PETER HENISCH:

IRONIE UND WAS DARAUS WIRD.
Drei Vorlesungen

gehalten im Rahmen der
WIENER VORLESUNGEN ZUR LITERATUR
in der ALTEN SCHMIEDE, Wien

*

Erste Vorlesung

ES MUSS DEM HERRN ANSELMUS DOCH WAS BESONDERES BEGEGNET SEIN. Assoziationen zu E. T. A. Hoffmanns "Goldnem Topf"
Was wird ausgesagt? - Rennt. - Wer oder was rennt? - Ein junger Mensch rennt. - Woher oder wohin rennt er? - Er rennt durchs Schwarze Tor in Dresden, heißt es. Rennt geradezu in einen Korb mit Äpfeln und Kuchen hinein.

Was für ein Tempo, mit dem diese Geschichte beginnt! Der Protagonist rennt in sie hinein durch ein Tor und rennt gleich verschiedenes um, es fehlt nicht viel, daß er in die Geschichte hinein fällt. Wir wissen nicht, warum er so rennt: ist etwas hinter ihm her, ist er hinter etwas her? Er ist in diese ganz besondere Geschichte geworfen, wie der Mensch ganz allgemein, so ungefähr wird man es anderthalb Jahrhunderte später ausdrücken, in die Welt, ins Leben, in die Existenz, und der Mensch stellt Fragen an das Sein, aber das Sein, nachdem es natürlich nicht ist, gibt selbstverständlich keine Antwort.

Den Gedankensprung um 150 Jahre tu ich nicht von ungefähr. Obwohl ich mir in Lauf dieser Vorlesungen wahrscheinlich noch einige Gedankensprünge erlauben werde, die nicht alle, das sage ich vorsichtshalber, so nachvollziehbar motiviert sein müssen. Für mich und wahrscheinlich nicht nur für mich, beginnt die Moderne mit der Romantik. Ein Lebensgefühl versucht sich zu artikulieren, das sich von dem etwa Goethes deutlich unterscheidet.

Zwar bezeichnet Friedrich Schlegel Goethes MEISTER in einem Schriftzug mit der französischen Revolution und Fichtes Wissenschaftslehre als eine der drei größten Tendenzen des Zeitalters. Darüber hinaus hat er den Wilhelm Meister als ironisches und für die Romantik vorbildliches Werk beschrieben. Aber das ist eine Folge der Perspektive, Schlegel schaut zurück aus der gerade anlaufenden Romantik in die Klassik. Wir schauen zurück aus der auslaufenden Moderne, da sieht man manches anders. Wir sehen zum Beispiel recht deutlich, daß es - seitdem und indem dieses Lebensgefühl sich vorbereitet - kaum mehr möglich ist, einen sogenannten Bildungsroman zu schreiben, der sich im Goethe'schen Sinn ernst nimmt. (Ich weiß, es gibt Gegenbeispiele, aber natürlich gibt es zwischendurch auch soetwas wie Regressionen im Lebensgefühl.) Daß es kaum mehr möglich ist, sage ich, einen sogenannten Bildungsroman zu schreiben, einen - bei allen Einschränkungen, die man dem Wilhelm Meister diesbezüglich zugestehen müßte, ist er letzten Endes doch ein solcher - einen Anpassungsroman. In diese "moderne" Gesellschaft, die uns, auch wenn sie sich für gescheit hält, immer feindlicher, auch wenn sie sich da und dort, dann und wann, für demokratisch hält, immer totalitärer, weil unausweichlicher, umgibt, in eine Umwelt, die wir gerade durch solche Produktivität zerstören, produktiv hinein zu wachsen, nachdem er sich die Hörner einer bloß durch Jugend bedingten Protesthaltung abgestoßen hat - also das kann man einem halbwegs intelligenten und sensiblen jungen Menschen immer weniger zumuten.

Anselmus wird nimmermehr Hofrat und dein Mann, sagt demgemäß eine als spöttische Spukgestalt nach außen projizierte Stimme dem Frl. Veronika Paulmann, das eine gute Partie machen will. Und dieser Anselmus ist eben jener junge Mann, der durchs Dresdner Schwarze Tor in einen Korb mit Äpfeln und Kuchen geradezu hinein rennt. Am Himmelfahrtstage. Nachmittags um 3 Uhr. Die zeitlichen Umstände werden uns noch des näheren beschäftigen.

Die Geschichte, in die unser Protagonist hinein geworfen wird, will jedenfalls kein Roman werden. Obwohl Anselmus Student ist und noch etwas lernen könnte. Und auch noch einiges lernt im Verlauf der Geschichte. Allerdings nichts, womit die sogenannte Gesellschaft ihre Freude haben wird.

Goethe hat übrigens auch keine Freude damit. Ihm ist der GOLDNE TOPF, wie er notiert, nicht bekommen. Bezeichnenderweise liest er ihn erst 1827, und dann, kurioserweise, noch dazu auf englisch. Ich verwünsche, schreibt er, die goldnen Schlänglein. Auch auf die werden wir noch zurückkommen.

Hoffmanns Geschichte soll ein Märchen sein. Jedenfalls steht das in ihrem programmatischen Untertitel. Goethe hat auch ein "Märchen" geschrieben, in gewisser Hinsicht (und zum Ärger des Alten) nimmt der Goldne Topf darauf bezug. Hoffmann nennt seine Geschichte allerdings ein Märchen aus der neuen Zeit.

Ironie ist die Form des Paradoxen, formuliert Friedrich Schlegel. Transzendentale Buffonerie, also die Art und Weise, durch das scheinbar Gegensätzliche einen komischen Effekt zu erzielen, der der Erkenntnis dient. Ironie ist demgemäß eine Form, aber sie ist auch eine Methode. In dem von Hoffmann gewählten Untertitel wird diese Form und diese Methode gleich zum Programm erhoben.

Bekanntlich gibt es nicht nur bei Schlegel sondern auch sonst allenthalben sehr viele und vor allem sehr vieldeutige Ironie-Definitionen. Eindeutigkeit scheint dem Wesen der Ironie zu widersprechen, außerdem scheidet Ironie die Geister. Manche lieben sie, scheint es, leidenschaftlich und andere können sie nicht leiden. Manche scheinen einen sehr speziell ausgebildeten Sinn für sie zu haben und andere überhaupt keinen.

Einen ganz besonderen Sinn für Ironie hatte dem Vernehmen nach Sokrates. Den die Ironie, glaubt man dem Herrn Kriton respektive dem Kriton wiedergebenden Herrn Platon, auch in der Todesstunde nicht verlassen hat. Sie erinnern sich: Verderber der Jugend. Sie erinnern sich: Schierlingsbecher. Sie erinnern sich: Dialog bis knapp vor Schluß. Möglicherweise erinnern Sie sich auch nicht mehr ganz so genau, aber ich bin dabei, Ihre diesbezügliche Erinnerung zu reanimieren.

Er soll sich und seine Jünger damals damit getröstet haben, daß doch der Tod eigentlich das sei, was die Philosophen ein ganzes Leben lang anstreben. Denn, nicht wahr, woran den Philosophen gelegen sei, das sei doch ein Abheben der Seele, des Geistes, von der körperlichen Schwere. Und / aber was sei der Tod - ja, richtig, genau das sei er. Das kompromißloseste Abheben, das radikalste Abheben, das Abheben ohne Widerruf. Na, und worum man sich sein ganzes Leben bemüht habe, davor müsse man sich nicht fürchten, sondern das sollte man begrüßen.

So etwa Sokrates, dem man die Erfindung der Ironie nachsagt. Selbstverständlich konnte die Ironie nicht erfunden werden, möglicherweise aber ihre methodische Anwendung. Ironie, sagt das Lexikon, bedeutet eine Redeweise, bei der das Gegenteil des eigentlichen Wortlauts gemeint ist. Sokrates, sagt das Lexikon weiter, gebraucht sie als Vehikel didaktischer Kommunikation, indem er durch die bewußte Äußerung fragwürdiger Wertvorstellungen oder durch vorgeschützte Unwissenheit zu positiver Erkenntnisanstrengung provoziert.

Hoppla! Was heißt das nun angewandt auf seine Redeweise vom Tod? Meint er, was er sagt oder meint er gerade das Gegenteil? Wollen die Philosophen wirklich das ganze Leben nichts als sterben oder wollen sie, konträr, sogar über den Tod hinaus leben? Zum Beispiel indem sie solche Sachen sagen, über die man sich dann noch ein paar tausend Jahre später den Kopf zerbricht. Oder über die man sich dann immer noch unterhält. Oder am besten beides.

Mag schon sein, daß die Ironie, nicht nur bei Sokrates, ein Vehikel didaktischer Kommunikation ist. Und auch sonst noch verschiedenes. Vielleicht wird uns im Lauf dieser Vorlesung noch einiges davon einfallen. Die romantische Ironie zum Beispiel, sagt das Lexikon weiter, wie sie von F. und A. W. Schlegel diskutiert wurde, bezeichnet allgemein einen Schwebezustand, eine ironisch distanzierte Haltung, die, im Hinblick auf das eigene Schaffen, ein künstlerisches Experimentieren, ein Spiel mit dem literarischen Gegenstand seitens eines sich als autonom begreifenden dichterischen Subjekts erlaubt.

Eins ist Ironie in dieser oder jener Ausformung ganz sicher: Ein Überlebensmittel.

Bevor ich das Lexikon zuklappe, schau ich noch, welche Stichwörter ich in der Umgebung des Wortes Ironie finde. Irradiation zum Beispiel. Das wäre die Ausstrahlung einer Nervenerregung über den sog. normalen Bereich hinaus. Irrational, irrationale Zahlen, Irrationalismus, irreal, Irrealis. Irreduzibel, irregulär, Irregularität, Irreligiosität, irreparabel. Irreversibel. Irrigation (das wäre die Ausspülung von Körperhöhlen mittels eines Irrigators). Irritabilität (das wäre die Fähigkeit organischer Strukturen, auf Einwirkungen der Umwelt in bestimmter Weise zu reagieren). Irritation, irritieren, Irrlehre, Irrlicht, Irrströme (das sind Ströme, die infolge eines Isolationsfehlers unvorhergesehenerweise von elektrischen Anlagen ausgehen). Mit einigen von diesen Stichwörtern könnte man bei der Interpretation des Goldnen Topfs sicher etwas anfangen.



Bevor ich aber zum Goldnen Topf zurückkehre, halte ich noch einen Exkurs ins Persönliche für angebracht. Ironie, das betont Friedrich Schlegel immer wieder, hat ja viel zu tun mit Individualität. Eben. Bei aller Objektivität, die man anvisiert, ist da ein nicht zu unterschätzender, subjektiver Faktor. Stelle ich mir also die (rhetorische) Frage: Wie bin ich persönlich auf die Ironie gekommen?

Und was antworte ich mir? - Mag sein, daß mein Vater, mag sein, daß seine Mutter, meine Großmutter ... Aber keine Angst, mit hereditären Vermutungen und ins Vorschulalter zurückreichenden Prägungsgeschichten will ich Sie nicht belästigen. Bis ins Volksschulalter, also ins frühe Schreib- und Lesealter, darf einer, der beim Lesen und Schreiben geblieben ist, aber wohl doch zurückloten. Und da gibt es für mich die erste Begegnung mit einem großen, ironischen Werk der Weltliteratur, Alan Alexander Milne's WINNIE THE POOH, zu deutsch (und auf deutsch habe ich es damals natürlich gelesen) PU DER BÄR.

Was hatte ich vorher gelesen? -: Werke wie KRIBBEL KRABBEL KUGELRUND und DER KLEINE PETER IN DER KATZENSTADT. Auch nicht gerade unironisch, aber als Literatur würde ich sie denn doch noch nicht bezeichnen. Pu der Bär hingegen, mit 7, welche Entdeckung! Ironie, das haben wir uns gemerkt, ist gleichzeitig Form und Methode. Winnie the Pooh ist dafür ein Lehrbeispiel.

Da wäre einmal der Rahmen. Der (miterzählte) Autor erzählt seinem (miterzählten) Sohn, Christopher Robin, Geschichten. Diese Geschichten sind allerdings Geschichten, an die sich Christopher Robin erinnern soll, Geschichten aus seinem sozusagen ideellen Vorleben. Ganz genaugenommen ist es nicht sein ideelles Vorleben sondern das seiner Spielzeugtiere, allen voran Pu, ein Bär mit geringem Verstand, und Ferkel, ein kleines Tier mit wenig Courage. Aber Christopher Robin war auch irgendwie dabei und hat mit ihnen im Hundertmorgenwald gelebt, ungefähr wie Gott mit den ersten Menschen im Paradies, also bloß ab und zu erscheinend und sonst eher nur beobachtend.

Daran also soll Christopher Robin sich erinnern, dieser Erinnerung will der Erzähler auf die Sprünge helfen. Was für eine eigenartige Erzählhaltung: Der (miterzählte) Autor spricht den (miterzählten) Christopher Robin immer wieder mit du an. Pu, des Honigs wegen, den wilde Bienen dort oben produzieren, auf einen Baum geklettert und, von den Bienen attackiert, in einen Ginsterbusch gestürzt, wischt sich die Stacheln von der Schnauze und beginnt nachzudenken. Und die erste Person, an die er dachte, heißt es im Text, war Christopher Robin.

Ich bin das gewesen? fragte Christopher Robin mit ehrfürchtiger Stimme, da er es kaum zu glauben wagte. Ja, du bist das gewesen. Christopher Robin sagte nichts, aber seine Augen wurden immer größer und sein Gesicht wurde immer röter. Winnie the Pooh ging also zu seinem Freund Christopher Robin, der in einem anderen Teil des Waldes hinter einem grünen Tor wohnte. Guten Morgen, Christopher Robin, sagte er. Guten Morgen, Winnie the Pooh, sagtest du. Ich möchte wissen, sagte er, ob du vielleicht zufällig so etwas ähnliches wie einen Ballon hast?

Nun, vordergründig geht es Pu um Honig, aber hintergründig geht es in diesem Buch immer um Erkenntnis. Im Mittelpunkt der ersten Geschichte steht wohl nicht zufällig auch ein Baum, der mit den Bienen, die Pu nun im Flug überlisten will. Er will versuchen, wie eine kleine, schwarze Wolke auszusehen, weswegen er sich, bevor er abhebt, im Schlamm wälzt, und weshalb er, nachdem er abgehoben hat, ein Lied singt, wie es vielleicht eine kleine, schwarze Wolke singen würde. So eine Art von Bär ist er. Und so eine Art von Buch ist das. Ich finde es immer noch großartig.

Die Geschichte mit dem Ballon geht übrigens schief, wenn auch nicht allzu schief. Der Ballon, zweifellos auch ein Mittel des geistigen und poetischen Aufschwungs, muß von Christopher Robin mit Hilfe seines Gewehrs, das er im Hundertmorgenwald immer bei sich hat, leck geschossen werden. Die Bienen, zu dieser Erkenntnis ist der nur unzureichend als Wolke getarnte Pu inzwischen gekommen, sind nämlich nicht die richtige Sorte. Ich glaube, sagt er, sie machen den falschen Honig.

Dieser Bär mit geringem Verstand ist jedenfalls ein philosophischer Bär. Und Ironie, so viel zumindest sollte bis jetzt klar geworden sein, hat eine Menge mit Philosophie zu tun. Die Philosophie, sagt Schlegel, ist die eigentliche Heimat der Ironie, welche man logische Schönheit definieren möchte. Denn überall, wo in mündlichen oder geschriebenen Gesprächen, und nicht nur ganz unsystematisch, philosophiert wird, soll man Ironie leisten und fordern.

Voilà. In Winnie the Pooh wird diese Forderung erfüllt wie selten in einem Buch. Geradezu exemplarisch in der Szene, in der Pu und Ferkel im Schnee einige Male um ein Gehölz gehen. Genaugenommen zuerst Pu allein und dann stößt Ferkel zu ihm. Pu ging immer im Kreis herum und dachte an Gott weiß was. Auch als Ferkel ihn anreden wollte, blieb er nicht stehen.
Hallo, rief Ferkel, was tust du denn?
Ich jage, sagte Pu.
Was jagst du?
Ich spüre etwas auf, erklärte Winnie the Pooh geheimnisvoll.
Was spürst du auf? wollte Ferkel wissen und kam näher.
Das frage ich mich selber.
Und was wirst du dir antworten?
Ich muß warten, bis ich es eingeholt habe.
Schau einmal! Er zeigte auf den Boden vor sich. Was siehst du da?
Spuren, sagte Ferkel. Es quietschte aufgeregt. Ach Pu, glaubst du, daß es ein Wuschel ist?
Vielleicht, meinte Pu. Manchmal ist es ein Wuschel und manchmal ist es keines. Bei Fußspuren, sagte Pu, kann man nämlich nie wissen.
Nach diesen Worten fuhr er fort, der Fährte zu folgen, und Ferkel, das ihm ein paar Augenblicke zugesehen hatte, rannte ihm nach. Winnie the Pooh blieb plötzlich stehen und beugte sich erstaunt nieder.
Was ist denn los? fragte Ferkel.
Komische Geschichte, meinte Pu der Bär. Jetzt scheinen es auf einmal zwei Tiere zu sein. Diesem Was-immer-es-ist hat sich ein anderes Was-immer-es-ist angeschlossen . . . Usw. Die beiden setzen ihren Erkenntnisweg gemeinsam fort. Das heißt, nachdem Pu auf die Idee gekommen ist, daß es sich um feindliche Tiere handeln könnte, und nachdem alsbald die Abdrücke von vier Paar Pfoten zu erkennen sind, will Ferkel lieber auskneifen. Ich glaube, sagt es, mir ist etwas eingefallen, das ich zu tun vergessen habe und morgen nicht mehr tun kann. Ich glaube, sagt es, es ist besser, wenn ich gleich umkehre.

In diesem Moment taucht Christopher Robin auf. Das heißt, er taucht nicht auf, sondern er ist die ganze Zeit über auf dem Baum gesessen. Es ist vermutlich nicht der Bienenbaum, sondern ein anderer, aber ein Baum ist es allemal. Und wir sind sozusagen mit ihm auf dem Baum gesessen und können nun allmählich herunterklettern, um ein einprägsames Bild, eine Bewußtseinsfilmszene, in der ein Bär und ein Ferkel uns etwas vom Wesen der, wie Camus gesagt hätte, absurden menschlichen Existenz vorgeführt haben, reicher.

