeden Tag in der Früh ab. Mein Dreck ist außen um mich herum, mit dem kenn ich mich aus. Und mein Verhältnis zu Flöhen und Wanzen ist klar. Die leben von mir, aber ich nicht von ihnen. Sie aber, lieber Herr, in ihrer sauberen Wäsch': Wissen Sie auch, in welchem Dreck Sie leben? Können S' ihn auch abbeuteln jeden Tag in der Früh? Und sind Sie so sicher wie ich, keine Wanze zu sein?"

Der Baronkarl war ein Wiener Vorstadt-Diogenes. Man hat ihn verehrt in Favoriten (aber wohin er in der Nazizeit verschwunden war, wie er überlebt hat, weiß man nicht). 1948 wurde er von einem LKW der Besatzungsmacht überfahren. Zehntausend sollen bei seiner Beerdigung gewesen sein, ein lustiges Begräbnis. Die Favoritener sollen auf dem Friedhof gesungen und getanzt haben, schreibt Henisch.

Der Baronkarl - das ist die Legende vom guten Sandler, vom akzeptierten Außenseiter, Henischs Antwort auf Helmut Qualtingers Monolog vom "Herrn Karl", dem ewigen Spießer. Auch der Baronkarl hatte im Grunde diesen Wunsch, Indianer zu werden, diesen Traum von einer freien Existenz. Er hatte auf seine Weise alle Fesseln gelöst, wie auf andere Weise Morrison oder Karl May.

Postskriptum. Die Arbeit an diesem Text schien schon fast beendet, da fand sich ein merkwürdiger Brief in der Post. Er war höchstwahrscheinlich im Fernen Westen Amerikas aufgegeben worden, aber wo, das war an dem ungeöffneten Umschlag nicht zu ersehen, denn beide Seiten zeigten so viele Stempel und mit der Hand geschriebene Ortsnamen, daß alles unleserlich geworden war. Ich öffnete den Umschlag und zog ein Stück Papier heraus, das sichtlich mit einem großen Messer, wahrscheinlich einem bowieknife, beschnitten und dann zusammengefaltet worden war. Es enthielt folgende Zeilen, in der Sprache der Sioux: "Mein lieber, weißer Bruder! Ich habe gehört, daß Du wieder fleißig schreibst, diesmal über das Bleichgesicht Peter Henisch. Ich habe ihn 1908 auf dem Ozeandampfer Der Große Kurfürst bei einer Überfahrt nach Amerika kennengelernt. Wie geht es Kafka? Würde gerne mit Euch allen den Mount Laa besteigen. Karl May."

            Helmut Schödel, Die Zeit, 18.3.94



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REITER UND ROSSMANN
Peter Henisch: "Vom Wunsch, Indianer zu werden"

So müsste man schreiben können, so seinen Wünschen Ausdruck verleihen. Zum Beispiel dem wilden Wunsch, ein Indianer zu werden: "Wenn man doch ein Indianer wäre", träumt - ausgerechnet - Franz Kafka, "gleich bereit, und auf dem rennenden Pferde, schief in der Luft, immer wieder kurz erzitterte über dem zitternden Boden, bis man die Sporen liess, denn es gab keine Sporen, bis man die Zügel wegwarf, denn es gab keine Zügel, und kaum das Land vor sich als glattgemähte Heide sah, schon ohne Pferdehals und Pferdekopf." Ja, so müsste man dichten können, wünscht sich - ausgerechnet - Karl May, so poetisch, "dass bei einem Ritt alles Akkzidentielle überflüssig wird, Steigbügel, Sattel, Zaumzeug, letzten Endes sogar das Ross, und nur die Substanz übrigbleibt, sozusagen der Ritt an sich". So, das muss Karl May zugeben, hat er es ein Leben lang versucht und nie zustande gebracht.

Aber wo hat Karl May Kafkas kurzen Prosatext gelesen? Als er erschien, 1913, war der Lügenbaron des Wilden Westens bereits ein Jahr tot. Es gibt also nur eine Möglichkeit, wie der berühmte Freund der Apachen von dem Indianerwunsch des Prager Milchgesichts erfuhr: Sie haben sich getroffen. Das Datum wenigstens steht fest. Es war der 6. September 1913 an Bord des "Grossen Kurfürsten", Richtung Amerika; "rund um das Schiff schwappte der Atlantik". An den genaueren Umständen des ersten Rendez-vous meldet der Konjunktiv allerdings leise Zweifel an: "Er würde sehr schmal an der Reling stehen und kotzen." Kafkas Haltung dabei wäre die Charlie Chaplins am Anfang des Stummfilms "The Immigrant". Aber der wird erst neun Jahre später gedreht werden. "Ist dem nur schlecht", fragte da besorgt eine Dame, "oder will der sich, Gott behüte, ins Meer stürzen?" Und: "Tu doch was, Karl!" So könnten sie Bekanntschaft gemacht haben. Karl May, 66, ein "Herr auf der Hochebene des Lebens", seine um etwa zwanzig Jahre jüngere Gemahlin, genannt "Herzle", und der Prager Versicherungsangestellte Franz Kafka, 25, auf Abwegen von seiner ersten Dienstreise nach Spitzberg im Böhmerwald. Arrangiert hat dieses denkwürdige Dichtertreffen auf hoher See der österreichische Schriftsteller Peter Henisch, 51. Der Untertitel des Romans heisst: "Wie Franz Kafka Karl May traf und trotzdem nicht in Amerika landete".

