Am 18.1.2010 wurde Peter Henisch mit dem Goldenen Verdienstzeichens der Stadt Wien ausgezeichnet.


Aus der Laudatio Walter Grünzweigs anlässlich der Verleihung:

    Wer im Ausland lebt, hat einen privilegierten Blick auf seine eigene Kultur und das gilt ganz besonders für Österreicher/innen. Es ergibt sich eine Synthese von Außen- und Innensicht und sie erlaubt ein vertieftes Verständnis auch von komplexen kulturellen Zusammenhängen. Gleichzeitig ist man als Auslandsösterreicher immer wieder gefordert, sein Land zu erklären und Beispiele für die Erzählungen, die es über sich selbst erzeugt, zu nennen und auch zu erklären.

    Peter Henisch hat mir bei solchen kulturellen Erklärungen immer wieder geholfen, denn sein vielschichtiges Werk ist differenziert genug, um eine komplizierte Kultur wie die österreichische zu repräsentieren, aber doch auch eindeutig genug, um hervorzuheben, worauf es ankommt.

    Es ist nicht ganz leicht, so sage ich gerne im Ausland, die Bedeutung dieses Autors im Kontext seines Landes zu charakterisieren. Vielleicht am einfachsten so: Ein neuer Roman von Peter Henisch ist in Österreich ein kulturelles Ereignis. Worüber er schreibt, was ihn bewegt, so merke ich immer wieder mit freudiger Überraschung, ist Gegenstand öffentlichen Interesses. Seine Werke markierten und markieren entscheidende Einschnitte in der gesellschaftlichen, politischen und kulturellen Entwicklung des Landes. Genauer gesagt schaffen die Bücher Henischs überhaupt erst ein Vokabular, einen Stil, eine Form, zur Konzeptualisierung dieser Entwicklungen.

    Dies trifft auf Peter Henischs wichtiges, zentrales Buch DIE KLEINE FIGUR MEINES VATERS des Jahrs 1975, überarbeitete Neuauflage 2003, das das Genre der sogenannten Väterliteratur - der Abrechnung der Söhne mit ihren im Nationalsozialismus verstrickten Vätern - begründet hat. Der Vater dieses Romans, das ist eine literaturtheoretisch sehr problematische Feststellung, ist in vielem mit Henischs eigenem Vater verwandt, der, wiewohl Halbjude, einer der bedeutendsten Militär- und Propagandafotografen von Hitlers Armee vor allem in Russland war.

    Henisch, ich zitiere den Henisch-Kenner Thomas Rothschild, ist der österreichische "Chronist der 68er Generation", vor allem was die frühen Werke betrifft, jedoch hat sich diese Perspektive in den späteren Romanen dann enorm ausgeweitet. Ich persönlich kenne ich keinen besseren Schlüssel zum Österreich der Gegenwart als Peter Henischs Epos der Zweiten Republik, den langen Roman SCHWARZER PETER, erschienen im Millenniumsjahr 2000, das die Geschichte des "neuen" Österreich aus der Perspektive eines Afro-Österreichers erzählt.

    Das Erzählen bei Henisch bedarf besonderer Erläuterung. Seit mehr als 25 Jahren habe ich das Privileg, über die Entwicklung des Henischschen Werks mit dem Autor einen ausgedehnten Dialog zu führen. Natürlich sprechen seine Werke für sich selbst, erzählen von alleine, und es gibt viele zehntausende Henisch-Leser in aller Welt – viele, wie ich weiß, auch in den Vereinigten Staaten und in englischer Sprache – die dem Autor nie persönlich begegnet sind, ihn nie gehört haben, sein Werk aber trotzdem verstehen und lieben. Trotzdem scheint mir die persönliche Begegnung mit ihm besonders wichtig, denn sie macht nicht nur deutlich, dass und wie er mit seiner ganzen Persönlichkeit hinter dem steht, was er schreibt, sein persönliches Engagement. Noch wichtiger – erst der akustisch wahrgenommene Text lässt die vielfältige Ironie und die Polyphonie seines Werks deutlich werden.