Sowas hat Wirkungen. Sowas schlägt sich aufs Werk. Mir selbst auf der Spur, werde ich etwa 15 Jahre später schreiben, gehe ich prinzipiell im Kreis. Und dann, etwa 25 Jahre später, werde ich dieses prinzipielle Im-Kreis-Gehen einem gewissen Herrn Hamlet andichten. Immerhin / denkt er / weiß ich allmählich bescheid / über meine Schuhnummer.

Auf was und vor allem auf wen man von Pu dem Bären ausgehend doch alles kommt! Aber geben Sie's zu: Dieses Im-Kreis-Gehen entspricht dem Hamlet. Der, nebenbei bemerkt, auch ein Text von hintergründiger Ironie ist. Oder wie finden Sie das, wenn ein sensibler Intellektueller, dem der Geist seines Vaters erschienen ist, von des Gedankens Blässe angekränkelt, zögert, seinen Onkel umzubringen, der mit seiner Mutter schläft, stattdessen (versehentlich) seinen potentiellen Schwiegervater totsticht, dadurch ein elfenhaftes Mädchen ins Grab bringt und schließlich, nachdem er den Onkel per Theater hat wissen lassen, daß er alles weiß, im Zuge eines sportlichen Zweikampfs, in dem sich aber der Spaß aufhört, nicht nur seinen ehemaligen Freund und Beinahe-Schwager (wieder versehentlich) tötet, sondern auch sich selbst und seine Mutter vergiftet, bevor er endlich -- also in gewisser Hinsicht ist das wirklich komisch.

Wie übrigens auch der verwandte Ödipus. Ja, seien wlr radikal und gehen wir an die Wurzeln zurück! Ist es nicht auch und erst recht komisch, wenn einer, um seinem (prophezeiten) Schicksal zu entgehen, gerade in dieses Schicksal hinein rennt? Wenn er auf der Flucht vor der Gelegenheit, den vermeintlichen Vater zu töten und mit der vermeintlichen Mutter zu schlafen, den wirklichen Vater tötet und mit der wirklichen Mutter schläft und sodann, obwohl er die Rätsel der Sphinx gelöst hat, nicht begreift, daß er selbst derjenige ist, den er verfolgt, sich selbst auf der Spur, immer im Kreis - also der Typ, über den ich, von Pu den Bären ausgehend, gedichtet habe, könnte ganz gut auch Ödipus heißen.

Der allerdings war kein Student. Zum Unterschied von Hamlet. Der, Sie erinnern sich, von der Hohen Schule zu Wittenberg nach Helsingør zurückgerufen wird, also sein Studium wegen eines Trauerfalls in der Familie unterbrechen muß. Länger als er gedacht hat. Aber diese Hamlet-Ödipus-Assoziationen sind natürlich ein Grenzfall zum Zynismus. Den Albert Drach, an den ich hier auch erinnern darf, allerdings als einen Anwendungsfall von Ironie bezeichnet, quod erat demonstrandum.

Zu demonstrieren war und ist auch, daß Ironie - lassen Sie mich das vorhin erwähnte Diktum von Schlegel ein bißchen modifizieren - so etwas wie das Nebeneinander oder Vis à Vis des scheinbar Widersprüchlichen sein könnte. Vielleicht sollte ich auch anmerken, daß ich damals auch ein Student war. 1968 nämlich. Als ich die erste Fassung meines Hamlet-Zyklus geschrieben habe. Vielleicht heißt die damals gewählte Identifikationsfigur einfach deswegen Hamlet und nicht Ödipus.

Sie könnte aber durchaus auch Anselmus heißen. Der Herr ist wohl nicht recht bei Troste! sagt eine ehrbare Bürgersfrau, die, vom Spaziergang mit der Familie heimkehrend, stillstand und mit übereinandergeschlagenen Armen dem tollen Treiben des Studenten Anselmus zusah. Der nämlich hatte den Stamm des Holunderbaums umfaßt und rief unaufhörlich in die Zweige und Blätter hinein. O nur noch einmal blinket und leuchtet, ihr lieblichen, goldnen Schlänglein, nur noch einmal laßt eure Glockenstimmchen hören! - Aber das kommt erst später.



Der Student Anselmus - wissen Sie übrigens, warum der so heißt? - Anselmus ist der katholische Kirchenheilige des 18. März. - Na und? - Nun, dieser 18. März war der Geburtstag eines gewissen Fräuleins Julia Marc. Und dieses Fräulein Julia Marc, geboren 1796, war in Bamberg, wo Hoffmann als Theaterkapellmeister, Direktionsgehilfe, Hauskomponist, Bühnenarchitekt, Kulissenmaler und last not least Musikpädagoge gewirkt hat, seine Gesangsschülerin.

Das allein wäre allerdings noch nichts Außergewöhnliches. Auch daß sich ein Musiklehrer, am Klavier sitzend, ein bißchen in seine hübsche Schülerin verliebt, soll ab und zu vorkommen. Nur hat sich Hoffmann, zu diesem Zeitpunkt 35, anscheinend nicht nur ein bißchen in die zu diesem Zeitpunkt 15-jährige Julia verliebt. Nach allem, was aus seinen diesbezüglichen Aufzeichnungen und der Überlieferung durch seine Freunde und Bekannten hervorgeht, hat sich Hoffmann da, so würden wir heute sagen, ziemlich hineingesteigert.

Daß der Student, den er etwa ein Jahr nach dem ebenso unglücklichen wie etwas skandalösen Ende der Affäre in Dresden imaginiert, ausgerechnet am Geburtstag dieses schönen Kindes seinen Namenstag hat, hat sicher etwas zu bedeuten. Etwa, daß die Kopfgeburt Anselmus ihren Namen, also in gewisser Hinsicht ihr Wesen, aus der Beziehung zu dieser Julia empfängt, durch die sich ihr Autor nach wie vor enthusiasmiert fühlt. Übrigens ist die Geschichte harmloser als bei Petrarca und Dante, wo die minderjährigen Mädchen, die den dichterischen Eros in Schwung bringen, denselben durch frühzeitiges Ableben freisetzen müssen; auch harmloser als beim Zeitgenossen und Mitromantiker Novalis. Bei Hoffmann, trotz all seinem Hang zum Phantastischen, geht alles etwas realistischer zu, Julia, obwohl erst 16, wird von ihrer Frau Mama, der Konsulin Marc, kurzerhand mit einem Hamburger Bankier namens Groepel verheiratet, bevor sie dem verrückten Kapellmeister Kreisler, wie sagte man damals (?), anheimfällt.

Da fällt mir übrigens, nach Pu dem Bären, noch ein zweites meiner Lieblingsbücher ein, das ich für eins der großen, ironischen Werke der Weltliteratur halte: Nabokovs LOLITA. Wie dort die Leidenschaft eines reifen Mannes für ein sehr junges Mädchen beschrieben und wie demonstriert wird, daß diese Leidenschaft nicht zur Freudenschaft werden kann, also das ist, finde ich, Ironie vom Allerfeinsten. Eine Ironie nämlich, die etwas mit dem weisen Wissen um die Vergänglichkeit zu tun hat, die auch damit zu tun hat, daß der Protagonist, jener Schöngeist mit dem wunderschönen Namen Humbert Humbert, sich überhaupt nicht weise verhält, obwohl er, in dem abgeklärten Zustand, in dem er aus Europa nach Amerika kommt, die Voraussetzungen dazu hätte. Und es ist nicht nur die Angst vor dem Aug und dem Arm des Gesetzes, durch die, nämlich dieses Aug und diesen Arm, er das Nymphchen Lolita, das ihm ein frivoles Schicksal sozusagen zugespielt hat, wieder verlieren könnte, nicht nur die Furcht vor einem obskuren Konkurrenten, die ihn, in einem literarischen Road-Movie der Sonderklasse kreuz und quer durch die Vereinigten Staaten treibt (eine Angst, die ihn ans Ende der Welt treiben würde, käme ihm Lolita nicht vorher abhanden) - es ist die Vergänglichkeit des Zustandes, in dem er sie gleichermaßen begehrt und anbetet, es ist die Zeit, vor der man auch bei Zurücklegung noch so großer Strecken im irdischen Raum nicht davonfahren kann, und außerdem, das muß man, will man die Leiden des armen Humbert Humbert ganz begreifen, natürlich auch noch mitdenken, außerdem kann Lolita, so sehr sich Humbert auch um ihre Edukation bemüht, einfach nichts anfangen mit dem von ihm als göttlich verehrten Edgar Allen Poe.

Nein, der 35jährige E. T. A. Hoffmann war kein Humbert Humbert und seine 15-jährige Gesangsschülerin Julia Marc war wahrscheinlich schon etwas über das Nymphchenstadium hinaus. Obwohl - wer weiß - das Erwachsenwerden deutscher Konsulstöchter im frühen 19. Jahrhundert hat wahrscheinlich später eingesetzt, als das von amerikanischen Middle-Class-Girls um die Mitte des 20. Wie dem auch sei war Hoffmann enthusiasmiert, ja, wie er in seinen diesbezüglichen Tagebuchaufzeichnungen schreibt, exaltiert bis zum Wahnsinn. Daß das Fräulein in seinem Tagebuch als Hieroglyphe eines Schmetterlings auftaucht, scheint die Assoziation zum Schmetterlingssammler Nabokov, den man auf Fotos sogar mit einem Schmetterlingsnetz auf der Jagd sehen kann, übrigens auch irgendwie zu rechtfertigen.

Der Weinhändler Karl Friedrich Kunz, Hoffmanns erster Verleger, sieht Julia Marc etwas realistischer. Fräulein Julia, schreibt er in seinen Supplementen zu Hoffmanns Leben, war ein recht hübsches, blühendes, liebenswürdiges Mädchen, wie wir deren übrigens in Residenz- wie in Provinzialstädten wohl öfters finden. Ja der nüchterne, anatomierende Verstand würde sogar gefunden haben, was unser Freund nicht fand, daß jene etwas über Gebühr gefüllten und gerötheten Wangen eher den Pinsel der niederländischen wie der italienischen Schule beschäftigen könnten und daß das Embonpoint des Körpers ebenfalls eher in den Gemälden eines Rubens als eines Raphaels anzutreffen sei. Hoffmanns Phantasie, die ebenso geneigt war, das Sinnliche wie das Geistige stets zu potenzieren, schuf sich ein Ideal aus dem vorhandenen Stoff, das in seiner Phantasie lebte, bis zu seinem Tode wirkte und, zeugend, gleiche Kinder schuf. Seine Liebe zu Julien kann man einen fixen Wahnsinn nennen, da sie nicht durch das geringste Entgegenkommen von Seiten der Geliebten erwidert, ja in späterer Zeit vielleicht bemitleidet ward.

Mag sein. Aber auf jeden Fall hat Hoffmann in sein Bamberger Tagebuch nicht nur die Hieroglyphe eines Schmetterlings, sondern auch die eines Trinkbechers und einer Pistole immer häufiger gezeichnet. Il colpo e fatto, notiert er (italienisch ist eine Sprache, die seine Frau Mischa nicht versteht), la donna e diventata la sposa di questo maledetto asino di mercante e mi pare che tutta la mia vita musicale e poetica e smorzata. Auf einer Landpartie nach Pommersfelden, zu der ihn die Konsulin offenbar einlädt, um die Verhältnisse ein für allemal klarzustellen, wird er ausfällig und wohl auch etwas handgreiflich gegen den Bräutigam, der den Schmetterling, ohne sich überhaupt vorstellen zu können, was er einem anderen bedeutet, in seine unpoetischen Pratzen bekommt. Sich ganz schrecklich besoffen, schreibt Hoffmann, und die infamsten Streiche gemacht, Rücksichts Ktch (das ist die von Käthchen von Heilbronn hergeleitete Buchstabenkürzel für Julchen) gänzlich dementie gegeben, schimpfend auf den sposo, der so besoffen war, daß er hinstürzte.

Danach hält ihn nichts mehr in Bamberg und er besteigt, von Mischa begleitet, die Postkutsche nach Dresden. Seine finanzielle Situation ist, nachdem die Konsulin Marc die Beziehungen zu ihm abgebrochen hat, ohnehin unhaltbar geworden, also hat er nicht viel zu verlieren, als er ein Angebot des Opernprinzipals Seconda annimmt, der ihm die Stelle eines Musikdirektors in Leipzig anbietet. Allerdings geraten die Hoffmanns auf der Reise mitten in die Truppenbewegungen des Jahres 1813 hinein, vielleicht versuchen Sie sich zu erinnern, was damals los war. Ja, stimmt, Napoleon. Ja, stimmt, die Preußen und Russen. Ja, stimmt, die sogenannten Befreiungskriege.

Und / aber was hat das mit Ironie zu tun? Geduld. Das wird sich noch weisen. Vorerst nur so viel: In gewisser Hinsicht gehört es zu ihren Voraussetzungen. Eine Notiz am Rande: Ironie als Negation der schlimmen Wirklichkeit. Ironie als Trotz Alledem. Ironie als Mittel gegen die Verzweiflung.

Verzweifelt scheint die Lage des so hart aus der Bamberger Banalität gefallenen Hoffmann in den nächsten Monaten tatsächlich. Zuerst sitzt er in Dresden fest, dann, als das kurz abebbende Kriegsgeschehen eine Weiterreise nach Leipzig einigermaßen erlaubt, stürzt die Postkutsche um und Mischa wird nicht unerheblich verletzt. Kurz vor Meissen, schreibt er in einem Brief an Kunz, traf uns das schreckliche Unglück. Meine arme Frau erhielt eine tiefe, bedeutende Kopfwunde - die liebenswürdige, junge, hübsche Gräfin Fritsch wurde tot in dem jammervollsten Zustande hervorgezogen - schrecklicher Eindruck.

In Leipzig wird nichtsdestoweniger Oper gespielt. Freut euch des Lebens (ohne Musik kein Geld) solang noch das Lämpchen glüht. Alles vergebens? Knappe vierzehn Tage nach Hoffmanns Ankunft will Seconda, da wegen der Kriegsereignisse das Publikum ausbleibt, seine Truppe auflösen. Das Ensemble beschließt, noch zwei Wochen auf eigene Rechnung weiter zu machen, danach bekommt Seconda überraschend die Erlaubnis, in Dresden zu spielen, wo sich die Lage vorübergehend beruhigt hat.

Dort quartiert sich Hoffmann nun vor dem Schwarzen Tor ein. Ein kleines Logis in der Allee zum Linkischen Bade. Jetzt kann der Student Anselmus in Bälde erscheinen. Am 19. August 1813, eine Woche vor der Schlacht bei Dresden, schreibt E. T. A. jedenfalls folgendes:

In keiner als in dieser düstern verhängnißvollen Zeit, wo man seine Existenz von Tag zu Tag fristet und ihrer froh wird, hat mich das Schreiben so angesprochen - es ist, als schlösse sich mir ein wunderbares Reich auf, das aus meinem Innern hervorgehend und sich gestaltend mich dem Drang des Äußeren entrückte. - Mich beschäftigt die Fortsetzung (nämlich der Phantasie- und Nachtstücke, die Kunz publiziert hatte) ungemein - und zwar vorzüglich ein Mährchen, das beinahe einen Band einnehmen wird. Denken wir dabey nicht, Bester! an Scheherazade und Tausend und Eine Nacht - der Turban und die türkischen Hosen sind gänzlich verbannt - feenhaft und wunderbar aber keck ins gewöhnliche alltägliche Leben tretend und seine Gestalten ergreifend soll das Ganze werden. So ist z.B. der Geheime Archivarius Lindhorst ein ungemein arger Zauberer, dessen drey Töchter, in grünem Gold glänzende Schlänglein, in Krystallen aufbewahrt werden, aber am H. Dreyfaltigkeitstag dürfen sie sich drey Stunden lang im Hollunderbusch in Ampels Garten sonnen, wo alle Kaffee- und Biergäste vorübergehen.

Details werden sich ändern, aber die Idee zum GOLDNEN TOPF ist, wie man liest, zu diesem Zeitpunkt in Hoffmanns Kopf schon recht gereift. Auch wenn es noch eine Weile dauern wird, bis er sie zu Papier bringt. Den Zeitläufen entsprechend, den Kriegswirren entsprechend, ungefähr drei Monate. DREI VERHÄNGNISVOLLE MONATE, unter diesem Titel plant Hoffmann zur gleichen Zeit einen Tagebuchauszug für seine Freunde.

Schon im Mai, während er und Mischa nicht von Dresden nach Leipzig konnten, hat Hoffmann mit solchen Aufzeichnungen begonnen. 8. Mai: Höchst unruhige Nacht - Kosaken - eine Menge Artillerie kam durch. Um 11 Uhr brannte die Elbbrücke sowie die beiden Schiffsbrücken. Brennende Kähne kamen den Strom hinab - mit einem Male dann der größte Tumult - Kanonendonner ganz in der Nähe - Franzosen rückten ein - um 5 Uhr nachmittag der Kaiser.

9. Mai: Ziemlich unruhige Nacht - von 4 Uhr an beständiges Schießen - Die Franzosen standen auf dem Turm und der Galerie der katholischen Kirche - Dicht beim Schloßtor habe ich gestanden und wäre beinahe getroffen, indem 5 bis 6 Kugeln zischend an der Mauer anprallten und zurückschlugen - Mittags um Eineinhalb Uhr platzte eine Granate auf dem Altmarkt und setzte alles in nicht geringen Schrecken.

Und nun folgt die Fortsetzung: 15. August 1813: Schon seit der Feier des Napoleonsfestes am 10. waren täglich Truppen und Geschütz herausgegangen. Heute verließ der Kaiser mit seinen Garden die Stadt und zog fort auf der Straße nach Schlesien, man spricht von einer nahen, entscheidenden Schlacht.

16., 17., 18., 19. August: Gänzliche Totenstille. - Man spricht ganz heimlich, daß Österreich den Verbündeten beigetreten.

20. August: Es sollen sich Preußen und Russen der Stadt nähern.

21. August: Augenscheinliche Retirade der Franzosen von der schlesischen Seite her. Eine zahllose Menge Verwundeter auf Wagen - Kavalleristen zu Pferde - Infanteristen ohne Gewehr ppp.

22. August: Frühmorgens ein ungewöhnliches Hin- und Hertreiben in der Stadt - das Militär ist in voller Bewegung.

Usw. Unter diesen Umständen ist das Mährchen sub titulo Der goldne Topf am 17.11. zwar fertig aber noch nicht ins Reine gebracht. So wenigstens schreibt Hoffmann um diese Zeit an Kunz, der offenbar nicht das Gefühl haben sollte, es gehe nichts weiter. Im Tagebuch gibt es eine diesem Brief etwas widersprechende Aufzeichnung vom 26.11.: Krank zu Hause - jedoch das Mährchen Der Goldne Topf mit Glück angefangen.