Wie kommen die beiden Wunschindianer auf den "Grossen Kurfürsten"? Gerufen von sämtlichen Indianerhäuptlingen Amerikas, gesandt von der Prager Arbeiter-Unfallversicherung? Flieht der eine vor den Nachstellungen der Justiz und der andere vor den Zumutungen seines "Bureaugefängnisses"? Hat der Radebeuler Ali Baba einen der vierzig Räuber, die er in sich vorfand, nach Amerika verschickt und Herr K. sein Alter ego Karl, ja Karl! Rossmann in die Neue Welt? Auch sonst haben die beiden ja einiges gemeinsam: einen Vornamen und einen Wunsch, eine hartnäckige Beziehung zur Gerichtsbarkeit und die unschätzbare Fähigkeit, sich fortzudichten aus dem grauen Prag und der tristen Wirklichkeit. So haben sie sich denn auch einmal im grossen Kurfürstentum der Phantasie getroffen, einfach weil Henisch es so wünschte. Sie hätten, meint Henisch, gut zusammen ein Buch schreiben können: einen Amerika-Roman.

Man stelle sich vor: Kafkasche Kunst und Maysche Kolportage! Reiter und Rossmann! Der eine ausgerüstet mit der legendären Schmetterfaust, der andere mit der berühmten Axt für das gefrorene Meer in uns. Der eine ein Knastbruder, der sich "empor ins Reich des Edelmenschen" sehnt, der andere ein Kerkermeister seiner selbst, der sich tief in die tiefsten Keller verwünscht. Ein doppeltes Logbuch hätten sie geführt, wie Kolumbus, als er seine Mannschaft beruhigen wollte, weil kein Land mehr in Sicht kam. Einen Reiseroman geschrieben, von einem, der aus Ländern wiederkehrte, in denen er nie war, und einem, der nie ankam, wo er hinwollte. "Winnetou, der Verschollene". Das wäre ein Buch geworden! Sozusagen der Amerika-Roman an sich.

Doch über erste Präludien zu diesem Meisterwerk kommt es nicht hinaus. Da hat Herzle die medial begabten Finger im Spiel. Finger, die Tische verrücken und dem jungen Herrn K. den Kopf verdrehen. Schreiben nämlich ist eine "Einwilligung in die fragwürdigsten Umarmungen". Und so finden wir den dünnen Franz in einer stürmischen Seenacht an Herzles grossem Herzen wieder - oder vielmehr die beiden auf dem schwankenden Boden von Karl Mays feuerwasserbeflügelter Phantasie. Ab da ist es aus. "Manchmal will oder kann er", schreibt Kafka an seinen Freund Max, "Literatur und Wirklichkeit partout nicht unterscheiden. Sollte das für alte Schriftsteller symptomatisch sein, wäre es auch ein Grund, rechtzeitig mit dem Schreiben aufzuhören."

Über das aktuelle Stadium von Peter Henischs Symptombildung wissen wir nichts zu sagen, aber alt ist er ja noch nicht, und so dürfen wir hoffen, dass dieses feine und witzige Buch seine Nachfolger findet. Biographisches mit Literarischem aufmischend, ist es nicht nur gekonnt kompiliert, sondern auch amüsant inszeniert. Ein bisschen beginnt man bei der Lektüre wieder an Zeiten zu glauben, wo das Wünschen noch geholfen hat. Und das waren ja seit je poetische Zeiten.

            Andrea Köhler, Neue Zürcher Zeitung, 27.5.1994, S.42
            Beilage S.10

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EIN SCHWARZER WIE DU UND ICH. Porträt
Mit "Schwarzer Peter" legt Peter Henisch einen reifen Roman über das Gefühl der Fremdheit in vertrauter Umgebung vor.