    Die etwas gewagte These von einer spezifischen Musikalität der österreichischen Literatur wird gerade von Henischs Texten bestätigt. Sie manifestiert sich nicht bloss in einer speziell österreichischen sprachlichen Virtuosität, sondern natürlich auch in der musikalischen Bearbeitung so vieler seiner literarischen Werke durch ihn selbst und seine von ihm inspirierten Musikerkollegen.

    Das so charakteristische Timbre des Henischschen Werkes geht einher mit der prononcierten politischen Orientierung, ja, es ist das Medium des Politischen. Seit Jahrzehnten steht Henisch immer da, wo es notwendig ist, zu stehen, in den vielfältigen Situationen politischer und gesellschaftlicher Verworfenheiten, vor allem in Österreich und Deutschland. Dabei scheut er zwar auch nicht die direkte und explizite Auseinandersetzung; bemerkenswerter jedoch finde ich seine spezifische Variante der Kulturkritik, die auch gerne an linken Tabus kratzt.

    Über sein Sprachbewusstsein bzw. die dummen Klischees einiger Kritiker über das angebliche Fehlen desselben bei Henisch sollte man am liebsten gar nichts sagen und dennoch kann ich es nie lassen. Mit seiner Schaffung eines spezifisch österreichischen literarischen Idioms – und nicht der blossen Verwendung österreichischer dialektaler Varianten – und dem Ausloten des literarischen Potenzials dieser Sprache ist er für mich einer der größten Sprachexperimentatoren unserer Zeit, ein Urteil, bei dem man auch die Lyrik nicht außer Acht lassen darf. Der dabei entstehende Fokus auf das Österreichische und auf Österreich macht ihn dabei genauso wenig zu einem "regionalen" Autor wie William Faulkner oder Toni Morrison.

    Henisch hat nicht nur ein Oeuvre und eine Sprache für seine Zeit geschaffen, er ist auch ein kritisch Unzeitgemäßer. Dies zeigt sich vor allem in seinem Interesse für Religion und Spiritualität. Dabei geht es nicht um egozentrische New Age Therapiekonzepte, sondern ganz konkret und schockierend um religiöse, ja theologische Fragestellungen, die mit engagierter Kreativität und intensiver Intellektualität angesprochen werden.

    Würde ich heute gebeten, einen Lexikonartikel über Peter Henisch zu schreiben, ich würde ihn als den "theologischsten" Schriftsteller der deutschen Sprache bezeichnen. Am eindrucksvollsten kommt dies in einer Wendung in seinem letzten Roman, dem VERIRRTEN MESSIAS zum Ausdruck, wo es heißt, die Protagonistin fühle sich durch den möglichen Messias "spirituell belästigt". Ich nehme dieses Wort als Leitmotiv für viele von Henischs literarischen Werken. Sie belästigen Leser/innen spirituell. Sie zwingen uns nicht nur, über die Hohlheit der materiellen Welt, wie wir sie uns geschaffen haben, der vernetzten inklusive, nachzudenken. Nein, es geht auch und gerade um – ich zitierte aus dem VERIRRTEN MESSIAS – "Die Energie Gottes. Wenn man daran angeschlossen ist, dann spürt man es, wenn man von ihr aufgeladen wird, stehen einem die Haare zu Berge."

    All diese Charakteristiken des Henischschen Werkes, erlauben Sie diese Feststellung dem aus Graz stammenden Auslandsösterreicher, sind auch Qualitäten des Wiener Schriftstellers. Die teilweise explosive, jedenfalls aber dynamisierende Mischung von kritischem Engagement, Sprachbewusstsein, Musikalität und Spiritualität sind für mich auch Qualitäten der Konstruktion des Wienerischen. Alle Bücher Henischs sind implizit oder explitzit mit dieser Stadt verbunden und es ist gerade das Randständige, das Alternative, das Gegenläufige, das Multi-Ethnische, an diesem Henischschen Wien, das ihn für mich zum Wiener Schriftsteller par excellence macht. Ich freue mich deshalb ganz besonders, dass er heute das Goldene Verdienstzeichen des Landes Wien erhält.


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