Vom Ankerbrotfabrikmaler

In der Arbeitslosenzeit soll es auf dem Laaerberg einen Kunstmaler gegeben haben. Der hat, erzählt mir der, der mir von ihm erzählt, immer nur die Ankerbrotfabrik gemalt. Die Ankerbrotfabrik von der Absberggasse, die Ankerbrotfabrik von der Urselbrunnengasse. Die Ankerbrotfabrik aus den Schrebergärten, die Ankerbrotfabrik von den Lagerplätzen.

   Und dabei ist die Ankerbrotfabrik, erzählt mir der, der mir vom Laaerbergmaler erzählt, vom Ankerbrotfabrikmaler, dabei ist die Ankerbrotfabrik schiach wie die Arbeit darin. Wie eine Raubritterburg steht sie da, wie ein Spukschloß aus längst vergessenen Zeiten. Und sie sei ja auch eine Art Spuk, die Ankerbrotfabrik, wie sie so dastehe. Ein Überbleibsel aus Zeiten, in denen die Raubritterburgen noch nicht so gut getarnt gewesen wären wie heute.

   Hätt er was Schönes gemalt, eine Landschaft zum Beispiel, der Ankerbrotfabrikmaler, er hätte sich groß was verdienen können. Selbst oder gerade damals, in der Arbeitslosenzeit. Denn die Armen waren zwar damals noch ärmer, aber die Reichen womöglich noch reicher als sonst. Und einer von denen hätt ihm schon so ein Olbild abgekauft um einen Batzen Geld. Aber der Ankerbrotfabrikmaler habe immer nur die Ankerbrotfabrik gemalt. Manchmal sind ein paar Leute stehengeblieben und haben ihm beim Malen zugeschaut. Warum, haben sie ihn dann meist gefragt, malenS denn immer nur die Ankerbrotfabrik? Aber der Ankerbrotfabrikmaler war kein gesprächiger Mann.

   Nur ein oder zwei Mal hat er, statt eine Antwort zu geben, die Geschichte vom Fudschijamamaler erzählt. Der Fudschijamamaler hat sein Lebtag nur den Fudschijama gemalt. Reiche Leut sind zu ihm gekommen und haben ihm einen Fudschijama abkaufen wollen. Zu Diensten, hat er gesagt und zum Pinsel gegriffen. Und dann, hast du nicht gesehen, hat er den Fudschijama hingezaubert auf die Leinwand. Mit einem einzigen Strich und innerhalb einer einzigen Minute. Die reichen Leut haben groß geschaut und gefragt, was das kostet. Der Fudschijamamaler hat seinen Preis genannt --- Aber Herr Fudschijamamaler! haben die reichen Leut gesagt. Für eine einzige Minute Fudschijamamalen diesen Preis? Da hat der Fudschijamamaler eine Tür geöffnet. Und hinter der Tür waren zahllose Fudschijamas. - So viele Fudschijamas habe ich malen müssen, um diesen einen Fudschijama malen zu können. Hat der Fudschijamamaler gesagt, und das haben die reichen Leut schließlich eingesehen. Und haben nach ihren dicken Brieftaschen gefaßt und dem Fudschijamamaler seinen Fudschijama abgekauft. Und der hat weiterhin Fudschijamas gemalt und malt sie, wenn er nicht gestorben ist, noch heute.

   Genauso, soll der Ankerbrotfabrikmaler behauptet haben, ist es mit den Ankerbrotfabriken, die ich male. Aber es war keineswegs so, denn kein Mensch hat ihm eine Ankerbrotfabrik abgekauft. Vielleicht, philosophiert der, der mir vom Ankerbrotfabrikmaler erzählt, vielleicht liegt das an dem Unterschied zwischen der Ankerbrotfabrik und dem Fudschijama. Der Fudschijama ist eine Landschaft, aber die Ankerbrotfabrik ist nur ein Haufen Graffelwerk.

   Warum der Ankerbrotfabrikmaler immer nur die Ankerbrotfabrik gemalt hat, weiß keiner. Manche sagen, er hätte vielleicht einmal in der Ankerbrotfabrik gearbeitet, andere meinen, er habe wahrscheinlich in der Ankerbrotfabrik arbeiten wollen. Damals ist, wie gesagt, die Arbeitslosenzeit gewesen. Und in der Arbeitslosenzeit war vieles möglich. Jedenfalls ist er eines Tages verschwunden gewesen. Weshalb und wohin weiß niemand, vielleicht ist er gestorben. Oder es hat ihn einfach nicht mehr gefreut, die Ankerbrotfabrik zu malen. Oder er hat endlich eingesehen, wie sinnlos es war. Es geht allerdings das Gerücht, man hätte ihm das Malen ausgetrieben. Nicht das Malen an sich, aber das Malen der Ankerbrotfabrik. Den Leuten in der Ankerbrotfabrik nämlich wäre das Ankerbrotfabrikmalen allmählich unheimlich geworden. Den Machern und Anschaffern sowieso, aber auch denen, die machen, was angeschafft wird. Letztere hatten den Ankerbrotfabrikmaler aber höchstens verhaut. Und das haben sie, dem Vernehmen nach, auch einige Male getan. Die andern aber, die Macher und Anschaffer, hätten andere Möglichkeiten gehabt. Und die hätten sie letzten Endes auch verwirklicht.