Na endlich! - Die Geschichte läßt sich an, wie eine Oper, man könnte sie sich durchaus von Secondas Truppe gespielt vorstellen. Stürmt nicht der Student Anselmus auf die Bühne wie der Tamino in der Zauberflöte? Zwar wissen wir nicht, was hinter ihm her ist, um eine listige Schlange scheint es sich nicht zu handeln. Aber mit Schlangen, wenn auch in der Mehrzahl und im Diminuitiv, werden wir noch bedient werden, und auch sonst scheint da einiges mythologisch ganz weit zurückzugreifen, an den Anfang sozusagen, denn Äpfel gibt es gleich jede Menge, sie rollen dem armen, ungeschickten Anselmus nur so in den Weg, allerdings ist die, die sie feilbietet, kein junges schönes, sondern ein altes häßliches Weib, aber damit hat es gottseidank nicht sein Bewenden.

Bis hierher hätten wir nur Orchesterklang, innerlich und äußerlich aufgeregt, jetzt aber fallen die Stimmen ein. Auf das Zetergeschrei, das die Alte erhob, verließen die Gevatterinnen ihre Kuchen- und Branntweintische, umringten den jungen Menschen und schimpften mit pöbelhaftem Ungestüm auf ihn hinein, sodaß er vor Ärger und Scham verstummend ... Nun, genaugenommen hat er noch gar nichts gesagt oder es wurde vom Orchesterklang übertönt, so wie er aussieht, hat er eine leise Stimme. Jedenfalls hält er den Alten einen kleinen, nicht besonders gefüllten Geldbeutel als Entschädigung hin, aber die ist damit offenbar nicht zufrieden, sondern verflucht ihn oder prophezeit was, das könnte schon die erste Arie ergeben: Ja renne - renne nur zu, Satanskind - ins Kristall bald dein Fall - ins Kristall!

Was immer das bedeuten mag, wird der junge Mann von einem unwillkürlichen Grausen ergriffen und der Chor der Marktfrauen, der ihn zuerst wegen seiner Ungeschicklichkeit getadelt hat, darf ihm auch mitleidig nachsingen. Der arme junge Mann - Ei! - über das verdammte Weib! Aber der junge Mann schaut, daß er weiterkommt. Wohin? Bis beinahe ans Ende der Allee, die nach dem Linkischen Bade führt. Und damit sind wir schon in der zweiten Szene, auch musikalisch, eine Reihe festlich gekleideter Menschen nach der anderen zog herein, Musik von Blasinstrumenten ertönte von innen, und immer lauter und lauter wurde das Gewühl der lustigen Gäste.

Ohne den jungen Mann allerdings, denn der hat ja den Beutel, den er sich extra für dieses Vergnügen eingesteckt hat, dem alten, zeternden Weib überlassen. Jetzt singt er, ein lyrischer Tenor natürlich, etwas von einer halben Portion Kaffee mit Rum und einer Bouteuille Doppelbier, die er sich hat leisten wollen. Und an der Musik da drinnen hätte er sich erfreuen können und am Anblick der geputzten Mädchen. Aber nein, es sollte nicht sein, er ist einfach ein Pechvogel und gerade, wenn er sich auf etwas besonders gefreut hat, geht es schief.

Und schon haben wir ihn in der dritten Szene: Jetzt sitzt er an der Elbe. Unter einem Holunderbaum, der aus der Mauer hervorgesprossen, hat er ein freundliches Rasenplätzchen gefunden. Hier muß man allerdings anmerken, daß Holunderbäume, die volkstümliche Überlieferung weiß das, etwas recht Fragwürdiges sind. Die habens in sich, etwas Dämonisches, gar Teuflisches wird ihnen nachgesagt, und noch im Kinderreim wird derartiges angedeutet, denn die Gören, die unterm Hollerbusch sitzen, machen alle husch husch husch, und das ist bestimmt nichts ganz Harmloses.

Doch der Student Anselmus tut so, als wisse er das nicht, und stopft sich vorerst seine Pfeife. Und bläst einige Rauchwolken in die Luft, aber dann nimmt er die Pfeife aus dem Mund und führt ein Selbstgespräch. Wahr ist es doch, hebt er an, ich bin zu allem möglichen Kreuz und Elend geboren! Und wieder darf er sich über sein Ungeschick und sein daraus resultierendes Unglück auslassen.

Bis die Schlänglein erscheinen. Glissando. Vorerst neben ihm im Grase. Schon bald aber gleitets die Zweige und Blätter des Hollerbaums hinauf. Und flüstert und lispelt und es ist, als ertönten die Blüten wie aufgehangene Kristallglöckchen. Naja und das klingelt so herrlich, das klingelt so schön, da kann sich der Student Anselmus gar nicht mehr zurückhalten.

Und singt noch eine Arie. Das ist doch nur der Abendwind, singt er, der heute mit ordentlich verständlichen Worten flüstert. Und: Das ist doch nur die Abendsonne, die so in dem Holunderbusch spielt. Aber wie Abendwind, aber was Abendsonne, er wird gleich eines besseren belehrt werden. Eins der Schlänglein, die sich bis dahin schon ziemlich erotisch benehmen, allerdings auf sozusagen schwesterliche Weise, eins der Schlänglein, plötzlich ganz senza diminuitivo Schlange genannt, eine richtige Schlange also streckt ihr Köpfchen nach ihm herab und ein paar herrliche, dunkelblaue Augen blicken ihn an, aber die gehören eigentlich dem Fräulein Julia Marc, das heißt der inzwischen nach Hamburg verheirateten Frau Groepel.

Dadurch fühlt sich Anselmus elektrisiert - eigentlich wundert man sich, daß Hoffmann, der erst kurz davor seinen MAGNETISEUR beendet hat, nicht das Wort magnetisiert verwendet. Und wie er voll heißen Verlangens immer in die holdseligen Augen schaut, da ertönen stärker in lieblichen Akkorden die Kristallglocken, und funkelnde Smaragde fallen auf ihn herab und umspinnen ihn, in tausend Flämmchen um ihn her flackernd und spielend mit schimmernden Goldfäden. Und der Hollerbusch singt (Du lagst in meinem Schatten und mein Duft umfloß dich etc.) und der Abendwind singt (Ich umspielte deine Schläfe aber du verstandest mich nicht etc.) Und dann singen sogar noch die Strahlen der untergehenden Sonne, aber das letzte Wort hat, mit Sarastrobaß, der Archivarius Lindhorst, der eigentlich ein Salamander ist, und seine Töchter zur Abendstunde nach Haus ruft, da zerbrechen die Kristallglocken in schneidendem Mißton und der Student Anselmus - so schnell kann er gar nicht schauen, wie sich die drei Schlänglein Richtung Elbe davonmachen, über dem Wasser, in dem sie verschwinden, knisternde grüne Feuerspuren zurücklassend - der Student bleibt allein und sichtbar verwirrt zurück.

Da ist nun die Stelle, an der die ehrbare Bürgersfrau mit ihrer Familie erscheint. Sie erinnern sich: Der Herr ist wohl nicht recht bei Troste! sagt sie, und diese Vermutung, dieser Verdacht, ist kein Wunder. Wo kämen wir hin, wenn das unter den Studenten, aus denen, auch wenn sie bis dahin noch eine Frist haben, ordentliche, angepaßte Staatsbürger werden sollen, Schule machte? Daß sie nämlich die Stämme von Holunderbäumen umfassen und unaufhörlich in die Zweige und Blätter hineinrufen: Oh nur noch einmal, blinket und leuchtet ihr Lieblichen usw. usf.

So etwas ist den Philistern eine Torheit oder ein Ärgernis. Philister. Trotz der Gleichnamigkeit nicht mit den an der Mittelmeerküste Südpalästinas im 2. und 1. Jahrhundert vor Christus wohnhaften Volk zu verwechseln. Weiß der Kuckuck, wie sie zu ihrem Namen kommen, die Bürgerinnen und Bürger, die diese Welt ohne Höhen- oder jedenfalls ohne Tiefendimensionen sehen, hören, riechen schmecken und spüren. Wer Visionen hat, braucht einer Arzt. Die alten Philister sind an derlei Phantasielosigkeiten unschuldig.

Den Romantikern war dieser bei aller praktischen Intelligenz flachköpfige Menschenschlag jedenfalls ein Feindbild. Hoffmann natürlich auch. Über weite Passagen läß sich der GOLDNE TOPF als äußerst bissige Parodie aufs Philistertum lesen. Als Erzphilisterin erweist sich, obwohl sie, wie demonstriert wird, auch andere Talent hätte, das Fräulein Veronika Paulmann. Denn das will den Anselmus nicht als ihn selbst oder den, der er seinen Wesen nach werden kann, sondern als Hofrat.

Bei so einer Geisteshaltung wird selbst Magie nur Mittel zum materiellen Zweck. Man bzw. frau hat zwar eine Ahnung von allerlei Dimensionen der Wirklichkeit, aber man will am liebsten nur in zwei davon leben. Flach eben. Seinem eigenen Kopf entsprechend. Denn das Bewußtsein bestimmt das Sein. Und wenn es doch umgekehrt sein sollte, ist es die gleiche Scheiße.

Veronika hätte, wie gesagt, Talente, zum Beispiel ist sie medial begabt. Aber statt mit dieser Begabung ihrem Anselmus nachzufühlen, läßt sie sich von der dem Anselmus feindlichen Hexe (denn auch das ist eine Erscheinungsform des am Anfang der Geschichte von ihm umgerannten Apfelweibs) benutzen. Daß dieses Apfelweib oder diese Hexe nebenbei auch noch Veronikas Kinderfrau Liese gewesen sein könnte, ist kein Widerspruch. Die Wirklichkeit - in der ironischen Darstellung dieses Tatbestands erweist sich Hoffmann als Meister - die Wirklichkeit ist verdammt vielschichtig und die in ihr auftretenden Menschen haben verdammt viele Gesichter.

Die Hexe also. Die Veronika (nicht ohne über derer Horizont hinausreichende Interessen natürlich) dazu verhelfen möchte, den Anselmus zum sogenannten Ernst des Lebens zu bekehren. Ists dir Ernst, durch meine Kunst den Archivarius Lindhorst und die grüne Schlange zu überwinden, ists dir Ernst, den Anselmus als Hofrat deinen Mann zu nennen, so schleiche dich in der künftigen Tag- und Nachtgleiche nachts um elf Uhr hinaus aus des Vaters Hause und komme zu mir. Ich werde dann mit dir auf den Kreuzweg gehn, der unfern das Feld durchschneidet, wir bereiten das Nötige, und alles Wunderliche, was du vielleicht erblicken wirst, soll dich nicht anfechten. Und nun, Töchterchen, gute Nacht, der Papa wartet schon mit der Suppe.

Franz Fühmann, der einen wunderschönen Essay darüber geschrieben hat, zählt gerade dies zum Schauerlichen bei E. T. A. Hoffmann. Daß so eine wie das Fräulein Veronika Paulmann, die um die tiefsten Geheimnisse weiß, dennoch nur eines im Sinn hat, nämlich die nächste Stufe auf der gesellschaftlichen Rangleiter zu erklimmen und eine Frau Hofrätin zu werden. Was mich betrifft, weiß ich nicht, ob sie wirklich weiß. Sie hat gesehen und nicht gesehen, sie hat gehört und nicht gehört. Vielleicht ist das nicht schauerlich sondern nur tragikomisch.

Aber noch einmal zurück im Text. Das Fräulein Veronika hat ja den Studenten Anselmus noch gar nicht kennengelernt. Von der ehrbaren Bürgersfrau für verwirrt und von ihrem durchaus wohlwollenden Mann ("das kann jedem einmal passieren") für betrunken gehalten, will der eigentlich auf schnellstem Weg nach Hause. Er läuft aber, noch an der Elbe, seinem Freund, dem Konrektor Paul über den Weg. Und der lädt ihn ein, mit ihm und seinen zwei Töchtern (Veronika und Fränzchen) über die Elbe zu gondeln.

Während das Boot Richtung Neustadt über den Fluß fährt, wird drüben am Fluß ein Feuerwerk abgebrannt. Und nun ist es an der Zeit, daß wir uns wieder an die Situation erinnern, in welcher DER GOLDNE TOPF entstanden ist. Hier habe ich nun alles erlebt, schreibt Hoffmann am 1.12., also knapp einen Monat nach dem tatsächlichen Beginn der Niederschrift, was man in der nächsten Nähe des Krieges erleben kann. Im Goldnen Topf gibt es topographisch und zeitlich sehr genau fixierbare Details - aber der Krieg bleibt ausgespart.

Nun könnte man das als Eskapismus bezeichnen. Und damit die Ironie, und damit die Poesie und damit am Ende alle nicht platt realistische Literatur überhaupt. Anderseits: Ist der Goldne Topf, vor diesem Hintergrund betrachtet, nicht ein einziger, großer Widerspruch? Und ist die Gegenwirklichkeit, die er aufbaut, der, wenn auch durch Ironie wie durch die mehrfach zitierten Kristalle gebrochene, Hoffnungs-Schimmer, daß die sogenannte Realität kein lückenloses, kein auswegloses System sei, nicht unter gerade diesem Aspekt ebenso berührend wie durchaus realistisch betrachtet: überlebensnotwendig?

Das ist eine Frage. Keine Antwort. Wenn man halbwegs ehrlich zu sein versucht, hat man nicht viele Antworten. Man kann den Fragen nur nachgehen, über sie nachdenken. Sich selbst auf der Spur. Oder jemandem anderen auf der Spur. Naja, das wissen Sie schon. Für mich ist lesen und schreiben nach wie vor eine Form solchen Nachgehens und Nachdenkens.

E. T. A. Hoffmann nachgehend und nachdenkend habe ich vor einigen Jahren ein Buch geschrieben. Hoffmanns Erzählungen, Aufzeichnungen eines verwirrten Germanisten hat es geheißen und ist inzwischen vergriffen. Ich bin nicht ganz unfroh darüber, manche Passagen darin würde ich heute anders schreiben und werde, als fleißiger Überarbeiter meiner eigenen Werke, vermutlich noch einmal darauf zurückkommen. Ein Kernstück werde ich aber wahrscheinlich so stehen lassen wie es da steht, und dieses Kernstück war der Versuch, den GOLDNEN TOPF und das Tagebuch, in dem Hoffmann ohne jede literarische Stilisierung auf die Dresdner Ereignisse vom Frühjahr und Sommer 1813 eingeht, in Form einer Montage zusammen zu bringen.

Nun ist die Montage eine Form, eine Methode, eine Technik, durch die sich Ironie meines Erachtens besonders gut realisieren läßt. In diesem Fall geschieht durch ihre Anwendung vielleicht sogar so etwas wie Aufhebung von Ironie. Ironie der Ironie? In seiner REDE ÜBER DIE UNVERSTÄNDLICHKEIT erwägt Friedrich Schlegel eine nicht unerhebliche Zahl diesbezüglicher Möglichkeiten. Womöglich demonstriert diese Passage aus meinem Hoffmannbuch auch eine.



Am Himmelfahrtstage, nachmittags um drei Uhr, rannte ein junger Mensch in Dresden durchs Schwarze Tor und geradezu in einen Korb mit Äpfeln und Kuchen hinein, die ein altes, häßliches Weib feilbot. Schon seit der Feier des NAPOLEONFESTES am 10. waren täglich Truppen und Geschütze herausgegangen. Heute verließ der Kaiser mit den Garden die Stadt und zog fort auf der Straße nach Schlesien. Auf das Zetergeschrei, das die Alte erhob, verließen die Gevatterinnen ihre Kuchen- und Branntweintische, umringten den jungen Menschen und schimpften mit pöbelhaftem Ungestüm auf ihn ein. Es sollen sich Preußen und Russen der Stadt nähern (sagte Anselmus). Die gellende, krächzende Stimme des Weibes hatte etwas Entsetzliches, sodaß die Spaziergänger verwundert stillstanden und das Lachen, das sich erst verbreitet, mit einemmal verstummte. Gänzliche Totenstille. Der Student Anselmus fühlte sich von einem unwillkürlichen Grausen ergriffen. Gänzliche Totenstille. Eine zahllose Menge Verwundeter wurden auf Wagen und Schubkarren hereingeführt, einer von ihnen trug ein Gesicht ohne Augen.



Als der Student schon das Ende der Allee erreicht, die nach dem Linkischen Bade führt, wollte ihm beinahe der Atem ausgehen. Kanonen, Pulverwagen wurden im Galopp zu den Toren hinausgeführt - immerwährendes Schießen; das Schwarze Tor war offen, und ich (Hoffmann) eilte nach dem Linkischen Bade, wo man die französischen und feindlichen Batterien von Pirna ganz deutlich arbeiten sehen konnte. Wir hatten am Vortag übrigens schon hereinziehen müssen vom Sand auf die Moritzstraße, der Sicherheit wegen. Trotz allem. Die "Iphigenie auf Tauris" war über die Bühne gegangen. Trotz allem ein Erfolg.

Anselmus aber geriet mir indes an die Elbe. Unter einem Holunderbaume, der aus der Mauer hervorgesprossen, fand er ein freundliches Rasenplätzchen; da setzte er sich hin und stopfte seine Pfeife von dem Sanitätsknaster, den ihm sein Freund, der Konrektor Paulmann, geschenkt. Dicht vor ihm plätscherten und rauschten die goldgelben Wellen des schönen Elbstroms, hinter demselben streckte das herrliche Dresden kühn und stolz seine lichten Türme empor in den duftigen Himmelsgrund. Der sich hinabsenkte. Auf die blutigen Wiesen. Und aus tiefer Dämmerung. Gaben die zackichten Gebirge. Kunde.

Am nächsten Vormittag alles ganz still, ich schrieb. Am Nachmittag hörte man tiraillieren; ich ging mit dem Schauspieler Keller zum Pirnaer Schlage hinaus, der geöffnet war, und so weit, daß die Linie der französischen Triailleurs nur 50 Schritt von uns stand. 300 Schritt weiter ritten einzelne Kosaken ganz ruhig hin und her und nahmen gar keine Notiz von dem Plänkern der Franzosen. Ich sah, wie einer abstieg und den Gurt des Pferdes fester schnallte, plötzlich brachen ... Der Herr ist wohl nicht recht bei Troste, sagte eine ehrbare Bürgersfrau, die, vom Spaziergange mit der Familie heimkehrend, stillstand, und mit übereinandergeschlagenen Armen dem Studenten Anselmus zusah. Der hatte nämlich den Stamm des Holunderbaumes umfaßt und rief unaufhörlich in die Zweige und Blätter hinein. Viele Franzosen fielen tot um und andere kamen blutig und schreiend zurück. O nur noch einmal blinket und leuchtet, ihr lieblichen goldnen Schlänglein! Nur noch einmal. Blicket mich an. Ihr holdseligen blauen Augen. Nur noch einmal. Ich muß. Ja sonst vergehen in Schmerz. Und heißer Sehnsucht ... Da die Kugeln bis dicht vor den Schlag niederfielen, hielten wir es für ratsam, mit vieler Schnelligkeit durch das Wilsdruffer Tor und zu Hause zu eilen. Die Nacht hat dann dem Gefecht (dem ersten, das ich so in der Nähe angesehen) ein Ende gemacht.