Der Kater von Peter Henisch hört gern Musik. Vorzugsweise Bruckner, aber Hoffmann, so heißt der Kater, hört auch gern Jazz. Wenn Hoffmann maunzt und jammert, weiß Peter Henisch, dass Hoffmann jetzt Musik wünscht.
Hoffmann und Henisch sind ein eingespieltes Team. Kein Wunder: Der Kater lebt seit 18 Jahren mit dem Dichter. Er liegt am Sofa von dessen Arbeitszimmer in Gablitz im Wienerwald und lässt sich kraulen.
Henisch krault und erzählt von seinem neuen Buch.
Erzählt, wie er sich erstmals beim Schreiben eines Buchs vom rhythmischen Geklapper seiner Schreibmaschine verabschiedet und am Laptop geschrieben hat.
Erzählt, dass er fünf Jahre an diesem Buch gearbeitet hat und wie es ihm - dessen bisherige Bücher stets etwas Fragmentarisches hatten - unter der Hand zu einem langen, durchentwickelten Roman geriet, zu einem Entwicklungsroman noch dazu, und zu einem doppelten Stadtroman mit den Schauplätzen Wien und New Orleans.
"Der Schwarze Peter", sagt Henisch, "ist ein Roman vom Anderssein, geboren aus dem Gefühl des Sich-nicht-ganz-daheim-Fühlens in der Umgebung, in die man geboren ist."
Wenn Peter Henisch vom Schwarzen Peter spricht, meint er manchmal den ganzen Roman und manchmal seine Hauptfigur, den Schwarzen Peter. Diese Figur, der Ich-Erzähler, ist "kein spektakulärer Fall. Nur eben ein bisschen anders. Sozusagen ein Schwarzer wie du und ich."
Denn der Schwarze Peter wächst als Sohn einer Wiener Straßenbahnschaffnerin und eines schwarzen Besatzungssoldaten im Wien der fünfziger Jahre auf. Der unbekannte Vater ist längst nach New Orleans zurückgekehrt. Der Sohn wächst als Österreicher auf, der sein Anderssein augenfällig vor sich herträgt. Bald lernt er, dass das Wienerische - die einzige Sprache, die ihm vertraut ist - für ihn eine zweischneidige, einmal mehr, einmal weniger liebevolle Bezeichnung bereithält: "Murl".

Am "kleineren, ordinäreren Bruder der Donau", dem Donaukanal, der Gegend seiner eigenen Kindheit, erzählt Peter Henisch, ging er spazieren, als ihm die Idee zu seiner Geschichte kam. Das Kind, das er sich spielend am Kanal vorstellte, dessen Spielzeugschiffchen sich vom Spagat losriss und davontrieb - womöglich in Richtung Schwarzes Meer -, dieses Kind, dachte Henisch, dessen Seele so an seinem davonschwimmenden Schiffchen hängt, könnte vielleicht selber schwarz sein. Dadurch, so dachte Henisch, könnte das Gefühl des Fremdseins im Vertrauten, das auch in all seinen bisherigen Büchern eine Rolle gespielt hatte, auf den Punkt gebracht werden: Das augenfällig Andere, das - im Blick der Umwelt gespiegelt - zurückwirkt auf die Seele und den Schwarzen Peter schon früh zu einem werden lässt, der seiner Herkunft nachforscht und sich auf die Suche nach der eigenen Identität macht.

"Sind Sie da?"
15 Bücher hat Peter Henisch bisher veröffentlicht, und in einem gewissen Sinn, so sagt er, sind sie alle Steine auf dem Weg zum Schwarzen Peter.
Denn dieser ist ein Verwandter der anderen Suchenden in seinen Büchern, ein Verwandter des Pepi Prohaska und des Paul Grünzweig aus "Der Mai ist vorbei", auch ein Verwandter von Peter Henisch selbst, der in "Die kleine Figur meines Vaters"die problembeladene Annäherung zwischen sich und seinem Vater, dem bekannten Pressefotografen, protokollierte.
"Der Schwarze Peter ist so etwas wie die Summe meines bisherigen Schreibens", sagt Henisch. Der sorgfältig abwägenden Art, in der er darüber Auskunft gibt, ist nicht nur anzumerken, wie wichtig Henisch dieses Buch ist, sondern auch, dass er ein Autor ist, der seine Figuren im Schreiben lieb gewinnt.
Ganz langsam und bedächtig, ohne jede Hast und getragen von einer spezifisch wienerischen Erzählmelodie, entwickelt Henisch die Geschichte seines Romanhelden. Dieser, der Andersartige, beobachtet nicht nur das genau, was ihm selbst zustößt, er reflektiert auch seine Umgebung mit, wird zum Spiegel, vor dessen Hintergrund sich nach und nach das kriegszerstörte Österreich neu positioniert - von den Nachkriegsjahren über den Wiederaufbau und Aufbruch der fünfziger und sechziger Jahre bis zum Ende der siebziger Jahre.

Da schließlich ist der Schwarze Peter dreißig, Ehemann und Vater zweier Kinder und blickt auf eine mäßig erfolgreiche, allzu früh versandete Karriere als schwarzer Austro-Popper zurück. Immer noch hat er nicht zu sich gefunden, sich nicht einrichten können in seinem Leben, hat keine Antworten auf seine Fragen gefunden, sich noch immer auf keine Seite zu schlagen gewusst - selbst seine sexuelle Orientierung bleibt ungewiss. Dieses Alter, mit dem im klassischen Entwicklungsroman die Einpassung in die Gesellschaft abgeschlossen zu sein pflegt, ist der Zeitpunkt von Peters Flucht aus Österreich und der Trennung von Frau und Kindern. An dieser Stelle lässt er alles zurück und macht sich auf nach New Orleans, dem Herkunftsort seines unbekannten Vaters.

New Orleans ist auch der Ort, von dem aus er - viele Jahre nach seiner Flucht - seine Geschichte erzählt. Dort sitzt er - ein Mann, der die Mitte seines Lebens überschritten hat - und spricht vom Klavier aus in einen dunklen Zuschauerraum. Er hält Rückschau.
"Spiele und rede ins Dunkle, als ob jemand da wäre. Und vielleicht ist ja wirklich jemand da, vielleicht sind Sie ja wirklich da, obwohl ich Sie nicht sehe."