   Seither hat, erzählt mir der, der mir diese Geschichte erzählt, seither hat niemand mehr die Ankerbrotfabrik gemalt. Weder die Ankerbrotfabrik von der Urselbrunnengasse noch die Ankerbrotfabrik von der Absberggasse, weder die Ankerbrotfabrik von den Lagerplätzen noch die Ankerbrotfabrik aus den Schrebergärten. Und sicherlich meint er, wird sie keiner mehr malen. Sie ist ja auch, sagt er, schiach wie die Arbeit darin.

aus: Baronkarl. Alte und neue Peripheriegeschichten.
Bibliothek der Provinz, Weitra 1992, S.44ff.


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Vom Schrebergartenlabyrinth
(für Gerd Jonke)

Er sei eingeladen gewesen, erzählt mir einer, in einen Schrebergarten. Nämlich den Schrebergarten eines Bekannten, dessen größte Freude sein Schrebergarten gewesen sei. Weswegen der ihn auch eingeladen habe in seinen Schrebergarten zum Wochenend. Eingeladen, damit er teilhabe an seiner Schrebergärtnerfreude. Und sie würden, so habe er sich das gedacht, beisammen sitzen auf der Schrebergartenbank vor der Schrebergartenhütte. Wenn die Sonne scheine, würden sie in der Sonne beisammen sitzen. Und wenn es regnen sollte - auch kein Malheur. Wenn es regnen sollte, würden sie sich halt in die Schrebergartenhütte hineinsetzen. So habe er sich das gedacht. Jedenfalls sei es in so einem Schrebergarten gesund und vergnüglich. Und hätt ich nicht geschrebert/ wer weiß, ob ich noch lebert, diesen Spruch kennen Sie doch bestimmt. Vergnüglich und gesund sei es in einem Schrebergarten, und er hätte also teilhaben sollen an dieser Gesundheit und diesem Vergnügen. Und er habe sich auf das Wochenend im Schrebergarten seines Bekannten gefreut mit einer richtigen Vorfreude.

   Er und sein Bekannter, so habe er sich das gedacht, würden sich im Schrebergarten Beschäftigung suchen. Und sicherlich würde die nicht schwer zu finden sein, in einem Schrebergarten gibt es doch immer etwas zu tun. Unkraut zu jäten zum Beispiel, Blumen zu pflanzen. Oder eine Hecke zu stutzen oder Obst zu ernten oder Laub zu verbrennen. Und vielleicht würde die Frau seines Bekannten derweil eine appetitliche Jause herrichten. Zum Beispiel Schmalz- oder Speck- oder Bratenfettbrote. Und dann, nicht zu spät, würden sie sich alle drei ausruhen bei einem gemütlichen Plauscherl. Und am End würden sie eine Flasche Wein aufmachen und miteinander in die Dämmerung hinein trinken.

   So habe er sich das gedacht. In seiner Vorfreude habe er also die Schrebergartenanlage betreten. Vom Haupteingang sei er auf dem Hauptweg zum Schrebergarten-VEREINSHAUS. Dies deshalb, weil an so einem Schrebergarten-VEREINSHAUS meist eine Tafel mit den Namen und den Parzellennummern aller im jeweiligen Verein vereinigten Schrebergärtner hänge. Richtig, auf dieser Tafel habe er, kein Problem, den Namen und die Parzellennummer seines Bekannten gefunden. Schön, er habe sich die Parzellennummer und den Weg, auf dem die Parzelle erreichbar sein sollte, gemerkt. Gut, er sei auf dem Hauptweg bis zum auf der Tafel angegeben Seitenweg. In diesen Seitenweg sei er eingeschwenkt. Nun brauchte er nur mehr den Parzellennummern nachzugehen, und dann würde das schrebergärtnerische Wochenend, auf das er sich die ganze Woche lang gefreut habe, beginnen.