Frühmorgens um 7 wurde ich durch den Donner der Kanonen geweckt. Ich eilte sogleich auf den Boden des Nebenhauses und sah, wie die Franzosen in geringer Entfernung von den Schanzen mehrere Batterien aufgestellt hatten, die mit feindlichen Batterien, welche am Fuße der Berge standen, auf das Heftigste engagiert waren. Mit Hülfe eines sehr guten Glases konnte ich deutlich bemerken, daß sehr starke russische und österreichische Kolonnen (an den weißen Uniformen sehr kenntlich) sich von den Bergen herab bewegten. Als sie nun über den Strom fuhren, begab es sich, daß auf dem jenseitigen Ufer bei dem Antonschen Garten ein Feuerwerk abgebrannt wurde. Prasselnd und zischend fuhren die Raketen in die Höhe, und die leuchtenden Sterne zersprangen in den Lüften. Tausend knisternde Strahlen und Flammen um sich sprühend; der Student Anselmus saß in sich gekehrt. Eine Batterie nach der anderen rückte näher, die Franzosen retirierten bis an die Schanzen, und nun wurde sogar von den Stadtwällen aus mit grobem Geschütz gefeuert. Der Kanonendonner wurde so heftig, daß die Erde bebte und die Fenster zitterten.

- Wie ist Ihnen, Herr Anselmus? - Ach lieber Herr Konrektor! - Wie ist Ihnen, Herr Anselmus? - Ach lieber Herr Konrektor, wenn Sie wüßten! - Um 11 Uhr kam der Kaiser auf einem kleinen, falben Pferde über die Brücke geritten; es war eine dumpfe Stille im Volk. Er warf den Kopf hin und her und hatte ein gewisses Wesen, das ich noch nie an ihm bemerkte.



- Ei, ei, Herr Anselmus! - Ich mußte fort, weil der Brühlsche Garten besetzt wurde. - Ei, ei, Herr Anselmus! Und ging wieder auf mein Observatorium. Zwischen 4 und 5 donnerten die Kanonen am heftigsten, Schlag a Schlag, man konnte die Kugeln sausen hören. - Ei, ei, Herr Anselmus. Ich habe Sie immer für einen soliden jungen Mann gehalten. Ich bemerkte es zuerst, man wollte mirs aber nicht glauben. Gleich darauf stürzte in ein Entfernung von höchstens 25 Schritt eine Feuermauer von einer Kugel getroffen, ein. Wir gingen herab, da unser Aufenthalt oben jetzt lebensgefährlich wurde. Ebe wollte ich in meine Haustür treten, als zischend und prasselnd über meinen Kopf eine Granate wegfuhr und nur 15 Schritt weiter, vor der Wohnung des Generals Gouvions Saint-Cyr, zwischen vier gefüllten Pulverwagen, die eben zur Abfahrt bereit standen, niederfiel und sprang, so daß die Pferde, sich bäumend, Reißaus nahmen. - Wenigstens dreißig Personen standen daneben auf der Gasse, und außer dem, daß die Pulverwagen verschont blieben, deren Explosion das ganze Stadtviertel vernichtet hätten, wurde kein Mensch, kein Pferd beschädigt. Es ist unbegreiflich, wo die Stücke der Granate geblieben sind, da unserem Hause nur ein ganz unbeträchtliches gefunden wurde, welches die Fensterladen des unteren Stocks zerschlagen hatte und in ein unbewohntes Zimmer gefallen war. Wenige Minuten darauf kam eine zweite Granate, riß ein Stück vom Dach des gegenüberstehenden Cagiorischen Hauses weg und drückte drei Fenster der Mezzane zusammen, daß das Holz und die Ziegelsteine prasselnd auf die Gasse stürzten. Bald darauf fiel eine dritte in der Nebengasse in ein Haus, und es wurde mir klar, daß die Batterie gerade auf unser Stadtviertel spielte. Alle Bewohner des Hauses - Frauen, Männer, Kinder - versammelten sich auf der gewölbten, steinernen Treppe des erste Stocks, die aus der Richtung der Fenster lag. Da gab es bei jeder Explosion der jetzt häufiger, doch in größerer Entfernung hineinfallenden Granaten ein Jammern und Wehklagen! - Nicht einmal ein Tropfen Wein oder Rum zur Herzstärkung - ein verdammter, ängstlicher Aufenthalt. Aber lieber Vater, sagte da Paulmanns älteste Tochter Veronika, ein recht hübsches blühendes Mädchen von sechzehn Jahren: Es muß dem Herrn Anselmus doch was besonderes begegnet sein.

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Zweite Vorlesung

RABAN SPANNTE SCHNELL SEIN SCHIRMTUCH AUF UND NAHM SEINEN KOFFER IN DIE HAND. Assoziationen zu Franz Kafkas "Hochzeitsvorbereitungen auf dem Lande"
Erzählt wird von einem, der in der Toreinfahrt steht. Er ist durch den Flurgang gekommen. Er sieht, wie es regnet. Vom Koffer und vom Schirm, den er dabei hat, ist vorläufig keine Rede. Aber sie passen zu ihm. Würden sie ein paar Absätze später nicht tatsächlich erwähnt, man müßte sie dazu erfinden.

Dieser junge Mann, Raban heißt er, will weg, jedenfalls ist seine Position eine Startposition. Aber es dauert fast drei Seiten, bis er sich zum ersten Schritt entschließt. Erinnern wir uns an den Studenten Anselmus und sein irres Tempo. Am Beginn dieser Geschichte haben wir die ganz gegenteilige Tendenz.

Ein Stehenbleiben. Ein Zögern. Noch vor dem Aufbruch. Soll er oder soll er nicht? Ist es besser, eine derart riskante Reise mit dem linken oder mit dem rechten Fuß zu beginnen? Die Geschichte, von der es nur anderthalb Kapitel zu achtzehneinhalb Seiten gibt, heißt merkwürdigerweise HOCHZEITSVORBEREITUNGEN AUF DEM LANDE. Heirate und du wirst es bereuen, heirate nicht und du wirst es bereuen, heirate oder heirate nicht, du wirst es bereuen.

Dieser junge Mann, Raban heißt er oder nennt er sich, schaut aus der Toreinfahrt in die Welt. Seine Position erinnert an die eines Einsiedlerkrebses. Was schützt seinen Hinterleib? Ein Bureaugebäude? Oder das Elternhaus? Hinterrücks ist er nicht nur geschützt, sondern auch verletzbar.

Vorn fängt die Welt an, in der es natürlich regnet. Zwar regnet es ausdrücklich wenig, aber das reicht schon. Hinterrücks ist der junge Mann verletzbar, aber vorn ist er gefährdet. Es soll Tropfen geben, die einen unversehens erschlagen.

Er bleibt also vorläufig lieber stehen und schaut. Vor ihm gibt es viele Menschen mit verschiedenartigem Schritt. Manchmal tritt einer vor und durchquert die Fahrbahn. Das Wort durchquert: Als ob die Fahrbahn ein Fluß wäre.

Er bleibt also vorläufig lieber stehen und sieht. Zwei Herren, die einander Mitteilungen machen, der eine mit nach oben gekehrten Handflächen gestikulierend, als halte er eine Last in Schwebe. Eine Dame mit überladenem Hut, einen jungen Herrn mit dünnem, eiligen Stock. Sie mit einer vor Fremdheit unter den anderen Passanten leicht flimmernden Gesicht, er eine Hand platt am Herz, als wäre sie gelähmt.

Nicht zu vergessen das kleine Mädchen mit dem müden Hündchen in den vorgestreckten Armen. Einige Schritte weiter ein kleines Mädchen von sieben oder acht Jahren, das ihn mit großen, ruhig auf ihn gerichteten Augen ernsthaft musterte. Er lächelte verhalten, aber das Kind gab sich keine Mühe, ihm zu danken. Erst nach mehreren Sekunden sah er den Blick des Kindes nach dem Knäuel gleiten, den er in Brusthöhe in der Hand hielt.

Wie das? Hat sich Raban nach einem Knäuel gebückt? Genaugenommen handelt es sich um keinen Knäuel, sondern um eine in Form einer Acht oder eines Unendlichkeitszeichens aufgerollte Hanfschnur. In vortrefflichem Zustand. Mit einigen zusätzlichen Windungen in der Mitte zusammengeschnürt. Aber natürlich haben sie gleich bemerkt, daß es sich bei dem jungen Mann, der sich nach dieser schönen Hanfschnur gebückt hat, nicht um Raban handelt.

Zwar könnte Raban durchaus Matthias heißen. Aber tatsächlich heißt er Eduard, jedenfalls nennt ihn ein paar Seiten weiter ein gewisser Lement so. Matthias ist ein anderer. Er gehört in eine andere Geschichte und hat hier nichts zu suchen. Für gewöhnlich wird Raban eher mit einem gewissen Frederic Moreau assoziiert.

Oder genaugenommen, die fragmentarische Geschichte, durch die er sich bewegt oder bewegt wird, diese fragmentarische Geschichte wird mit einer anderen Geschichte assoziiert. Einer keineswegs fragmentarischen sondern in sich sehr vollendeten, sie heißt EDUCATION SENTIMENTALE. Die Education Sentimentale, schreibt Kafka an seine Verlobte Felice, die er allerdings erst im Jahr 1912 kennenlernt, ist ein Buch, das mir durch viele Jahre nahgestanden ist, wie kaum zwei oder drei Menschen (...). Ich habe mich immer als geistiges Kind dieses Schriftstellers (nämlich Flauberts) gefühlt, wenn auch als armes und unbeholfenes.

Mit diesem Satz lassen sich Querverbindungen zwischen Kafka und Flaubert legitimieren. Und tatsächlich scheint es so, als würden bestimmte deskriptive Details in den Hochzeitsvorbereitungen auf Passagen in der Education zurückgehen. Solche Querverbindungen lassen sich allerdings auch zwischen der Education und einem Buch mit dem hübschen Namen LE VOYEUR herstellen. Deutschsprachigen Lesern ist er wahrscheinlich eher unter dem deutschen Titel DER AUGENZEUGE bekannt.

Am Beginn des Romans von Flaubert fährt einer weg, am Beginn des Romans von Robbe Grillet kommt einer an. Beide auf Schiffen, der eine allerdings auf der Seine, der andere auf dem Meer. Der Schornstein stieß mit einem langsamen und gleichmäßigen Keuchen einen Helmbusch schwarzen Rauchs hervor. Tröpfchen von Tau rieselten am Kupfer nieder. Das Deck bebte unter der schwachen Erschütterung im Inneren, und die beiden Räder peitschten in hastenden Umdrehungen das Wasser. Die Sirene gab ein zweites, anhaltendes Heulen von sich, dem drei Stöße von ohrenbetäubender Gewalt folgten. Aber von einer Gewalt, die sich gegen nichts richtete, die erfolglos verpuffte. Wie schon beim ersten Mal, so gab es auch jetzt weder einen Ausruf noch ein Zurückweichen. Auf den Gesichtern hatte sich keine Miene verzogen usw. Haben Sie etwas bemerkt? Zwei Sätze waren von Flaubert, vier von Robbe Grillet. Man könnte dieses Montagespiel noch eine Weile fortsetzen. Der junge Mann stand an der Reling und kotzte, dieser Satz ist von mir. Aus einem der ersten Entwürfe zum WUNSCH, INDIANER ZU WERDEN, später habe ich ihn in den Konjunktiv transponiert.

Er würde sehr schmal an der Reling stehen und kotzen. Der ältere Herr und die Dame würden sich ihm von achtern nähern. Der Wind würde wehen, die Wellen würden wogen, die Möwen würden lachen. Eine Sirene stieße einen klagenden Ton in den Abend.

Nein, so weit sind wir noch nicht. Dieser junge Mann steht noch vor der Toreinfahrt der Prager Arbeiter-Unfall-Versicherung. Das heißt: Falls es dieser junge Mann ist und falls es sich um die Toreinfahrt der Arbeiter-Unfall-Versicherung handelt. Er nennt sich Raban. Aber womöglich ist dieser Name sozusagen ein Deckname für Kafka. Kavka mit v ist das tschechische Wort für Dohle, die Dohle hat Kafkas Vater als Firmenzeichen verwendet.

Es könnte sich auch um die Toreinfahrt der Assicurazioni Generali handeln. Ich glaube nicht fehlzugehen, schreibt Max Brod, wenn ich die Abfassungszeit des Fragments auf 1907, die begonnenen Reinschriften auf 1908 ansetze. 1907 hat Kafka bei den Assicurazioni Generali zu arbeiten begonnen, zur Unfallversicherung wechselt er dann 1908, und zwar im Juli. Anfang September wird er für diese Gesellschaft seine erste Dienstreise antreten.

Das Gebäude der Assicurazioni Generali befindet sich auf dem Wenzelsplatz, das der Arbeiter-Unfall-Versicherung in einer Straße namens Na Pořiči. Den Wenzelsplatz kennt man als breit, Na Pořiči kann man auch nicht gerade als enge Gasse bezeichnen. Einige Leute, schreibt Kafka, kamen rasch auf das Haustor zu, auf dem trockenen Mosaik blieben sie stehen, drehten sich langsam um und schauten in den Regen, der eingezwängt in diese enge Gasse verworren fiel. Vielleicht hat die Toreinfahrt, in der Raban steht, auch etwas vom Tor des Hauses in der Zeltnergasse, in der die Familie Kafka lange Zeit gewohnt hat.

Vermutlich befindet sich die enge Gasse, von der die Rede ist, vor allem in Kafkas Kopf. Wahrscheinlich gibt es in Kafkas Kopf eine Menge enger Gassen. Was mich betrifft, so habe ich mir bei meiner Arbeit am Wunsch, Indianer zu werden, trotzdem Na Pořiči mit dem Tor der Arbeiter-Unfall-Versicherung vorgestellt. Anfang September 1908. Kafka steht am Start zu seiner ersten Dienstreise.

Vielleicht könnte man ein Kafka-Spiel entwerfen, etwa nach dem Muster eines Mensch-ärgere-dich-nicht-Spiels. Nur, wenn er sechs würfelt, darf der Protagonist sich in Bewegung setzen. Das Muster des Katzenkopfpflasters gleich vor ihm. Mehrere Wellen konzentrischer Halbkreise, die einander auf schwer durchschaubare Weise überlagerten.

Ich habe das einige Dutzend Mal fotografiert. Gleich neben der Arbeiter-Unfall-Versicherung gibt es das Hotel Atlantik, dort habe ich mich einquartiert. Die Versuchung, in die Bilder hineinzufallen und nicht mehr herauszufinden. In den Fugen zwischen den Pflastersteinen: Zwei Zigarettenstummel, eine Bureauklammer.

Wahrscheinlich ist mir damals die Nähe zwischen den Hochzeitsvorbereitungen und dem Nouveau Roman aufgefallen. Vielleicht sollte ich es vorsichtshalber so sagen: Gewisse Passagen lassen sich an wie die eines Nouveau Roman. Durch die Lücken zwischen den Vorübergehenden sah man die regelmäßig gefügten Steine der Fahrbahn. Da wurden Wagen auf zarten, hohen Rädern von Pferden mit gestreckten Hälsen gezogen; die Leute, welche auf den gepolsterten Sitzen lehnten, sahen schweigend die Fußgänger an, die Läden, die Balkone und den Himmel.

Raban fühlte sich müde. Seine Lippen waren blaß wie das ausgebleichte Rot seiner dicken Krawatte, die ein maurisches Muster zeigte. Die Dame bei dem Türstein drüben, die bis jetzt ihre Schuhe angesehen hatte, die unter dem enggehaltenen Rock ganz sichtbar waren, sah jetzt auf ihn. Sie tat es gleichgültig, und außerdem sah sie vielleicht nur auf den Regenfall vor ihm oder auf die kleinen Firmenschildchen, die über seinem Haar an der Tür befestigt waren. Raban glaubte, sie schaue verwundert. Also, dachte er, wenn ich es ihr erzählen könnte ...

Zum Beispiel etwas von Ausbruchstendenzen aus Prag. Zu den Assicurazioni Generali war Kafka vor allem gegangen, weil er bei dieser Versicherungsanstalt mit ihren internationalen Verbindungen auf eine baldige Versetzung ins Ausland hoffte. Die Hoffnung, Minarette oder mohammedanische Friedhöfe wenigstens von seinem Bureaufenster aus zu sehen. Aber Prag ließ ihn nicht los: Dieses Mütterchen hat Krallen, schrieb er an Max Brod.

Trotzdem. In seinen Briefen bis 1908 ist immer wieder davon die Rede. Die Ausbruchstendenzen aus Prag waren natürlich auch Ausbruchstendenzen aus der Familie. Kafka, der sich ewig darüber beschwert, daß ihn seine Familie in keiner Hinsicht versteht und in jeder Hinsicht stört. Und der es trotzdem nicht schafft, einfach auszuziehen und sich von dieser Familie zu emanzipieren.

Wie er es aber: beinahe: einmal geschafft hatte. Damals, als er sich endgültig entschlossen zu haben schien, am Abend zu Hause zu bleiben. Als er den Hausrock angezogen hatte und nach dem Abendessen noch beim beleuchteten Tisch saß. Und am familiären Kartenspiel teilnahm, obwohl er fürs Kartenspiel nie etwas übrig gehabt hatte.

Damals also. Als draußen unfreundliches Wetter war. Was das Zuhausebleiben fast selbstverständlich machte. Und schließlich hatte er jetzt schon so lange bei Tisch stillgehalten. Zumindest über dem Tisch - unter dem Tisch, da zappelten die Beine.

Schon als Kind hatte er diese Beine kaum ruhig halten können. Zu Hause, in der Schule, in der Synagoge, auf Verwandtenbesuch, im Theater. Zappelphilipp, hatte ihn seine Mutter scherzhaft genannt. Aber sein Vater hatte wenig Sinn für solche Scherze: Was ist, mußt du aufs Klo? An jenem Abend also beim Kartenspiel. Nach dessen Beendigung man für gewöhnlich zu Bett ging. Der König, die Dame, der Vater, die Mutter, der Bub. Nicht zu vergessen die Schwestern, alle drei weiblichen Geschlechts.