Der alternde Schwarze Peter ist der tatsächliche Ich-Erzähler in Henischs Roman. Von seinem exterritorialen Standpunkt aus erinnert er sich seines Wiener Lebens und seiner Muttersprache, des Wienerischen, das ihn nach Jahren im Herkunftsland seines Vaters unversehens einholt.
Man versteht, dass er einem Fremden erklärt, was Wien ist.
Man versteht, dass Peter Henischs stadtplangetreue Verortung aller Vorgänge und seine präzisen Erläuterungen, die dem Blick aus österreichischer Sicht überflüssig erscheinen mögen, in Wahrheit kunstvolle Stilmittel sind, die deutlich machen, dass die erzählte Geschichte im Buch einen Zuhörer hat, dem Wien unbekannt ist.

Im Schwarzen Peter, der da von hinter dem Klavier ins Dunkle spricht, findet Peter Henisch auch die Grundsituation des Schriftstellers beschrieben: "Als Autor ist man doch manchmal ziemlich allein. Das ist die Voraussetzung fürs Schreiben, andererseits ist doch das Schreiben ein Kommunikationsversuch. Man spricht in einen dunklen Raum hinein, und manchmal fragt man auch Sind Sie eigentlich da?"

Peter Henisch sitzt nicht gern nur am Schreibtisch.
Er schätzt - wie er es nennt - an der Schriftstellerei das "Ambulante". Die Orte, an denen er seine Erzählungen ansiedelt, hat er sich vorher selbst ergangen.
"Mir imponieren Bücher sehr, wo man - wie bei Doderer - die beschriebenen Wege nachgehen kann", sagt er.
Für seinen Roman hat Henisch nicht nur Wien durchstreift, er hat auch eine Reise nach New Orleans unternommen.
Suchte atmosphärische Eindrücke und die Drehorte seines Kopffilms.
Fand unter anderem jene Stelle am Mississippi-Ufer, an der er den Schwarzen Peter am Tag seiner Ankunft sitzen lässt - das Pendant, so Henisch, zu jener Wiener Donaukanal-Überfuhr, an der der Schwarze Peter als Kind spielt.

Klavier spielen.
Eine in vielerlei Hinsicht zentrale Rolle spielt die Musik: Sie dient dem Schwarzen Peter, der früh Klavier spielen lernt, zuallererst als Verteidigungsmittel, mit dem es ihm nicht nur gelingt, sich gegen einen ungeliebten Verehrer seiner Mutter zur Wehr zu setzen. Der Jazz verschafft ihm Anerkennung, Nähe zu seinen amerikanischen Wurzeln, und dient ihm nicht zuletzt als Mittel, seinen Lebensunterhalt zu bestreiten.

Die im Roman zahlreich anklingenden Musikassoziationen hat Peter Henisch, selbst seit vielen Jahren als Musiker aktiv, gemeinsam mit den Jazzern Woody Schabata und Hans Zinkl zu dem Programm "Black Peter's Songbook" verarbeitet. Das musikalische Spektrum, das es enthält, ist breit: vom Wienerlied über die schräge Wiese am Donaukanal über New-Orleans-Jazz-Standards bis hin zu mit Musik unterlegten Textausschnitten aus dem Roman.

"Black Peter's Songbook" wird es auch als CD geben.
Peter Henischs Kater Hoffmann wird es ihm danken, wenn er sie ihm gelegentlich zu Hause vorspielt.

            Julia Kospach, Profil 10, 6. März 2000



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FORGET AUSTRIA!
WIEN-ROMAN Peter Henischs Roman "Schwarzer Peter" begleitet den Titelhelden über ein halbes Jahrhundert lang auf der Suche nach dem Vater und dem Glück: eine unprätentiös erzählte Tour de Force durch die österreichische Nachkriegsgeschichte.

Er sei so etwas wie der Stuntman seines Helden, sagte Peter Henisch über seinen Roman "Schwarzer Peter": in jedem Fall ein guter Vergleich, denn riskant und vergleichsweise schlecht bezahlt sind meist beide, Autor und Stuntman. Zugleich wird damit das prekäre Verhältnis der Schreibenden zu ihren Protagonisten auf eine griffige Formel gebracht: Peter Henisch hat viel mit seinem Helden Peter Jarosch zu tun, und doch ist die Ähnlichkeiten beider rein zufällig.

Der schwarze Peter ist auch im wörtlichen Sinne schwarz: Sein Vater ist ein farbiger amerikanischer Besatzungssoldat, der in Wien stationiert war und vor der Geburt des Kindes abhaute, die Mutter eine Straßenbahnschaffnerin, deren Mann in Russland als vermisst gilt.

Die Geschichte hat einen Rahmen: In einer Pianobar in New Orleans am Mississippi erzählt Peter Jarosch seinen Lebenslauf - von seiner Geburt am 1. Dezember 1946 bis ins Jahr 1999, ein Lebenslauf weder in aufsteigender noch absteigender Linie, vielmehr ein Zickzack mit Ups and Downs, eine Tour de Force durch die österreichische Nachkriegsgeschichte. Ein dezent alle Teile verbindendes Motiv ist die Vatersuche, die - und so viel darf man verraten - wie das Hornberger Schießen ausgeht: Der Herr, den Peter Jarosch ausfindig macht und am Ende trifft und der wie sein leiblicher Vater Meredith heißt, ist ein Weißer. So bleibt Jarosch vaterlos; er ist der schwarze Peter und er hat den schwarzen Peter und wird ihn auch nicht los, und sein Anderssein macht ihn empfindlich für alles, was schwarz ist, und empfänglich für alles, was jenseits ist.