   Und im Gehen habe er gesehen, wie die Leute beisammen gesessen seien in ihren Schrebergärten. Wie sie beisammen gesessen seien auf den Schrebergartenbänken vor den Schrebergartenhütten. Wie sie in der Sonne beisammen gesessen seien (die habe nämlich geschienen). Wie sie beisammen gesessen seien und sich der Schrebergärten erfreut hätten. Und natürlich habe er welche gesehen, die Unkraut jäteten und welche, die Blumen pflanzten. Und welche, die Hecken stutzten und welche, die Obst ernteten und welche, die Laub verbrannten. Darüber sei er aber am Ende des Seitenwegs angelangt. Ohne die Parzelle, an der er, immer noch vorfreudig, ankommen wollte, erreicht zu haben. Seitenweg 12, Parzelle 307. Der Seitenweg 12 habe nach Parzelle 306 bzw. 305 an einer ebenso undurchschaubaren wie undurchdringlichen Hecke geendet. Parzelle 306 war unbewohnt, auf 305 war leider niemand da. Ach was, habe er gedacht und sei zurück zum Schrebergarten-VEREINSHAUS, um zu sehen, ob er sich, Weg- und Parzellennummer betreffend, vielleicht verschaut habe.

   Aber nein, er habe sich nicht verschaut. Dennoch habe er sicherheitshalber Weg- und Parzellennummer auf einem Stück Papier notiert. Mit diesem Stück Papier in der Hand sei er also wieder den Hauptweg hinunter bis zum Seitenweg 12. Und nocheinmal sei er, immer das Stück Papier in der Hand, in diesen Seiteweg eingeschwenkt.

   Und im Gehen habe er gesehen, wie die Leute nun in ihren Schrebergartenhütten beisammen saßen. Es habe nämlich inzwischen zu regnen begonnen, und sie hätten sich in ihre Hütten zurückgezogen. Aber das war auch kein Malheur, denn manche Frauen waren, wie er durch die Fenster sah, schon dabei, appetitliche Jausen herzurichten. Schmalz- oder Speck- oder Bratenfettbrote, und da und dort hätte man doch tatsächlich bereits eine Flasche Wein geöffnet. Über solchen Beobachtungen, die ihm Appetit machten, sei er aber zum zweiten Mal am Ende des Seitenwegs angekommen. Da war noch immer die Hecke und weiter nichts. Dicht und undurchdringlich war sie noch immer. Parzelle 306 noch immer unbewohnt, auf Parzelle 305 noch immer niemand. Auf 304 habe allerdings (es habe inzwischen wieder zu regnen aufgehört) einer mit einem Rechen gearbeitet. An den habe er sich also gewandt: Grüß Gott, habe er gesagt, und dann, was und wen er suche. Und der habe sich nachdenklich auf seinen Rechen gestützt, den Blick in die Weite der Schrebergartenanlage gerichtet, die Parzellennummer und den Namen des schrebergärtnernden Bekannten murmelnd. Und dann, mit einem plötzlichen Aufleuchten im Gesicht, habe er ihm geraten, zurück auf den Hauptweg zu gehen, wo nämlich das Schrebergarten-VEREINSHAUS sei, an dem eine Tafel hänge, auf der er sämtliche Namen der hier vereinigten Schrebergärtner mit den dazugehörigen Weg- und Parzellennummern finde.

   Das sei dem, der diese Geschichte erzählt, nun wohl ein gutes (schlechtes) Dutzend Mal passiert. Er habe noch auf Parzelle 303 und 302 gefragt. Dann, in der Hoffnung, auf den zum Seitenweg 12 parallelen Seitenwegen 10 und 13 einen Zugang zu dem gesuchten Garten zu finden, einige Male dort. Immer sei einer da gewesen, der sich nachdenklich auf einen Rechen, eine Schaufel, eine Harke oder sonst irgendein Gartengerät gestützt habe, den Blick in die Weite der Schrebergartenanlage gerichtet, den Namen und die Parzellennummer murmelnd, die ihm gesagt (oder auch auf dem Zettel, schwarz auf weiß, gezeigt) worden sei, und dann habe sein Gesicht endlich aufgeleuchtet.

   Bei der letzten der stereotypen Antworten, die der Frager derart bekommen habe, sei dem Ärmsten sehr merkwürdig zumut geworden. Zum Befremden des gerade angesprochenen Schrebergärtners habe er sich, halb weinend, halb lachend, zu Boden geworfen (um die Erd gehaut), mit beiden Fäusten den mit Asche bestreuten Seitenweg (11 oder 13, vielleicht sogar 10 oder 14) bearbeitend. Es habe zu dämmern begonnen, und er habe die Suche nach Parzelle 307 aufgegeben. Zu allem Überfluß habe er noch Mühe gehabt, in der rasch einfallenden Finsternis zum Ausgang zu finden.

aus: Baronkarl. Alte und neue Peripheriegeschichten.
Bibliothek der Provinz, Weitra 1992, S.154ff.