Ihr Zimmer neben dem seinen. Das Rascheln ihrer Kleider. Wie dünn doch die Wände waren! Ihr Tuscheln, ihr Kichern! Seine Vorstellung davon, was sie vor dem Einschlafen noch trieben. Wie soll man da schreiben? Wie soll man da konzentriert arbeiten?

Untertags war es unmöglich, da war sein Zimmer ohnehin das Zentrum des Lärms. Alle Türen hörte er schlagen, alle Schritte hörte er gehen, alle Stimmen hörte er sprechen. Hatte es überhaupt Sinn, daß er jetzt früher vom Bureau kam? Aber des Nachts, wenigstens des Nachts hätte man eine gewisse Rücksicht erwarten können!

Nichts da. Seine Bedürfnisse werden einfach nicht ernst genommen. Wahrscheinlich wurden sie nicht einmal wahrgenommen. Auch nicht von seinen Schwestern. Nicht einmal von seiner Lieblingsschwester Ottla. Aber der Zeitpunkt würde kommen, zu dem es ihm endgültig reichen würde.

An jenem Abend, als man es kaum mehr erwartet hatte -:

Wie er da aufgestanden war mit einem plötzlichen Unbehagen, da plötzlich zu nennen den wahren Sachverhalt nicht trifft. Er hatte den Rock gewechselt, war sofort straßenmäßig angezogen erschienen, hatte noch weggehen zu müssen erklärt. Und war wirklich gegangen, nach sehr kurzem Abschied, die Wohnungstür hinter sich beinahe zuschlagend.

Und dann? Hatte die Mutter stumm um den ganzen Tisch herum geblickt? Hatte der Vater die Gelegenheit ergriffen, eine seiner beliebten Reden zu halten? Und diesen mißratenen Sohn, dessen Benehmen ihm schon die längste Zeit mißfiel? Er wußte es nicht. Er hatte nichts mehr davon wissen wollen.

Er hatte sich erst auf der Straße wiedergefunden. Ans Treppenhaus (mutmaßlich dunkel), ans Haustor (sicher schon abgesperrt) keinerlei Erinnerung. Wie seine Glieder die schon unerwartete Freiheit, die er ihnen verschafft hatte, mit besonderer Beweglichkeit beantworteten. Sollte er hinunter ans Flußufer oder über die Brücke, alles war plötzlich möglich.

Auch zum Bahnhof zu gehen und abzufahren. Wann fährt der nächste Zug, wohin, ganz egal, Hauptsache weg, den nehme ich. Wie er aber schließlich in einer Gasse, in der ihn mehrere Frauen angesprochen hatten, auf Max gestoßen war. Der hatte ihn mit zu sich genommen, und sie hatten bis in die Morgendämmerung hinein geredet; um halb acht war er dann von dort ins Bureau gegangen.

Das war eine Stelle aus meinem WUNSCH, INDIANER ZU WERDEN, bezugnehmend auf den frühen Kafka-Text DER PLÖTZLICHE SPAZIERGANG. Die kleine Kurzprosasuite BETRACHTUNG, zu der er gehört, wurde zum ersten Mal veröffentlicht in Nr. 1 der von Franz Blei und Karl Sternheim herausgegebenen Zeitschrift Hyperion, im Jänner/Februar 1908. Sie sehen, da paßt einiges. Der Zappelphilipp paßt übrigens auch, finden Sie nicht? Ironie, so die Definition, die wir in der ersten Vorlesung gefunden haben, ist das Nebeneinander oder Vis à Vis des nur scheinbar Unvereinbaren.

Und wenn wir schon dabei sind, scheinbar Unvereinbares nebeneinander oder einander Vis à Vis zu stellen -: Mir fällt, wenn ich diese Passage lese, sofort ein Text ein, den ich einige Jahre früher geschrieben habe. In ihr geht es ebenfalls um die Familienproblematik eines renitenten Sohns. Sein Vater dürfte nicht viel weniger überwölbend sein als der alte Kafka.

Ich bin nicht Morrison, sagte er, lassen Sie sich das gesagt sein. Jede Ähnlichkeit mit noch lebenden oder längst verstorbenen Personen wäre rein zufällig.

An einem Ort wie diesem ist man, um nicht mehr zu sein, was man zufällig war.

No more Morrison. Nevermore Morrison. Morrison nevermore.

Wer sind Sie überhaupt, was wollen Sie von mir, was haben Sie hier zu suchen?

Warum spüren Sie mir nach, wer hat Sie geschickt, wie haben Sie mich gefunden?

Zufällig, sagen Sie? Ganz einfach, sagen Sie? Und gesucht haben Sie mich gar nicht?

Fuck! Das muß mir passieren! Ich bin halt doch ein looser.

Sein Vater hingegen: ein winner. Auch über den Sohn.

It is one of the great ironies of rock & roll history that, following Jim's death and the death of his wife Pamela two years later, control of the Morrison estate and any DOORS-relatet properties revertet back to his father, a man with whom, weakly expressed, the son never harmonized.

Porträt vor der Flagge. Vier Zeilen Orden an der Brust. Rear Admiral Steve Morrison.

After a history-making cruise into the Indian Ocean in a show of strength, and Participation in the Gulf of Tonkin incident off Vietnam, Captain Morrison held his final officers push-up contest on the BONHOMME RICHARD (he always won).

Übergab also das Steuerruder an seinen Nachfolger, der ehrgeizige Käptn, packte seinen Seesack und war mit dem Kopf schon wieder woanders. In London nämlich, wo er dem Oberkommando der US-Marinestreitkräfte in Europa zugeteilt war - eine weitere Etappe auf sein Weg nach möglichst weit oben. Zuvor jedoch tat er noch einen kurzen Sprung nach Hause, wo war das gerade, ach ja, Coronade an der Westküste, zu einer Weihnachtsfeier im Kreis seiner Lieben. Stimmt, sagte M., das war Weihnachten 1964, sie sangen Jingle Bells, White Christmas und Rudolf The Rednosed Reindeer, ich schwieg, ich verweigerte mich, ich ließ einen andächtigen Furz, und das war, halleluja, das letzte Mal, daß ich meinen Alten gesehen habe.

Ein Weihnachtsgedicht: Familiale (von Jacques Prévert).

La mère fait du tricot / Le père fait la guerre.

Oder ist es der Sohn, der Krieg macht: Jedenfalls findet sie das ganz in Ordnung, die Mutter.
Wenn es der Sohn ist, der Krieg macht, macht der Vater Geschäfte.
Aber wenn es der Vater ist, der Krieg macht - was zum Henker macht der Sohn?

Le fils est tué et ne continue pas.

(Seine Aussprache des Französischen, immer noch gräßlich.)

Der Sohn wird getötet und macht nicht weiter. So einfach ist das.

Schrieb Petra. Il ne continue pas, wiederholte er. Alles nur nicht so weitermachen.

Generation ist Reproduktion. Entsetzliche Vorstellung!

Father!

Yes, son?

Ich will nicht so werden, wie du geworden bist.

Aber deswegen brauchte er nicht gleich zu sterben, damit konnte er sich noch runde sieben Jahre Zeit lassen.

Obwohl es manchmal den Anschein hat, daß er drauf aus war.

Self-destructive, schreiben die Rock-Chronisten.

Gewiß nicht drauf aus war er allerdings, ausgerechnet in Vietnam ins napalmverbrannte Gras zu beißen.

Für Vaters Vaterland. Auf dem Feld einer sehr zweifelhaften Ehre.

Da schon lieber das gute, angeblich unverschnittene Gras rauchen, das am Strand von Venice angeboten wurde dem Vernehmen nach.

Dem Vernehmen nach gab es ein Leben vor dem Tod, und das wollte er bis zur Neige auskosten.

Bis zur Neige. Das ging recht flott. Er war ein rascher Trinker.

Und die Mädchen sollten dort auch recht entgegenkommend sein und L.A. war auch sonst eine Stadt von spezifischem Magnetismus, man erwartete dort nicht von ungefähr gewaltige Vibrations.

Also nichts wie hin und an der U.C.L.A. inskribiert und warum bitte nicht Kinematographie?

Kinematrographie, das klingt wie Pornographie, so Morrison senior, dieses Laster werde ich nicht finanzieren.

War diese Wahl (Jims Emanzipationsversuch?) ein Zufall?

Film verleiht eine Art von falscher Ewigkeit. Die Anziehungskraft des Kinos liegt in der Angst vor dem Tod.

Die Anziehungskraft der Literatur wahrscheinlich auch. Sagen Sie nicht, das hat nichts mit Ironie zu tun.

Ironie, auch das ist ein Definitionsversuch, besteht in einer ästhetischen, in einer produktiven Haltung gegen den Tod. Was anderseits, erinnern wir uns an Sokrates, eine lebenslange Auseinandersetzung mit dem Tod voraussetzt.

In diesem Punkt fällt Literatur, fällt Film, fällt jede sog. künstlerische Beschäftigung fast mit Ironie zusammen. Sie kann gar nicht anders betrieben werden, als im Grund genommen ironisch. Glauben Sie nicht, lasse ich den jungen Kafka in meinem Wunsch, Indianer werden zum alten May sagen, daß ich das Leben nur tragisch finde. Jedenfalls finde ich gerade das Tragische daran manchmal ausgesprochen komisch.

Das sagt er am Ende des ersten Kapitels, in dessen Verlauf ich einige Male auf die Startposition aus den Hochzeitsvorbereitungen zurückblende. In der er immer wieder unter dem Torbogen steht. Draußen glänzte nun alles, doch der Staub an der Innenseite der Wülste und Kehlen über den Plinthen blieb. Auf dem trockenen Mosaik neben ihm hatten sich inzwischen einige Passanten angesammelt.

Wenn er den Kopf in den Nacken kippte, sah er die Füße der Engel, die auf dem Architrav saßen. Obwohl sie den Erdboden nie berührt hatten, waren ihre Sohlen schwarz. Diese Feststellung amüsierte ihn. Aber er konnte nicht lang in die Höhe schauen, ohne vom Regen, der dann verwirrend auf ihn zu fiel, schwindlig zu werden.

Wie er den Kopf und den Blick also wieder gesenkt hatte. Wie das Wasser an der Fahrbahnkante in glasigen Streifen nach den tiefer gelegenen Kanälen floß. Übers grau reflektierende Straßenpflaster ließen sich Leute in schwarzen Kutschen vorbeiziehen. Wenn er noch eine Weile so stehen blieb, würde er seinen Zug versäumen.

Eben. Man kann nicht einfach in der Toreinfahrt, welcher immer, stehen bleiben und die Welt an sich vorbeiziehen lassen wie einen Film im kinematographischen Theater. Seinen Zug versäumt der Protagonist nicht, auch nicht in seiner Verkleidung als Raban im Originaltext. Obwohl ihm - endlich zum Bahnhof unterwegs - eine anscheinend immer noch erleichternde Möglichkeit in den Sinn kommt. Wenn ich doch wenigstens, dachte Raban, in einen falschen Zug einsteigen würde.

Dort, wo er hin soll, will er merklich nicht hin. Auf dem Land, das ihn sowieso nicht sehr zu reizen scheint, erwartet ihn, das stellt sich im weiteren Verlauf des Textes heraus, seine Braut. Wie gebückt sie ist, dachte Raban, niemals ist sie eigentlich aufrecht und vielleicht ist ihr Rücken rund. Ich werde viel darauf achten müssen. Und ihr Mund ist so breit und die Unterlippe ragt ohne Zweifel vor, ja, ich erinnere mich jetzt auch daran.

Der Text, wie erwähnt, ist laut Brod 1907 oder 1908 geschrieben. Seine je zweimal Ver- und Entlobte Felice Bauer wird Kafka erst im Jahr 1912 kennenlernen. Vielleicht ist das der Grund, warum die Hochzeitsvorbereitungen auf dem Lande Fragment geblieben sind. Aber es ist erstaunlich, was er darin vorwegnimmt.

Father!

Yes son!

Ich will nicht so werden, wie du geworden bist.

Nein, dieses Problem hatten wir erst in den Jahren um '68.

Generation ist Reproduktion, entsetzliche Vorstellung!

Für Morrison waren, nebenbei erwähnt, auch die Großeltern kein Trost, bei denen er einen Teil seiner Studienzeit zubrachte.

Großvater liebte Hunderennen, aber sonst hatte er keine Laster. Großmutter rechnete es sich als ihr höchstes Verdienst an, ihn ein Leben lang vom Trinken abgehalten zu haben. Both, schreiben die Biographen, were teatotalers. Hätte er nicht ohnehin dazu tendiert, in dieser Umgebung hätte ein Typ wie Jim aus Prinzip zu trinken begonnen.

O Gott, sagte M., diese Alten konnten mich nerven. Sie kamen sich besser vor, aber sie waren genau die von Pete Seeger besungenen Bewohner jener LITTLE BOXES. Ich weiß nicht mehr, ob dieser Song damals schon publiziert war. Aber immer, wenn ich an meine Großeltern denke, fällt mir dieses Lied ein. Es war mir ein Bedürfnis, diesen Gartenzwergen meinen Fehdehandschuh in die Gipsgesichter zu schleudern. Das Leben, das sie uns vorgelebt hatten und immer noch vorlebten, ein schlechter Witz! Ein Witz, den sie ernst nahmen, über den sie nicht einmal lachen konnten. Und das Lachen verging einem auch, wenn man sich vorstellte, daß einen diese Art von Leben womöglich einholte.

Dieses Kinderheim- und Altersheimleben! Das ganze zivile Amerika ein einziges Kinder- und/oder Altersheim! Und über kurz oder lang die ganze Welt der man diesen sogenannten way of life mit imperialistischer Arroganz aufzwang. Kinder- und Altersheimimperialismus: gekennzeichnet durch einen über die ganze Welt verbreiteten Gestank nach Hygiene!

Eines Abends (vielleicht zum Erntedankfest) konnte er sich nicht mehr zurückhalten und trug seinen Großeltern seinen Lieblingstext von Artaud vor. Oma, Opa, einem inneren Drang folgend, muß ich euch ein Gedicht aufsagen. Sie legten die Köpfe schief, daß der Hirndreck sich sammelte. Das Gedicht wird euch bestimmt gefallen, es heißt: Das Streben nach Fäkalität.

Dort wo es nach Scheiße riecht,
dort riecht es nach Leben.
Der Mensch hätte durchaus nicht scheißen können,
seine anale Tasche einfach nicht öffnen,
aber er hat gewählt, zu scheißen.
Wie er gewählt hätte, zu leben,
aber er hat gewählt, zu scheißen.
Wie er gewählt hätte, zu leben,
anstatt zuzustimmen, tot zu bleiben ...

An dieser Stelle erhoben sich die Großeltern vom Konferenztisch, und die bis dahin mühsam aufrechterhaltenen diplomatischen Beziehungen zum Enkel waren so gut wie abgebrochen.

So viel oder wenig vorläufig über Morrison, ich werde in der dritten Vorlesung noch auf ihn zurückkommen. Jetzt aber zurück zu Kafkas HOCHZEITSVORBEREITUNGEN: Auf dem Weg zum Bahnhof trifft Raban einen gewissen Lement. Ach Lement, sagte er langsam und reichte einem herankommenden jungen Mann den kleinen Finger der Hand, in der er den Schirm hält. Und der? Was sagt der? -: Das also ist der Bräutigam, der zu seiner Braut fährt, er sieht schrecklich verliebt aus.

Ist er ein Zyniker? Jedenfalls scheint es einige Zeilen so, als könnte er Raban noch von der ihm ohnehin unangenehmen Reise abhalten. Du wolltest jetzt in die Elektrische steigen; gerade fährt sie weg, sagt er. Komm, wir gehen zu Fuß, ich begleite dich. Und dann reden die beiden unter anderem über die schönen Augen einer gewissen Frau Gillemann und außerdem reden sie offenbar über vier Seiten, die im Manuskript laut Anmerkung Max Brods fehlen, denn danach reden sie noch immer.

Was könnte auf diesen vier Seiten gestanden haben? Etwa das: Daß die ganze Verlobung womöglich eine Übereilung war? Vielleicht hat sich Raban von einem bedeutungsvollen Warum keine Rechenschaft gegeben. Man könnte fast sagen, von dem Aber, daß einem so bedeutenden Schritt vorangehen muß, enfin, warum heiratet man, warum, warum?

Heiratet man vielleicht, weil die Ehe eine Schule des Charakters ist? - Aber, aber, eine Verstandesreflexion macht die Ehe so wenig sittlich, daß sie sie vielmehr eigentlich unsittlich macht. Die sinnliche Liebe hat nur eine Verklärung, in der sie gleich ästhetisch, religiös und ethisch ist, das ist die Liebe. Die verständige Berechnung macht sie ebenso unästhetisch wie irreligiös, weil das Sinnliche nicht in seinem unmittelbaren Recht ist.

Usw. Es gibt Leute, die glauben, Kafka habe zu viel Kierkegaard gelesen, und womöglich haben die recht. Verfolgt man das Hin und Her um seine Verlobungen mit Felice, so könnte man annehmen, er habe sich bemüht, gewisse Passagen zum Beispiel aus ENTWEDER ODER in die Praxis umzusetzen. Ein regelrechtes Nachfolge-Kierkegaard-Spiel. Kafka und Kierkegaard. Diese Beziehung wäre wohl ausreichend für eine eigene Reihe von Vorlesungen.

Ich aber habe Kafka mit May zusammengespannt. Man könnte sagen, das war ein Versuch, ihn aus der Ausweglosigkeit der Hochzeitsvorbereitungen heraus zu holen. Kafka läßt seinen Raban, der den Zug doch noch, wenn auch mit Hängen und Bangen, erreicht, in diesem Zug einschlafen. So do I. Nur muß Kafkas Protagonist irgendwo in der böhmischen Provinz aufwachen und aussteigen, während der meine - - - Aber das können Sie, wenn es Sie interessiert, im WUNSCH, INDIANER ZU WERDEN nachlesen.



Wie um Himmels Willen kommt Franz Kafka mit Karl May zusammen? - Diese Frage kann ich nur beantworten, indem ich vorerst kläre, wie die beiden für mich zusammen kommen. Also blicke ich wieder zurück auf die Leseerfahrungen, die mich geprägt haben. Und was sehe ich da? Nach Pu dem Bären kommt Old Surehand und nach ihm eine fast endlose Reihe von Karl-May-Bänden.