Die "Diesseite und die Jenseite" wird dem Knaben, der seine frühe Kindheit in Erdberg verbringt, durch den Donaukanal und durch die Fähre, die beide Ufer verbindet, bewusst. Den Entwicklungsgang dieses Kindes bekommen wir mit annalistischer Verlässlichkeit vorgesetzt. Frühe Nachkriegszeit in Wien, die die resolute Mutter so schlecht und recht übersteht; Männer nisten sich bei ihr ein, vom Knaben mit gutem Grund beargwöhnt. Der tot geglaubte Mann Ferdinand kehrt erst nach dem Staatsvertrag heim. Er könnte für Peter zum Vater werden, doch die siebzehn Jahre Krieg und Kriegsgefangenschaft haben ihn ruiniert: Er greift zur Flasche, ist eifersüchtig, wird depressiv und bereitet seinem Leben im Donaukanal ein Ende. Das ist die erste der Tragödien, die Peters Lebenslauf flankieren; so recht gelingt ihm auch nichts, je schöner und erfolgversprechender sich etwas anlässt, umso herber wird die Enttäuschung: Manchmal meint man, einen Peter im Glück vor sich zu haben.

Man entdeckt sein Talent als Fußballer, er wird für ein Spiel der Juniorenmannschaft gegen Ungarn aufgestellt, darf aber nicht antreten, weil er in Budapest am Abend vor dem Match just auf die reife Etelka stößt, die ihn ein paar Jahre früher in Wien in die Geheimnisse der Liebe eingeweiht hatte. Zwölf Minuten spielt er als "schwarze Perle" in der Kampfmannschaft der Admira, da zieht er sich beim Torschuss die Verletzung zu, die seine Karriere jäh beendet: Ein späterer Versuch während des Präsenzdienstes endet kläglich. Kläglich soll später auch die Karriere als Popsänger - ausgerechnet unter dem Namen Paul White - enden. Schließlich wird er als Kellner untragbar, da er zu oft zu den nicht für ihn bestimmten Getränken greift. Und die Selbsthilfegruppe hilft auch nicht weiter. Er wird gerade dadurch sympathisch, dass er im wörtlichen und übertragenen Sinne immer wieder stolpert.

Auch mit dem Familienleben funktioniert es so gut wie gar nicht. Am Anfang der Beziehung zu seiner späteren Frau Natascha steht der Crash: Sie stößt Peter mit dem Fahrrad nieder und verliebt sich in ihn. Zwei Kinder und ein unausgewogenes Verhältnis zu dem kommunistischen Schwiegervater, einem wohl betuchten Zahnarzt, sind die Folge. Peter hält es in der Ehe nicht aus, macht es wie sein Vater und haut ab, kommt wieder, versöhnt sich bei der Scheidungszeremonie mit Natascha, lebt ein paar Jahre mit ihr mehr oder weniger glücklich, bis er, der sich auf seinen Tourneen nicht ungern von den weiblichen Fans vernaschen ließ, auf einen Jugendfreund, einen brutalen und eitlen Protz, der seiner Frau nachstellt, schrecklich eifersüchtig wird.

Wenn er sich von der Gloriole des Gelingens umstrahlt wähnt, passiert es, und es geht fast alles schief.

Zwischenzeitlich geht es wieder aufwärts, aber dieser Wiener Sisyphos kommt mit seinem Stein nicht zurande.

Schließlich besucht Peter - nach einem Aufenthalt von über zwanzig Jahren in den USA - Wien, wird aufgegriffen und als Drogendealer verdächtigt, kommt durch seine zwanzig Jahre jüngere Schwester frei, kehrt nach Amerika zurück, wo er sich ganz gut durchs Leben schlägt.

Die erzählte Zeit erstreckt sich über mehr als fünfzig Jahre, die kontinuierliche Handlung endet etwa im Jahre 1976, als Eckdatum bleibt der Einsturz der Reichsbrücke im Gedächtnis: Das sonst so dichte Textgewebe franst aus; zu der jüngeren Vergangenheit lässt sich keine epische Distanz mehr herstellen.

In der Inhaltsangabe hört sich das wie eine Reihe von Gschichtln aus dem kleinbürgerlichen Helden- oder Schelmenleben an, und in der Tat liegt der Reiz des Ganzen nicht zuletzt in der unprätentiösen Art, in der die Materie präsentiert wird. Henisch lässt sich Zeit, er riskiert die epische Gelassenheit, aber er macht keine stifterschen Umstände, geht von einer Episode zur anderen und verknüpft sie meist recht elegant. Er hat Feldforschung betrieben, das merkt man, aber nie so, dass er den Leser spüren lässt: "Achtung! Eigenrecherche!" Es ist ein Wiener Roman, und Wien ist nicht bloß Schauplatz oder Sujet, es ist auch Organisationsprinzip: Die Wege, die Peter durch die Stadt geht, sind der rote Faden, den ein Roman braucht.