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Zweite Schrebergartengeschichte

Nein, fällt ihm gar nicht ein, sagt der Schrebergärtner. Auf der einen Seite die Schnellstraße, auf der anderen Seite die Autobahntangente, gut, das kann er nicht verhindern. Und vielleicht versuchen sie ihn völlig einzukreisen mit ihrem Verteilerkreis. Aber hier, in der Mitte der Welt, das ist sein Eigengrund, den läßt er sich nicht wegnehmen.

   Haben Sie, fragt er, von den BLACK HILLS gehört? Das sind die heiligen Berge der Sioux-Indianer drüben in Amerika. Die hat man ihnen auf die gemeinste Weise weggenommen, davon hat er gelesen. Aber jetzt prozessieren sie, jetzt wollen sie ihre angestammten Jagdgründe wieder zurückhaben, das findet er großartig.

   Er allerdings wird es nicht so weit kommen lassen. Zwar hat er manchmal schon das Gefühl, daß ihm die Autos durchs Rettichbeet hinter dem Haus brausen, aber er ist entschlossen, standzuhalten. Die Rosen hat er erst vorige Woche gesetzt, obwohl es dazu natürlich reichlich spät im Jahr ist. Und für die Gartenzwerge an der Vorderfront hat er gestern Nachschub angefordert, die sollen ein dichtes Spalier bilden.

   Im Jahr 1864, es kann auch '66 oder '69 gewesen sein, hat es einen Vertrag gegeben, in dem die BLACK HILLS den Indianern für alle Zeiten zugesprochen wurden. Aber ein paar Jahre später hat man dort Gold gefunden, und natürlich wurde der Vertrag sofort von den Goldgräbern gebrochen. Bei uns, sagt der Schrebergärtner, haben sie zwar kein Gold gefunden. Aber kaum ist die Gegend zum Bestandteil des Grüngürtels erklärt worden, sind sie schon mit Einschränkungen und Ausnahmen und - so schnell haben wir gar nicht schauen können - mit Baggern und Planierraupen dahergekommen.

   Die ganze Umgebung hat man ihm weggebaggert. Zuerst waren die Wiesen weg, auf denen er mit seinen Kindern, die inzwischen allerdings erwachsen sind, drachensteigen gegangen ist, dann die Wege, auf denen er seine zwei Hunde äußerln geführt hat. Und die Nachbargärten waren weg, die Gärten derer, die sich haben herumkriegen lassen, einer nach dem anderen. Und jetzt sind die Feinde im Anmarsch, morgen oder übermorgen werden sie zur Attacke auf seinen Garten blasen, aber er wird keinen Fuß breit weichen.

   Die Sonne geht unter, Rauch geht auf, es ist Herbst. Die beiden Hunde, schwarz aber fast haarlos, reißen sich die Pfoten am Drahtgitter wund, auch sie wittern etwas. Der Himmel ist unnatürlich rot, vielleicht die Folge eines fernen Vulkanausbruchs oder eines zur Erhaltung der neuen Weltordnung begonnenen Kollektivkriegs. Diese Imperialisten! flucht der Schrebergärtner. Aber mich werden sie nicht einschüchtern!

   Die Indianer, die Sioux, haben sich leider auf Kompromisse eingelassen. Man hat sie hereingelegt, hat ihnen erzählt, daß die bösen Goldgräber nichts mit dem guten, weißen Vater in Washington zu tun haben. Die Armee, hat man ihnen erzählt, wird ihr Territorium schützen, das war der größte Hohn. Sobald sie sich wirklich zu wehren begonnen und das Kriegsbeil ausgegraben haben, ist es zu spät gewesen.

   Aber mit mir nicht, sagt der Schrebergärtner, ich hab ein Gewehr in der Hütte! Heute fordern die Sioux ihr Land zurück, doch sie werden es nicht kriegen. Die Beharrlichkeit, sagt er, der Sioux in Ehren. Aber wenn sie recht bekommen und das ein Präzedenzfall wird, können die weißen Amis das ganze Amerika zurückgeben.

   Also darf mans so weit gar nicht kommen lassen. Die Sonne geht unter, Rauch geht auf, die Hunde heulen. Ich bin ein friedliebender Mensch, sagt der Schrebergärtner, aber wenn man mich angreift ... Crazy Horse und Sitting Bull sollen leben!

   Nein, mit mir nicht, sagt der Schrebergärtner, etwas erschüttert den Erdboden. Die ungeernteten Zwetschgen fallen vom Baum und prasseln ins müde Gras. Die Hände des Schrebergärtners, wie sie die Armlehnen des Sessels umklammern, sind geballte Fäuste. Der Windstoß, der ihn dann sandig ins Gesicht schlägt, erinnert fatal an eine Druckwelle.

aus: Baronkarl. Alte und neue Peripheriegeschichten.
Bibliothek der Provinz, Weitra 1992, S.166ff.


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