Den Old Surehand habe ich im Bücherregal meines Vaters entdeckt. Alt, grünspangrün, wahrscheinlich die Fehsenfeld-Ausgabe, also die erste, Frakturschrift. Nicht leicht zu lesen für einen Sieben- und Achtjährigen. Auch Mays Englisch. Statt Mister Shatterhand habe ich immer M. R. Shatterhand gelesen.

Doch was ich entziffert hab, hat mich interessiert. Was heißt interessiert? Fasziniert hat es mich, fixiert! Wahrscheinlich geht oder ging es vielen jungen May-Lesern so, man kann das nicht erklären. Oder doch? Dem jungen Kafka in meinem Buch ist es, glaub ich, ganz gut gelungen. Weder zu Hause noch in der Schule habe er sich in seiner Eigentümlichkeit verstanden und respektiert gefühlt. Soweit er es erfahren habe, arbeite man sowohl in der Schule als auch zu Hause darauf hin, Eigentümlichkeiten erst gar nicht aufkommen zu lassen. Was hast du schon zu sagen? Was bildest du dir ein? Was glaubst du, wer du bist? Sowohl seinem Vater als auch den Professoren des K.K. Staats-Gymnasiums gegenüber sei er sich, trotz eines pubertären Wachstumsschubs, zum Verschwinden klein vorgekommen.

Gelesen habe er gern. Das war ein wichtiger Teil seiner Eigentümlichkeit. Doch wenn er abends mitten in der Lektüre einer aufregenden Geschichte gewesen sei, so sei das nie akzeptiert worden. Man habe das Schlafengehen zu einer bestimmten Zeit einfach verordnet. Habe er trotzdem weiter gelesen, so habe ihm sein Vater, ohne auch nur ein Wort an ihn zu verlieren, einfach das Gas abgedreht. Im Dunkeln liegend habe er eine ohnmächtige Wut empfunden. Aber wartet nur, habe er gedacht, ihr werdet schon sehen! Wer genau, was genau habe er nicht gewußt. Da war ihm Old Shatterhand die ideale Identifikationsfigur.

Ja? sagte Herr Burton, noch einmal Hoffnung schöpfend. Unerkannt ...

Ja?

Abwartend ...
Ja?

Den Ernst seiner Inferiorität sozusagen zum Spiel umträumend.

Ganz gezielt spielt der Held die Rolle des Greenhorns, das er einmal gewesen zu sein behauptet. Aber er und seine Leser sind sich sehr bald darüber einig, daß er schon als sogenanntes Greenhorn den meisten anderen haushoch überlegen war.

Immer wieder gönnt er sich diese raffiniert hinausgezögerte Bestätigung. Ob er nun im Wilden Westen oder (in seiner anderen Erscheinungsform als Kara Ben Nemsi) im Wilden Osten reist. Nein, wie sich die Leute einen prinzipiellen Sieger vorstellen, so sieht er nicht aus. Sie machen sich lustig über ihn, auf diverse Proben gestellt, versagt er absichtlich, seine Souveränität, an der er indessen nicht zweifelt, zeigt sich erst, wenn sie wirklich nottut.

Ja, ja, ja!

Er genießt diese Koketterie. Wer zuletzt lacht, lacht am besten - er kann es sich sogar meist ersparen, den sein überlegenes Wesen enthüllenden Namen zu nennen. Das machen dann andere - plötzlich wird einer erkennen, ehrfürchtig oder entsetzt, wer da unter ihnen weilt. Er braucht nur den Dingen ihren Lauf zu lassen - Old Shatterhands sagenhaftes Selbstbewußtsein beruht auf einer des letztendlichen Triumphes gewissen, heiteren Gelassenheit.

Das haben Sie, sagt Herr Burton, also der unter diesem Pseudonym reisende, alte Karl May, das haben sie aber schön gesagt. So schön könnte ich es nicht sagen, aber ich bin ja auch nicht Kafka. Der übrigens, wenn man diesem Buch glauben darf, erst später mit der Karl-May-Lektüre begonnen hat und daher naturgemäß reflektierter. Bei mir war es in diesem Alter mit der May-Lektüre schon wieder vorbei. Jemand hat mir erzählt, daß May all die Abenteuergeschichten, die er in der Ich-Form erzählt, gar nicht wirklich erlebt hat. Das war ein Schock für mich, nur vergleichbar mit dem, den ich einige Jahre früher erlitten habe, als mir jemand erzählt hat, es gibt kein Christkind. Ich habe also die 48 Karl-May-Bände, die ich bis dahin besessen habe, aus dem Bücherregal genommen und in ein Antiquariat getragen. Na schön, ich weiß nicht, ob es wirklich 48 waren, aber es waren ungefähr doppelt so viel, wie die, die Kafka im Alter von 13 bis 15 haben konnte. Von der legendären Fehsenfeld-Ausgabe waren bis zum für ihn in Frage kommenden Zeitpunkt erst 24 Bände erschienen. Die Bände, die ich ins Antiquariat getragen habe, waren, bis auf den anfangs erwähnten Old Surehand, nicht einmal die des Bamberger Karl-May-Verlags, sondern Lizenzausgaben des Verlags Ueberreuter. Ich habe als nicht viel dafür bekommen. Aber unter den ersten Bänden wirklicher Literatur, die ich mir für das Geld gekauft habe, war, unter dem Titel DIE VERWANDLUNG, ein Band mit Kafka-Erzählungen.

Karl May und Franz Kafka folgen also in meinen Lektüreerfahrungen fast unmittelbar aufeinander. Dann folgen viele andere. Aber auf die zwei bin ich immer wieder zurückgekomen. Was Kafka betrifft, so muß ich das Warum und Wieso nicht näher erläutern. Aber auf May, den mir vorerst nachhaltig verleideten, auf Karl May zurückgekommen bin ich auf sekundärliterarischen Umwegen, geführt von den sehr geschätzten Kollegen Arno Schmidt und Hans Wollschläger.

Arno Schmidt. Wenn, wie hier, immer wieder von Ironie die Rede ist, nicht zuletzt von Ironie als Form und Methode, wäre es ohnehin ein Versäumnis, ihn nicht erwähnen. Sein Buch SITARA ODER DER WEG DORTHIN als Sekundärliteratur zu bezeichnen, ist, nebenbei erwähnt, wahrscheinlich eine Vermessenheit. Ich halte es nicht nur für eine höchst sarkastische Abrechnung mit dem alten Jugendidol May, sondern auch für eine der giftigsten Parodien psychoanalytischer Literaturdeutung. Merkwürdigerweise wird es nicht von allen seinen Lesern so aufgefaßt. Es gibt erstaunlich viele Leute, die den pseudowissenschaftlichen Ernst, mit dem Schmidt da ans Werk geht, völlig ernst nehmen. Und gibt einige, die behaupten, Arno Schmidt selbst hat das auch getan - ich kann mir das, ehrlich gesagt, nicht vorstellen. Wie dem auch sei waren Schmidts analytische Popolandschaftsbeschreibungen auf Old Shatterhands und Kara Ben Nemsis Spuren Ausgangspunkt meiner zweiten Beschäftigung mit May. Wollschlägers Biographie kam nicht lang danach, und siehe da, schon kaufte ich mir einige neue Karl-May-Bände und ärgerte mich darüber, daß ich die alten verkauft hatte.

Ja, und dann wollte ich einmal ein Hörspiel schreiben, das etwas mit Amerika zu tun hatte. Das hing mit dem fragwürdigen Jubiläum der sogenannten Entdeckung Amerikas zusammen. Was mir vorschwebte, war eine Art von Parade illusorischer Amerikabilder. Die Idee, eine Anzahl von Personen, die für diese illusorischen Amerikabilder standen, auf ein Schiff zusammenzupacken und von Europa nach Amerika fahren zu lassen, war naheliegend. Auf diesem Hörspielschiff hätte man also alle möglichen und unmöglichen Stimmen gehört. Von der des Christoph Kolumbus angefangen bis über die Marx-Brothers Groucho, Chico und Harpo (der allerdings, wie die Kenner wissen, stumm ist, und sich nur durch Pfeifen und Harfenspielen äußert) hinaus. Naja, und das wäre sicher ganz lustig geworden. Auch kritisch. Ironisch. Das schon. Aber es hatte mir - je mehr ich daran herumbastelte, desto deutlicher wurde mir das - es hatte mir etwas allzu Willkürliches. Je mehr ich daran geschrieben habe, desto größer wurde das Gedränge auf diesem Kahn. Die vielen Stimmen wären natürlich auch ein finanzielles Produktionsproblem gewesen. Bis ich eines Tages die meisten Passagiere, die sich da angesammelt hatten, von Bord, also aus meinem Kopf scheuchte. Und nur zwei bzw. drei habe ich übrig gelassen, Frank Kafka, Karl May und Klara, dessen zweite, ungefähr 20 Jahre jüngere Frau.

Im Zuge meiner Recherchen war mir nämlich aufgefallen, daß die Drei ja wirklich hätten zusammen kommen können. Nicht nur überhaupt, sondern auf einem Schiff, nicht nur auf irgendeinem Schiff, sondern auf einem bestimmten. Mit dem GROSSEN KURFÜRST, ab Bremerhaven, ist May, begleitet von Klara, Anfang September 1908 zu seiner ersten, wirklichen Amerikareise aufgebrochen. Spät aber doch. Und/aber das ist just die Zeit, zu der Kafka seine erste Dienstreise antritt. Diese erste Dienstreise wird Kafka in die nordböhmischen Industriezentren führen. Da die Abteilung, in der er bei der Versicherung arbeitet, mit Unfallverhütung am Arbeitsplatz beschäftigt ist, soll er die Verhältnisse in den Betrieben aus eigener Anschauung kennenlernen. Sein erstes Ziel wäre Tetschen, Dečin, auch heute noch die letzte Station vor der deutschen Grenze. Und jetzt sind wir gleich wieder bei dem Text, von dem meine gegenwärtigen Assoziationen ausgegangen sind und zu dem sie wieder zurückkehren.

Raban ist Lement, den Lähmenden, endlich doch losgeworden. Der ruft ihm allerdings noch nach, daß er seinen Schirm schließen soll, da es längst nicht mehr regnet. Das tut Raban. Er zieht den Schirm zusammen und der Himmel schließt sich bleich verdunkelt über ihm. Wenn ich wenigstens, dachte Raban, in einen falschen Zug einsteigen würde.

Ja. Das kennen wir schon. Aber das muß gar nicht sein. Es genügt auch, wenn er, nachdem er den richtigen Zug mit Ach und Krach erreicht hat, einschläft, und das tut er tatsächlich. Vor mancher Scheibe, alle waren bis in die Höhe geschlossen, hing nahe sichtbar eine rauschende Bogenlampe und die vielen Regentropfen am Fenster waren weiß, oft bewegten sich einzelne. Raban hörte den Lärm vom Bahnsteig her, auch als er die Waggontür geschlossen hatte und sich auf das letzte freie Stückchen einer hellbraunen Holzbank setzte.

Mit fast geschlossenen Augen sah Raban noch undeutlich, wie der Herr mit der Reisemütze am Fensterriemen zog. Kühle Luft schlug herein, ein Strohhut fiel von einem Haken. Raban glaubte, er erwache, und deshalb seien seine Wangen so erfrischt. Oder man öffne die Tür und ziehe ihn ins Zimmer oder er täusche sich irgendwie, und schnell schlief er mit tiefen Atemzügen ein.

So Kafka über Raban. In einem Text, der, laut Brod, in den Jahren 1907 und 1908 entstanden ist. Zwar sind die Waggons überfüllt, doch er hat Glück und findet den letzten freien Platz. Koffer und Schirm schiebt er unter den Sitz, da er vom Laufen und von der Aufregung müde ist, kann er die Augen kaum offen halten. So Henisch über Kafka, der die Rabangeschichte ungefähr zu der Zeit ins Reine zu schreiben beginnt, als er seine erste Dienstreise antritt.

Er sieht noch die Regentropfen, die an der Fensterscheibe merkwürdigerweise gegen die Schwerkraft rinnen, hört die Gespräche der Mitreisenden wie ferne, schwerblütige Chöre. Aber das Vorbeigehen des Schaffners bekommt er nur mehr so abwesend mit, daß dem seine Abwesenheit schon gar nicht mehr auffällt. Und dann, zwischen Traum und Erwachen, merkt er, daß der Zug, draußen ist Nacht, irgendwo steht. Muß er aussteigen? Darf er wieder einsteigen? Wie ein Somnambuler geht er durch die Grenzkontrolle.

Zwei Garnituren Uniformierter wollen wissen, was er im Koffer hat. Nicht viel, sagt er, etwas Wäsche, drei Hemden, einen Zweiten Anzug und eine Stange Veroneser Salami. Die Veroneser Salami, Kafka-Experten durchschauen das sofort, stammt natürlich nicht aus den HOCHZEITSVORBEREITUNGEN AUF DEM LANDE sondern aus dem VERSCHOLLENEN, bekannter unter dem von Brod gewählten Titel AMERIKA. Aber das ist auch alles andere als Willkür, denn genau dieses Amerika ist ja der Roman, der - so meine die Germanistik vor bisher ungeahnte Probleme stellende These durch das Zusammentreffen von Kafka mit May inspiriert wird.

Davon in Kürze. Verharren wir noch einen Augenblick bei der Grenzüberschreitung. Die Wurst muß Kafka zwar anschneiden, aber dann läßt man sie ihm als Reiseproviant durchgehen. Im letzten Moment entdeckt man diverse Papiere. Etwas Politisches? Ach wo, Versicherungswesen!

Noch bevor der Kondukteur kommt, bei dem er die Karte für die deutsche Strecke nachlösen muß, wirft Kafka den Papierkram aus dem Fenster.

Und weiter? fragt Burton/May. Seine Augen glitzern.

Naja, sagt Kafka. Und ein paar Tage später war ich halt in Bremen. Zwar habe ich umsteigen müssen, um dorthin zu kommen. Aber ich habe gedacht, wenn ich schon einmal in dieser Richtung unterwegs bin ...

Durch Bremen und Bremerhaven streunt er ein bißchen. Er will gar nicht leugnen, daß gewisse zwielichtige Viertel eine besondere Anziehungskraft auf ihn ausüben. Er gerät also an den Hafen und im Hafen liegen, wie zu erwarten war, Schiffe. Eins davon läuft noch am selben Abend Richtung New York aus.

Womit ich Kafka und May auf einem Schiff hätte. Und etwas beginnen kann, das Arno Schmidt als längeres Gedankenspiel (LG) definiert hat. Ein Literaturspiel. Ein Spiel mit Möglichkeiten. May versucht Kafka, der sich das Schreiben abgewöhnen will, wie ein Pubertätslaster, übrigens auch zu einem Literaturspiel anzuregen; ich denke, diese Passage wäre ein schöner Abschluß meiner heutigen Vorlesung:

Fangen Sie an, sagte May.

Ich weiß nicht, ob ich das kann, sagte Kafka.

Aber natürlich können Sies. Lassen Sie sich einen guten Eröffnungssatz einfallen.

Als der sechzehnjährige (wie sollte er seinen Protagonisten bloß nennen? Franz? Nein: Karl - ) Karl Roßmann ...

Ein hübscher Name, fand May.

... der von seinen Eltern nach Amerika geschickt worden war ... Also nein, ich glaube nicht, sagte Kafka, daß das Sinn hat.

Wieso? fragte May. Der halbe Satz ist doch schon da!

Also gut: Als der sechzehnjährige Karl Roßmann, der von seinen armen Eltern nach Amerika geschickt worden war, weil ihn ein Dienstmädchen verführt hatte ... Nein hören Sie, sagte Kafka, das ist mir peinlich. Schreiben ist etwas, das ich sonst ganz allein und mit gutem Grund in der Abgeschiedenheit der Nacht tue.

Nehmen Sie unser Spiel nicht so ernst, sagte May.

Na schön: Als der sechzehnjährige Karl Roßmann, der von seinen armen Eltern nach Amerika geschickt worden war, weil ihn ein Dienstmädchen verführt und ein Kind von ihm bekommen hatte ...

Weiter!

Also: Als dieser Roßmann in dem schon langsam gewordenen Schiff in den Hafen von New York einfuhr ... Himmel Herrgott, ich weiß nicht, sagte Kafka, was dann war!

Nun, sagte May, vielleicht erblickte er die Freiheitsstatue.

Ahja, sagte Kafka. Womöglich. Sogar wahrscheinlich. Also: ... erblickte er die schon längst beobachtete Statue der Freiheitsgöttin wie in einem plötzlich stärker gewordenen Sonnenlicht. Ihr Arm mit dem Schwert ragte wie neuerdings empor, und um ihre Gestalt wehten die freien Lüfte.

Na sehen Sie, sagte May, das ist doch schon ganz gut. Auf eine Kleinigkeit muß ich Sie allerdings aufmerksam machen -: Die Freiheitsstatue, sooft ich sie bisher gesehen habe, hat noch nie ein Schwert in der erhobenen Hand gehalten, sondern immer eine Fackel.

So? sagte Kafka. Der Einwand schien ihn nicht besonders zu beeindrucken.

Na, egal, sagte May. Es ist ja nur ein Spiel. - Aber wie geht es weiter? Dieser Roßmann, sofern ihn die Einwanderungsbehörden durchlassen, geht drüben an Land ...

Und warum, bitteschön, sollten ihn die Einwanderungsbehörden nicht durchlassen? fragte Kafka.

Junger Mann, sagte May, haben Sie noch nie etwas von der Quarantäne auf Ellis Island gehört?

Oh, sagte Kafka.

Ja, sagte May. Zum Beispiel bei Verdacht auf Tuberkulose ...

Vielleicht, sagte Kafka rasch, müßte Karl nicht dorthin.

Verstehe, sagte May. Sie meinen, wir sollten ihm das ersparen. - Aber da müßte er schon eine gewaltige Protektion haben.

Kafka zuckte die Achseln. Lassen wir's.

Aber warum? fragte May. Vielleicht hat er die.

Was?

Die Protektion. Denken Sie nach! Hat er dort drüben vielleicht Verwandte?

Nicht, daß ich wüßte.

Vielleicht hat er den legendären Onkel in Amerika!

Als Sohn armer Eltern?

Immerhin können sich diese armen Eltern ein Dienstmädchen leisten.

Kafka schwieg. Er bereute den obsessiven Einfall mit dem Dienstmädchen.

Dieser reiche Onkel müßte allerdings auch ein einflußreiches Amt haben. Sagen wir Konsul, sagte May. Oder noch besser Senator.

Meinetwegen, sagte Kafka. Die Geschichte gefiel ihm nicht besonders. Sie ließ sich an wie ein Kolportageroman.