Am eindrucksvollsten sind die Schilderungen der Kindheit Peters; ich kenne keinen Text, der mir meine Kindheit in den frühen Fünfzigerjahren so anschaulich machen konnte. Um Vergangenes so zu "replastizieren" (Doderer) ist Nostalgie als Spurenelement unentbehrlich; eine geringe Überdosis kann schon tödlich sein.

Bedrückend die Schilderung der ersten Jahre im Gymnasium; ich kenne wie der schwarze Peter diese "Hetzmassen" (Canetti), die einen Missliebigen auf dem Heimweg von der Schule verfolgten und verprügelten. Bedrückend ist die Schilderung des Präsenzdienstes (Bruck an der Leitha) eben dadurch, dass sich Henisch nicht auf pazifistisches Moralisieren einlässt, sondern einfach Szenen, Ereignisse und Machtkonstellationen beschreibt: In jedem Satz wird manifest, welch grausamer Anachronismus der Dienst mit der Waffe ist.

Mit jedem Satz scheint sich auch der Autor von seiner Heimat wegzubewegen, um ihr die Diagnose stellen zu können, und wie viele seiner Kollegen und Kolleginnen sucht auch er einen Punkt außerhalb Österreichs, von dem sich dieses (nicht nur ästhetisch) aus den Angeln heben ließe. Österreichs Autoren sind weltläufig geworden, Japan, Brasilien und die USA stehen hoch im Kurs. Peters amerikanische Freundin Jennifer will den schwarzen Peter heimholen: "Forget Vienna! Forget Austria! Das ist nur ein kleines, dummes Land über dem großen Ozean. Hinter den sieben Bergen bei den sieben Zwergen."

            Wendelin Schmidt-Dengler, Falter 12/00



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WIENER BLUT IN NEW ORLEANS
Abseits vom Heldenplatz: Peter Henisch und sein "Schwarzer Peter"

Zahnarzt Dr. Scholz ist mehr als skeptisch, als seine einzige Tochter Natascha ihm mit siebzehn den Peter Jarosch vorstellt, aber so richtig zeigen kann er das nicht. Schließlich ist er als Mitglied der Kommunistischen Partei Österreichs per deifinitionem Antirassist und Internationalist. Soviel gibt er dem Besucher doch mit auf den Weg: "Wenn Sie schon mit meiner Tochter intim werden müssen, sind Sie doch hoffentlich vernünftig genug, ein Präservativ zu verwenden." Musikproduzent Augsburger hingegen erkennt eher erfreuliches Potential in dem jungen Mann: "Die Diskrepanz zwischen deiner Hautfarbe und deiner Sprache ist ja ausgesprochen witzig." Der schickt ihn dann als Austro-Popper "Paul White" ins Tonstudio; Jaroschs Mitkicker bei der Juniorenmannschaft von Admira Wien hingegen nannten ihn schlicht "Negerl": "Und diesen Spitznamen ließ ich mir gefallen."

Peter Jarosch ist der Sohn der Wiener Straßenbahnschaffnerin Anni Jarosch und des farbigen GI William Meredith aus New Orleans, gezeugt im März 1946. Bei Peters Geburt ist der biologische Vater schon wieder in seiner Heimat. Der Junge wird an der Seite seiner Mutter, einer "ausgesprochen feschen Frau", andere Männer vorfinden, die in unterschiedlichem Maße als Vaterersatz taugen. Da ist erst der Herr Horak, ein Straßenbahnfahrer, den Anni Jarosch vor die Tür setzt, als er die vom Kind erzeugten Klaviertöne als "Negermusik" qualifiziert. Vor der Tür steht dann 1955 unverhofft Ferdinand Jarosch, der Mutter zwar zu Kriegszeiten per Ferntrauung verbunden, ihr dann aber bald in russischer Gefangenschaft zum Phantom geworden. "Ich kann wirklich nicht finden, daß du mir besonders ähnlich siehst", erklärt er nun seinem gesetzlichen Sohn, fährt jedoch fort: "Wir sollten einfach so tun, als wär' nichts."

Das macht er mit ruhiger Hingabe, weckt im Peter etwa den Hang zum Fußballspiel, bis er sich, noch kein Jahr wieder in Freiheit, im Donaukai ertränkt, eingeholt von den Greueln des Krieges. Als seine Leiche nach einer Woche der Ungewißheit gefunden worden sei, habe er das Ende seiner Kindheit gespürt, erzählt Peter. Er sagt, dies alles in einem 542 Seiten langen Monolog zu einer nicht identifizierbaren, vielleicht auch fiktiven Person in einer Bar in New Orleans, in der er seit vielen Jahren als Blues-Pianist engagiert ist. Beruflich ist er damit bei sich angekommen, menschlich aber noch längst nicht; seine Rede ins Dunkle ist eher ein Versuch der Selbstvergewisserung im verborgenen Leben als eine Selbstanpreisung beim Zuhörer.