Also der Neffe, sagte May, hätte ganz vergessen, daß er diesen Onkel hat. Doch als das Schiff im Hafen von New York vor Anker geht, ließe sich sein reicher Onkel, nennen wir ihn Jakob, in seinem Privatboot heran rudern.

Kitsch, dachte Kafka. Er sah den Onkel in seinem weißen Anzug. Am Bug des Bootes stehend, stützte er sich auf einen aus Bambus gefertigten Spazierstock. Zwar war er die Rettung des jungen Roßmann, aber er war ihm nicht wirklich sympathisch. Später (bei der Rückfahrt zum Land) würde er die rechte Hand unter Karls Kinn legen, nunmehr auf einer gepolsterten Bank im Boot sitzend, ihn überflüssig fest an sich pressen und mit einer etwas zudringlichen Linken streicheln.

All die Jahre hatte es dieser Onkel, der sich von seinen amerikanischen Freunden wahrscheinlich Jack nennen ließ, nicht der Mühe wert gefunden, wenigstens einen Brief an seine armen europäischen Verwandten zu schreiben. Aber jetzt wollte er auftauchen und sich als der Deus ex machina aufspielen. Und der kleine schäbige Neffe sollte wahrscheinlich beeindruckt sein über sein zugleich hochnäsiges wie leutseliges Auftreten. Nein und nochmals nein! Karl Roßmann würde nicht stehen bleiben und warten, bis dieser gnädige Herr Onkel, der übrigens gar nicht wissen konnte, daß und wann er in Amerika ankam, an der Längsseite des Schiffes anlegte.

Nun, sagte May, wie geht die Geschichte weiter? Lassen wir das Fallreep hinunter, lassen wir den Onkel an Bord steigen und seinen Neffen in die Arme schließen?

Nein, sagte Kafka. Der Neffe ist gar nicht mehr an Deck.

Wie das? fragte May.

Weil ..., sagte Kafka. Ach was, vielleicht hat er etwas unter Deck vergessen.

May lachte. Was könnte er unten vergessen haben?

Was weiß ich? sagte Kafka. Meinetwegen seinen Regenschirm!

Ah ja, sagte May, seinen Schirm wird er nicht einfach auf dem Schiff zurücklassen. Schließlich kann man nicht wissen, wie das Wetter in der neuen Welt sein wird.

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Dritte Vorlesung

KOMMT EH DER KOMET. Was Jim Morrison mit Johann Nestroy zu tun hat und andere Kreuz- & Querverbindungen
Wenn der Ultimo da is,
drahns uns sowieso die Gas o.
Wenn der Ultimo da is,
drahns uns sowieso die Gas o. Scheiß an, Karl
kummt eh der Komet.


Diesen Text habe ich Anfang der 70er Jahre geschrieben, und zwar als Couplettext für ein Stück, das LUMPAZIMORIBUNDUS hieß. Würde man den Titel nicht kennen, so würde man wahrscheinlich trotzdem Nestroy assoziieren, und zwar des Kometen wegen. In diesem Stück gibt es drei Nachfahren der Herren Leim, Knieriem und Zwirn, die heißen Scheck, Glasl und Kuli. Sie kommen auf ähnliche Weise zu Geld wie ihre Vorfahren.

Und doch etwas anders. Bei Nestroy gibt es, vielleicht erinnern Sie sich daran, noch das Feenreich. Mit einem reichen Personal von Zauberern und Magiern. Vor allem mit den Feen Amorosa und Fortuna. Das waren noch Zeiten! Mehrere Nymphen mit Füllhörnern treten auf. Nicht nur um Schauspieler einzusparen habe ich auf diese Rollen verzichtet.

Den Hausierer, der den drei Vagabunden das Glückslos verkauft, habe ich allerdings beibehalten. Die Szene spielt nicht in der Herberge (wo sollte die sein?), sondern in einer Bahnhofshalle. Während der Nacht macht die Polizei ihre routinemäßige Razzia, vielleicht geht es dabei etwas unsanft zu. Ein paar Verhaftungen werden vorgenommen, aber Scheck, Glasl und Kuli bleiben wie durch ein Wunder verschont, sonst ginge das Stück nicht weiter. In Nestroys Stück kommt das Glück während der Nacht oder genauer, während der Nacht bereitet es sich vor, wie es sich gehört im Traum. Dagegen war auch nichts einzuwenden: Also, die Polizei hat ihre Amtshandlung abgeschlossen, und die drei auf wundersame Weise vom behördlichen Zugriff verschonten Kumpane sind wieder eingeschlafen. Und dann träumen sie, und als sie aufwachen, früh, denn es ist kalt auf dem Bahnhof und zugig, fragt der Scheck den Kuli, ob er etwas zum Schreiben hat. Und dann notiert er die Nummer auf einer Zeitung, auf der er geschlafen hat, es ist eine alte Zeitung, aber es steht immer das nämliche drin, Apokalyptisches, daß man schon gar nicht mehr wahrnimmt, wie sich Volk gegen Volk erhebt, wie es Erdbeben und Hungersnöte gibt allenthalben, also notiert Scheck die Glückszahl neben den Katastrophenmeldungen, und da merken Kuli und Glasl, daß es die Nummer ist, die sie auch geträumt haben.

So ein Zufall. Also das kann eigentlich gar kein Zufall sein. Zufällig kommt dann, wie schon angedeutet, auch der Hausierer vorbei, den schon Nestroy strapaziert. Einer mit einem Stoppelbart und einem Bauchladen, vielleicht sogar einem Handwagen, Lumpazi, der böse Geist, in einer geschickten Verkleidung. Kaufen die Herren Gürtel, Brieftaschen, Pfeifen, Zigarren, Lotterielose hab ich auch, die Ziehung ist noch diesen Vormittag - naja, und so nimmt das Unglück seinen Lauf.

Das Unglück, ja, nicht das Glück, denn über dem Menschen hängt, erinnern wir uns an Ödipus, ein Fatum, besonders, wenn dieser Mensch ein armer Hund ist, dann hängt das Fatum noch tiefer als sonst, selten, daß sich ein Gewitter aus so tiefhängenden schwarzen Wolken nicht entlädt. Nestroys Knieriem weiß das, mein Glasl weiß das, Leute ihres Schlags machen sich keine lllusionen. Ich hab keine Leidenschaft als die Astronomie, drum g'wöjn ich mir's Biersaufen ab und verleg mich von heut an bloß auf'n Wein. Aufs Jahr geht so die Welt z'grund, da zieh ich halt heuer noch von einem Weinkeller in den andern herum und führ so ein zufriedenes häusliches Leben.

Soweit Knieriem. Scheiß an, Karl, pflichtet ihm sein Nachkomme Glasl bei. Was so viel heißt wie: Was solls, Inschallah, da kann man nix machen, das Wienerische älterer und neuerer Provenienz ist voll von fatalistischen Wendungen. Scheiß an. Nicht zu verwechseln mit scheiß mi an. Das würde ungefähr soetwas wie Jesus Maria heißen. Kommt eh der Komet. Und ein Komet oder soetwas ähnliches ist fast immer im Kommen.

Ironie, ich weiß nicht, ob ich das im Verlauf dieser Vorlesungen schon gesagt habe, ist bestimmt auch soetwas wie eine Haltung gegenüber dem Schicksal. Nun gibt es natürlich Menschen, die nicht an ein Schicksal glauben, glauben wollen, weil sie sich trotz allem als Aufklärer verstehen, nicht als naive, sondern als skeptische, aber doch, bitteschön, nicht als Irrationalisten, ich zähle mich zu diesen Menschen. Und Ironie, erinnern wir uns an Sokrates, ist doch, in ihrer nobelsten AusSormun soetwas wie eine Erkenntnismethode. Na also. Na eben. Da kann ich doch nicht einfach den Kometen kommen lassen und damit hat sichs.

Bei allem Bluesfeeling. Denn natürlich verlangt dieser Text direkt nach einer, wie man im hiesigen Musikerjargon so schön sagt, bluesmäßigen Interpretation. Und das Feeling des Wienerischen hat sich in den hundert Jahren seit Nestroy ganz einfach vom Couplet, vom Wienerlied, vom Gstanzl Richtung Blues verlagert. Schön, und der Blues hat ja bekanntlich einen B-Teil, der folgt auf den A-Teil, bevor dieser A-Teil, sozusagen als A-Strich, in den weniger stur interpretierten Beispielen raffiniert variiert wiederholt wird. Und im Lauf der Jahre, im Zuge mein Auftretens mit diversen Musikgruppen, hat sich für den Song, der sich inzwischen ziemlich von Glasl gelöst hat, folgender B-Teil ergeben:

Bevor i versink
in dem großen schwoazn Wasser,
mecht i no amoi
des Liad von an Glühwürmchen hean.
Wenn i dann des Liad von dem Glühwürmchen gheat hab,
is ma alles egal,
is ma alles egal,
is ma alles egal.

Nun, vielleicht kommt dieser Text manchen von Ihn irgendwie bekannt vor.

Before I sink
into the big sleep,
          heißt es bei Jim Morrison in WHEN THE MUSIK'S OVER,
I wanna hear
the scream of the butterfly.

Ausgerechnet Jim Morrison. Das ist ja auch so einer, der an seinem Schicksal zugrund gegangen ist, oder? Nun, wir wollen das vorläufig dahingestellt lassen und wieder einmal abschweifen. Eine Assoziation jagt die andere.

The scream of the butterfly. Der Schrei eines Schmetterlings. - Wie war das doch? Ah ja, Hoffmann, in seinem Tagebuch, hat seine Julia mit einer Schmetterlingshieroglyphe gekennzeichnet. Der Schrei, vielleicht auch der Ruf eines Schmetterlings, bestimmt liegt er jenseits der für den Menschen normalen Hörfrequenz. Aber just den will Morrison hören, das schaut ihm ähnlich.

THE DOORS, ABSOLUTELY LIFE, Seite 3 des Doppelalbums. Die oszillierenden Stiche von Ray Manzareks Orgelnähmaschine, die Doubletimebreaks von John Densmores Schlagzeug, die den musikalischen Faden zwar spannen, aber nicht abreißen, Robby Kriegers obstinates Ziehen an den musikalischen Motiven. WHEN THE MUSIC 'S OVER: Ein Monster von einem Song: 14 Minuten und 55 Sekunden. Seit ihren Anfängen im Whiskey A-Go-Go in Los Angeles haben die DOORS diesen ihren Klassiker immer wieder variiert und zelebriert.

Ray Manzarek sticht und John Densmore spannt und Bob Krieger zieht. Aber irgendwann, an einem noch weiten, gar nicht mehr so fernen Abend zu Miami, New York oder Paris (wo, das ist Interpretationssache) wird der Dehnungskoeffizient erreicht und im nächsten Moment überschritten sein. Was dann? I hear a very gentle sound with your ear down on the ground, ja eben: Und schon wird die Saite reißen, mit einem, wie manche glauben, genau auf Effekt kalkulierten, wie andere meinen, keinesfalls beabsichtigten, aber routiniert bis genial in den Abgang integrierten, metallischen Mißton.

The combination was right, the way, John, Robby and I, with our Kind of placid meditation, balanced off Jims Dionysian tendenzies. (So Manzarek, Organist und eigentlicher Bandleader der DOORS in einem der vielen nach Morrisons Abgang ihm abverlangten Interviews.) It was a natural, sagt er, it could not miss. Manzarek, Densmore & Krieger, suggestiv immer wieder zu ihrem/unserem Grundrhythmus zurückkehrend, jenem Herzschlagzeitmaß, das dem singer soul, dem Sänger Morrison Seele gibt, die er sich konsequent aus dem Leib schreit.

The scream of the butterfly. Vielleicht tuts auch der Gesang der goldenen Schlänglein. Oh, nur noch einmal blinket und leuchtet, oh nur noch einmal laßt eure Glockenstimmchen hören, fleht der Student Anselmus. Wer das einmal gehört hat, vergißt es nicht mehr, so beeindruckt ist der Student Anselmus davon, daß er die menschliche Stimme der Mamsell Veronika gar nicht zu würdigen weiß. Die hat eine Stimme wie eine Glocke, findet der Registrator Herbrandt, das nun gerade nicht, rutscht es dem von Serpentina bezauberten Anselmus heraus, er ist mit dem Kopf und mit dem Herz noch oder bereits ganz woanders.

Wir sehen schon, nicht nur mit Nestroy und seinem Knieriem hat Morrison etwas zu tun, sondern auch mit Hoffmann und seinem Anselmus. Es muß dem Herrn Anselmus, sagt die Mamsell Veronika, aber etwas ganz besonderes begegnet sein. Kreuz- und Querverbindungen habe ich für heute versprochen, was man, noch dazu schriftlich, versprochen hat, soll man auch halten. Ironie ist das Nebeneinander oder das Vis à Vis des scheinbar Unvereinbaren, Ironie besteht in einer ästhetisch produktiven Haltung gegen den Tod, Ironie ist die Form des Paradoxen.

Morrison also. Dem am Strand von Venice, in Los Angeles, vielleicht etwas ähnliches passiert ist wie dem Studenten Anselmus am Ufer der Elbe in Dresden. In that year, hat er notiert, es war das Jahr 1963, I left school and went down to the beach to live. I slept on a roof. At night the moon became a womans face. And thus (hier folgt die entscheidende Information:) I met the spirit of music.

Jim Morrison, 1943 bis 1971, ein typisch romantischer Dichter. Auch in seinem Versuch, sich selbst zum Kunstwerk zu machen, erst recht im Scheitern dieses Versuchs. Der romantische Dichter, verlangt Schlegel, soll durch und durch Poesie sein. Jim Morrison, dessen Geist ich in einem romantischen, also seinem Wesen nach ironischen Roman beschworen habe.

Die Rockbiographen beschreiben, wie Morrison seinem Kumpel Ray Manzarek, den er von der Filmhochschule her kannte, über den Weg lief. Etwa so:

What the hell were you doing? fragte Manazrek.

Antwortete Morrison: Just writing.

Du schreibst? Was hast du geschrieben?

Nur ein paar Songs.

Gegen das Lesen und Schreiben von Noten hatte er schon in den paar Klavierstunden, die er ertragen hatte, eine zumindest passive Resistenz entwickelt, also brauchte er, als Erinnerungsstützen, die Wörter.

I sayd (so Manzarek) Aha! Why dont you sing one or something?

I dont know, sagte Jim. I'm no singer. It's just to give an impression.

Und Jim setzte sich in den Sand. Und Jim schloß die Augen. Und Jim sang mit dünner Stimme.

Manzarek, zuhörend, lesen wir, kniete vor ihm.

Und Morrison sang, die Fans wissen das, die Nummer MOONLIGHT DRIVE.

Und muß wohl, einer gewissen Hemmung zum Trotz, noch einiges mehr gesungen haben.

Manzareks darauf folgende Expertise bezieht sich nämlich auf eine Mehrzahl:

Those are the greatest fuckin' song-lyrics I ever heard.

Langsame Nummer, mit violetten Tönen am Anfang, glitzernd, metallisch, aber quecksilbern, was allerdings erst durch Manzareks Arrangements und nicht zuletzt durch Kriegers Slide-Gitarrespiel realisiert wird. Vorläufig existierte sie, wie ein Großteil der nachmaligen Doors-Nummern überhaupt, nur in Morrisons Hirn. Ich hörte, so schreibt er, damals ein ungeheures Rock-Konzert in meinem Kopf (wahrscheinlich nicht unbeeinflußt von allerlei Drogen, die er ausprobierte; aber Thomas Carlyle, dies nur nebenbei, hält Hoffmanns Visionen, die er übersetzt hat, auch für die eines Opiumessers). Ich brauchte nichts anderes zu tun, als mitzunotieren.

Es muß aber dem verkrachten Studenten Jim Morrison am Strand von Venice noch etwas ganz Besonderes begegnet sein:

Eine bemerkenswerte Erscheinung: Ein Indianer (auf Rollschuhen) fuhr auf ihn zu und sprach:

Wie wird man Schamane? Das Berufungserlebnis, das spontan, nach längerer Krankheit, in Träumen und in der Folge von Krisen auftritt, ist ungewollt und wird häufig nur widerwillig akzeptiert.

Ekstatisches Tanzen, Fasten, Selbstkasteiung auf der einen Seite, bewußtseinsverändernde Drogen auf der anderen sind zwar Mittel zum großen Zweck, doch kann niemand durch Anwendung dieser Mittel allein das Ziel erreichen .

Innere Vorbereitung und Auserwähltheit gehören dazu.

Wenn du träumst, so hast du noch keine Vision, jedes Supermarktmädchen kann träumen.

Wenn du ein Kraut nimmst, was solls, auch der Mann, der dir Hamburger verkauft, hat eine Vision, wenn er ein Kraut nimmt.

Die wahre Vision kommt aus den eigenen Säften.

Ja, sagte Aldous Huxley, der, natürlich auch auf Rollschuhen, gerade vorbeikam, in Wirklichkeit hat sich diese Tatsache schon mehrere Jahrzehnte lang aufgedrängt. Aber wie es sich traf, hatte niemand sie bemerkt, bis einem jungen englischen Psychiater, der gegenwärtig in Kanada arbeitet, die große Ähnlichkeit in der chemischen Zusammensetzung von Meskalin und Adrenalin auffiel. Im Verlauf weiterer Forschungen erwies sich, daß Lysergsäure, ein äußerst starker, aus Mutterkorn gewonnener Erreger von Halluzinationen, eine strukturelle, biochemische Verwandtschaft mit den beiden Substanzen besitzt. Dann folgte die Entdeckung, daß Adrenochom, ein Zerfallsprodukt des Adrenalins, viele der beim Meskalinrausch beobachteten Symptome hervorrufen kann.

Adrenochom aber bildet sich im menschlichen Körper wahrscheinlich von selber. Mit anderen Worten, jeder von uns ist vielleicht fähig, in sich eine chemische Substanz zu erzeugen, von der, wie man nun weiß, winzige Mengen tiefgreifende Veränderungen des Bewußtseins bewirken.

Einige dieser Veränderungen gleichen den bei der Schizophrenie auftretenden. Stimmt, sagte Lame Deer, die wahre Vision trifft dich so scharf und klar wie ein Elektroschock.

Danach hörte Jim auf, Olivias Soul-Kitchen zu besuchen und hatte Entzugserscheinungen.

Hingegen begann er (denn das hatte er bisher verabsäumt) auf seinem Dachboden zu tanzen.

Ohne Musik von außen. Die brauchte er nicht.

Da ihm das Hunger verursachte, aß er: ein Huhn (von Kentucky Fried Chicken) aß er mit solchem Appetit, daß er beinah die Verpackung und die Knochen mitgefressen hätte.