Es ist die Geschichte eines durchaus talentierten Menschen, der trotz niederer Herkunft das Realgymnasium absolviert, der es bis in den Kader der österreichischen Fußballjuniorenmannschaft schafft und der hartnäckig an der Entwicklung seiner musikalischen Fähigkeiten arbeitet. Seine berufliche Biographie in Wien besteht gleichwohl aus kurzzeitigen und inferioren Hilfsarbeiten, seine Fußballerkarriere versiebt er dadurch, daß er die Nacht vor seiner geplanten ersten Aufstellung für das Nationalteam am Donaustrand von Budapest verbringt, um sich dort von einer Etelka entjungfern zu lassen, und seine musikalische Begabung materialisiert sich in der finanziell und erotisch zwar ertragreichen, menschlich aber verheerenden Episode als Schlagerfuzzi.

Peter Jarosch kommt eben fast nie da an, wo er hin will. Das liegt auch an den berüchtigten Umständen, vor allem aber daran, daß er selbst bisweilen nicht weiß, wohin er will. Und als Rebell sieht er sich durchaus nicht. Über seine Zeit als Wehrpflichtiger sagt er: "Ich gewöhnte mir an, auch dem Unfug seine positiven Seiten abzugewinnen. Zum Beispiel war es eigentlich schön, so zeitig aufzustehen." Schön war es auch, daß Zahnarzt Dr. Scholz die bald vierköpfige Familie - der Präservativ-Appell hatte offensichtlich nicht recht verschlagen - finanziell beträchtlich unterstützte.

Zu den Unannehmlichkeiten gehörte hierbei allerdings, daß er diese Generiosität stets mit einem unterschwelligen Vorwurf gegen Peter verband. Der entzieht sich schließlich dieser emotionalen Zwickmühle durch nächtliche Flucht aus einem Urlaub mit den Schwiegereltern, nur um nach leicht abenteuerlicher Tramptour durch Italien in Palermo festzustellen, daß die Fähre nach Nordafrika wegen Streiks nicht fährt. Der Versuch einer entschiedenen Geste mit vielleicht größerer lebensreformerischen Wirkung scheitert an einem Arbeitskampf in Italien. Ein früherer Auf- und Ausbruchsversuch, eine Tour Richtung Südeuropa nach dem Abitur, konnte gleich gar nicht beginnen, weil ihn vorher seine spätere Frau krankenhausträchtig mit dem Fahrrad rammte und ihn dann als ihren "schwarzen Peter" erkannte. "Sie war ganz begeistert von mir. Von der Tatsache nämlich, daß ich schwarz war. Vielleicht hätte mich das stutzig machen sollen." Ja, vielleicht. Vielleicht hätte er auch weiter das Konservatorium besuchen und die sexuellen Avancen während seiner kurzen Zeit als Popstar ablehnen und seine Erfolge nicht an seinen Freund-Feind Roland weitertratschen sollen. Der Mann am Klavier in New Orleans erzählt das alles ohne Larmoyanz, mit leichter Resignation, bisweilen sentimental und sehr gut nachfühlbar.

Peter Henisch, der den Peter Jarosch in die literarische Welt gesetzt hat, gilt sei seinem autobiographischen Roman "Die kleine Figur meines Vaters" (1975) als eine bedeutende Stimme Österreichs. Mit diesem Buch bleibt er einmal mehr seinem Generalthema treu, der Formierung und Deformation des Individuums und seinen Versuchen, dem zu entgehen. Er dekliniert es hier mit langem Atem, großer Formenvielfalt und vor dem Hintergrund prägender Großereignisse im kollektiven Gedächtnis wie der Unabhängigkeit Österreichs 1955, dem Aufbruch der Studentenbewegung oder dem Prager Frühling und dessen Niederschlagung. Selten findet man dies so subtil und dezent in individuelles Leben verwoben wie hier. Das heißt nicht, daß der Text nicht auch Schwächen hätte, so wenn der Autor-Peter passagenweise aus dem Blick verliert, daß der "Schwarze Peter" spricht und nicht schreibt, aber wenn letzterer auf Seite 77 fragt: "Sie! Sind Sie noch da, oder haben Sie sich inzwischen längst davongemacht?", können wir ihn beruhigen. Wir sind gern geblieben, bis zur letzten Zeile.

            Burkhard Scherer, Frankfurter Allgemeine Zeitung - Literaturbeilage, Jänner 2001



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BLACK PETER'S SONGBOOK. Porträt
Peter Henisch auf der musikalischen Spur seiner Romanfigur.

Mit dem Roman Schwarzer Peter hat Peter Henisch im Vorjahr einen der wichtigsten Romane der Zweiten Republik präsentiert. Der monumentale Text tarnt sich als Autobiografie eines austroafroamerikanischen "Besatzungsbankerts", dessen erste zwei Sätze schon als Programm des ganzen Buches gelesen werden können: "Sie werden lachen, aber ich komme aus Wien. Auch wenn ich möglicherweise nicht ganz so aussehe."