So blieb nichts übrig für Blake und Nietzsche, die zu Besuch waren.

(Eine bemerkenswerte Erscheinung.) Macht nichts, sagte Nietzsche und hielt sich am Wein schadlos.

Das ist mir lieber als alles andere, so schlicht und einfach: das narkotische Getränk, von dem alle ursprünglichen Menschen und Denker in Hymnen sprechen.

Ja, sagte Blake, jetzt fehlt uns nur noch weibliche Gesellschafft: die Straße der Ausschweifung führt zum Palast der Weisheit.

Sie lachten sehr viel und schlugen sich gegenseitig auf die Schultern.

Dann liefen sie hinaus an den Strand, es war Mitternacht, und der Mond sah aus wie in einem Walt-Disney-Film. Sie liefen aufs Wasser zu und warfen dabei ihre T-Shirts und Jeans hinter sich.
Dann trafen sie einige nackte Mädchen, aber da verabschiedete sich Nietzsche, und Blake, der den Mund zuerst so voll genommen hatte, kam auch irgendwie abhanden.



Und dann ging Jim eines Abends am Strand entlang, da kam ihm ein Typ entgegen, der gegen die anbrandenden Wellen hüpfte.

Der sah ganz normal aus, bis auf die Pferdeohren und den prächtigen Schweif, der hinten an ihm dranhing.

Hey, bist du Morrison (with a satyric smile).

Ich soll dir folgendes vom Chef ausrichten: Siehe, du bist mein geliebter Sohn, an dem ich mein Wohlgefallen habe.



Nietzsche, Blake. Auch zwei große Ironiker, jeder auf seine Art. Sagen Sie nicht, das ist abwegig. In einem in der Zeitschrift MERKUR vom August '93 veröffentlichten Aufsatz über Ironie kommt Karl Heinz Bohrer in Zusammenhang mit Friedrich Schlegel immer wieder auf Hamann zu sprechen. Hier wie dort, schreibt er, geht das subjektivistisch selbstbezügliche und eben hierin ironische Selbstbewußtsein ein enges Verhältnis zur prophetischen Rede ein. Behalten Sie das im Kopf. Ich werde natürlich auch darauf noch zurückkommen.

Vorerst aber, damit wir nicht völlig den Faden verlieren, erinnern wir uns an den Song, mit dem ich die heutige Vorlesung begonnen habe. Scheiß an, Karl, kommt eh der Komet, heißt es in der A-Strophe, ja, aber wie war das mit der B-Strophe? Bevor i versink in dem großen schwoazn Wasser, heißt es dort, trotz oder gerade wegen Morrisons großem Schlaf, in den er ja, anderslautenden Gerüchten zum Trotz, mit höchster Wahrscheinlichkeit in einer Pariser Badewanne gesunken ist, mecht i no amoi des Liad von an Glühwürmchen hean. Ah da schau her! Aus dem Schrei eines Schmetterlings ist unversehens das Lied eines Glühwürmchens geworden.

Nun ist so ein Glühwürmchen ja ein spannendes Tier. Nämlich: Es leuchtet bei geschlechtlicher Erregung oder, dezenter ausgedrückt, auf Partnersuche. Phosphoreszierend. Wir erinnern uns nebenbei an den Jüngling Phosphorus. So ein Glühwürmchen, wnn man es recht betrachtet, ist jedenfalls ein Lichtträger.

Und was fällt uns dazu ein? Luzifer war doch ursprünglich eine positive Figur. Ein Verwandter des Prometheus, diese Beziehung wird ja spätestens im Sturm und Drang hergestellt. Und in der Aufklärung, auch in der späten, schon weniger naiven, also etwa, so kommen alle Assoziationen zusammen, bei Hamann, ist doch immer wieder vom Licht die Rede. Das läßt sich nicht ganz verdunkeln. Auch wenns manchmal finster ausschaut.

Also Glühwürmchen. Also das Lied eines Glühwürmchens. Hier wird das Licht zum Klang. Und mit solchen Ideen kann man sich sogar auf Goethe berufen. Die Sonne tönt, Sie erinnern sich, nach alter Weise, naja, vielleicht erinnern Sie sich nicht. Aber wenn schon nicht daran, dann vielleicht wenigstens an die Idee vom erfüllten Augenblick, der kommt im LUMPAZIMORIBUNDUS, nebenbei erwähnt, als Faustischer Fick vor.

Derjenige nämlich, zu dem man sagt: Verweile doch, du bist so schön. Eine großartige Vorstellung. Deren poetische Artikulation mir ehemals den Vorwurf der Pornographie eingebracht hat. Anstoß erregt hat auch Kulis Klage, daß man leider nicht mit einem Schwanz auf allen Seiten zugleich sein könne. Der damalige Boß der Österreichischen Volkspartei, neben dem ich bei einer die jugendverderbende Tendenz der neueren österreichischen Literatur betreffenden Diskussion sitzen durfte, hat mir ausdrücklich gesagt, daß er meinen LUMPAZIMORIBUNDUS seiner 12-jährigen Tochter nicht zu lesen geben würde.

Nun, diese Tochter muß inzwischen auch schon beinah 30 sein. Aber ich bin noch immer ein gerichtlich bestätigter Pornograph. Verderber der Jugend. Das verbindet mich immerhin mit Sokrates. Und mit Morrison. Dem ja bekanntlich Exhibitionismus auf offener Bühne vorgeworfen wurde.

Aber ich schweife ab. Von Kuli war die Rede. Jenem Nachfahren des Nestroyschen Zwirn, dessen Name, genaugenommen, natürlich auch schon was Phallisches andeutet. Ich werde von nun an, sagt er, als es darum geht, was er, nach dem Lotteriegewinn, mit seinem Glück anfangen wird, ich werde von nun an mehr Don Juan als Schneider sein. Mein Kuli hat noch eine zusätzliche, ebenfalls in seinem Namen angedeutete Leidenschaft: er muß alles aufschreiben.

So hat halt jeder seine aparte Passion. Die Schecks, der natürlich auch nicht von ungefähr so heißt, denn er ist ein ausgestiegener Bankbeamter, also die Passion Schecks heißt Peppi. Deren gleichnamige Urahnin hat, das werden Sie noch wissen, schon sein Urahn Leim geliebt. Ich reis nach Wien, sagt er, morgen in aller Früh; find ich meine Peppi noch ledig, so bin ich der glücklichste Mensch auf der Welt, ist sie verheiratet, dann nützt mir mein ganzer Reichtum nichts - da geh ich dann nach Haus, bau ein Spital für unglückliche Tischlergesellen, und da leg ich mich zuerst selbst hinein und stirb auch drin.

Wie Sie sich auch erinnern werden, beschließen die Drei bei Nestroy, sich wieder zu treffen. Heut übers Jahr, am heutigen Tag, am Gedächtnistag unseres Glücks kommen wir alle drei in Wien zusammen ... Bei mir treffen sie sich nicht beim Tischlermeister Hobelmann, sondern auf dem Flohmarkt. In dieser Szene geht also Scheck auf und ab zwischen Flohmarktständen.

Scheck, der sich binnen Jahresfrist so verändert hat, daß er sich manchmal kaum selbst wiedererkennt im Spiegel. Auf und ab geht er und überlegt, eine Zigarette an der anderen anzündend - nein, kein Haschisch, bewahre, sondern staatlich monopolisiertes Nikotin, gepflegt gefiltert - was er ihnen, wenn sie auftauchen, sagen soll, dem Kuli und dem Glasl. Wie er ihnen erklären soll, daß es mit ihm so weit gekommen ist, daß er von seiner Peppi geliebt werden oder scheitern hat wollen, aber geschehen ist ihm beides. Denn das Leben, das er nicht leben wollte, lebt er, doch er lebt es mit ihr, und das Leben, das er leben wollte, hätte er nur ohne sie leben können, aber daran wäre er vielleicht gestorben.

Just so, nichtwahr, hätte es dem Studenten Anselmus auch ergehen können, hätte er sich mit dem Fräulein Veronika zusammengetan. Wäre er infolge höherer Interessen nicht in andere Sphären entrückt worden. Ach, glücklicher Anselmus, der du die Bürde des alltäglichen Lebens abgeworfen, der du in der Liebe zu der holden Serpentina die Schwingen rüstig rührest und nun lebst in Wonne und Freude auf deinem Rittergut in Atlantis! Scheck hat nicht so viel Glück gehabt. Trotz seines Haupttreffers.

Ja, Freunde, könnte er ihnen sagen, einen Haufen Geld hab ich gewonnen, aber mich selber verloren. Statt vorwärts nach dem Land der aufgehenden Sonne bin ich zurück zu meiner Peppi, da ist meine Sonne tiefer und tiefer gesunken hinter dem häuslichen Herd. Dreihundertdreiunddreißigtausend Schilling und dreiunddreißig Groschen, was glaubts ihr, wie schnell eine geborene Bankangestellte wie meine Peppi das umsetzt und anlegt? Jetzt haben wir zu guter oder schlechter Letzt ein eigenes Dach überm Kopf, ein trautes Heim darunter und jede Menge Kredite am Hals.

Sicher, ein Kind haben sie auch, das haben sie offenbar gleich in der ersten Nacht nach dem Wiedersehen gezeugt. Es ist gerade drei Monate alt, das geht sich genau aus, wäre es etwas früher gekommen, so wäre es von Schecks Nebenbuhler Saldo. Scheck hat es lieb und ist gern dabei, wenn Peppi es an die Brust nimmt. Wie schön wäre es, später, in ein zwei drei Jahren, feierabends am Kamin zu sitzen, Peppis Hand zu halten und zuzusehen, wie das Kind wohlbehütet spielt und wächst.

Aber sie haben keinen Kamin, sondern eine Zentralheizung, und nicht nur das stellt die süße Utopie einer wenn auch kleinen so doch heilen familiären Welt in Frage. Sitzen sie vor dem Fernseher und knabbern Soletti, während das Kind im Nebenzimmer schläft, so fühlen sie das selbst. Sie haben sich eingesperrt miteinander: kaum haben sie sich umarmt, haben sie sich schon umklammert. Das verbraucht die Kraft, die sie, abgesehen von ihrer Arbeitskraft, noch haben, deshalb wird dieser Zustand so gut und gern von Kirche und Staat besiegelt, denn wer weiß, was die Leute sonst anfingen mit ihren überschüssigen Kräften.

So sitzen sie also vor dem Fernseher, knabbern Soletti und fressen auch sonst vieles in sich hinein. Schatzi, liebst du mich? fragt Peppi etwa. Auf so eine Frage gibt Scheck lieber gar keine Antwort. Schatzi, liebst du mich wirklich? Er schweigt konsequent. Schatzi, liebst du mich so wie am ersten Tag?

Ein Glück, wenn in solchen Augenblicken das Kind schreit. So braucht er nicht zu äußern, was zu hören ihr unerträglich wäre, obwohl es seine Liebe, auf die sie einen gesetzlich geschützten Anspruch hat, nicht leugnet, sondern nur relativiert. Aber wenn er dem Baby ein Schlaflied singt, wobei ihm manchmal zum Heulen zumut ist, wird er ehrlich. Immer wenn i ham kumm, singt er, triff i mi net daham an.

Von der ambivalenten, relativierenden, den Schmerz des Einzelnen und das Unrecht des Ganzen ausdrückenden Rede der Ironie, die mit dem deutschen Idealismus ganz aus unserer Literatur verschwunden ist, schreibt Bohrer.

Na, vielleicht ist es nicht ganz so schlimm. Mir würden, außer Büchner, Heine und Nietzsche, die er als Ausnahmen nennt, schon noch einige einfallen.

Nestroy sowieso. Musil natürlich auch. Karl Kraus, Joseph Roth, Ödön von Horvath, Heimito von Doderer, Konrad Bayer zum Beispiel.

Wenn ich mir Mühe gebe, finde ich sogar noch einige unter uns lebende Autoren.

Albert Drach habe ich schon genannt und tue es gern wieder.

Damit ich keinen vergesse, will ich die im Vergleich zu diesem Nestor unserer Literatur Jüngeren lieber nicht aufzählen.

Damit nicht der Eindruck entsteht, ich halte Ironie für etwas spezifisch österreichisches, erinnere ich (ebenso unsystematisch wie unvollständig) an Günter Grass, Stefan Heym, Edgar Hilsenrath, Jurek Becker, Urs Widmer, Jürg Laederach.

Ironie stellt sich auf sehr verschiedene Weise dar, aber sie ist keineswegs ausgestorben.



Zurück zu dem Lied, das Scheck seinem schlafenden Kind singt:
Immer, wenn i ham kumm, singt er, triff i mi net daham an.
Immer, wenn i zsaus bin, singt er, bin i net bei mir zsaus.
Aber die Haut, aus der man fahrn kann, muaß erst erfunden werdn.
Immer wenn i zu ihr geh, singt er, bin i net bei mir.
Und immer wenn i bei mir bin, singt er, bin i net bei ihr.
< Aber die Haut, aus der man fahrn kann, muaß erst erfunden werdn.
Und immer wenn die Sonn scheint

           (Sie merken schon, jetzt kommen wir in höhrere Sphären, und das besondere Leiden des Herrn Scheck entpuppt sich als ein doch irgendwie allgemeines)

fallt mir der Regen ein,
und immer wenn der Frühling kommt,
ist scho Herbst für mi,
aber die Haut,
aus der ma fahrn kann ...

naja, aber das wissen Sie jetzt bereits.



Hätte das Morrison auch singen können? Ich meine: wenn ich es für ihn übersetzt hätte? Aber gewiß doch. In der Badewanne versinkend. Den LUMPAZIMORIBUNDUS, zu dem es bisher zwei Anläufe gibt, möchte ich übrigens noch einmal schreiben. Wie das so meine Art ist. Mit der KLEINEN FIGUR und dem BARONKARL habe ich das schon gemacht, aber ich schriebe am liebsten alle dreimal.

Also vielleicht bau ich den Morrison in die endgültige Fassung des Lumpazimoribundus ein. Als Projektionsfigur. Zum donjuanistischen Kuli würde er gut passen. (Machs nochmal, Sam.) Zum saufenden, fatalistischen Glasl übrigens auch. Und was die Beziehung zu Scheck betrifft - also in gewisser Hinsicht (das ist eine Anmerkung für Leute, die sich mit Morrisons Biographie ein bißchen auskennen) in gewisser Hinsicht war Pamela durchaus sowas wie seine Peppi.

Aber er könnte natürlich auch ein ganz anderes Lied singen. Eins aus meinem Roman DER MAI IST VORBEI zum Beispiel, der auch vergriffen ist und auf den ich auch noch zurückkommen möchte. Das Schreiben, wenn man es so betreibt, ist eine rechte Sisyphosarbeit. Doch, sagt Camus, und das ist, finde ich, ein Satz, den ich beim Reden über Ironie auf keinen Fall auslassen sollte: Wir müssen uns Sisyphos als einen glücklichen Menschen vorstellen.

Das Lied, das Morrison auch singen könnte, stammt also aus dem Roman Der Mai ist vorbei, dessen Titel damals, als er erschienen ist, das war genau 10 Jahre nach '68, von vielen als resignativ mißverstanden wurde. Als die 68er-Bewegung, mit der Morrison, das können Sie in MORRISONS VERSTECK nachlesen, für mich auch einiges zu tun hat, diese große Jugendbewegung der mittleren und späten sechziger Jahre, hat, jedenfalls in unseren engen Breiten, leider nicht sehr viel Sinn für Ironie gehabt. Oder jedenfalls nicht für Selbstironie. Überhaupt die älter gewordene 68er-Bewegung, und die hat leider schon im Jahr 1978 recht alt ausgeschaut. Lassen wir das. Das Lied aus Der Mai ist vorbei also. In diesem Roman stand es ursprünglich als eins der die vier Teile, sie heißen dort vier Tage, gleichzeitig trennenden und verbindenden Gedichte. Aber zumindest der Anfang hat sich als singbar erwiesen. Oh wie schön / schizophren / ich doch bin - also das haben meine musikalischen Freunde Woody Schabata, Hans Zinkl und ich mehr als 20 Jahre später doch glatt in ein Programm mit dem schönen Titel Das Morrison-Versteck-Spiel aufgenommen.



Oh wie schön
schizophren
ich doch bin

Schizophrenie
ist eine Krankheit der Peripherie
weder draußen noch drin

Weder kalt noch heiß
Ja, ich weiß
die
werden ausgespien

Weder heiß noch kalt
oder sowohl
als auch

Einmal Kopf
einmal Bauch
einmal Hirn
einmal Schwanz
nie
ganz

Schizophrenie
ist eine Mangelkrankheit der Zeit
Mangel
an Identität

Aber wie kann ich mit mir
identisch sein
angesichts einer Wirklichkeit
angesichts der
einem alles vergeht?

Kein Stein
wird auf dem anderen bleiben.
Was bleibt mir, als schreiben?

Der Himmel war grün
das Gras war blau
sie war mein Mann
ich war ihre Frau

trau
schau
ja wem
sei schlau
kein
Stein
Brot
& Wein
Kaugummi
& Coca Cola



Ironie, lese ich bei Bohrer, ist ja nicht die konventionelle Variante einer Unterwerfungsstrategie, nämlich von der Höhe eines besseren Arguments auf den Gegner herabzureden, sondern entspricht der Reflexion eines Begehrens nach einem Nichtanwesenden. Dieses Nichtanwesende Identität zu nennen, und den Grund der Nichtidentität auch, wenn auch nicht nur, in jenen Verhältnissen zu sehen, die ich in der ersten Vorlesung angesprochen habe - jenen, Sie erinnern sich, die es seit Beginn der Romantik unmöglich machen, einen Bildungsroman, einen Anpassungsroman zu schreiben - halte ich für naheliegend. Also: Wie kann man unter diesen Umständen mit sich identisch sein? Anderseits: Ironie, habe ich gestern oder vorgestern gesagt, ist ein Überlebensmittel. Ich habe nicht gesagt, sie ist ein sozusagen schmerzstillendes Mittel zum besseren Aushalten der Resignation.

Zurück an den Anfang. Zum Blues, WENN DER ULTIMO DA IST.

Wie war das? - Bevor i versink
in dem großen schwoazn Wasser
mecht i no amoi
des Liad von an Glühwürmchen hörn.
Wenn i dann
des Liad
von dem Glühwürmchen gheat hab
- hören Sie, dann
nicht eher,
ist mir alles egal.

aus: manuskripte. Zeitschrift für Literatur.
35. Jahrgang, 128. Heft der Gesamtfolge, Juni 1995, S.62 - 85.



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