Peter Jarosch, vier Jahre nach Henisch geboren im Dezember 1947, Mutter gut aussehende Straßenbahnschaffnerin, Vater schwarzamerikanischer GI und verschwunden, lernt schon früh, seine Situation zu reflektieren. Zwar durchläuft seine Kindheits- und Jugendgeschichte fast exemplarisch die Stationen einer "ganz normalen" Entwicklung in der österreichischen Nachkriegs- und Wiederaufbauzeit, doch führt sein auch äußerlich sichtbares Abweichen von der Norm nach und nach zur Bestätigung seiner Außenseiterrolle. Schulkollegen, Lehrer und Heeresausbildner tragen das Ihre dazu bei. Selbst auf die Linke ist kein Verlass. Der Vater seiner Frau Natascha, Zahnarzt und KPÖ-Funktionär, eine tragische Witzfigur aus Henischs Wiener Gruselkabinett, verträgt sich zwar auf den Weltjugendfestspielen in Wien mit den Afrikanern am besten, hielte sie jedoch aus der eigenen Familie lieber heraus. Seine Tochter, die zunächst etwas zu sehr auf das Anderssein des Schwarzen Peter abfährt, kommt nach ein paar aufreibenden Ehejahren zu dem Schluss, dass die Macht der Gene doch stärker ist als die Kraft der Sozialisation. Entnervt flüchtet Jarosch auf der Suche nach seinem Vater in die Vereinigten Staaten und landet - wie rund 150 Jahre vor ihm der österreichisch-amerikanische Ordensflüchtling und Romancier Charles Sealsfield (Karl Postl) - in New Orleans.

Wo der Roman endet, beginnt Black Peter's Songbook. Das sechzigseitige Buch mit zwei sehr wienerischen Umschlagbildern des Berliner Künstlers Michael Sowa enthält auch eine CD. Der bluesige Grundton des Romans - hier sitze ich in New Orleans und erzähl' mein schlimmes Leben - wird von Henisch in Zusammenarbeit mit den Jazzern Woody Schabata und Hans Zinkl nun auch lyrisch-musikalisch realisiert. Die Art und Weise, wie diese drei Künstler aufeinander eingespielt sind (ihre erste CD, Wegwärts von Wien, gibt es als feinen Geheimtipp seit mehr als zehn Jahren), macht ein so unkonventionelles Produkt wie diese musikalische Fortsetzung eines Romans erst möglich. Musik, Lyrics und Romanpassagen entwickeln sich zu einer dynamisch-poetischen Einheit, die ganz und gar einmalig ist - in Österreich und anderswo.

Das Songbook trägt seinen englischen Titel nicht zu Unrecht. Hier mischen sich Englisches und Österreichisches auf ungewöhnliche Weise. Niemals wird man in der englischsprachigen Lyrik einen Endreim wie "My pretty mamma was a streetcar conductor / my unknown father was a soldier when he fucked her" hören. Dieser Reim kann gewiss am besten mit einem österreichischen Akzent realisiert werden, ganz abgesehen davon, dass die Straßenbahnschaffnerin außerösterreichisch nur selten als Symbol für Erotik auftritt. Höchst komisch auch das Lied von Peters schwarzer Freundin in New Orleans, die versucht, ihn von seinen dunklen Österreich-Träumen abzulenken: "Come with me to the Mardi gras / and forget fuckin' Austria."

Gerade das passiert nicht: Die Versuche, in der Lebenswelt des amerikanischen Südens die österreichische Vergangenheit musikalisch auszulöschen, misslingen. Die Korrespondenzen zwischen den beiden Welten sind zu stark. Bereits im epischen Text sind solche Parallelen strukturbildend: Die in New Orleans spielenden Teile sind geschickt in diesen invertierten Bildungsroman eingeschoben, sodass sich teils ironische, teils erhellende Kontraste und Zusammenhänge ergeben. Donau (bzw. Donaukanal) und Mississippi, Walzerstadt Wien und Jazzmetropole New Orleans, diese Kontrastpaare verfremden die österreichisch-amerikanische Geschichte und machen sie gleichzeitig verständlicher. In den Lyrics finden sich bilinguale Zeilen wie: "I had to guess / his origin / mei Muatterl woar / a Weanerin / my father went back / to his dirty land / I just wasn't planned." Kein Wunder, dass eine solche Sequenz mit "baba, bye-bye" endet. Durch die CD, auf der Henisch als Sänger und in der Nummer "I feel so strange" auch auf der Blues-Harp zu hören ist, wird natürlich die gedankliche und emotionale Verbindung zwischen dem fiktionalen Erzähler des Romans und seinem Autor vertieft. Man sollte diese Identifikation nicht so weit treiben, wie eine lokale Ausgabe des Kurier, die anlässlich eines Auftritts des Autors im Burgenland meldete, Henischs Vater wäre ein schwarzer G.I. gewesen. Henisch selbst hat sich als "so etwas wie der musikalische Stuntman [s]eines Hauptdarstellers" bezeichnet. Das Songbook, als Fortsetzung des Kopf-Films vom Schwarzen Peter, ist jedenfalls weit mehr als ein akrobatischer Akt - sowohl Ergänzung des transkulturellen Textes als auch (mit oder ohne Roman) subtiles multimediales Ereignis.

            Walter Grünzweig, Der Standard, 24. März 2001



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